Sure 9
Die Reue
At-Tauba
Worum geht's?
Die politisch brisanteste Sure des Korans und seine letzte umfassend offenbarte Sure. At-Tauba enthält die berüchtigten „Schwert-Verse" (V5, V29), den Dschizya-Vers über die Schutzsteuer, die Tabūk-Expedition (V38–123) und die Geschichte der drei Zurückgelassenen (V117–119), die der Sure einen anderen Namen gegeben hat: „Die Reue". Die Sure ist die einzige, die ohne Basmala („Im Namen Gottes...") beginnt – ein klassisches theologisches Rätsel. Sie braucht besondere Sorgfalt: Die Schwert-Verse müssen im historischen Kontext einer ganz bestimmten Konfliktsituation gelesen werden, mit drei klaren Lesarten (klassisch-fundamentalistisch, historisch-kontextuell, reformistisch), und in Spannung zur Friedensneigung in Sure 8,61 und zum Anti-Zwangs-Vers in Sure 10,99.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Eine Lossagung von Gott und seinem Gesandten an die unter den Beigesellenden, mit denen ihr einen Bund geschlossen habt:
- 2Wandert auf der Erde vier Monate umher und wisst, dass ihr Gott nicht entgehen werdet und dass Gott die Ungläubigen beschämen wird!
- 3Eine Verkündigung von Gott und seinem Gesandten an die Menschen am Tag der großen Pilgerfahrt: Gott und sein Gesandter sind den Beigesellenden gegenüber frei. Wenn ihr umkehrt, ist es besser für euch. Wenn ihr euch aber abkehrt, so wisst, dass ihr Gott nicht entgehen werdet! Verkünde denen, die ungläubig sind, eine schmerzhafte Strafe –
- 4außer denen unter den Beigesellenden, mit denen ihr einen Bund geschlossen habt, die dann nichts an ihm gemindert und niemanden gegen euch unterstützt haben. So erfüllt ihnen ihren Bund bis zu seiner Frist! Wahrlich, Gott liebt die Gottesfürchtigen.
- 5Wenn die heiligen Monate vergangen sind, so tötet die Beigesellenden, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen an jeder Stelle auf! Wenn sie aber umkehren, das Gebet verrichten und das Almosen geben, so lasst ihren Weg frei! Wahrlich, Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 6Wenn einer der Beigesellenden Schutz von dir sucht, so gewähre ihm Schutz, bis er das Wort Gottes hört! Dann lass ihn zu seinem sicheren Ort gelangen! Das ist, weil sie ein Volk sind, das nicht weiß.
- 7Wie sollte für die Beigesellenden ein Bund bei Gott und bei seinem Gesandten sein – außer denen, mit denen ihr bei der heiligen Moschee einen Bund geschlossen habt? Solange sie euch gegenüber aufrecht sind, seid auch ihnen gegenüber aufrecht! Wahrlich, Gott liebt die Gottesfürchtigen.
- 8Wie, wenn sie euch besiegen, beachten sie weder Verwandtschaft noch Schutzbund mit euch! Sie wollen euch mit ihren Mündern gefallen, aber ihre Herzen weigern sich. Die meisten von ihnen sind Frevler.
- 9Sie haben die Zeichen Gottes gegen einen geringen Preis verkauft und vom Weg Gottes abgehalten. Wahrlich, schlimm ist, was sie zu tun pflegten.
- 10Sie beachten weder Verwandtschaft noch Schutzbund bei einem Gläubigen. Diese sind die Übergreifer.
- 11Wenn sie aber umkehren, das Gebet verrichten und das Almosen geben, so sind sie eure Brüder in der Religion. Wir erklären die Zeichen für ein Volk, das weiß.
- 12Wenn sie aber ihre Eide nach ihrem Bund brechen und eure Religion schmähen, so kämpft gegen die Anführer des Unglaubens! Wahrlich, ihre Eide bedeuten ihnen nichts – vielleicht hören sie auf!
- 13Werdet ihr nicht ein Volk bekämpfen, das seine Eide gebrochen und sich vorgenommen hat, den Gesandten zu vertreiben, und das euch zuerst angefangen hat? Fürchtet ihr sie? Gott hat mehr Recht, dass ihr ihn fürchtet, wenn ihr Gläubige seid!
- 14Bekämpft sie! Gott wird sie durch eure Hände bestrafen und sie demütigen und euch gegen sie helfen. Er wird die Brüste eines gläubigen Volkes heilen,
- 15und er wird den Zorn ihrer Herzen wegnehmen. Gott wendet sich aber zu, wem er will. Gott ist allwissend, weise.
- 16Oder meintet ihr, in Ruhe gelassen zu werden, während Gott noch nicht die unter euch erkannt hat, die sich eingesetzt und keinen Vertrauten außer Gott, seinem Gesandten und den Gläubigen genommen haben? Gott ist kundig über das, was ihr tut.
- 17Es ziemt sich nicht für die Beigesellenden, die Stätten Gottes zu besuchen, indem sie gegen sich selbst den Unglauben bezeugen. Diese – ihre Werke sind verloren. Sie sind im Feuer ewig.
- 18Die Stätten Gottes besucht nur, wer an Gott und den Letzten Tag glaubt, das Gebet verrichtet, das Almosen gibt und niemanden außer Gott fürchtet. Diese werden vielleicht zu den Rechtgeleiteten gehören.
- 19Habt ihr das Wasserspenden für den Pilger und das Besuchen der heiligen Moschee gleichgesetzt mit dem, was der tut, der an Gott und den Letzten Tag glaubt und sich auf dem Weg Gottes eingesetzt hat? Sie sind bei Gott nicht gleich. Gott leitet das frevelhafte Volk nicht.
- 20Die geglaubt, ausgewandert sind und sich auf dem Weg Gottes mit ihrem Vermögen und ihren Personen eingesetzt haben, sind höher in Stufen bei Gott. Diese sind die Erfolgreichen.
- 21Ihr Herr verkündet ihnen frohe Botschaft von Barmherzigkeit von ihm, Wohlgefallen und Gärten, in denen sie beständigen Genuss haben –
- 22darin sind sie ewig. Wahrlich, bei Gott ist ein gewaltiger Lohn.
- 23O ihr, die ihr glaubt! Nehmt nicht eure Väter und eure Brüder zu Vertrauten, wenn sie den Unglauben gegenüber dem Glauben lieber haben! Wer von euch sie zu Vertrauten nimmt – diese sind die Frevler.
- 24Sprich: Wenn eure Väter, eure Söhne, eure Brüder, eure Gattinnen, eure Sippe, Vermögen, das ihr erworben habt, ein Handel, dessen Stocken ihr fürchtet, oder Wohnstätten, die euch gefallen, euch lieber sind als Gott, sein Gesandter und das Sich-Einsetzen auf seinem Weg – so wartet, bis Gott seinen Befehl bringt! Gott leitet das frevelhafte Volk nicht.
- 25Schon hat Gott euch an vielen Orten geholfen – auch am Tag von Ḥunain, als euch eure Vielzahl gefiel. Aber sie nützte euch nichts. Die Erde wurde euch eng, so weit sie war. Dann wandtet ihr den Rücken zur Flucht.
- 26Dann sandte Gott seine Sakīna auf seinen Gesandten und auf die Gläubigen herab. Er sandte Truppen herab, die ihr nicht saht, und bestrafte die, die ungläubig waren. Das ist der Lohn der Ungläubigen.
