Sure 103
Der Nachmittag
Al-ʿAṣr
Worum geht's?
Drei kurze Verse, die wie ein Sprichwort funktionieren – berühmt für ihre Knappheit. Der islamische Gelehrte asch-Schāfiʿī (gest. 820) soll gesagt haben: Würden die Menschen über diese Sure nachdenken, sie würde ihnen genügen. Es geht um die Vergänglichkeit der Zeit und die Frage, was den Menschen vor dem Verlust rettet.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Beim Nachmittag,
- 2wahrlich, der Mensch ist im Verlust –
- 3ausgenommen jene, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit und zur Geduld anhalten.
Einordnung & Bedeutung
Was sagt der Text?
Die Sure beginnt mit einem Schwur „beim Nachmittag" – einer Tageszeit, die im Arabischen al-ʿaṣr heißt und zugleich für „Zeit" oder „Epoche" stehen kann. Der Doppelsinn ist Absicht: Es geht um die ablaufende Lebenszeit.
Der zweite Vers stellt die Behauptung auf: Der Mensch ist generell in einem Zustand des Verlusts. Lebenszeit verrinnt, Vermögen wechselt den Besitzer, Schönheit verblasst – wer nicht aufpasst, hat am Ende nichts in der Hand.
Der dritte Vers nennt vier Bedingungen, um diesem Verlust zu entkommen: Glauben, gute Taten, gegenseitiges Anhalten zur Wahrheit und gegenseitiges Anhalten zur Geduld. Bemerkenswert ist die soziale Dimension der letzten beiden – Heil ist hier keine Privatsache.
Wie wird die Sure verstanden?
Klassisch gilt Sure 103 als eine der dichtesten Zusammenfassungen der islamischen Ethik. Die vier Bedingungen entsprechen einer Art ethischem Minimalprogramm: innerer Glaube + äußere Praxis + Beziehung zur Wahrheit + Beziehung zum Mitmenschen.
Moderne Auslegungen heben oft den letzten Punkt hervor – das gegenseitige Anhalten zur Geduld (arabisch ṣabr). Es bedeutet nicht passives Erdulden, sondern aktives Durchhalten in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt.
Stilmerkmal: der Schwur
Schwüre bei Naturphänomenen sind ein typisches Merkmal der frühmekkanischen Suren. Mohammed greift damit eine Tradition vorislamischer arabischer Wahrsagerei und Dichtkunst auf (die kāhin-Reden) und füllt sie mit neuem theologischem Gehalt. Aus dem rhetorischen Trick wird ein Hinweis: Schau auf die Natur, dann verstehst du, wer die Welt ordnet.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Nachmittag (al-ʿaṣr) – Tageszeit zwischen Mittag und Sonnenuntergang – im Koran-Kontext auch „Epoche" oder „Zeit" allgemein
- Verlust (chusr) – wirtschaftliches Bild: wer am Ende der Lebensbilanz mit weniger dasteht, als er bekommen hat
- Geduld (ṣabr) – aktives Standhalten, nicht passives Hinnehmen – eine der vier Kerntugenden des Korans
- Wahrheit (ḥaqq) – Doppelsinn: objektive Wahrheit und das einem zustehende Recht