Sure 10

Jonas

Yūnus

Verse: 109 Offenbart in: Mekka Zeit: spätmekkanisch (kurz vor der Hidschra 622)

Worum geht's?

Eine theologisch dichte spätmekkanische Sure. Trotz ihres Namens kommt Jonas namentlich nur in Vers 98 vor – aber dieser Vers ist programmatisch: Die Stadt Ninive ist die einzige in der Heils-Geschichte, die durch ihre Umkehr gerettet wurde. Ein bemerkenswerter koranischer Pluralismus. Die Sure enthält außerdem die berühmte Pharaos-Sterbe-Szene (V90–92), in der dessen letzte Bekehrung zurückgewiesen wird, und mehrere zentrale Stellen über Koran-Wahrhaftigkeit, Gottes Versorgung, religiöse Pluralität und das Verhältnis Glaube/Zwang („Wirst du nun die Menschen zwingen?", V99).

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Alif-Lām-Rāʾ. Das sind die Zeichen des weisen Buches.
  2. 2War es für die Menschen ein Erstaunen, dass wir einem Mann aus ihnen offenbart haben: Warne die Menschen und verkünde denen, die geglaubt haben, dass sie einen festen Stand der Wahrhaftigkeit bei ihrem Herrn haben? Die ungläubig sind, sagten: Wahrlich, das ist ein deutlicher Zauberer.
  3. 3Wahrlich, euer Herr ist Gott, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat. Dann hat er sich auf dem Thron erhoben und ordnet die Sache. Es gibt keinen Fürsprecher außer mit seiner Erlaubnis. Das ist Gott, euer Herr. So dient ihm! Lasst ihr euch nicht ermahnen?
  4. 4Zu ihm ist eure Heimkehr alle. Das Versprechen Gottes ist wahr. Wahrlich, er fängt die Schöpfung an und führt sie dann zurück, um die, die geglaubt und gute Werke getan haben, mit Gerechtigkeit zu belohnen. Die aber ungläubig sind, haben ein Getränk aus kochendem Wasser und eine schmerzhafte Strafe für ihren Unglauben.
  5. 5Er ist es, der die Sonne zu einem hellen Schein und den Mond zu einem Licht gemacht und ihm Phasen bestimmt hat, damit ihr die Anzahl der Jahre und die Berechnung wisst. Gott hat das nicht ohne Wahrheit erschaffen. Er macht die Zeichen für ein Volk, das weiß, klar.
  6. 6Wahrlich, im Wechsel der Nacht und des Tages und in dem, was Gott in den Himmeln und auf der Erde erschaffen hat, sind Zeichen für ein Volk, das gottesfürchtig ist.
  7. 7Wahrlich, die das Treffen mit uns nicht erwarten, sich am diesseitigen Leben freuen und in ihm Ruhe finden, und die unsere Zeichen nicht achten –
  8. 8diese – ihre Bleibe ist das Feuer für das, was sie zu erwerben pflegten.
  9. 9Wahrlich, die geglaubt und gute Werke getan haben – ihr Herr leitet sie für ihren Glauben. Unter ihnen fließen Bäche in den Gärten der Wonne.
  10. 10Ihre Anrufung darin ist: Preis sei dir, o Gott! Ihr Gruß darin ist: Friede! Das Ende ihrer Anrufung ist: Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!
  11. 11Wenn Gott den Menschen das Schlechte beschleunigen würde, wie sie das Gute beschleunigen wollen, wäre ihre Frist schon erfüllt. Aber wir lassen die, die das Treffen mit uns nicht erwarten, in ihrer Maßlosigkeit verwirrt umherirren.
  12. 12Wenn Schaden den Menschen berührt, ruft er uns an, auf seiner Seite liegend, sitzend oder stehend. Wenn wir aber den Schaden von ihm aufheben, geht er davon, als hätte er uns nicht zu einem Schaden, der ihn berührte, angerufen. So wurde den Übergreifern schön gemacht, was sie zu tun pflegten.
  13. 13Schon haben wir die Generationen vor euch vernichtet, als sie Unrecht taten, obwohl ihre Gesandten mit den klaren Beweisen zu ihnen kamen. Aber sie waren nicht zum Glauben bereit. So vergelten wir den sündigen Leuten.
  14. 14Dann haben wir euch nach ihnen als Nachfolger auf der Erde gemacht, damit wir sehen, wie ihr handelt.
  15. 15Wenn ihnen unsere Zeichen als klare Beweise verlesen werden, sagen die, die das Treffen mit uns nicht erwarten: Bring einen anderen Koran als diesen her oder verändere ihn! Sprich: Es liegt nicht an mir, ihn aus mir selbst heraus zu verändern. Ich folge nur dem, was zu mir offenbart wird. Wahrlich, ich fürchte, wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, die Strafe eines gewaltigen Tages.
  16. 16Sprich: Hätte Gott gewollt, hätte ich euch ihn nicht verlesen, und er hätte ihn euch nicht bekannt gemacht. Schon habe ich vor ihm ein Leben unter euch verbracht. Werdet ihr nicht verständig sein?
  17. 17Wer ist ungerechter als der, der eine Lüge über Gott erfindet oder seine Zeichen für Lüge erklärt? Wahrlich, die Sünder sind nicht erfolgreich.
  18. 18Sie dienen anstatt Gottes etwas, das ihnen weder schadet noch nützt, und sagen: Diese sind unsere Fürsprecher bei Gott! Sprich: Wollt ihr Gott etwas mitteilen, was er weder in den Himmeln noch auf der Erde kennt? Preis sei ihm und erhaben über das, was sie beigesellen!
  19. 19Die Menschen waren nur eine einzige Gemeinschaft. Dann wurden sie uneinig. Wäre nicht ein Wort von deinem Herrn vorausgegangen, wäre zwischen ihnen entschieden worden über das, worin sie uneinig waren.
  20. 20Sie sagen: Hätte ihm doch ein Zeichen von seinem Herrn herabgesandt werden sollen! Sprich: Das Verborgene gehört nur Gott. Wartet also! Ich gehöre mit euch zu den Wartenden.