- 27Dann wendet sich Gott danach zu, wem er will. Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 28O ihr, die ihr glaubt! Die Beigesellenden sind nur Unreinheit. So sollen sie sich der heiligen Moschee nach diesem ihrem Jahr nicht mehr nähern! Wenn ihr Armut fürchtet, so wird euch Gott reich machen aus seiner Gunst, wenn er will. Wahrlich, Gott ist allwissend, weise.
- 29Bekämpft die, die nicht an Gott glauben und nicht an den Letzten Tag, die nicht für verboten erklären, was Gott und sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht der wahren Religion folgen – von denen, denen das Buch gegeben wurde! Bis sie die Schutzsteuer entrichten, aus der Hand, und sich klein zeigen!
- 30Die Juden sagten: ʿUzair ist der Sohn Gottes! Die Christen sagten: Der Messias ist der Sohn Gottes! Das ist ihre Rede mit ihren Mündern. Sie sagen das, was die früher ungläubig waren, gesagt haben. Möge Gott sie bekämpfen! Wie werden sie abgelenkt!
- 31Sie haben ihre Gelehrten und ihre Mönche und den Messias, den Sohn Marias, zu Herren neben Gott genommen. Ihnen wurde aber nur befohlen, einem einzigen Gott zu dienen. Es gibt keinen Gott außer ihm. Preis sei ihm und erhaben über das, was sie beigesellen!
- 32Sie wollen das Licht Gottes mit ihren Mündern auslöschen. Aber Gott will nur sein Licht vollenden, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist.
- 33Er ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um sie über die ganze Religion siegen zu lassen, auch wenn es den Beigesellenden zuwider ist.
- 34O ihr, die ihr glaubt! Viele der Gelehrten und der Mönche verzehren das Vermögen der Menschen in Falschheit und halten vom Weg Gottes ab. Die das Gold und das Silber horten und es nicht auf dem Weg Gottes ausgeben – verkünde ihnen eine schmerzhafte Strafe,
- 35an dem Tag, an dem es im Feuer der Hölle erhitzt wird und ihre Stirnen, Seiten und Rücken damit gebrandmarkt werden! Das ist es, was ihr für euch selbst gehortet habt. So kostet, was ihr zu horten pflegtet!
- 36Wahrlich, die Anzahl der Monate bei Gott ist zwölf Monate in der Schrift Gottes am Tag, da er die Himmel und die Erde erschuf. Von ihnen sind vier heilig. Das ist die richtige Religion. So tut euch in ihnen kein Unrecht und bekämpft die Beigesellenden alle zusammen, wie sie euch alle zusammen bekämpfen! Wisst, dass Gott mit den Gottesfürchtigen ist!
- 37Wahrlich, das Verschieben ist eine Vermehrung im Unglauben. Damit werden die, die ungläubig sind, in die Irre geführt. Sie erlauben es in einem Jahr und verbieten es in einem anderen Jahr, um die Anzahl dessen abzustimmen, was Gott für heilig erklärt hat. So erlauben sie, was Gott für verboten erklärt hat. Schön gemacht wurde ihnen das Schlechte ihrer Werke. Aber Gott leitet das ungläubige Volk nicht.
- 38O ihr, die ihr glaubt! Was ist mit euch, dass ihr, wenn euch gesagt wird: Rückt aus auf dem Weg Gottes! schwer zur Erde herabwerdet? Habt ihr das diesseitige Leben dem Jenseits vorgezogen? Der Genuss des diesseitigen Lebens ist im Vergleich zum Jenseits nichts.
- 39Wenn ihr nicht ausrückt, wird er euch mit einer schmerzhaften Strafe strafen und ein anderes Volk an euer Stelle setzen. Ihr werdet ihm nichts schaden. Gott hat über alles Macht.
- 40Wenn ihr ihm nicht helft, so hat Gott ihm schon geholfen: Als die ungläubig sind ihn vertrieben hatten, der Zweite von zwei, als die beiden in der Höhle waren, als er zu seinem Gefährten sagte: Sei nicht traurig! Gott ist mit uns! Da sandte Gott seine Sakīna auf ihn herab und stärkte ihn mit Truppen, die ihr nicht saht. Er machte das Wort derer, die ungläubig waren, zum Untersten und das Wort Gottes zum Obersten. Gott ist mächtig, weise.
- 41Rückt aus, leicht oder schwer, und setzt euch ein auf dem Weg Gottes mit eurem Vermögen und eurem Leben! Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet.
- 42Wäre es ein naher Genuss und eine maßvolle Reise, wären sie dir gefolgt. Aber die Entfernung war ihnen zu weit. Sie werden bei Gott schwören: Wenn wir gekonnt hätten, wären wir mit euch ausgerückt! Sie verderben sich selbst. Gott weiß, dass sie Lügner sind.
- 43Gott vergebe dir! Warum hast du ihnen Erlaubnis gegeben, bevor sich dir klargestellt hatte, welche die Wahrhaftigen sind, und du die Lügner erkannt hattest?
- 44Die an Gott und den Letzten Tag glauben, bitten dich nicht um Erlaubnis, sich nicht mit ihrem Vermögen und ihrem Leben einzusetzen. Gott weiß über die Gottesfürchtigen Bescheid.
- 45Um Erlaubnis bitten dich nur die, die an Gott und den Letzten Tag nicht glauben. Ihre Herzen sind im Zweifel. Sie wanken in ihrem Zweifel.
- 46Hätten sie ausrücken wollen, hätten sie etwas dafür vorbereitet. Aber Gott war ihren Aufbruch unangenehm, und er ließ sie zurückbleiben. Es wurde ihnen gesagt: Bleibt mit den Sitzenden!
- 47Wären sie mit euch ausgerückt, hätten sie euch nur Unordnung vermehrt und sich beeilt, unter euch Spaltung zu stiften. Unter euch sind welche, die ihnen zuhören. Aber Gott weiß über die Frevler Bescheid.
- 48Schon haben sie vorher Spaltung gesucht und für dich die Sachen verkehrt – bis die Wahrheit kam und der Befehl Gottes sich zeigte, während sie zuwider waren.
- 49Unter ihnen ist mancher, der sagt: Gib mir Erlaubnis und führe mich nicht in Versuchung! Sind sie nicht schon in Versuchung gefallen? Wahrlich, die Hölle umgibt die Ungläubigen.
- 50Wenn dir etwas Gutes widerfährt, kränkt es sie. Wenn dir aber eine Bedrängnis widerfährt, sagen sie: Wir haben unsere Sache vorher genommen! Sie wenden sich um und freuen sich.
- 51Sprich: Es trifft uns nichts außer dem, was Gott für uns vorgeschrieben hat. Er ist unser Schutzherr. Auf Gott sollen die Gläubigen vertrauen!
- 52Sprich: Erwartet ihr für uns etwas anderes als eines der beiden Schönsten? Wir aber erwarten für euch, dass Gott euch mit einer Strafe von ihm oder durch unsere Hände trifft. So wartet! Wir warten mit euch.
- 53Sprich: Gebt willig oder unwillig aus, es wird von euch nicht angenommen! Wahrlich, ihr seid ein frevelhaftes Volk.
- 54Was ihre Ausgaben verhindert, ist nur, dass sie an Gott und seinen Gesandten ungläubig sind, dass sie zum Gebet nur träge kommen und nur unwillig ausgeben.
