Themen des KoransRatgeber
Schöpfung und Natur im Koran
Einen zusammenhängenden Schöpfungsbericht enthält der Koran nicht. Er sagt an vielen Stellen, dass Gott Himmel und Erde in sechs Tagen erschuf (etwa Sure 7,54), und fordert dazu auf, in der Natur Zeichen des Schöpfers zu sehen (Sure 3,190). Nach Sure 2,30 setzt Gott den Menschen auf der Erde ein; muslimische Gelehrte leiten heute aus seiner Rolle als Verwalter der Schöpfung eine Verantwortung für die Umwelt ab.

Der Koran spricht oft von der Schöpfung, aber er erzählt sie nicht der Reihe nach. Ein zusammenhängender Schöpfungsbericht fehlt; die einzelnen Anspielungen setzen sich nach dem Kleinen Islam-Lexikon mit der biblischen Schöpfungsgeschichte auseinander [2]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon ruft der Koran in zahllosen Versen dazu auf, in der sichtbaren Welt das Wirken eines einzigen Schöpfers zu erkennen [2]. Die Zitate auf dieser Seite stammen aus der deutschen Lesefassung nach der Übersetzung von Max Henning (1901) [1]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut.
Sechs Tage, sieben Himmel
An mehreren Stellen sagt der Koran, dass Gott die Himmel und die Erde "in sechs Tagen erschuf" (Sure 7,54) [1, 2]. Sure 7,54 fährt fort: "dann setzte er sich auf den Thron" [1]. Nach Sure 11,7 war Gottes Thron "auf dem Wasser" [1]. Sure 41,9 bis 12 nennt einzelne Schritte: Gott erschuf die Erde "in zwei Tagen", verteilte Berge und Nahrung "in vier Tagen" und vollendete die sieben Himmel "in zwei Tagen" [1]. Sure 50,38 fügt hinzu: "und keine Ermüdung erfasste uns" [1]. Sure 21,30 beschreibt Himmel und Erde als ursprünglich "eine feste Masse", die Gott spaltete, und sagt, dass er "aus dem Wasser alles Lebendige" machte [1].

Ein festes Bild vom Aufbau der Welt ergibt sich aus diesen Versen nicht. Das Kleine Islam-Lexikon nennt die Angaben: sieben Himmel (Sure 2,29) und einmal auch sieben Erden (Sure 65,12), die Erde wie ein Teppich ausgebreitet (Sure 13,3) und mit Bergen besetzt (Sure 15,19), Sonne und Mond als Lichter (Sure 25,61) und der Thron Gottes über Himmel und Erde [3]. Daraus folgt kein eindeutiges kosmologisches System [3]. Spätere muslimische Gelehrte bauten aus Koran, Überlieferung und griechischer Wissenschaft eigene Weltbilder [3]. Das heliozentrische Weltbild des Kopernikus wurde in der islamischen Welt nach dem Lexikon 1661 erstmals aufgenommen und setzte sich im 18. Jahrhundert langsam durch [3].
Die Natur als Zeichen
Henning übersetzt mit "Zeichen" sowohl Erscheinungen der Natur als auch die Verse, die dem Verkünder vorgetragen werden (etwa Sure 3,58) [1]. Ein oft zitierter Vers sagt: "Siehe, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages sind wahrlich Zeichen für die Verständigen" (Sure 3,190) [1]. Sure 2,164 zählt dazu Schiffe auf dem Meer, den Regen, die Tiere und den "Wechsel der Winde und der Wolken" auf [1]. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon fordert der Koran dazu auf, im Sichtbaren das Wirken eines einzigen Schöpfers zu erkennen, und versteht die Schöpfung als planvolles Werk zum Nutzen des Menschen [2]. Neben dem geschriebenen Koran steht deshalb die Ordnung der Natur als "kosmischer Koran" [3].
Wasser und Pflanzen nehmen in diesen Versen viel Raum ein. Sure 16 nennt das Regenwasser, aus dem Gott "die Saat und den Ölbaum und die Palme und die Reben und allerlei Früchte" wachsen lässt (Sure 16,11) [1]. Sure 55 zählt Früchte, Palmen und Korn als Gaben auf und fragt immer wieder: "Und welche Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide wohl leugnen?" (Sure 55,13) [1]. Der Kommentar des Corpus Coranicum vergleicht diesen Kehrvers mit Psalm 136 und dessen Kehrvers "denn seine Huld währet ewiglich" [5].