  21. 21Wenn wir die Menschen Barmherzigkeit kosten lassen, nachdem sie Not erfahren haben, schmieden sie List gegen unsere Zeichen. Sprich: Gott ist schneller im List-Schmieden. Wahrlich, unsere Gesandten schreiben auf, was ihr an List schmiedet.
  22. 22Er ist es, der euch reisen lässt auf dem Land und auf dem Meer. Bis, wenn ihr in den Schiffen seid und sie mit ihnen mit einem guten Wind fahren, und sie sich darüber freuen, kommt ein heftiger Wind. Die Wellen treffen sie von überall. Sie meinen, dass sie umgeben sind. Sie rufen Gott in reinem Glauben an: Wenn du uns aus diesem rettest, werden wir wahrlich zu den Dankbaren gehören!
  23. 23Als er sie aber rettete, fingen sie an, ohne Recht auf der Erde übergriffig zu werden. O ihr Menschen, eure Übergriffigkeit fällt nur auf euch selbst zurück – ein Genuss des diesseitigen Lebens! Dann ist zu uns eure Rückkehr. Dann teilen wir euch mit, was ihr getan habt.
  24. 24Wahrlich, das Gleichnis des diesseitigen Lebens ist wie Wasser, das wir vom Himmel herabgesandt haben. Damit hat sich das Wachstum der Erde vermischt, von dem die Menschen und das Vieh essen. Bis, wenn die Erde ihre Pracht aufnimmt und sich schmückt und ihre Leute meinen, sie hätten Macht über sie, kommt unser Befehl in der Nacht oder am Tag. Wir machen sie zu Stoppeln, als wäre sie nicht erst gestern gediehen. So machen wir die Zeichen für ein Volk, das nachdenkt, klar.
  25. 25Gott ruft zur Wohnstätte des Friedens und leitet, wen er will, zu einem geraden Weg.
  26. 26Für die, die Gutes tun, ist das Schönste und Zugabe. Weder Staub noch Schande wird ihre Gesichter bedecken. Diese sind die Gefährten des Paradieses. Sie sind darin ewig.
  27. 27Für die aber, die schlechte Taten verdient haben, gibt es als Lohn eine Schlechtigkeit nach ihrem Maß. Schande wird sie bedecken. Sie haben keinen Schützer vor Gott. Es ist, als wären ihre Gesichter mit Stücken finsterer Nacht bedeckt. Diese sind die Gefährten des Feuers. Sie sind darin ewig.
  28. 28Am Tag, an dem wir sie alle versammeln, dann sagen wir denen, die beigesellt haben: Auf eure Plätze, ihr und eure Mit-Geseller! Wir trennen unter ihnen. Ihre Mit-Geseller sagen: Ihr habt nicht uns gedient.
  29. 29Gott genügt als Zeuge zwischen uns und euch, dass wir von eurer Anbetung unachtsam waren.
  30. 30Dort wird jede Seele erfahren, was sie vorausgeschickt hat. Sie werden zu Gott, ihrem wahren Schutzherrn, zurückgebracht. Was sie zu erfinden pflegten, hat sich von ihnen verloren.
  31. 31Sprich: Wer versorgt euch vom Himmel und von der Erde? Wer verfügt über das Gehör und die Augen? Wer bringt das Lebendige aus dem Toten und das Tote aus dem Lebendigen? Wer ordnet die Sache? Sie werden sagen: Gott! Sprich also: Werdet ihr nicht gottesfürchtig sein?
  32. 32Das ist Gott, euer wahrer Herr. Was ist nach der Wahrheit außer der Verirrung? Wie könnt ihr euch also abwenden lassen?
  33. 33So hat sich das Wort deines Herrn an denen erfüllt, die freveln, dass sie nicht glauben.
  34. 34Sprich: Gibt es unter euren Mit-Gesellern einen, der die Schöpfung anfängt und sie dann zurückführt? Sprich: Gott fängt die Schöpfung an und führt sie zurück. Wie werdet ihr abgelenkt?
  35. 35Sprich: Gibt es unter euren Mit-Gesellern einen, der zur Wahrheit rechtleitet? Sprich: Gott leitet zur Wahrheit. Hat einer, der zur Wahrheit rechtleitet, mehr Recht, dass ihm gefolgt werde, oder einer, der nur rechtgeleitet wird, wenn er rechtgeleitet wird? Was ist mit euch? Wie urteilt ihr?
  36. 36Die meisten von ihnen folgen nur einer Vermutung. Wahrlich, die Vermutung nützt vor der Wahrheit nichts. Wahrlich, Gott ist wissend über das, was sie tun.
  37. 37Dieser Koran ist nicht so, dass er ohne Gott erfunden werden könnte. Vielmehr ist er eine Bestätigung dessen, was vor ihm war, und eine Erläuterung des Buches – an dem es keinen Zweifel gibt – vom Herrn der Welten.
  38. 38Oder sagen sie: Er hat es erfunden? Sprich: So bringt eine Sure gleich ihm her und ruft, wen ihr außer Gott könnt, wenn ihr wahrhaftig seid!
  39. 39Vielmehr haben sie für Lüge erklärt, was sie nicht mit Wissen umfassen und dessen Auslegung noch nicht zu ihnen gekommen ist. So haben die vor ihnen für Lüge erklärt. So sieh, wie das Ende der Frevler war!
  40. 40Unter ihnen sind welche, die daran glauben. Andere unter ihnen glauben nicht daran. Dein Herr weiß am besten über die Verderber Bescheid.
  41. 41Wenn sie dich aber für einen Lügner halten, so sprich: Mir gehört mein Werk, und euch gehört euer Werk! Ihr seid frei von dem, was ich tue. Ich bin frei von dem, was ihr tut.
  42. 42Unter ihnen sind welche, die dir zuhören. Aber kannst du die Tauben hören lassen, auch wenn sie nicht verständig sind?
  43. 43Unter ihnen sind welche, die zu dir schauen. Aber kannst du die Blinden rechtleiten, auch wenn sie nicht sehen?
  44. 44Wahrlich, Gott tut den Menschen kein Unrecht. Aber die Menschen tun sich selbst Unrecht.
  45. 45Am Tag, an dem er sie versammelt, ist es, als hätten sie nur eine Stunde am Tag verweilt. Sie erkennen einander. Schon haben die verloren, die das Treffen mit Gott für Lüge erklärten. Sie waren nicht rechtgeleitet.