- 55Lass dich nicht beeindrucken durch ihr Vermögen oder ihre Kinder! Gott will sie nur damit im diesseitigen Leben strafen und ihre Seelen ausgehen lassen, während sie ungläubig sind.
- 56Sie schwören bei Gott, dass sie zu euch gehören. Aber sie gehören nicht zu euch. Vielmehr sind sie ein Volk, das sich fürchtet.
- 57Wenn sie eine Zuflucht oder Höhlen oder ein Versteck fänden, würden sie sich wahrlich dorthin wenden – sie würden eilig dahinlaufen.
- 58Unter ihnen ist mancher, der dich wegen der Almosen tadelt. Wenn ihnen davon gegeben wird, sind sie zufrieden. Wenn ihnen aber nichts davon gegeben wird, sind sie verärgert.
- 59Hätten sie sich doch zufriedengegeben mit dem, was Gott und sein Gesandter ihnen gegeben haben, und gesagt: Gott genügt uns! Gott wird uns von seiner Gunst geben, auch sein Gesandter! Wir verlangen ja nur nach Gott!
- 60Wahrlich, die Almosen sind nur für die Armen und Bedürftigen, die mit ihnen Beschäftigten, die, deren Herzen gewonnen werden sollen, die Sklavenbefreiung, die Verschuldeten, auf dem Weg Gottes und den Wanderer – eine Vorschrift von Gott. Gott ist allwissend, weise.
- 61Unter ihnen sind welche, die dem Propheten Schaden zufügen und sagen: Er ist ein Ohr. Sprich: Ein Ohr des Guten für euch! Er glaubt an Gott und vertraut den Gläubigen. Er ist eine Barmherzigkeit für die, die unter euch geglaubt haben. Die aber dem Gesandten Gottes Schaden zufügen, haben eine schmerzhafte Strafe.
- 62Sie schwören euch bei Gott, um euch zu gefallen. Aber Gott und sein Gesandter haben mehr Recht, dass sie ihnen gefallen, wenn sie Gläubige sind.
- 63Wissen sie nicht, dass für den, der sich gegen Gott und seinen Gesandten stellt, das Feuer der Hölle ist, in dem er ewig ist? Das ist die gewaltige Schande.
- 64Die Heuchler fürchten, dass auf sie eine Sure herabgesandt würde, die ihnen mitteilt, was in ihren Herzen ist. Sprich: Spottet nur! Wahrlich, Gott bringt das ans Licht, was ihr fürchtet.
- 65Wenn du sie fragst, sagen sie: Wir haben nur geschwatzt und gescherzt. Sprich: Habt ihr also über Gott, seine Zeichen und seinen Gesandten gespottet?
- 66Entschuldigt euch nicht! Ihr seid ungläubig geworden nach eurem Glauben. Wenn wir einer Gruppe von euch vergeben, bestrafen wir eine andere Gruppe, weil sie Verbrecher waren.
- 67Die Heuchler und die Heuchlerinnen – einer ist vom anderen. Sie befehlen das Verwerfliche und verbieten das Gute. Sie ziehen ihre Hände zurück. Sie haben Gott vergessen, und er hat sie vergessen. Wahrlich, die Heuchler sind die Frevler.
- 68Gott hat den Heuchlern und Heuchlerinnen und den Ungläubigen das Feuer der Hölle versprochen, in dem sie ewig sind. Es genügt ihnen. Gott hat sie verflucht. Sie haben eine beständige Strafe.
- 69Wie die vor euch: Sie waren stärker an Macht als ihr, hatten mehr Vermögen und Kinder. Sie genossen ihren Anteil. So habt ihr euren Anteil genossen, wie die vor euch ihren Anteil genossen haben. Ihr habt geschwatzt, wie sie geschwatzt haben. Diese – ihre Werke sind im Diesseits und Jenseits verloren. Diese sind die Verlierer.
- 70Sind die Nachrichten derer, die vor ihnen waren, nicht zu ihnen gekommen? Das Volk Noahs, ʿĀd, Thamūd, das Volk Abrahams, die Bewohner von Madyan und die untergegangenen Städte? Ihre Gesandten kamen zu ihnen mit den klaren Beweisen. Aber Gott hat ihnen nicht Unrecht getan. Sie taten sich selbst Unrecht.
- 71Die Gläubigen und die Gläubigen-Frauen sind einander Schutzherren. Sie befehlen das Gute und verbieten das Verwerfliche. Sie verrichten das Gebet, geben das Almosen und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Diesen wird Gott Barmherzigkeit erweisen. Wahrlich, Gott ist mächtig, weise.
- 72Gott hat den Gläubigen und den Gläubigen-Frauen Gärten versprochen, durch die Bäche fließen, in denen sie ewig sind, und schöne Wohnstätten in den Gärten von ʿAdn. Wohlgefallen von Gott ist aber das Größte. Das ist der gewaltige Erfolg.
- 73Prophet, kämpfe gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart gegen sie! Ihre Bleibe ist die Hölle. Schlimm ist die Heimkehr!
- 74Sie schwören bei Gott, sie hätten nicht gesagt. Aber sie haben das Wort des Unglaubens gesagt und sind nach ihrem Glauben ungläubig geworden. Sie hatten sich vorgenommen, was sie nicht erreicht haben. Sie schmähten nur, weil Gott und sein Gesandter sie aus seiner Gunst reich gemacht haben. Wenn sie umkehren, ist es besser für sie. Wenn sie sich aber abkehren, wird Gott sie mit einer schmerzhaften Strafe im Diesseits und Jenseits strafen. Sie haben auf der Erde keinen Vertrauten und keinen Helfer.
- 75Unter ihnen ist mancher, der mit Gott einen Bund schloss: Wenn er uns von seiner Gunst gibt, werden wir wahrlich Almosen geben und zu den Rechtschaffenen gehören.
- 76Als er ihnen aber von seiner Gunst gegeben hatte, geizten sie damit und kehrten sich ab, indem sie sich abwandten.
- 77Da gab er ihnen Heuchelei in ihre Herzen bis zum Tag, an dem sie ihn treffen, dafür dass sie Gott gegenüber gebrochen haben, was sie ihm versprochen haben, und dafür, dass sie zu lügen pflegten.
- 78Wissen sie nicht, dass Gott ihr Geheimes und ihr Vertrauliches kennt und dass Gott der Wisser des Verborgenen ist?
- 79Die die freiwilligen Almosen-Gebenden unter den Gläubigen tadeln und auch die, die nur ihre Anstrengung haben, und über sie spotten – Gott spottet ihrer. Sie haben eine schmerzhafte Strafe.
- 80Ob du um Vergebung für sie bittest oder nicht um Vergebung für sie bittest – wenn du auch siebzig Mal um Vergebung für sie bittest, wird Gott ihnen nicht vergeben. Das, weil sie an Gott und seinen Gesandten ungläubig waren. Gott leitet das frevelhafte Volk nicht.
- 81Die Zurückgelassenen freuten sich über ihren Sitz hinter dem Gesandten Gottes. Es war ihnen verhasst, sich mit ihrem Vermögen und ihrem Leben auf dem Weg Gottes einzusetzen. Sie sagten: Rückt nicht in der Hitze aus! Sprich: Das Feuer der Hölle ist heißer! Wenn sie es nur verstehen würden!
- 82Sie sollen wenig lachen und viel weinen als Lohn für das, was sie zu erwerben pflegten!
