Themen des KoransRatgeber

Ehe und Familie im Koran

Der Koran regelt Ehe und Familie in vielen Versen, vor allem in den Suren 2, 4 und 65. Er spricht von Liebe und Barmherzigkeit zwischen den Ehegatten (Sure 30,21), legt Brautgabe, Scheidungsfristen und Erbteile fest und verlangt Güte gegen die Eltern (Sure 17,23 bis 24). Wie verbindlich einzelne Regeln heute sind, etwa zur Mehrehe oder zum Erbe, legen islamische Gelehrte und Staaten unterschiedlich aus.

Ein niedriger Holztisch mit gedecktem Essen in einem sonnigen Innenhof mit Zitronenbäumen und leeren Sitzkissen
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Viele Verse des Korans regeln das Zusammenleben in der Familie: Heirat und Brautgabe, Streit und Scheidung, die Pflichten gegenüber Eltern und Kindern und die Verteilung des Erbes. Die meisten dieser Bestimmungen stehen in Suren, die Max Henning der Zeit in Medina zuordnet, etwa Sure 2, Sure 4 und Sure 65 [1]. Die Zitate auf dieser Seite stammen aus der Lesefassung dieser Website nach der Übersetzung von Max Henning (1901). Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut; jede deutsche Fassung ist eine Übertragung.

Die Ehe als Vertrag

Für die Ehe findet der Koran Bilder der Nähe. "Und zu seinen Zeichen gehört es, dass er euch von euch selber Gattinnen erschuf, damit ihr ihnen beiwohnt, und er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt" (Sure 30,21) [1]. In Sure 2,187 heißt es über Mann und Frau: "Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid" [1]. Sure 4,1 beginnt mit dem Satz, dass Gott die Menschen "aus einem Wesen" erschaffen habe und aus ihm "seine Gattin" [1].

Zwei schlichte silberne Ringe auf einem gewebten Tuch neben einer kleinen Schale mit Datteln im weichen Tageslicht
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Rechtlich ist die Ehe im islamischen Verständnis ein privatrechtlicher Vertrag zwischen Mann und Frau, der beiden Seiten Rechte und Pflichten auferlegt. So beschreibt es das Kleine Islam-Lexikon, das die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht [2]. Nach dem Lexikon ist die Rechtsstellung der Partner dabei ungleich: Der Mann zahlt einen Brautpreis und versorgt Frau und Kinder mit Wohnung und Unterhalt, die Frau schuldet ihm nach der klassischen Lehre Gehorsam. Die genauen Bedingungen legt ein Ehevertrag fest, und die Rechtsschulen sind sich etwa darin uneins, ob die Frau die Ehe auflösen kann [2].

Die Brautgabe nennt Henning "Morgengabe". Sure 4,4 sagt: "Und gebt den Frauen ihre Morgengabe freiwillig. Und wenn sie euch gern etwas davon erlassen, so genießt es bekömmlich und zum Wohlsein" [1]. Welche Verwandten man nicht heiraten darf, zählt Sure 4,23 auf, von der Mutter bis zur Schwiegertochter [1]. Sure 2,221 verbietet die Ehe mit "Heidinnen" und "Heiden", solange sie nicht gläubig sind; Sure 5,5 nennt als erlaubte Ehefrauen "züchtige Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde", also Jüdinnen und Christinnen [1].

Wie solche Erlaubnisse zu verstehen sind, war schon früh Thema der Auslegung. Nahide Bozkurt, Professorin an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara, berichtet nach dem türkischen Theologen Mehmed Said Hatiboğlu von Imam Ata: Er habe die Erlaubnis aus Sure 5,5 damit erklärt, dass es zu Beginn wenige muslimische Frauen gab, und sie für erloschen gehalten, als ihre Zahl gestiegen war [7]. Bozkurt führt das als Beispiel für eine Auslegung an, die nach dem Anlass eines Verses fragt.

Mehrehe: Sure 4,3 und 4,129

Die Regel zur Mehrehe steht in Sure 4,3: "Und wenn ihr fürchtet, nicht Gerechtigkeit gegen die Waisen zu üben, so nehmt euch zu Frauen, die euch gut dünken, (nur) zwei oder drei oder vier; und wenn ihr (auch dann) fürchtet, nicht gerecht zu sein, heiratet nur eine oder was eure Rechte (an Sklavinnen) besitzt" [1]. Die Wörter in Klammern sind Hennings Ergänzungen. Gut hundert Verse später heißt es in Sure 4,129: "Nie ist es euch möglich in (gleicher) Billigkeit gegen eure Frauen zu verfahren, auch wenn ihr danach trachtetet" [1].