  46. 46Ob wir dir einiges von dem zeigen, was wir ihnen versprechen, oder dich abberufen – zu uns ist ihre Rückkehr. Dann ist Gott Zeuge über das, was sie tun.
  47. 47Jede Gemeinschaft hat einen Gesandten. Wenn ihr Gesandter zu ihnen kommt, wird zwischen ihnen mit Gerechtigkeit entschieden. Es wird ihnen kein Unrecht getan.
  48. 48Sie sagen: Wann ist dieses Versprechen, wenn ihr wahrhaftig seid?
  49. 49Sprich: Ich habe für mich selbst keine Macht über Schaden oder Nutzen – außer was Gott will. Jede Gemeinschaft hat eine Frist. Wenn ihre Frist kommt, können sie sich keine Stunde verspäten und können auch nicht vorausgehen.
  50. 50Sprich: Habt ihr gesehen? Wenn seine Strafe in der Nacht oder am Tag zu euch kommt, was wollen die Sünder eilig?
  51. 51Wenn sie ist – glaubt ihr dann an sie? Jetzt? Während ihr sie eilig wolltet?
  52. 52Dann wird denen, die Unrecht getan haben, gesagt: Kostet die ewige Strafe! Werdet ihr außer dem, was ihr zu erwerben pflegtet, vergolten?
  53. 53Sie verlangen von dir Nachricht: Ist das wahr? Sprich: Ja, bei meinem Herrn! Es ist die Wahrheit. Ihr könnt es nicht verhindern.
  54. 54Hätte jede Seele, die Unrecht getan hat, alles, was auf der Erde ist, würde sie es zum Loskauf hingeben. Sie verbergen die Reue, wenn sie die Strafe sehen. Zwischen ihnen wird mit Gerechtigkeit entschieden. Es wird ihnen kein Unrecht getan.
  55. 55Wahrlich, Gott gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr. Aber die meisten von ihnen wissen es nicht.
  56. 56Er macht lebendig und lässt sterben. Zu ihm werdet ihr zurückgebracht.
  57. 57O ihr Menschen, schon ist eine Ermahnung von eurem Herrn zu euch gekommen – Heilung für das, was in der Brust ist, Rechtleitung und Barmherzigkeit für die Gläubigen.
  58. 58Sprich: An der Gunst Gottes und an seiner Barmherzigkeit – damit sollen sie sich freuen! Das ist besser als das, was sie zusammentragen.
  59. 59Sprich: Habt ihr gesehen? Was Gott euch an Versorgung herabgesandt hat – ihr macht aus ihr Verbotenes und Erlaubtes. Sprich: Hat Gott euch das erlaubt, oder erfindet ihr Lügen über Gott?
  60. 60Was meinen die, die Lügen über Gott erfinden, am Tag der Auferstehung? Wahrlich, Gott ist Inhaber von Gunst über die Menschen. Aber die meisten von ihnen sind nicht dankbar.
  61. 61Du bist in keiner Sache, und du verliest aus ihm keinen Koran, und ihr tut kein Werk, ohne dass wir Zeugen über euch sind, wenn ihr euch darin vertieft. Vor deinem Herrn entgeht nichts, was im Gewicht eines Atomstaubs auf der Erde oder im Himmel ist, nichts Kleineres und nichts Größeres, ohne dass es in einem klaren Buch wäre.
  62. 62Hört! Wahrlich, für die Schutzherren Gottes ist keine Furcht über sie, und sie sind nicht traurig.
  63. 63Die geglaubt haben und gottesfürchtig waren –
  64. 64ihnen gehört die frohe Botschaft im diesseitigen Leben und im Jenseits. Es gibt keine Veränderung der Worte Gottes. Das ist der gewaltige Erfolg.
  65. 65Lass dich nicht traurig machen durch ihre Rede! Wahrlich, alle Ehre gehört Gott. Er ist der Allhörende, der Allwissende.
  66. 66Hört! Wahrlich, Gott gehört, wer in den Himmeln und auf der Erde ist. Was folgen die, die anstatt Gottes Mit-Geseller anrufen? Sie folgen nur einer Vermutung. Sie schätzen nur.
  67. 67Er ist es, der euch die Nacht gemacht hat, damit ihr in ihr ruht, und den Tag, damit ihr seht. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das hört.
  68. 68Sie sagten: Gott hat sich einen Sohn genommen! Preis sei ihm! Er ist unbedürftig. Ihm gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Habt ihr eine Vollmacht dafür? Sagt ihr über Gott, was ihr nicht wisst?
  69. 69Sprich: Wahrlich, die Lügen über Gott erfinden, sind nicht erfolgreich.
  70. 70Genuss im diesseitigen Leben! Dann ist zu uns ihre Rückkehr. Dann lassen wir sie die harte Strafe für das kosten, was sie ungläubig waren.
  71. 71Verlese ihnen die Nachricht Noahs! Als er zu seinem Volk sagte: Mein Volk, wenn euch mein Verbleiben und meine Ermahnung mit den Zeichen Gottes schwer fällt – auf Gott vertraue ich. So fasst eure Sache und eure Mit-Geseller zusammen, dann sei eure Sache für euch nicht eine Sorge! Dann führt sie aus gegen mich und gewährt mir keinen Aufschub!
  72. 72Wenn ihr euch aber abkehrt – ich habe von euch keinen Lohn verlangt. Mein Lohn liegt nur bei Gott. Mir wurde befohlen, zu den Ergebenen zu gehören.
  73. 73Sie aber erklärten ihn für einen Lügner. Wir retteten ihn und die mit ihm im Schiff waren und machten sie zu Nachfolgern. Wir ertränkten die, die unsere Zeichen für Lüge erklärten. Sieh also, wie das Ende der Gewarnten war!
  74. 74Dann schickten wir nach ihm Gesandte zu ihren Völkern. Sie kamen zu ihnen mit den klaren Beweisen. Aber sie waren nicht zum Glauben bereit, an das, was sie vorher für Lüge erklärt hatten. So versiegeln wir die Herzen der Übergreifer.
  75. 75Dann schickten wir nach ihnen Moses und Aaron mit unseren Zeichen zu Pharao und seinen Vornehmen. Sie aber waren hochmütig und waren ein sündiges Volk.
  76. 76Als zu ihnen die Wahrheit von uns kam, sagten sie: Das ist wahrlich deutliche Magie!
  77. 77Moses sagte: Sagt ihr von der Wahrheit, als sie zu euch kam: Das ist Magie? Aber die Zauberer sind nicht erfolgreich.
