Themenwelt
Frieden & Konflikt
Verträge, Kriegsführung, Versöhnung – die schwierigste Themenwelt.
Wer den Koran für Gewalt belasten möchte, findet Belege. Wer ihn für Frieden vereinnahmen möchte, ebenso. Die ehrliche Antwort liegt dazwischen: Der Koran enthält pazifistische und kriegerische Stellen, weil er in unterschiedlichen historischen Situationen entstand. Wer einzelne Verse aus dem Kontext reißt, kann beliebige Botschaften belegen – die Forschung versucht den ganzen Text in seinem zeitlichen Verlauf zu lesen.
Zwei Phasen, zwei Tonlagen
Die mekkanische Phase (610–622): Mohammed ist eine Minderheit, wird verfolgt, kann nicht zurückschlagen. Die Suren dieser Zeit fordern Geduld, Standhaftigkeit, friedliches Aushalten. Sure 109 ist das berühmteste Beispiel: „Euch eure Religion und mir meine Religion." Kein Kampfaufruf – Trennung in Frieden.
Die medinensische Phase (622–632): Mohammed ist politischer Führer einer Gemeinde, später Heerführer. Die Suren dieser Zeit kennen Kampfaufrufe, militärische Anweisungen, Strategie. Sure 9 ist die härteste dieser Suren.
Wer den Koran liest, sollte wissen, in welcher Phase ein Vers entstand – das ändert oft die Bedeutung grundlegend.
Kampf zur Verteidigung – nicht zur Expansion
Sure 2,190 formuliert die ursprüngliche Erlaubnis zum Kampf: „Kämpft auf dem Weg Gottes gegen die, die euch bekämpfen, aber überschreitet nicht die Grenzen." Die Verteidigungsformel ist hier eindeutig: Kampf ist Antwort auf Angriff.
Sure 22,39 fügt hinzu: Erlaubnis zur Verteidigung haben „die, denen Unrecht geschehen ist". Aggression als Initiative wird im Koran nicht legitimiert – nur Antwort auf Aggression.
Allerdings: Was später als „Verteidigung" gilt, ist dehnbar. Konservative klassische Auslegungen weiteten den Begriff bis zur „präventiven Verteidigung gegen drohenden Angriff" aus – ein Konzept, das sich leicht in offensiven Krieg umdeuten lässt.
Die sogenannten Schwert-Verse
Drei Verse haben besondere Berühmtheit erlangt:
- Sure 9,5: „Tötet die Beigeseller [Polytheisten], wo immer ihr sie findet."
- Sure 9,29: Kampfaufruf gegen „die Leute der Schrift" (Juden und Christen), die nicht die Kopfsteuer (dschizya) zahlen.
- Sure 47,4: „Wenn ihr die Ungläubigen trefft, schlagt ihnen die Hälse ab."
Diese Verse sind nicht weginterpretierbar – sie stehen im Koran. Die Frage ist: Was bedeuten sie?
Klassisch-fundamentalistische Lesart (Salafismus, Dschihadistische Bewegungen): Die Verse sind universal gültig, jederzeit anwendbar, definieren das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen grundsätzlich.
Historisch-kontextuelle Lesart (überwältigende Mehrheit muslimischer Theologen): Diese Verse entstanden in einer konkreten Kriegssituation gegen konkrete Feinde. Sie ersetzen nicht die Friedensgebote der mekkanischen Phase, sondern sind situative Anwendungen. Die im selben Vers 9,6 stehende Gegenformel („Wenn einer der Beigeseller dich um Schutz bittet, gewähre ihn ihm") wird vom Vers 9,5 selbst relativiert.
Religionswissenschaftliche Lesart: Wer aus diesen Versen ein generelles Programm ableitet, missversteht den Charakter des Korans als situativ-historisches Textgewebe.
Friedensgebote
Auf der anderen Seite stehen viele klare Friedensgebote:
- Sure 2,256: „Kein Zwang im Glauben." – einer der meistzitierten Verse.
- Sure 5,32: „Wer einen Menschen tötet (außer wegen Mordes oder Verderben im Land), hat damit gleichsam alle Menschen getötet. Und wer einen rettet, hat damit gleichsam alle Menschen gerettet." – eine fast wörtliche Übernahme aus dem Talmud (Mishna Sanhedrin 4,5).
- Sure 8,61: „Wenn sie aber zum Frieden bereit sind, dann sei auch du dazu bereit."
- Sure 109 – das ganze Toleranzversprechen in sechs Versen.
Was bleibt?
Eine ehrliche Bilanz muss anerkennen:
- Der Koran ist nicht durchgehend pazifistisch. Wer das behauptet, blendet die medinensischen Kampfaufrufe aus.
- Der Koran ist nicht durchgehend kriegerisch. Wer das behauptet, blendet die mekkanischen Friedensgebote, Sure 2,256, Sure 5,32 und unzählige andere Stellen aus.
- Die meisten kriegerischen Verse sind situativ. Sie haben einen konkreten historischen Anlass und keine universalistische Reichweite – außer man unterstellt ihnen diese.
- Welche Verse rangieren, ist eine Auslegungsfrage. Es gibt keine eindeutige innerkoranische Lösung dieser Spannungen. Die Mehrheit der zeitgenössischen muslimischen Gelehrten priorisiert die Friedensgebote.
Wer eine vorgefertigte Antwort auf die Frage „Ist der Islam friedlich oder gewalttätig?" möchte, wird vom Koran enttäuscht. Wer die Komplexität aushält, findet einen Text, der mit der Gewaltfrage genauso ringt wie die Bibel, das Mahabharata oder andere große religiöse Traktate.
Verwandte Suren
Verwandte Begriffe: Dschihad, Sulḥ (Friede), Dhimmi, Umma, Hidschra