- 83Wenn Gott dich zu einer Gruppe von ihnen zurückbringt und sie dich um Erlaubnis zum Ausrücken bitten, so sprich: Ihr werdet niemals mit mir ausrücken und niemals mit mir einen Feind bekämpfen! Ihr habt euch zum ersten Mal gefreut, zurückzubleiben. So sitzt mit den Zurückbleibenden!
- 84Bete nie für einen von ihnen, der gestorben ist, und steh nicht an seinem Grab! Sie waren an Gott und seinen Gesandten ungläubig. Sie starben, während sie Frevler waren.
- 85Lass dich nicht beeindrucken durch ihr Vermögen und ihre Kinder! Gott will sie nur damit im diesseitigen Leben strafen und ihre Seelen ausgehen lassen, während sie ungläubig sind.
- 86Wenn eine Sure herabgesandt wurde: Glaubt an Gott und setzt euch mit seinem Gesandten ein! – bitten die Wohlhabenden unter ihnen dich um Erlaubnis und sagen: Lass uns mit den Sitzenden sein!
- 87Sie waren zufrieden, mit den Zurückbleibenden zu sein. Ihre Herzen wurden versiegelt, sodass sie nicht verständig sind.
- 88Aber der Gesandte und die mit ihm geglaubt haben, setzten sich mit ihrem Vermögen und ihrem Leben ein. Diese – ihnen gehört das Gute. Diese sind die Erfolgreichen.
- 89Gott hat ihnen Gärten bereitet, durch die Bäche fließen. Sie sind darin ewig. Das ist der gewaltige Erfolg.
- 90Die mit Entschuldigungen kamen unter den Beduinen, damit ihnen Erlaubnis gegeben werde, und die saßen, die Gott und seinen Gesandten belogen. Die ungläubig sind unter ihnen wird eine schmerzhafte Strafe treffen.
- 91Es ist keine Schuld auf den Schwachen, den Kranken und denen, die nichts haben, das sie ausgeben könnten, wenn sie zu Gott und seinem Gesandten gut gesinnt sind. Es gibt keinen Weg gegen die Gutestuenden. Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 92Auch nicht über die, die zu dir kamen, damit du sie versorgest, und denen du sagtest: Ich finde nichts, womit ich euch versorgen kann! Da kehrten sie um, während ihre Augen vor Trauer überflossen, dass sie nichts finden, was sie ausgeben könnten.
- 93Schuld ist nur auf den, die dich um Erlaubnis bitten, während sie reich sind. Sie sind zufrieden, mit den Zurückbleibenden zu sein. Gott hat ihre Herzen versiegelt. Sie wissen nicht.
- 94Sie werden sich bei euch entschuldigen, wenn ihr zu ihnen zurückkehrt. Sprich: Entschuldigt euch nicht! Wir werden euch nicht glauben. Schon hat Gott uns von euren Nachrichten unterrichtet. Gott wird euer Tun sehen, auch sein Gesandter. Dann werdet ihr zum Kenner des Verborgenen und Offenen zurückgebracht. Er teilt euch dann mit, was ihr getan habt.
- 95Sie werden bei Gott für euch schwören, wenn ihr zu ihnen zurückkehrt, damit ihr euch von ihnen abwendet. Wendet euch von ihnen ab! Sie sind Unreinheit. Ihre Bleibe ist die Hölle als Lohn für das, was sie zu erwerben pflegten.
- 96Sie werden für euch schwören, damit ihr zufrieden mit ihnen seid. Auch wenn ihr aber mit ihnen zufrieden seid – Gott ist nicht zufrieden mit dem frevelhaften Volk.
- 97Die Beduinen sind heftiger im Unglauben und in der Heuchelei und passender dazu, die Grenzen dessen nicht zu kennen, was Gott seinem Gesandten herabgesandt hat. Gott ist allwissend, weise.
- 98Unter den Beduinen ist mancher, der das, was er ausgibt, als Strafe ansieht und gegen euch das Schicksal abwartet. Über sie kommt das Schicksal des Üblen! Gott ist allhörend, allwissend.
- 99Unter den Beduinen ist mancher, der an Gott und den Letzten Tag glaubt und das, was er ausgibt, als Annäherung bei Gott und als Bitten des Gesandten ansieht. Das ist wahrlich eine Annäherung für sie. Gott wird sie in seine Barmherzigkeit eintreten lassen. Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 100Die Vordersten, die Ersten unter den Auswanderern und Helfern und die ihnen mit Gutestun gefolgt sind – Gott ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit ihm zufrieden. Er hat ihnen Gärten bereitet, durch die Bäche fließen. Sie sind darin ewig. Das ist der gewaltige Erfolg.
- 101Unter denen, die um euch herum sind, von den Beduinen, gibt es Heuchler. Auch unter den Leuten von Medina – sie verharren in der Heuchelei. Du kennst sie nicht. Wir kennen sie. Wir werden sie zweimal strafen. Dann werden sie zu einer gewaltigen Strafe zurückgebracht.
- 102Andere haben ihre Sünden bekannt. Sie haben gute Werke mit anderen schlechten vermischt. Vielleicht wendet sich ihnen Gott zu. Wahrlich, Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 103Nimm aus ihrem Vermögen Almosen, durch die du sie reinigst und läutest, und bete für sie! Wahrlich, dein Gebet ist eine Ruhe für sie. Gott ist allhörend, allwissend.
- 104Wissen sie nicht, dass Gott die Reue von seinen Dienern annimmt und die Almosen nimmt und dass Gott der sich Zuwendende, der Barmherzige ist?
- 105Sprich: Handelt! Gott wird euer Tun sehen, auch sein Gesandter und die Gläubigen. Ihr werdet zum Kenner des Verborgenen und Offenen zurückgebracht. Er teilt euch dann mit, was ihr getan habt.
- 106Andere sind dem Befehl Gottes überlassen – entweder straft er sie, oder er wendet sich ihnen zu. Gott ist allwissend, weise.
- 107Die eine Moschee errichtet haben, um Schaden, Unglauben und Spaltung unter den Gläubigen zu stiften und als Lauer für den, der vorher gegen Gott und seinen Gesandten Krieg geführt hat. Sie werden wahrlich schwören: Wir wollten nur Gutes. Aber Gott bezeugt, dass sie wahrlich Lügner sind.
- 108Stehe niemals in ihr! Eine Moschee, die auf Gottesfurcht vom ersten Tag an gegründet wurde, hat mehr Recht, dass du in ihr stehst. In ihr sind Männer, die es lieben, sich zu reinigen. Gott liebt die sich Reinigenden.
- 109Ist also der, der sein Gebäude auf Gottesfurcht von Gott und auf Wohlgefallen gegründet hat, besser, oder der, der sein Gebäude auf den Rand eines unterspülten Abhangs gegründet hat, sodass es mit ihm ins Feuer der Hölle stürzt? Gott leitet das frevelhafte Volk nicht.
- 110Ihr Gebäude wird nicht aufhören, Zweifel in ihren Herzen zu sein – außer ihre Herzen werden in Stücke gerissen. Gott ist allwissend, weise.
- 111Wahrlich, Gott hat von den Gläubigen ihre Personen und ihr Vermögen dafür gekauft, dass das Paradies ihnen gehört. Sie kämpfen auf dem Weg Gottes – sie töten und werden getötet. Ein wahres Versprechen darüber liegt in der Tora, im Evangelium und im Koran. Wer hält sein Versprechen treuer ein als Gott? So freut euch über euren Handel, den ihr mit ihm geschlossen habt! Das ist der gewaltige Erfolg.