  78. 78Sie sagten: Bist du zu uns gekommen, um uns von dem abzulenken, wobei wir unsere Väter gefunden haben, damit ihr beiden die Macht im Land habt? Wir glauben euch nicht.
  79. 79Pharao sagte: Bringt mir jeden wissenden Zauberer!
  80. 80Als die Zauberer kamen, sagte Moses zu ihnen: Werft, was ihr werfen wollt!
  81. 81Als sie warfen, sagte Moses: Was ihr gebracht habt, ist Magie. Wahrlich, Gott wird sie nichtig machen. Wahrlich, Gott bringt die Tat der Verderber nicht zum Erfolg.
  82. 82Gott verwirklicht die Wahrheit mit seinen Worten, auch wenn es den Sündern zuwider ist.
  83. 83Aber Moses glaubten nur Nachkommen aus seinem Volk – mit Furcht vor Pharao und ihren Vornehmen, dass er sie in Versuchung führt. Wahrlich, Pharao war hochmütig auf der Erde und einer der Maßlosen.
  84. 84Moses sagte: Mein Volk, wenn ihr an Gott geglaubt habt, so vertraut auf ihn, wenn ihr Ergebene seid!
  85. 85Sie sagten: Auf Gott vertrauen wir! Unser Herr, mache uns nicht zu einer Versuchung für das frevelhafte Volk!
  86. 86Errette uns mit deiner Barmherzigkeit vor dem ungläubigen Volk!
  87. 87Wir offenbarten Moses und seinem Bruder: Nehmt für euer Volk in Ägypten Häuser! Macht eure Häuser zu Gebetsstätten und verrichtet das Gebet! Verkünde den Gläubigen die frohe Botschaft!
  88. 88Moses sagte: Unser Herr, du hast Pharao und seinen Vornehmen Schmuck und Vermögen im diesseitigen Leben gegeben – damit sie von deinem Weg in die Irre führen, unser Herr! Unser Herr, lösche ihr Vermögen aus und versiegle ihre Herzen, sodass sie nicht glauben, bis sie die schmerzhafte Strafe sehen!
  89. 89Er sagte: Schon wurde euer Bittgebet erhört. So bleibt aufrecht und folgt nicht dem Weg derer, die nicht wissen!
  90. 90Wir brachten die Kinder Israels über das Meer. Pharao und seine Truppen verfolgten sie in Übergriff und Aggression, bis, als ihn das Ertrinken erreichte, er sagte: Ich glaube, dass es keinen Gott gibt außer dem, an den die Kinder Israels glauben. Ich gehöre zu den Ergebenen.
  91. 91Jetzt? Während du vorher ungehorsam warst und zu den Verderbern gehörtest?
  92. 92Heute aber retten wir dich mit deinem Leib, damit du ein Zeichen für die nach dir bist. Aber wahrlich, viele Menschen sind unachtsam über unsere Zeichen.
  93. 93Schon haben wir den Kindern Israels einen wahrhaftigen Wohnsitz gegeben und sie mit guten Dingen versorgt. Sie wurden aber nicht uneinig, bis das Wissen zu ihnen kam. Wahrlich, dein Herr entscheidet zwischen ihnen am Tag der Auferstehung über das, worin sie uneinig waren.
  94. 94Wenn du im Zweifel bist über das, was wir zu dir herabgesandt haben, so frage die, die das Buch vor dir lesen! Schon ist die Wahrheit von deinem Herrn zu dir gekommen. So gehöre nicht zu den Zweifelnden!
  95. 95Gehöre auch nicht zu denen, die die Zeichen Gottes für Lüge erklären! Sonst wärst du von den Verlierern.
  96. 96Wahrlich, die, an denen sich das Wort deines Herrn erfüllt hat, glauben nicht,
  97. 97auch wenn alle Zeichen zu ihnen kommen, bis sie die schmerzhafte Strafe sehen.
  98. 98Hätte doch eine Stadt geglaubt, sodass ihr Glaube ihr genützt hätte! Außer dem Volk des Jonas: Als sie glaubten, hoben wir von ihnen die Strafe der Schande im diesseitigen Leben und gaben ihnen Genuss bis zu einer Zeit.
  99. 99Hätte dein Herr gewollt, hätten alle auf der Erde glaubend geworden, allesamt. Wirst du nun die Menschen zwingen, dass sie Gläubige werden?
  100. 100Es ziemt sich für keine Seele zu glauben, außer mit Gottes Erlaubnis. Er legt die Unreinheit auf die, die nicht verständig sind.
  101. 101Sprich: Schaut, was in den Himmeln und auf der Erde ist! Aber die Zeichen und die Warner nützen nichts einem Volk, das nicht glaubt.
  102. 102Erwarten sie etwas anderes als die Tage derer, die vor ihnen vergangen sind? Sprich: Wartet! Ich gehöre mit euch zu den Wartenden.
  103. 103Dann retten wir unsere Gesandten und die, die geglaubt haben. So ist es für uns eine Pflicht, dass wir die Gläubigen retten.
  104. 104Sprich: O ihr Menschen, wenn ihr im Zweifel über meine Religion seid, so diene ich nicht dem, was ihr anstatt Gottes dient. Vielmehr diene ich Gott, der euch abberuft. Mir wurde befohlen, zu den Gläubigen zu gehören,
  105. 105und: Richte dein Gesicht zur Religion als Hanīf, und gehöre nicht zu den Beigesellenden!
  106. 106Rufe nicht anstatt Gottes etwas an, was dir weder nützt noch schadet! Wenn du es tust, gehörst du zu den Frevlern.
  107. 107Wenn Gott dich mit Schaden berührt, gibt es niemanden, der ihn aufhebt außer ihm. Wenn er dir aber Gutes will, gibt es niemanden, der seine Gunst aufhalten könnte. Er erreicht damit, wen er will, von seinen Dienern. Er ist allverzeihend, barmherzig.
  108. 108Sprich: O ihr Menschen, schon ist die Wahrheit von eurem Herrn zu euch gekommen. Wer rechtgeleitet ist, ist nur für seine eigene Seele rechtgeleitet. Wer in die Irre geht, geht nur gegen sie in die Irre. Ich bin kein Sachwalter über euch.
  109. 109Folge dem, was zu dir offenbart wird, und sei geduldig, bis Gott entscheidet! Er ist der beste der Entscheidenden.