Wie beide Verse zusammengehören, wird verschieden beantwortet. Das marokkanische Familiengesetzbuch von 1957 las sie nach einem Beitrag im Islamic Law Blog als Erlaubnis für bis zu vier Ehefrauen, solange der Mann sie gleich behandelt; Artikel 30 verbot die Mehrehe, wenn Ungerechtigkeit zwischen den Frauen zu befürchten war [5]. Tunesien verbot die Mehrehe dagegen mit seinem Personenstandsgesetz von 1956 ganz [5, 6]. Präsident Habib Bourguiba stützte das Verbot nach demselben Beitrag auf moderne Lesarten der islamischen Texte und weniger auf die überlieferte Rechtslehre [5].

Die Politikprofessorin Asma Barlas (Ithaca College, New York) liest Sure 4,3 vom Anfang her: Der Vers erlaube einigen Männern, die Vormund weiblicher Waisen sind, mehr als eine Frau zu heiraten, und das nur, damit den Waisen Gerechtigkeit geschieht. Im selben Vers stehe außerdem, dass es besser sei, nur mit einer Frau verheiratet zu sein [7].

Streit, Scheidung und Fristen

Bevor eine Ehe zerbricht, sieht der Koran eine Schlichtung vor. "Und wenn ihr einen Bruch zwischen beiden befürchtet, dann sendet einen Schiedsrichter von ihrer Familie und einen Schiedsrichter von seiner Familie" (Sure 4,35) [1]. Fürchtet eine Frau "rohe Behandlung oder Abneigung" ihres Mannes, ist eine Einigung nach Sure 4,128 keine Sünde, "denn Versöhnung ist das Beste" [1].

Die Scheidung selbst regeln vor allem Sure 2,228 bis 233 und Sure 65. Geschiedene Frauen sollen warten, "bis sie dreimal die Reinigung gehabt haben" (2,228). "Die Scheidung ist zweimal (erlaubt); dann aber müsst ihr sie in Güte behalten oder mit Gut entlassen" (2,229). Nach einer dritten Scheidung darf das Paar erst wieder heiraten, wenn die Frau zwischendurch mit einem anderen Mann verheiratet war (2,230) [1]. Sure 65,1 verbietet, die Frauen während der Wartezeit aus ihren Häusern zu treiben [1]. Nach Sure 2,233 sollen geschiedene Mütter ihre Kinder "zwei volle Jahre säugen, wenn jemand will", und der Vater trägt in dieser Zeit ihre Versorgung und Kleidung [1].

Das klassische islamische Recht hat daraus mehrere Formen der Trennung entwickelt. Das Kleine Islam-Lexikon nennt die Verstoßung (talaq), die der Mann einseitig ausspricht und nach dem ersten oder zweiten Mal unter Bedingungen zurücknehmen kann, die einvernehmliche Trennung (chul), bei der die Frau meist auf den ausstehenden Brautpreis verzichtet, und die Scheidung durch einen Richter auf Antrag der Frau, etwa wenn der Mann keinen Unterhalt zahlt [3]. Von einem Loskauf spricht Sure 2,229, wo es heißt, beide begingen keine Sünde, "wenn sie sich mit etwas loskauft" [1]. Nach dem Lexikon orientiert sich das Scheidungsrecht vieler islamischer Länder bis heute an diesen Regeln, Tunesien bildet eine Ausnahme [3]. Dort ist die Scheidung seit 1956 nur vor Gericht möglich, Männer und Frauen können sie gleichermaßen beantragen [6].

Eltern und Kinder

Die Güte gegen Vater und Mutter verlangt der Koran an mehreren Stellen. In Sure 17,23 steht sie direkt nach dem Gebot, Gott allein zu dienen: "Darum sprich nicht zu ihnen: 'Pfui!' und schilt sie nicht, sondern führe zu ihnen ehrfürchtige Rede" [1]. Der folgende Vers gibt ein Gebet vor: "Mein Herr, erbarme dich beider, so wie sie mich aufzogen, da ich klein war" (17,24) [1]. Sure 31,14 und Sure 46,15 erinnern an die Mutter, die ihr Kind unter Mühen getragen hat [1]. Nach dem Islam-Lexikon gilt in vielen muslimischen Familien, dass im Alter die Kinder die Eltern versorgen [4].

Ein alter Holzsessel mit gefalteter Strickdecke neben einem Fenster mit Kräutertöpfen im ruhigen Morgenlicht
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Über Kinder sagt der Koran: "Tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung; wir wollen sie und euch versorgen" (Sure 17,31) [1]. Sure 16,58 bis 59 beschreibt den Mann, dessen Gesicht sich verfinstert, wenn ihm eine Tochter angekündigt wird, und der überlegt, sie zu begraben; der Vers nennt dieses Urteil falsch [1]. Eine Adoption, bei der das Kind den Namen des Adoptivvaters annimmt, kennt der Koran nicht. Sure 33,4 bis 5 sagt, Adoptivsöhne seien keine leiblichen Söhne: "Nennt sie nach ihren Vätern"; wo die Väter unbekannt sind, sollen sie "eure Brüder im Glauben und eure Schützlinge" sein [1].