- 112Die Umkehrenden, die Dienenden, die Lobenden, die Wandernden, die sich Verbeugenden, die sich Niederwerfenden, die das Gute Befehlenden, die das Verwerfliche Verbietenden und die, die die Grenzen Gottes wahren! Verkünde den Gläubigen frohe Botschaft!
- 113Es ziemt sich für den Propheten und die, die geglaubt haben, nicht, für die Beigesellenden um Vergebung zu bitten, auch wenn sie Verwandte sind, nachdem ihnen klargeworden ist, dass diese die Gefährten des Höllenfeuers sind.
- 114Abrahams Bitte um Vergebung für seinen Vater war nur aufgrund eines Versprechens, das er ihm gemacht hatte. Als ihm aber klar wurde, dass er ein Feind Gottes war, sagte er sich von ihm los. Wahrlich, Abraham war wehmütig und nachsichtig.
- 115Gott würde ein Volk nicht in die Irre führen, nachdem er es rechtgeleitet hat, bis er ihnen klargemacht hat, was sie zu fürchten haben. Wahrlich, Gott ist über alles wissend.
- 116Wahrlich, Gott gehört die Königsherrschaft der Himmel und der Erde. Er macht lebendig und lässt sterben. Ihr habt außer Gott keinen Vertrauten und keinen Helfer.
- 117Schon hat sich Gott dem Propheten zugewandt – auch den Auswanderern und den Helfern, die ihm in der Stunde der Not gefolgt sind, nachdem die Herzen einer Gruppe von ihnen beinahe abgewichen wären. Dann wandte er sich ihnen zu. Wahrlich, er ist gegen sie freundlich, barmherzig.
- 118Auch den drei Zurückgelassenen – bis ihnen die Erde eng wurde, so weit sie war, und ihre Seelen ihnen eng wurden und sie meinten, dass es vor Gott keine Zuflucht außer zu ihm gibt. Dann wandte er sich ihnen zu, damit sie umkehrten. Wahrlich, Gott ist der sich Zuwendende, der Barmherzige.
- 119O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Gott und seid mit den Wahrhaftigen!
- 120Es ziemte sich nicht für die Leute von Medina und die Beduinen um sie herum, hinter dem Gesandten Gottes zurückzubleiben und sich selbst über ihn zu stellen. Das, weil sie weder Durst noch Mühe noch Hunger auf dem Weg Gottes trifft, noch sie einen Schritt machen, der die Ungläubigen ärgert, noch sie einen Schaden von einem Feind erlangen, ohne dass es ihnen als gutes Werk angeschrieben wird. Wahrlich, Gott lässt den Lohn der Gutestuenden nicht verloren gehen.
- 121Sie geben keine Aufwendung aus – klein oder groß –, sie überqueren kein Tal, ohne dass es ihnen angeschrieben wird, damit Gott ihnen das Beste vergilt von dem, was sie zu tun pflegten.
- 122Es ziemt sich nicht für die Gläubigen, alle auszurücken. So sollte aus jeder Gruppe eine Schar ausrücken, damit sie in der Religion Verständnis erlangen und ihr Volk warnen, wenn sie zu ihnen zurückkehren, vielleicht hüten sie sich!
- 123O ihr, die ihr glaubt! Bekämpft die, die euch nahe sind unter den Ungläubigen, und sie sollen Härte bei euch finden! Wisst, dass Gott mit den Gottesfürchtigen ist!
- 124Wenn eine Sure herabgesandt wird, sagen einige von ihnen: Wem von euch hat diese den Glauben vermehrt? Was die geglaubt haben angeht – sie hat ihren Glauben vermehrt. Sie freuen sich.
- 125Was die aber angeht, in deren Herzen eine Krankheit ist – sie hat eine Unreinheit zu ihrer Unreinheit hinzugefügt. Sie sterben, während sie Ungläubige sind.
- 126Sehen sie nicht, dass sie jedes Jahr ein- oder zweimal in Versuchung geführt werden? Dann kehren sie aber nicht um, und sie lassen sich nicht ermahnen.
- 127Wenn eine Sure herabgesandt wird, schauen sie einander an: Sieht euch jemand? Dann wenden sie sich ab. Gott hat ihre Herzen abgewendet, weil sie ein Volk sind, das nicht versteht.
- 128Schon ist ein Gesandter aus euch zu euch gekommen. Es liegt ihm schwer, was euch bedrängt. Er ist begierig, dass es euch gut gehe. Mit den Gläubigen ist er freundlich, barmherzig.
- 129Wenn sie sich aber abwenden, so sprich: Gott genügt mir! Es gibt keinen Gott außer ihm. Auf ihn vertraue ich. Er ist der Herr des gewaltigen Thrones.
Einordnung & Bedeutung
Die wichtigste, schwierigste, und letzte umfassende Sure
Sure 9 ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Sie ist die politisch brisanteste Sure des Korans. Sie ist zeitlich die letzte große Sure – wahrscheinlich im 9. Jahr nach der Hidschra (= 631 n. Chr.) offenbart, nur ein Jahr vor Mohammeds Tod. Sie ist die einzige Sure, die ohne Basmala („Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen") beginnt – ein bis heute diskutiertes theologisches Rätsel.
Sie enthält Verse, die in der modernen islamistischen Bewegung am häufigsten zitiert werden – die sogenannten „Schwert-Verse" (V5 und V29). Sie enthält gleichzeitig Verse, die in der theologischen und seelsorgerlichen Tradition als sehr wichtig gelten – etwa die Geschichte der „drei Zurückgelassenen" (V117–119), die der Sure ihren Namen At-Tauba – „Die Reue" – gibt.
Eine ehrliche Behandlung dieser Sure verlangt mehr Sorgfalt als bei jeder anderen Sure. Sie zu glätten wäre unehrlich. Sie zu verteufeln aber auch. Was nötig ist, ist genaue historische Lokalisierung und differenzierte hermeneutische Reflexion.
Die fehlende Basmala
Sure 9 ist die einzige der 114 Suren, die nicht mit „Bismi-llāhi r-raḥmāni r-raḥīm" – „Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen" – beginnt. Diese formelhafte Eröffnungsformel steht über jeder anderen Sure (auch über Sure 1, die ganz aus ihr besteht).
Klassische Erklärungen für das Fehlen:
- ʿAlī: Die Basmala ist Frieden und Sicherheit. Sure 9 ist Krieg und Aufkündigung. Das passt nicht zusammen. Der Anfang („Eine Lossagung von Gott...") ist eine Aufkündigung, nicht ein Friedensgruß.
- Manche Gefährten: Sure 8 und Sure 9 wurden ursprünglich als eine Sure gelesen – die Basmala stand am Anfang von Sure 8. Erst spätere Redaktion teilte sie. (Diese Erklärung ist allerdings die schwächste.)
- Theologisch-symbolisch: Die Sure handelt von Untreue, Heuchelei und Krieg. Die Basmala – als Eingang Gottes der Barmherzigkeit in den Text – wäre ein Widerspruch zum Inhalt.
Die klassische Mainstream-Erklärung folgt ʿAlīs Linie: Sure 9 ist die Sure des Ernstes. Sie ist nicht für leichtes Lesen gedacht. Wer sie liest, betritt einen anderen Raum als bei den anderen Suren.