Einordnung & Bedeutung

Worum es geht

Sure 10 ist spätmekkanisch und steht in unmittelbarer Tradition der Suren 6 und 7. Wie diese ist sie theologisch dicht und voller Propheten-Erzählungen. Aber sie hat eine besondere Pointe: Sie behandelt nicht primär das Strafgericht über die Ungläubigen, sondern auch die Möglichkeit der Umkehr – und gibt mit der Jonas-Erzählung das einzige Beispiel einer Stadt, die nicht vernichtet wurde, weil sie umgekehrt ist.

Diese Akzentverschiebung macht Sure 10 zu einer ungewöhnlichen Sure. Mohammed sprach in dieser späten mekkanischen Zeit in einer schwierigen Lage: Die Quraisch waren immer härter geworden, Verfolgung hatte zugenommen, viele Muslime waren nach Äthiopien geflohen. Mohammed selbst hatte einen seiner schwersten Tiefpunkte (das Jahr 619, in dem Khadidscha und Abū Ṭālib starben) bereits hinter sich. Trotzdem öffnet die Sure einen Spalt der Hoffnung: Vielleicht kehren die Mekkaner doch um, wie Ninive umkehrte.

Vers 3 – Schöpfung und Thron

Vers 3 enthält eine der klassischen koranischen Schöpfungs-Aussagen: „Wahrlich, euer Herr ist Gott, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat. Dann hat er sich auf dem Thron erhoben."

Die „sechs Tage" sind die klassische Schöpfungs-Dauer auch im Koran. Sie haben Parallelen zu Genesis 1, aber im Koran wird ein wichtiger Unterschied gemacht: Gott „ruht" nach der Schöpfung nicht. Es gibt im Islam keinen Sabbat. Stattdessen erhebt sich Gott „auf dem Thron" (istawā ʿalā l-ʿarsch) – ein Bild der fortgesetzten Souveränität. Vers 31 (später in der Sure) macht klar: „Wer ordnet die Sache?" – Gott ordnet die Welt fortlaufend, nicht nur einmal am Anfang.

Die Thron-Stelle (istawā) ist klassisch theologisch heikel. Bedeutet „sich erheben" eine räumliche Position? Die meisten theologischen Schulen lehnen wörtlich-räumliches Verständnis ab: Gott ist nicht „im Thron" oder „auf einem Stuhl". Die Aschʿariten lehren: „Wir wissen, dass Gott sich erhoben hat – wie, wissen wir nicht." Die Sufis verstehen es als Bild der Souveränität ohne räumliche Implikation.