Tiere und Pflanzen
Tiere erscheinen im Koran als Geschöpfe, die Gemeinschaften bilden und Gott preisen. Sure 6,38 sagt: "Kein Getier gibt es auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Schwingen fliegt, die nicht wären Völker gleich euch." [1]. Nach Sure 24,41 preisen Gott auch die Vögel, und es heißt: "Jedes kennt sein Gebet und seine Lobpreisung" [1]. Sure 17,44 weitet das auf alle Dinge aus: "kein Ding ist, das ihn nicht lobpreist. Doch versteht ihr nicht ihre Lobpreisung." [1].

Einzelne Tiere haben eigene Szenen. Gott lehrt die Biene, in Bergen und Bäumen zu wohnen, und aus ihrem Leib kommt ein Trank, "in dem eine Arznei ist für Menschen" (Sure 16,68 bis 69) [1]. In Sure 27,18 warnt eine Ameise ihr Volk vor dem Heer Salomos, damit es nicht zertreten wird [1]. Henning nennt die Suren 16 und 27 nach diesen Tieren "Die Bienen" und "Die Ameise" [1].
Der Mensch in der Schöpfung
Den Menschen erschafft Gott nach dem Koran aus Lehm. Sure 15,26 spricht von "trockenem Lehm, aus geformtem Schlamm", Sure 55,14 von "Lehm wie ein Tongefäß" [1]. Nach dem Kommentar des Corpus Coranicum ist Sure 55,14 die früheste ausdrückliche Anspielung des Korans auf die biblische Erzählung von der Erschaffung Adams aus Erde [5].
Sure 2,30 handelt vom Menschen auf der Erde. Gott sagt dort zu den Engeln: "Siehe ich will auf der Erde einen einsetzen an meiner Statt" [1]. Das Kleine Islam-Lexikon versteht den Menschen nach diesem Vers als Gottes Stellvertreter auf der Erde [4]. Die Engel fragen zurück, ob Gott einen einsetzen wolle, "der auf ihr Verderben anstiftet und Blut vergießt", und Gott antwortet: "Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst." [1]. Sure 6,165 sagt den Menschen, Gott habe sie "zu Nachfolgern auf der Erde" gemacht, um sie zu prüfen [1]. Nach Sure 33,72 lehnten Himmel, Erde und Berge das "Unterpfand" ab, das Gott ihnen anbot, und der Mensch nahm es auf sich [1].
Maß und Verschwendung
Mehrere Verse sprechen von Maß und Gleichgewicht. Sure 55,7 bis 9 sagt, Gott habe den Himmel erhöht "und die Waage aufgestellt, Damit ihr in der Waage euch nicht vergeht" [1]. Der Kommentar des Corpus Coranicum bezieht die Waage im Himmel vielleicht auf das Sternbild und sieht in den folgenden Versen die Mahnung, auch auf der Erde gerecht zu wiegen [5]. Verschwendung lehnt der Koran ab. Nach Sure 6,141 sollen die Menschen von den Früchten essen, "und seid nicht verschwenderisch; siehe, er liebt nicht die Verschwender" [1]. Sure 30,41 sagt: "Erschienen ist Verderben zu Land und Meer für das, was der Menschen Hände wirkten" [1].

Klimakrise und Koran
Solche Verse ziehen muslimische Gelehrte heute in der Debatte über den Klimawandel heran. Am 17. und 18. August 2015 wurde in Istanbul auf einem internationalen islamischen Symposium die "Islamic Declaration on Global Climate Change" vorgestellt [6, 8]. Mitveranstalter waren unter anderem Islamic Relief Worldwide und die Islamic Foundation for Ecology and Environmental Science [8]. Nach den Veranstaltern waren Großmuftis aus Uganda, dem Libanon und Bosnien-Herzegowina beim Symposium vertreten [8]. Die englische Wikipedia nennt die Großmuftis des Libanon und Ugandas sowie Gelehrte aus 20 Ländern als Unterstützer der Erklärung [6]. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass der Mensch als khalifah, als Verwalter der Schöpfung Gottes, eingesetzt ist und diese Aufgabe verfehlt hat [6, 9]. Die Erklärung spricht vom feinen Gleichgewicht (mizan) der Erde, das verloren gehen könne. Sie ruft unter anderem dazu auf, den Ausstoß von Treibhausgasen so früh wie möglich zu beenden, auf erneuerbare Energien zu setzen und, so der Aufruf an die wohlhabenden Staaten, den Verbrauch zu senken, damit die Armen von den verbleibenden Ressourcen profitieren. Als Koranstellen führt sie unter anderem Sure 6,38, 30,41 und 55,7 bis 10 an [9].