Der historische Kontext: das Jahr 631
Die Sure stammt aus dem 9. Jahr nach der Hidschra (Frühjahr 631). Mohammed hatte ein Jahr zuvor (Januar 630) Mekka friedlich erobert. Die Mekkaner hatten kapituliert. Mohammed war jetzt Herrscher über ein großes Gebiet auf der arabischen Halbinsel.
Im Spätsommer/Herbst 630 unternahm Mohammed die Tabūk-Expedition – einen Feldzug gegen die byzantinischen Grenztruppen im Norden Arabiens, basierend auf Gerüchten über einen geplanten byzantinischen Angriff auf Medina. Die Expedition war beschwerlich (gewaltige Hitze), aber endete ohne Kampf – die Byzantiner waren nicht da. Trotzdem war es ein wichtiger Test für die muslimische Gemeinschaft: Wer war wirklich loyal?
Im Frühjahr 631 fand die letzte große Pilgerfahrt vor Mohammeds Tod statt. Mohammed selbst ging nicht – er sandte Abū Bakr als Leiter. Während dieser Pilgerfahrt wurden Teile der Sure 9 vor den Mekkanern (die noch zum Teil heidnisch waren) verkündet. Mohammed schickte ʿAlī nach, um die Verkündung selbst durchzuführen – nach klassischer Tradition, weil bestimmte Aufkündigungen nur von einem nahen Verwandten des Propheten verkündet werden konnten.
Die Sure regelt damit eine spezifische historische Situation: Die letzten Verbliebenen der heidnischen Stämme in Arabien sollten zur Bekehrung oder zur Auswanderung gezwungen werden. Arabien sollte vollständig muslimisch werden. Bestehende Bündnisse mit heidnischen Stämmen wurden aufgekündigt – mit einer viermonatigen Übergangsfrist (V2).
Vers 5 – der berüchtigte „Schwert-Vers"
Vers 5 ist eine der meistzitierten und am häufigsten missverstandenen Stellen des Korans: „Wenn die heiligen Monate vergangen sind, so tötet die Beigesellenden, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen an jeder Stelle auf! Wenn sie aber umkehren, das Gebet verrichten und das Almosen geben, so lasst ihren Weg frei!"
Drei klassische Lesarten:
- Klassisch-fundamentalistisch: Der Vers gilt universal. Polytheisten überall können getötet werden. Diese Lesart wurde im klassischen Recht von einigen Juristen vertreten (besonders von der schiitischen und hanbalitischen Schule) und wird heute von militanten Gruppen aufgegriffen. Wichtig: Selbst diese Lesart sah die Erlaubnis als an strenge Bedingungen geknüpft – an einen wirklichen Krieg, nicht an Friedenszeiten.
- Historisch-kontextuell: Der Vers bezieht sich auf die ganz konkrete Situation der noch heidnischen mekkanischen Stämme im Jahr 631, die ihre Bündnisse mit Mohammed gebrochen hatten oder noch in feindseligem Verhältnis standen. Es ging um die Befriedung Arabiens, nicht um eine universale Tötungs-Erlaubnis. Diese Lesart ist die Mehrheits-Lesart der klassischen Auslegung. Die meisten klassischen Auslegungen lesen Vers 5 zusammen mit Vers 4 (die Bündnis-Treuen werden ausgenommen) und Vers 6 (Schutzgewährung wird ermöglicht). Der Vers ist keine Generalerlaubnis, sondern eine Reaktion auf Bündnisbruch.
- Reformistisch: Der Vers ist historisch geschlossen. Er bezieht sich auf eine ganz bestimmte Situation, die nicht mehr existiert. Es gibt heute keine bei der Kaaba ansässigen heidnischen Stämme mehr. Der Vers hat damit keine zeitgenössische rechtliche Wirkung. Diese Lesart wird von zeitgenössischen Reformern wie Mahmoud Taha, Khaled Abou El Fadl und anderen vertreten.
Wichtig sind die internen Begrenzungen des Verses selbst:
- „Wenn die heiligen Monate vergangen sind" – die heiligen Monate sind geschützt; die viermonatige Frist aus Vers 2 muss verstrichen sein.
- „Wenn sie aber umkehren, das Gebet verrichten und das Almosen geben, so lasst ihren Weg frei!" – die Bekehrung beendet den Konflikt sofort. Es geht nicht um Vernichtung, sondern um Bekehrung oder Verteidigung.
- Vers 6 fügt hinzu: „Wenn einer der Beigesellenden Schutz von dir sucht, so gewähre ihm Schutz, bis er das Wort Gottes hört!" – Der Schutzbittende muss angenommen werden. Sogar inmitten des Krieges hat der einzelne Heide ein Recht auf amān (Schutzgewährung).
Klassische Auslegungen verstehen Vers 5 deshalb als einen Kriegsvers, nicht als universalen Tötungsbefehl. Er gilt für die Behandlung von Kriegsgegnern in einer bestimmten Situation – wie alle Kriegsverse aller Zeiten und Kulturen.
Vers 29 – der Dschizya-Vers
Vers 29 ist die zweite kontroverse Stelle: „Bekämpft die, die nicht an Gott glauben und nicht an den Letzten Tag... – von denen, denen das Buch gegeben wurde! Bis sie die Schutzsteuer entrichten, aus der Hand, und sich klein zeigen!"
Hier geht es um die Leute der Schrift (Juden und Christen) – nicht um Polytheisten. Die Aussage: Sie sollen bekämpft werden, bis sie eine Schutzsteuer (dschizya) zahlen.
Historisch ist der Kontext klar: Der Vers wurde vor der Tabūk-Expedition gegen byzantinische Christen offenbart. Es ging um eine konkrete militärische Konfrontation mit dem byzantinischen Reich. Die Dschizya war ursprünglich ein Friedenssicherung-Instrument: Statt fortgesetzten Krieges zahlten unterworfene Buch-Leute eine Steuer; im Gegenzug bekamen sie amān (Schutz) und durften ihre Religion weiter praktizieren.
Das Dschizya-System wurde im klassischen Recht zur Grundlage des Schutzbürgers-Status (dhimma). Juden und Christen lebten unter muslimischer Herrschaft als dhimmīs: Sie zahlten die Dschizya, hatten interne Selbstverwaltung in religiösen und Familienfragen, durften ihre Gotteshäuser haben, durften aber nicht Krieg führen oder bestimmte Repräsentationsverbote überschreiten.
Dieses System war im Vergleich zur antiken Welt relativ tolerant: Jüdische und christliche Gemeinden in muslimischen Reichen überdauerten Jahrhunderte. Sie hatten oft mehr Rechte als unter byzantinischer oder mittelalterlich-christlicher Herrschaft. Maimonides – einer der größten jüdischen Denker – lebte im muslimischen Andalusien und Ägypten. Aber das System war auch zweitrangig: Dhimmīs waren Bürger zweiter Klasse. Die Klausel „aus der Hand, und sich klein zeigen" war demütigend.
Drei moderne Lesarten:
- Konservativ-traditionell: Das Dschizya-System bleibt ein potenzielles Modell. In einem idealen islamischen Staat würden Buchleute weiterhin Dschizya zahlen.
- Historisch-kontextuell: Die Dschizya war eine Form der Kriegsbeendigung im 7. Jahrhundert. Sie hat in modernen Staaten keine Anwendung – moderne Staaten haben einheitliche Steuersysteme für alle Bürger.