Vers 5 – Sonne und Mond

Vers 5 ist eine bemerkenswert präzise Naturbeobachtung: „Er ist es, der die Sonne zu einem hellen Schein und den Mond zu einem Licht gemacht und ihm Phasen bestimmt hat."

Bemerkenswert ist die Unterscheidung zwischen Sonne und Mond. Die Sonne hat einen hellen Schein (ḍiyāʾ) – also Eigen-Leuchten. Der Mond hat ein Licht (nūr) – im Arabischen oft als reflektiertes Licht verstanden. Der Vers macht damit eine Aussage, die modernes astronomisches Wissen bestätigt: Die Sonne ist eine Lichtquelle, der Mond reflektiert nur. Manche modernen muslimischen Autoren zitieren diese Stelle als Beispiel für die wissenschaftliche Präzision des Korans.

Die Argumentations-Kette für den Koran (Verse 15–17, 37–38)

Mehrere Stellen in der Sure begründen die Echtheit des Korans. Die Argumentation:

Vers 15: Die Gegner sagen: „Bring einen anderen Koran her oder verändere ihn!" Mohammeds Antwort: „Es liegt nicht an mir, ihn aus mir selbst heraus zu verändern. Ich folge nur dem, was zu mir offenbart wird." Das ist eine wichtige Aussage zur Passivität des Propheten in der Offenbarung. Der Koran kommt zu Mohammed – er macht ihn nicht.

Vers 16: „Schon habe ich vor ihm ein Leben unter euch verbracht." Mohammed lebte 40 Jahre lang unter den Mekkanern als ein normaler Mann – kein Dichter, kein Wahrsager, kein religiöser Reformer. Hätte er den Koran erfunden, wäre das aus dem Nichts heraus geschehen. Diese biographische Vorgeschichte ist im klassischen Verständnis ein Echtheitsbeweis.

Vers 38: Die berühmte Herausforderung: „Bringt eine Sure gleich ihm her und ruft, wen ihr außer Gott könnt, wenn ihr wahrhaftig seid!" Diese „Herausforderung-Verse" (auch in Sure 2,23; 11,13; 17,88; 52,33–34) sind die koranische Form des Echtheitsbeweises: Wer behauptet, der Koran sei erfunden, soll eine Sure ähnlicher Qualität schaffen. Im klassischen islamischen Verständnis ist dieser Herausforderung nie jemand gerecht geworden – dies ist die Lehre von der iʿdschāz – der „Unnachahmlichkeit" des Korans.

Vers 25 – „Wohnstätte des Friedens"

Vers 25 ist eine der schönsten Stellen der Sure: „Gott ruft zur Wohnstätte des Friedens und leitet, wen er will, zu einem geraden Weg."

Die Wohnstätte des Friedens (dār as-salām) ist im Koran ein Bezeichnung für das Paradies. Aber der Begriff ist tiefer: salām bedeutet sowohl „Frieden" als auch „Heil". Dār as-salām ist also gleichzeitig der „Ort des Friedens" und der „Ort des Heils". Im sufischen Verständnis ist es schon jetzt in dem Maße erreichbar, in dem der Mensch im inneren Frieden lebt – das Paradies beginnt im Herzen.

Die Stadt Bagdad wurde später als Madīnat as-Salām – „Stadt des Friedens" – gegründet (762 n. Chr. durch al-Mansūr). Der Name war eine bewusste Anspielung auf diesen koranischen Begriff.

Vers 32 – die rhetorische Schlüsselfrage

Vers 32 ist eine der theologisch dichtesten Aussagen des Korans: „Das ist Gott, euer wahrer Herr. Was ist nach der Wahrheit außer der Verirrung?"

Diese Stelle wird im Islam oft zitiert. Sie macht eine binäre Aussage: Es gibt Wahrheit und es gibt Verirrung. Nach der erkannten Wahrheit kann nichts anderes mehr legitim sein. Wer die Wahrheit kennt und sich abwendet, ist per definitionem in der Verirrung.

Reformistische Lesarten verstehen die Aussage allerdings nicht exklusivistisch. Die „Wahrheit" ist nicht der Islam als institutioneller Religion, sondern Gott selbst. Was nicht zu Gott führt, ist Verirrung. Andere monotheistische Religionen, die zu Gott führen, fallen damit nicht unter den Vers.

Verse 71–74 – die Propheten-Kette in Miniatur

Die Sure enthält eine kurze Aufzählung der Propheten-Geschichte: Noah (Verse 71–73), die nicht-namentlich genannten Propheten nach ihm (Vers 74), dann ausführlich Moses und Aaron (Verse 75–93).

Bemerkenswert ist Vers 72 – Mohammed sagt durch Noahs Mund: „Mir wurde befohlen, zu den Ergebenen zu gehören." Auf Arabisch: min al-muslimīn. Diese Stelle macht klar: Noah war im koranischen Verständnis schon ein Muslim. Das Wort bezeichnet nicht eine später entstandene Religionsgemeinschaft, sondern eine grundsätzliche Haltung – „die sich Ergeben Habenden". In diesem Sinne sind alle Propheten Muslime; Mohammed ist nicht der erste, sondern der letzte in einer langen Reihe.

Die Pharao-Erzählung (Verse 75–93)

Die längste Propheten-Erzählung der Sure ist die Pharao-Erzählung. Sie folgt im Wesentlichen dem Muster von Sure 7, aber mit einigen besonderen Zügen:

Vers 87 – Häuser als Gebetsstätten: „Macht eure Häuser zu Gebetsstätten und verrichtet das Gebet!" Diese Stelle ist im verfolgten Islam wichtig: Wenn öffentliches Gebet nicht möglich ist, kann das Haus zur Moschee werden. Klassisch wird das so verstanden, dass die Israeliten unter Pharao keine öffentlichen Gebetsstätten haben konnten – sie sollten zu Hause beten. Die Stelle hat heute in Diaspora-Kontexten wieder Bedeutung.

