Themenwelt

Schöpfung & Natur

Kosmos, Lebewesen, Verantwortung – wie der Koran die Welt sieht.

Der Koran ist erstaunlich naturreich. Anders als manche biblischen Bücher, die Naturphänomene eher als Kulisse behandeln, sieht der Koran in Sternen, Wolken, Tieren und Pflanzen permanent „Zeichen Gottes" (āyāt). Wer aufmerksam liest, entdeckt: Hier wird die Natur nicht nur erschaffen und vergessen, sondern als ständig wirksame Predigt verstanden. Was daraus für Umweltverantwortung folgt, ist eine aktuelle innerislamische Debatte.

Schöpfung als Zeichen

Das wichtigste koranische Konzept zum Verständnis von Natur ist āya – „Zeichen". Das gleiche Wort meint sowohl Vers des Korans als auch Erscheinung in der Natur. Damit wird die Welt selbst zum Buch, das gelesen werden will.

Sure 3,190 bringt das auf den Punkt: „In der Erschaffung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind Zeichen für die Verständigen." Naturbetrachtung ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern eine theologische Übung.

Stellung des Menschen: Statthalter, nicht Herr

Sure 2,30 nennt den Menschen chalīfa – „Statthalter" oder „Sachwalter" Gottes auf der Erde. Diese Bezeichnung hat es in sich: Sie macht den Menschen nicht zum Eigentümer der Schöpfung, sondern zum Verwalter, der Rechenschaft ablegen muss.

Anders als die genesische Formel „macht euch die Erde untertan" (die christlich oft als Freibrief für rücksichtslose Naturnutzung verstanden wurde – Lynn White hat das 1967 in einem berühmten Aufsatz kritisiert), liegt im koranischen chalīfa-Konzept eine Verantwortlichkeit.

Aus dieser Lesart hat sich seit den 1980ern eine islamische Umweltbewegung entwickelt. Iranische, malaysische und britische Theologen entwickeln daraus heute eine eigene Form von Umweltethik – manchmal als „grüner Islam" bezeichnet.

Tiere im Koran

Tiere kommen im Koran oft vor – nicht als Symbol, sondern oft als handelnde Akteure mit eigenem Bewusstsein. Sure 27 (An-Naml, „Die Ameisen") schildert eine Ameise, die ihr Volk vor Salomons Heer warnt. Sure 16 (An-Naḥl, „Die Biene") preist die Biene als göttlich inspirierte Architektin.

Sure 6,38 ist eine bemerkenswerte Stelle: „Kein Tier gibt es auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wären wie ihr selbst." – Tiere bilden Gemeinschaften wie Menschen, der Mensch ist nicht qualitativ überlegen.

Mohammed selbst wird in zahlreichen Hadithen als Tierfreund dargestellt – Geschichten von der Liebe zu seiner Katze Muezza, dem Verbot, Vögel aus Nestern zu nehmen, dem Tadel an einem Reiter, der sein Pferd überforderte.

Pflanzen und Bewässerung

Sure 16,10-11 nennt die Pflanzenwelt explizit: „Er ist es, der vom Himmel Wasser herabsendet, davon habt ihr zu trinken, und davon wachsen Bäume, die ihr weiden lasst. Er lässt damit für euch Saaten, Olivenbäume, Dattelpalmen, Weintrauben und alle möglichen Früchte wachsen."

Was hier auffällt: Die genannten Kulturpflanzen sind Bewässerungskulturen. Der Koran wurde in einer Wassermangelregion offenbart – Wasser ist deshalb das häufigste Zeichen für Gnade. Wer Wasser verschwendet, verschwendet im koranischen Verständnis kein neutrales Gut, sondern eine direkte göttliche Gabe.

Klimakrise und Koran

Im August 2015 verabschiedeten muslimische Gelehrte aus 20 Ländern die „Islamic Declaration on Global Climate Change" – eine ausdrücklich religiös-ökologische Position. Ihr Argument: Der Mensch hat als chalīfa die Schöpfung beschädigt und ist verpflichtet, das zu korrigieren.

Konservativere Stimmen kritisieren das als nachträgliche Auslegung – der Koran sage nichts zur Klimakrise. Die reformorientierte Antwort: Doch, durch das Prinzip chalīfa; und nichtsdestotrotz: Ein religiöser Text muss nicht jede konkrete Frage explizit beantworten, sondern Maßstäbe geben, die anwendbar sind.

Eine demütige Position

Was den Koran in seiner Naturhaltung von vielen modernen Texten unterscheidet, ist die kosmische Demut. Sure 17,44 etwa formuliert: „Es gibt nichts, das ihn nicht lobpreist – ihr versteht ihr Lobpreisen nur nicht."

Hier wird der Mensch nicht zum Erkenntnisrichter erhoben. Auch das, was er nicht versteht, hat seinen eigenen Wert. Das ist eine andere Welt als die der modernen Umweltökonomik mit ihren „Ökosystem-Dienstleistungen".


Verwandte Suren

Verwandte Begriffe: Āya (Zeichen), Chalīfa, Tauḥīd

← Alle Themen Zur Suren-Übersicht →