- Reformistisch: Die Dschizya ist mit modernen Staatsbürgerrechts-Konzepten nicht vereinbar. Sie war ein Schritt nach vorn im 7. Jahrhundert (Schutz statt Ausrottung), aber heute ist sie ein Schritt zurück. Vollständig zu überdenken.
Die meisten heutigen islamischen Staaten haben das Dschizya-System abgeschafft. Wo es vereinzelt von extremistischen Gruppen wieder eingeführt wurde (etwa vom Islamischen Staat 2014–2017), war es eine deutliche Abkehr vom Mainstream der zeitgenössischen islamischen Praxis.
Vers 30 – die anti-jüdische und anti-christliche Stelle
Vers 30 ist polemisch scharf: „Die Juden sagten: ʿUzair ist der Sohn Gottes! Die Christen sagten: Der Messias ist der Sohn Gottes! Das ist ihre Rede mit ihren Mündern. Sie sagen das, was die früher ungläubig waren, gesagt haben."
Die Stelle ist heikel. Die Behauptung, Juden glaubten, ʿUzair (Esra) sei Gottes Sohn, hat in der jüdischen Theologie keinerlei Grundlage. Vermutlich bezog sich der Koran auf eine Volksvorstellung in einer bestimmten lokalen jüdischen Gemeinschaft – möglicherweise im Jemen oder in einer jemenitisch geprägten Gruppe Medinas. Mainstream-Judentum hat Esra nie als Gottes Sohn verehrt.
Die Anti-Christen-Aussage spricht das Trinitäts-Dogma an – wie Sure 4,171 und 5,116. Hier ist die Polemik schärfer als an den anderen Stellen.
Tabūk und die Zurückgebliebenen (Verse 38–123)
Der Hauptteil der Sure behandelt die Tabūk-Expedition – Mohammeds großen Feldzug gegen die byzantinischen Grenztruppen im Herbst 630. Die Sure unterscheidet die Teilnehmer:
- Die Loyalen, die alles aufgegeben haben, um mitzukommen – sie werden gelobt.
- Die Heuchler (munāfiqūn), die nicht mitkamen und Lügen erfanden – sie werden scharf kritisiert.
- Die Entschuldigten – Kranke, Schwache, Arme, die nichts hatten, um auszurüsten – sie werden ausdrücklich entlastet (V91–92).
- Die drei Zurückgelassenen – die berühmte Sondergruppe.
Die drei Zurückgelassenen (Verse 117–119)
Vers 118 enthält eine der seelsorgerlich wichtigsten Stellen der Sure: „Auch den drei Zurückgelassenen – bis ihnen die Erde eng wurde, so weit sie war, und ihre Seelen ihnen eng wurden und sie meinten, dass es vor Gott keine Zuflucht außer zu ihm gibt. Dann wandte er sich ihnen zu, damit sie umkehrten."
Diese drei Männer – die klassische Tradition nennt sie Kaʿb ibn Mālik, Hilāl ibn Umayya und Murāra ibn ar-Rabīʿ – waren bei der Tabūk-Expedition zurückgeblieben. Im Gegensatz zu den Heuchlern logen sie aber nicht und gaben offen zu, dass sie nicht ausgerückt waren ohne triftigen Grund.
Mohammed verhängte über sie eine soziale Strafe: 50 Tage lang sollte niemand mit ihnen sprechen. Auch ihre Frauen mussten sich von ihnen trennen. Kaʿb ibn Mālik hat selbst die Geschichte später erzählt (in den Hadith-Sammlungen): Die Erde wurde eng. Er konnte nichts mehr tun. Niemand sprach mit ihm. Er weinte. Er betete. Nach 50 Tagen kam die Offenbarung von Vers 118 – Gott hatte ihnen vergeben.
Diese Stelle ist eine der wichtigsten der islamischen Spiritualität:
- Reue ist möglich, auch nach schwerwiegenden Fehlern.
- Ehrlichkeit zählt: Wer lügt (wie die Heuchler), wird nicht vergeben. Wer ehrlich seinen Fehler eingesteht, wird vergeben.
- Die soziale Isolation als Reinigungsprozess: Die 50 Tage Schweigen waren keine Strafe um der Strafe willen, sondern ein Reinigungsweg. „Die Erde wurde eng" – das ist eine spirituelle Aussage. Wer nichts mehr außer Gott hat, findet Gott.
- Gott „wandte sich ihnen zu, damit sie umkehrten": Diese Formulierung ist tief. Gott wendet sich zuerst zu – damit der Mensch umkehren kann. Reue ist eine göttliche Initiative, nicht primär menschliche Leistung.
Diese Geschichte ist der eigentliche Grund für den Namen der Sure: At-Tauba – „Die Reue". Mitten in den scharfen Kriegs- und Heuchelei-Versen steht diese seelsorgerlich tiefe Stelle.
Vers 60 – die acht Empfänger der Almosen
Vers 60 ist die rechtliche Grundlage der islamischen Sozialfürsorge: „Wahrlich, die Almosen sind nur für die Armen und Bedürftigen, die mit ihnen Beschäftigten, die, deren Herzen gewonnen werden sollen, die Sklavenbefreiung, die Verschuldeten, auf dem Weg Gottes und den Wanderer."
Die acht Kategorien der Zakāt-Empfänger:
- Arme (fuqarāʾ) – die völlig Mittellosen
- Bedürftige (masākīn) – die mit weniger als dem Existenzminimum
- Almosen-Sammler – die Verwaltungsbeamten
- Die, deren Herzen gewonnen werden sollen (al-muʾallafa qulūbuhum) – Neu-Konvertiten oder potentiell zu gewinnende Personen
- Sklavenbefreiung – Sklaven freikaufen
- Verschuldete – Menschen mit drückenden Schulden
- „Auf dem Weg Gottes" (fī sabīl Allāh) – traditionell Kämpfer, heute oft erweitert auf Bildung, Gemeinde-Arbeit, soziale Projekte
- Wanderer (ibn as-sabīl) – Reisende ohne Mittel
Diese acht Kategorien sind die Grundlage des klassischen islamischen Sozialwesens. Sie zeigen ein bemerkenswert breites Verständnis von Bedürftigkeit – nicht nur Armut, sondern auch Verschuldung, Sklaverei, Reise-Notlagen. Sklavenbefreiung als institutionalisierter Verwendungszweck der Sozialsteuer war im 7. Jahrhundert eine sehr fortschrittliche Bestimmung.
Vers 71 – die geschlechter-egalitäre Stelle
Vers 71 ist im modernen Diskurs wichtig: „Die Gläubigen und die Gläubigen-Frauen sind einander Schutzherren. Sie befehlen das Gute und verbieten das Verwerfliche."
Bemerkenswert ist die Symmetrie: Sowohl Männer als auch Frauen sind awliyāʾ – Schutzherren – einander. Beide haben das Recht und die Pflicht, das Gute zu befehlen und das Verwerfliche zu verbieten. Diese aktive ethische Rolle ist im Koran nicht den Männern vorbehalten. Beide Geschlechter sind gleichberechtigte Akteure in der Gemeinschaftsverantwortung.
Diese Stelle wird im modernen islamischen Feminismus oft zitiert. Sie steht im Spannungsverhältnis zu Sure 4,34 (dem qawwāmūn-Vers): Reformer argumentieren, dass die Stellen zusammen gelesen werden müssen, mit dem Ergebnis einer komplementären, nicht hierarchischen Geschlechter-Beziehung.