Verse 90–92 – die berühmte Pharao-Bekehrung: Die zentrale Stelle. Pharao verfolgt die Israeliten ins Meer. Als das Ertrinken ihn erreicht, sagt er: „Ich glaube, dass es keinen Gott gibt außer dem, an den die Kinder Israels glauben. Ich gehöre zu den Ergebenen."

Aber Gott antwortet: „Jetzt? Während du vorher ungehorsam warst und zu den Verderbern gehörtest?"

Diese Stelle ist theologisch außerordentlich gewichtig. Sie macht klar: Sterbe-Bekehrungen sind problematisch. Wer sein ganzes Leben gegen Gott handelte und erst im Angesicht des Todes „glaubt", glaubt nicht wirklich – er hat Angst. Reue ist nur gültig, wenn sie aus Einsicht kommt, nicht aus Notwendigkeit.

Vers 92 fügt ein bemerkenswertes Detail hinzu: „Heute aber retten wir dich mit deinem Leib, damit du ein Zeichen für die nach dir bist." Pharaos Leib wird gerettet – als Zeichen für die Nachwelt. Im klassischen Verständnis: Pharaos Mumie sollte später gefunden werden. Manche moderne muslimische Autoren sehen darin eine Prophezeiung der Entdeckung der ägyptischen Pharaonen-Mumien im 19. und 20. Jahrhundert. Welcher Pharao genau gemeint ist (Ramses II.? Merneptah?), ist umstritten.

Vers 98 – die Jonas-Stelle

Vers 98 ist die programmatische Stelle, die der Sure ihren Namen gibt. Aber sie kommt überraschend spät – an einer scheinbar unauffälligen Position: „Hätte doch eine Stadt geglaubt, sodass ihr Glaube ihr genützt hätte! Außer dem Volk des Jonas: Als sie glaubten, hoben wir von ihnen die Strafe der Schande im diesseitigen Leben und gaben ihnen Genuss bis zu einer Zeit."

Diese Stelle ist theologisch einmalig im Koran. Sie nennt die einzige Stadt in der ganzen Heils-Geschichte, die durch ihre Umkehr gerettet wurde. Alle anderen – Noah's Volk, ʿĀd, Thamūd, Lots Stadt, Pharaos Ägypten – wurden vernichtet. Nur Ninive (das Volk des Jonas) glaubte rechtzeitig und wurde gerettet.

Die Erzählung selbst ist nicht in Sure 10, sondern verstreut in mehreren Suren (37,139–148; 68,48–50; 21,87–88). Der biblische Hintergrund (Buch Jona) erzählt: Jonas wurde nach Ninive gesandt, weigerte sich, floh per Schiff, wurde im Sturm ins Meer geworfen, vom großen Fisch verschluckt, dann ausgespien, ging schließlich nach Ninive und predigte. Die Stadt glaubte. Gott hob die Strafe auf. Jonas war darüber unglücklich, weil seine Prophezeiung nicht eintraf.

Vers 98 nimmt diese Erzählung in einer entscheidenden Pointe auf: Glaube vor der Strafe wirkt. Es ist nicht zu spät, wenn man rechtzeitig umkehrt. Diese Stelle hat sehr breite theologische Implikationen:

  • Gott ist nicht prinzipiell unerbittlich: Die Strafe ist nicht festgelegt. Sie kann durch echte Umkehr aufgehoben werden.
  • Die Pharao-Geschichte wird damit relativiert: Pharao war nicht „verloren" wegen göttlicher Vorherbestimmung – er war verloren, weil er zu spät umkehrte. Hätte er rechtzeitig wie Ninive umgekehrt, wäre er gerettet worden.
  • Es gibt Hoffnung für jedes Volk: Die Pointe für die mekkanischen Hörer ist offen. Mekka könnte das nächste Ninive sein. Es muss nicht das nächste Sodom sein.

Die Jonas-Erzählung ist eine der wenigen Stellen, wo Jude, Christ und Muslim sich in der Grunderzählung einig sind. Das Buch Jona ist sowohl in jüdischer als auch in christlicher Tradition (Jonas als Vorbild Jesu, der drei Tage im Grab war) wichtig. Im Koran ist Jonas (Yūnus) einer der wenigen biblischen Propheten, deren Geschichte fast unverändert übernommen wird.

Vers 99 – die explizite Anti-Zwang-Stelle

Direkt nach der Jonas-Stelle folgt Vers 99 mit einer der explizitesten Anti-Zwang-Aussagen des Korans: „Hätte dein Herr gewollt, hätten alle auf der Erde glaubend geworden, allesamt. Wirst du nun die Menschen zwingen, dass sie Gläubige werden?"

Diese Stelle ist außerordentlich wichtig. Sie steht parallel zu Sure 2,256 („Es gibt keinen Zwang in der Religion"), aber argumentiert anders. Während Sure 2,256 das Zwang-Verbot konstatiert, fragt Sure 10,99 nach dem theologischen Grund:

  • Wenn Gott alle Menschen zum Glauben hätte zwingen wollen, hätte er es gekonnt.
  • Er hat es nicht gewollt.
  • Wenn also Gott den Zwang nicht will – wie könntest du die Menschen zwingen?