Sure 4,36 zieht den Kreis weiter: Gutes tun soll man den Eltern, den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbarn, "sei er verwandt oder aus der Fremde", dem Reisenden und den Sklaven [1]. Den Schutz der Waisen und ihres Vermögens behandeln die ersten Verse von Sure 4 ausführlich [1].

Erbe und Versorgung

Sure 4,7 stellt den Grundsatz auf, dass Männer und Frauen einen bestimmten Teil vom Erbe der Eltern und Verwandten bekommen [1]. Die Anteile legt Sure 4,11 bis 12 fest. Der Sohn erhält so viel wie zwei Töchter; ist nur eine Tochter da, erhält sie die Hälfte; Vater und Mutter bekommen je ein Sechstel, wenn der Verstorbene ein Kind hat [1]. Der Witwer erhält die Hälfte oder ein Viertel, die Witwe ein Viertel oder ein Achtel, je nachdem, ob ein Kind da ist (4,12) [1]. Sure 2,180 schreibt außerdem eine Verfügung zugunsten von Eltern und Verwandten vor [1].

Eine geschnitzte Holztruhe mit altem Messingschlüssel im Schloss auf einem gefliesten Steinboden
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Das klassische Erbrecht hat daraus feste Pflichtteile gemacht. Nach dem Kleinen Islam-Lexikon erhält ein Erbe in der Regel den doppelten Anteil einer Erbin im gleichen Verwandtschaftsgrad, und ein Vermächtnis an andere Personen oder Einrichtungen darf bis zu einem Drittel des Nachlasses betragen [8]. Um die festen Regeln zu umgehen, werden nach dem Lexikon häufig schon zu Lebzeiten Schenkungen und Stiftungen gemacht [8].

Für den halben Anteil der Töchter gibt es verschiedene Erklärungen. Nahide Bozkurt referiert Salih Akdemir: Nach islamischem Recht trage allein der Mann den Unterhalt der Familie, die Versorgung der Eltern und die Brautgabe, während das Vermögen der Frau ihr allein gehöre; der halbe Anteil sei deshalb eine Frage des Ausgleichs [7]. Asma Barlas weist darauf hin, dass die Verteilung von der Zahl der Erben abhängt und die Mutter in bestimmten Fällen mehr erhält als der Vater [7].

Wie die Regeln heute gelesen werden

Ob die Familienverse wörtlich gelten oder ein Prinzip in einer bestimmten Lage anwenden, ist die Kernfrage der heutigen Debatte. Nahide Bozkurt unterscheidet wörtliche, allegorische und historische Auslegungen und nennt Fazlur Rahman als Vertreter der historischen Methode. Diese Methode betrachtet den geschichtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhang eines Verses und den Anlass der Offenbarung, um über die wörtliche Bedeutung hinaus Schlüsse zu ziehen [7].

Das Islam-Lexikon beschreibt auf der anderen Seite, wie die überlieferte Lehre bis heute im Familienrecht vieler Länder fortwirkt, etwa beim Unterhalt durch den Mann und bei der Verstoßung [2, 3]. Zwischen beiden Polen liegen die Gesetze einzelner Staaten, wie die Beispiele Marokko und Tunesien zeigen [5, 6]. Was in Deutschland für Ehe, Scheidung und Erbe gilt, regelt das deutsche Recht.

Wie der Koran über Frauen allgemein spricht, behandelt die Seite Frauen im Koran. Die Rechtsverse im Zusammenhang stehen unter Recht und Gerechtigkeit im Koran. Den vollständigen Text der wichtigsten Suren findest du unter Sure 4 (Die Frauen) und Sure 65 (Die Scheidung). Das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, erklärt die Seite Die Zehn Gebote auf bibel.domain-root.de.

  1. Der Koran (Übersetzung Max Henning, Reclam Leipzig 1901), Scan. Internet Archive. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde Ehe. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Scheidung. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Familie. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
  5. Commentary: Codifying Polygamy in the 1957 Moroccan Mudawwana. Islamic Law Blog (Ari Schriber). Stand 27.09.2017, aktualisiert 31.08.2019. abgerufen am 29.10.2026
  6. Imperialism in North Africa: Law, Code of Personal Status. World History Commons. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Der Koran neu gelesen: feministische Interpretationen (Asma Barlas, Nahide Bozkurt, Rabeya Müller). Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe Islam und Gesellschaft Nr. 6. Stand 2008. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Erbrecht. Bundeszentrale für politische Bildung (Kleines Islam-Lexikon, 6. Auflage, München 2018). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.