Auch in der deutschsprachigen islamischen Theologie gibt es dazu Arbeiten. Sara Binay und Mouhanad Khorchide gaben 2019 im Herder Verlag den Band "Islamische Umwelttheologie" heraus [10]. Er fragt, wie sich eine zeitgemäße islamische Umweltethik bestimmen lässt, und stützt sich auf Koran, Sunna und die islamische Mystik. Am Beispiel Jordaniens mit seiner großen Wasserarmut zeigt er, wie sich daraus Regeln für das Handeln ableiten lassen [7].
Wie die Schöpfungsverse verstanden werden
Die klassische islamische Theologie unterscheidet nach dem Kleinen Islam-Lexikon zwischen der ersten Schöpfung aus dem Nichts (arabisch ibda) und späteren Schöpfungsakten wie der Erschaffung des Menschen aus Lehm (khalq) [2]. Manche Theologen lehrten, dass Gott die Welt in jedem Augenblick neu erschafft. Philosophen und Mystiker beschrieben die Schöpfung dagegen als Ausfluss aus einem ersten Prinzip, sodass alles in der Welt Gott auf seine Weise widerspiegelt [2]. Weil die Welt einen Anfang hat, hat sie nach islamischer Lehre auch ein Ende [2]. Sure 55,26 bis 27 sagt dazu: "Alle auf ihr sind vergänglich, Aber es bleibt das Angesicht deines Herrn voll Majestät und Ehre." [1].
Nach dem Kleinen Islam-Lexikon werden in der Moderne die Verantwortung des Menschen und die Gleichheit aller Menschen zunehmend betont [4]. Die Islamwissenschaft liest die Schöpfungsverse vor allem im Gespräch mit älteren Texten: Der Kommentar des Corpus Coranicum zeigt an Sure 55 Bezüge zu den Psalmen und beschreibt, wie die Sure die Schöpfung in Paaren ordnet, von Sonne und Mond bis zu Mensch und Dschinn [5].
Wie die Bibel die Schöpfung erzählt, steht auf der Seite Die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 und 2 auf bibel.domain-root.de. Den Text der Sure mit dem Kehrvers findest du unter Sure 55, die Verse über Regen, Pflanzen und Biene unter Sure 16. Wer neben dem Menschen erschaffen wurde, beschreibt die Seite Engel und Dschinn im Koran. Die Geschichte der Klimadebatte erzählt Die Klimakrise als historisches Thema auf geschichte.domain-root.de.
- Der Koran. Max Henning (Übersetzer), Philipp Reclam jun., Leipzig; Scan im Internet Archive. Stand ohne Jahr (Vorwort 1901). abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Schöpfung. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Gottfried Hagen). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Weltbild. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Gottfried Hagen). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Mensch. Bundeszentrale für politische Bildung, Kleines Islam-Lexikon (Gottfried Hagen). Stand 6. Auflage 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran, Sure 55 ar-Rahman (Nicolai Sinai). Corpus Coranicum, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Stand Betaversion. abgerufen am 29.10.2026
- The Islamic Declaration on Global Climate Change. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Islamische Umwelttheologie. Universität Münster, Zentrum für Islamische Theologie. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Islamic Climate Change Symposium. Islamic Foundation for Ecology and Environmental Science (IFEES). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Islamic Declaration on Global Climate Change (Wortlaut, englisch). Islamic Foundation for Ecology and Environmental Science (IFEES). Stand 18.08.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Islamische Umwelttheologie: Ethik, Norm und Praxis (Katalogeintrag). Deutsche Nationalbibliothek. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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