Vers 105 – „Handelt!"
Vers 105 ist eine der spirituell tiefsten Stellen der Sure: „Sprich: Handelt! Gott wird euer Tun sehen, auch sein Gesandter und die Gläubigen."
Die Aussage ist einfach, aber wichtig. Glaube ist nicht nur Gefühl oder Bekenntnis – Glaube ist Handeln. Was zählt, ist nicht, was man sagt, sondern was man tut. Und das Tun wird gesehen – von Gott und von den Mitgläubigen.
Diese Stelle ist die wichtigste anti-quietistische Aussage des Korans: Religion ist nicht Rückzug aus der Welt, sondern Tätigkeit in der Welt. Sie wird in modernen Reform-Bewegungen oft als Aufruf zur sozialen und politischen Verantwortung zitiert.
Vers 122 – die Aufrufung zur Bildung
Vers 122 ist eine bemerkenswerte Stelle: „Es ziemt sich nicht für die Gläubigen, alle auszurücken. So sollte aus jeder Gruppe eine Schar ausrücken, damit sie in der Religion Verständnis erlangen und ihr Volk warnen, wenn sie zu ihnen zurückkehren."
Inmitten der Kriegs-Verse plötzlich diese Stelle: Nicht alle sollen zum Kampf gehen – einige sollen studieren. Sie sollen in der Religion Verständnis erlangen (tafaqquh) und dann ihre Gemeinden lehren.
Diese Stelle ist die klassische koranische Grundlage des religiösen Studiums (fiqh). Sie zeigt: Selbst in Kriegszeiten ist Bildung wichtig. Die Verantwortung der Gemeinschaft umfasst nicht nur Verteidigung, sondern auch Lehre.
Die letzten zwei Verse (Verse 128–129)
Die Sure endet mit zwei der bewegendsten Verse des Korans. Vers 128: „Schon ist ein Gesandter aus euch zu euch gekommen. Es liegt ihm schwer, was euch bedrängt. Er ist begierig, dass es euch gut gehe. Mit den Gläubigen ist er freundlich, barmherzig."
Dieser Vers ist eine bewegende Beschreibung Mohammeds. Er ist aus dem Volk – ein Mensch wie alle anderen. Es liegt ihm schwer, was seinen Hörern bedrängt – er fühlt mit. Er ist begierig, dass es ihnen gut gehe – seine Absicht ist ihre Wohlfahrt. Mit den Gläubigen ist er freundlich, barmherzig. Diese Worte – raʾūf, raḥīm – werden im Koran sonst fast nur für Gott verwendet. Mohammed wird hier in einer einzigartigen Nähe zu den göttlichen Attributen beschrieben.
Vers 129 ist der Schluss-Vers: „Wenn sie sich aber abwenden, so sprich: Gott genügt mir! Es gibt keinen Gott außer ihm. Auf ihn vertraue ich. Er ist der Herr des gewaltigen Thrones."
Die Aussage Ḥasbiya llāh – „Gott genügt mir" – ist eine der wichtigsten Formeln der islamischen Frömmigkeit. Sie wird oft rezitiert in schwierigen Lebenslagen. Klassisch wird gelehrt: Wer diese Formel siebenmal am Morgen und siebenmal am Abend sagt, wird von Gott bewahrt.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 9 ist die schwierigste Sure des Korans. Eine ehrliche Auslegung muss anerkennen:
- Sie enthält die härtesten Kriegs-Verse des Korans (V5, V29).
- Sie enthält gleichzeitig tief seelsorgerliche Verse (V118 – die drei Zurückgelassenen) und bewegende Verse (V128 – Mohammed als barmherzig).
- Sie regelt eine ganz spezifische historische Situation – die Befriedung Arabiens 631 – und wurde in der klassischen Tradition nicht als zeitlose Generalisierung verstanden.
- Sie steht in Spannung zu anderen Suren – Sure 8,61 (Friedensneigung), Sure 10,99 (kein Zwang zum Glauben), Sure 2,256 („Kein Zwang in der Religion") –, die nicht durch Sure 9 abrogiert sind, sondern mit ihr zusammen gelesen werden müssen.
Die klassische Lehre der Abrogation (naskh) hat versucht, die Spannungen aufzulösen: Verse, die später offenbart wurden, „heben" frühere Verse auf. Sure 9 als zeitlich letzte umfassende Sure würde dann viele frühere Verse abrogieren. Dies wurde von einigen klassischen Juristen vertreten – aber die Mehrheits-Tradition lehnt eine pauschale Abrogation der Friedens-Verse durch die Kriegs-Verse ab. Die Verse stehen nebeneinander – jeder gilt in seinem Kontext.
Im modernen Diskurs ist die Sure besonders relevant für:
- Islamisches Kriegsrecht: Eine ehrliche Behandlung muss V5 und V29 in ihrem konkreten historischen Kontext lokalisieren, ohne sie weder zu verharmlosen noch zu verallgemeinern.
- Religionsfreiheit: Die Sure muss mit Sure 2,256 und 10,99 zusammen gelesen werden.
- Sozialwesen: Vers 60 ist die Grundlage des islamischen Sozialstaats.
- Geschlechter-Egalität: Vers 71 ist eine wichtige Stelle für moderne islamische Reform-Bewegungen.
- Bildung: Vers 122 ist die koranische Grundlage des religiösen Studiums.
- Spiritualität: Die Geschichte der drei Zurückgelassenen (V117–119) ist eine der wichtigsten Reue-Stellen des Korans. Vers 128 ist eine der bewegendsten Mohammed-Beschreibungen.
Wer Sure 9 ehrlich lesen will, muss beide Seiten sehen: die politischen Härten einer ganz bestimmten Konfliktsituation – und die spirituelle Tiefe, die selbst in dieser Sure der Aufkündigung und des Krieges noch durchscheint.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- At-Tauba – „die Reue" – Name von der Geschichte der drei Zurückgelassenen (V117–119)
- Keine Basmala – die einzige Sure ohne Eröffnungsformel; klassisch erklärt als Sure der Aufkündigung statt des Friedens
- Tabūk-Expedition – Mohammeds Feldzug gegen byzantinische Grenztruppen 630 – der Hauptteil der Sure
- Vers 5 – „Schwert-Vers" – der berüchtigtste Vers; klassisch als Kriegs-Vers in spezifischem historischen Kontext gelesen, nicht als universale Tötungserlaubnis
- Vers 29 – Dschizya – Schutzsteuer für Buchleute; Grundlage des klassischen dhimma-Systems; heute reformbedürftig
- Vers 60 – die acht Almosen-Empfänger – Grundlage der islamischen Sozialfürsorge: Arme, Bedürftige, Sammler, neu zu Gewinnende, Sklavenbefreiung, Verschuldete, fī sabīl Allāh, Wanderer
- Vers 71 – Geschlechter-Egalität – „Gläubige und Gläubigen-Frauen sind einander Schutzherren" – ethisches Gleichgewicht
- Verse 117–119 – die drei Zurückgelassenen – Kaʿb ibn Mālik & Co.; die zentrale Reue-Erzählung der Sure
- Vers 122 – Bildung – „Damit sie in der Religion Verständnis erlangen" – Grundlage des fiqh-Studiums
- Vers 128–129 – Schluss – Mohammed als raʾūf, raḥīm; „Gott genügt mir" – Ḥasbiya llāh-Formel