Diese Stelle ist im modernen islamischen Reform-Diskurs zentral. Sie macht deutlich: Religiöser Pluralismus ist nicht eine Anomalie, sondern eine von Gott gewollte Realität. Wer Menschen zur Religion zwingt, handelt gegen Gottes Plan.

Vers 100 – die theologische Implikation

Vers 100 fügt eine bemerkenswerte Aussage hinzu: „Es ziemt sich für keine Seele zu glauben, außer mit Gottes Erlaubnis."

Das ist auf den ersten Blick paradox: Wenn niemand glauben kann außer mit Gottes Erlaubnis, wie können dann Menschen für ihren Unglauben gerichtet werden?

Diese Stelle ist eine der Hauptbasis-Texte der klassischen islamischen Debatte über Qadar (Vorherbestimmung) und freie Willen:

  • Die Dschabariten (extreme Determinen) lasen sie wörtlich: Glaube ist nur durch Gottes Erlaubnis möglich – also durch Vorherbestimmung.
  • Die Qadariten und Muʿtaziliten (Vertreter des freien Willens) lasen sie so: Gottes „Erlaubnis" ist die allgemeine Schöpfungs-Bedingung – sie schließt menschliche Entscheidung ein, nicht aus.
  • Die Aschʿariten (das spätere sunnitische Mainstream) lehrten eine Mittel-Position: kasb – „Erwerb". Gott schafft die Handlung; der Mensch „erwirbt" sie durch seine Zustimmung.

Diese Debatte ist über tausend Jahre geführt worden und nicht abschließend gelöst. Die meisten heutigen islamischen Theologien tendieren zur Aschʿariten-Position oder zu Varianten davon.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 10 ist die Sure der Hoffnung. Sie ist spätmekkanisch und kommt aus einer Zeit, in der Mohammed wenig Hoffnung haben konnte. Aber sie sagt: Die Jonas-Stadt war kein Zufall. Auch Mekka könnte umkehren. Auch die Mekkaner sind nicht verloren.

Charakteristisch für die Sure sind:

  • Theologische Dichte: Vers 32 („Was ist nach der Wahrheit außer der Verirrung?") ist eine klassische Stelle islamischer Theologie.
  • Naturbeobachtung: Vers 5 (Sonne als Eigenleuchten, Mond als reflektiertes Licht) wird heute oft zitiert.
  • Koran-Apologetik: Verse 15–17, 37–38 sind die berühmten „Herausforderungs"-Stellen zur Echtheit des Korans.
  • Pharaos-Sterbe-Szene: Verse 90–92 sind die theologisch wichtigste Stelle gegen Sterbe-Bekehrungen.
  • Jonas-Hoffnung: Vers 98 ist die einzige Stadt-Rettungs-Stelle des Korans.
  • Anti-Zwang: Vers 99 ist eine der wichtigsten Stellen gegen religiösen Zwang.

Im modernen Diskurs ist die Sure besonders relevant für:

  1. Theologie der Hoffnung: Auch verlorene Situationen sind nicht endgültig verloren. Umkehr ist immer möglich.
  2. Religiöse Toleranz: Vers 99 ist eine der direktesten koranischen Stellen gegen religiösen Zwang.
  3. Wissenschaftliche Aufgeschlossenheit: Vers 5 (Sonne/Mond) ist Standardbeispiel für „wissenschaftliche Wunder" des Korans.
  4. Verhältnis zu Judentum und Christentum: Vers 94 sagt Mohammed: „Wenn du im Zweifel bist über das, was wir zu dir herabgesandt haben, so frage die, die das Buch vor dir lesen!" Diese Stelle ist im interreligiösen Dialog wichtig – sie autorisiert die Konsultation jüdischer und christlicher Schriftgelehrter.

Die Sure schließt mit einer charakteristischen Mohammed-Selbstaussage (V108–109): „Wer rechtgeleitet ist, ist nur für seine eigene Seele rechtgeleitet. Wer in die Irre geht, geht nur gegen sie in die Irre. Ich bin kein Sachwalter über euch." Mohammed ist kein Erzwinger, sondern ein Verkünder. Das ist die Grundhaltung des Propheten in der Sure – und das macht sie zur theologisch reifen Schlussbotschaft der mekkanischen Periode.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Yūnus / Jonas – der biblische Jona; im Koran namentlich nur in Vers 98 – aber programmatisch
  • Vers 3 – istawā ʿalā l-ʿarsch – „Erhebung auf dem Thron" – klassisches Problem theologischer Anthropomorphismen
  • Vers 5 – Sonne und Mond – wissenschaftliche Präzision: Sonne als Eigenleuchten (ḍiyāʾ), Mond als Licht (nūr)
  • Vers 25 – dār as-salām – „Wohnstätte des Friedens" – sufisch sowohl Paradies als auch innerer Friedens-Zustand
  • Vers 32 – „Was ist nach der Wahrheit außer der Verirrung?" – theologisches Schlüsselwort
  • Verse 37–38 – iʿdschāz – die Echtheits-Herausforderung: „Bringt eine Sure gleich ihm her!"
  • Verse 90–92 – Pharaos Sterbe-Bekehrung – die wichtigste Stelle gegen Sterbe-Bekehrungen; Mumie als Zeichen für die Nachwelt
  • Vers 98 – Ninive – die einzige Stadt der Heils-Geschichte, die durch Umkehr gerettet wurde
  • Vers 99 – Anti-Zwang – „Wirst du nun die Menschen zwingen?" – eine der direktesten Anti-Zwangs-Stellen
  • Vers 100 – Qadar – „Es ziemt sich für keine Seele zu glauben, außer mit Gottes Erlaubnis" – Basis-Stelle der Vorherbestimmungs-Debatte