Sure 111

Die Palmfasern

Al-Masad

Verse: 5 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch (ca. 613–615)

Worum geht's?

Eine der wenigen Suren, in denen eine konkrete Person des 7. Jahrhunderts namentlich verflucht wird – Mohammeds Onkel Abū Lahab und seine Frau Umm Dschamīl. Der Text ist scharf, persönlich und im Koran-Kontext ungewöhnlich. Er macht die Sure zu einer der schwierigsten kurzen Suren – und zugleich zu einem historisch wichtigen Dokument familiärer Konflikte in Mohammeds Umfeld.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Verloren sind die Hände Abū Lahabs, und verloren ist er selbst!
  2. 2Sein Vermögen und das, was er erworben hat, nützen ihm nichts.
  3. 3Er wird in einem Feuer brennen, das in Flammen lodert.
  4. 4Auch seine Frau wird Holzträgerin sein –
  5. 5an ihrem Hals ein Strick aus Palmfasern.

Einordnung & Bedeutung

Wer war Abū Lahab?

Abū Lahab („Vater der Flamme" – ein Beiname wegen seines rötlichen Gesichts) hieß eigentlich ʿAbd al-ʿUzzā ibn ʿAbd al-Muṭṭalib und war Mohammeds Onkel (Halbbruder seines Vaters). Er gehörte zum mächtigen Clan der Banū Hāschim, dem auch Mohammed selbst entstammte.

Anders als andere Onkel Mohammeds – etwa Abū Ṭālib, der ihn jahrelang schützte – wurde Abū Lahab schon früh zum erbitterten Gegner. Frühe Überlieferungen berichten, er habe Mohammeds Predigten öffentlich gestört und Steine nach ihm geworfen. Seine Frau Umm Dschamīl soll Dornenzweige in Mohammeds Weg gelegt haben – darauf bezieht sich vermutlich das Bild der „Holzträgerin" und des „Strick aus Palmfasern".

Was sagt der Text?

Die Sure ist persönlich und drastisch. Vier Aussagen:

  1. Verfluchung Abū Lahabs persönlich (Vers 1) – ein Wortspiel: Sein Name bedeutet „Flamme", und die Strafe ist Feuer.
  2. Reichtum nützt nichts (Vers 2) – ein häufiger koranischer Topos.
  3. Höllenstrafe (Vers 3) – „loderndes Feuer", thematische Spiegelung zum Namen.
  4. Auch seine Frau wird in die Strafe einbezogen (Vers 4–5).

Warum diese Sure schwierig ist

Sure 111 ist die einzige Sure, die einen namentlich genannten Zeitgenossen Mohammeds explizit verdammt. Das wirft mehrere Fragen auf, mit denen die islamische Theologie seit Jahrhunderten ringt:

  • Determinismus-Problem: Wenn Sure 111 verkündet, dass Abū Lahab in der Hölle landet – konnte er dann überhaupt noch konvertieren? Klassische Theologen unterscheiden zwischen Gottes Vorauswissen (er wusste, dass Abū Lahab als Ungläubiger sterben würde) und Determinismus (Abū Lahab hatte die freie Wahl, traf sie nur faktisch nicht).
  • Persönlicher Konflikt: Die Sure spiegelt eine private Feindschaft. Manche moderne Islamwissenschaftler – etwa der Pakistaner Fazlur Rahman – sahen darin ein Beispiel für die enge Verschränkung von Offenbarung und Biografie.

Wie wird die Sure verstanden?

In der klassischen Tradition wird Sure 111 oft als Warnung gelesen: Selbst nahe Verwandte werden nicht verschont, wenn sie aktiv gegen die Wahrheit kämpfen. Familie ist kein Freibrief.

Moderne reformorientierte Lesarten – etwa von Mouhanad Khorchide oder Abdoldjavad Falaturi – betonen, dass die Sure ein konkretes historisches Dokument ist, nicht eine zeitlose Verdammungsformel. Sie warnt damals vor einem damaligen Gegner, nicht heutige Gläubige vor heutigen Nicht-Gläubigen.

Stilmerkmal: Wortspiel

Die ganze Sure ist um den Namen Lahab („Flamme") gebaut. Sein eigener Name wird zur Prophezeiung. Solche Namens-Wortspiele kommen im Koran selten vor – Sure 111 ist hier ein literarisches Unikum.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Abū Lahab – wörtlich „Vater der Flamme" – Beiname für Mohammeds Onkel ʿAbd al-ʿUzzā, einen seiner schärfsten frühen Gegner
  • Verloren (tabbat) – wörtlich „verstümmelt", „abgehackt" – sehr drastisches Verfluchungs-Idiom des Altarabischen
  • Holzträgerin (ḥammālat al-ḥaṭab) – doppeldeutig: konkret Dornen-im-Weg-Legerin, allegorisch „Anstifterin/Verleumderin" (Brennholz für Streitereien)
  • Palmfasern (masad) – aus den Fasern der Dattelpalme geflochtener grober Strick – Bild für Erniedrigung und Erdrosselung