Sure 12
Yūsuf (Joseph)
Yūsuf
Worum geht's?
Die einzige Sure des Korans mit einer durchgehenden Erzählung von Anfang bis Ende: die Geschichte Josephs – vom Traum des Jungen über den Verrat der Brüder, die Sklaverei in Ägypten, die Versuchung durch die Frau des Pharao-Beamten, das Gefängnis, die Traumdeutung, den Aufstieg zur ägyptischen Wirtschaftsführung bis hin zur Versöhnung mit der Familie. Der Koran nennt sie selbst „die schönste der Erzählungen".
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Alif-Lām-Rāʾ. Das sind die Zeichen des deutlichen Buches.
- 2Wir haben es als arabischen Koran herabgesandt, vielleicht seid ihr verständig.
- 3Wir erzählen dir die schönste der Erzählungen, damit wir dir diesen Koran offenbaren. Du warst vor ihm zu den Unaufmerksamen.
- 4Als Joseph zu seinem Vater sagte: Mein Vater, wahrlich, ich sah elf Sterne, die Sonne und den Mond. Ich sah sie sich vor mir niederwerfen.
- 5Er sagte: Mein Söhnchen, erzähle deinen Brüdern nicht deinen Traum, sonst planen sie eine List gegen dich. Wahrlich, der Satan ist dem Menschen ein deutlicher Feind.
- 6So wird dich dein Herr erwählen und dir die Deutung der Reden lehren und seine Gunst über dich und über die Familie Jakobs vollenden, wie er sie vorher über deine beiden Väter Abraham und Isaak vollendet hat. Wahrlich, dein Herr ist allwissend, weise.
- 7Wahrlich, in Joseph und seinen Brüdern sind Zeichen für die Fragenden.
- 8Als sie sagten: Wahrlich, Joseph und sein Bruder sind unserem Vater lieber als wir, obwohl wir eine Gruppe sind. Wahrlich, unser Vater ist in deutlicher Verirrung.
- 9Tötet Joseph oder werft ihn auf ein Land, dann wird euch das Gesicht eures Vaters frei sein. Ihr werdet danach ein rechtschaffenes Volk sein.
- 10Einer von ihnen sagte: Tötet Joseph nicht! Werft ihn in den Grund des Brunnens, dann hebt ihn eine Karawane auf, wenn ihr tut.
- 11Sie sagten: Unser Vater, was ist mit dir, dass du uns Joseph nicht anvertraust? Wir sind doch seine Wohlmeinenden.
- 12Schicke ihn morgen mit uns, damit er weidet und spielt! Wir sind doch seine Bewahrer.
- 13Er sagte: Es macht mich traurig, dass ihr ihn wegnehmt. Ich fürchte, der Wolf frisst ihn, während ihr unaufmerksam seid.
- 14Sie sagten: Wenn der Wolf ihn frisst, während wir eine Gruppe sind, dann sind wir die Verlierer.
- 15Als sie ihn mitgenommen und sich verabredet hatten, ihn in den Grund des Brunnens zu werfen, offenbarten wir ihm: Wahrlich, du wirst ihnen diese ihre Sache erzählen, während sie nicht merken.
- 16Sie kamen abends zu ihrem Vater und weinten.
- 17Sie sagten: Unser Vater, wir gingen weg, um zu wettlaufen, und ließen Joseph bei unseren Sachen. Da fraß ihn der Wolf. Du wirst uns nicht glauben, auch wenn wir wahrhaftig sind.
- 18Sie brachten auf seinem Hemd falsches Blut. Er sagte: Vielmehr haben eure Seelen euch eine Sache schön gemacht. Schöne Geduld! Gott ist gegen das zu helfen, was ihr beschreibt.
- 19Eine Karawane kam. Sie schickten ihren Wasserzieher, und er ließ seinen Eimer hinab. Er sagte: O frohe Botschaft! Das ist ein Junge! Sie verbargen ihn als Ware. Gott war über das Bescheid, was sie taten.
- 20Sie verkauften ihn für einen geringen Preis, gezählte Dirhams. Sie waren an ihm zurückhaltend.
- 21Der, der ihn aus Ägypten gekauft hatte, sagte zu seiner Frau: Mache seinen Aufenthalt schön. Vielleicht nützt er uns, oder wir nehmen ihn zum Sohn. So gaben wir Joseph eine Stellung auf der Erde, damit wir ihn die Deutung der Reden lehren. Gott ist auf seiner Sache obwaltend. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
- 22Als er seine Reife erreichte, gaben wir ihm Urteil und Wissen. So vergelten wir den Gutestuenden.
- 23Die, in deren Haus er sich aufhielt, suchte ihn zu verführen. Sie schloss die Türen und sagte: Komm her zu mir! Er sagte: Bei Gott! Wahrlich, er ist mein Herr, der mir einen schönen Aufenthalt gemacht hat. Wahrlich, die Frevler sind nicht erfolgreich.
- 24Sie strebte zu ihm, und er strebte zu ihr, hätte er nicht den Beweis seines Herrn gesehen. So, damit wir das Üble und das Schändliche von ihm abwenden. Wahrlich, er gehört zu unseren erwählten Dienern.
- 25Sie rannten beide zur Tür. Sie zerriss sein Hemd von hinten. Sie trafen ihren Herrn an der Tür. Sie sagte: Was ist der Lohn dessen, der deiner Familie Übles wollte – außer dass er gefangen wird oder eine schmerzhafte Strafe?
- 26Er sagte: Sie hat mich zu verführen gesucht. Ein Zeuge aus ihrer Familie zeugte: Wenn sein Hemd von vorne zerrissen ist, hat sie wahrgesagt, und er ist von den Lügnern.
- 27Wenn aber sein Hemd von hinten zerrissen ist, hat sie gelogen, und er gehört zu den Wahrhaftigen.
- 28Als er sein Hemd von hinten zerrissen sah, sagte er: Wahrlich, das ist von eurer List. Eure List ist gewaltig.
- 29Joseph, wende dich davon ab. Du, bitte für deine Sünde um Vergebung! Wahrlich, du gehörtest zu den Verfehlenden.
- 30Frauen in der Stadt sagten: Die Frau des Mächtigen sucht ihren Knaben zu verführen. Er hat ihr Herz mit Liebe erfüllt. Wir sehen sie in deutlicher Verirrung.
- 31Als sie ihre List hörte, sandte sie zu ihnen und bereitete ihnen ein Polster vor und gab jeder von ihnen ein Messer. Sie sagte: Komm heraus zu ihnen! Als sie ihn sahen, fanden sie ihn so groß und schnitten ihre Hände auf und sagten: Preis sei Gott! Das ist kein menschliches Wesen, das ist nur ein edler Engel.
- 32Sie sagte: Das ist der, deretwegen ihr mich getadelt habt. Ich habe wahrlich versucht, ihn zu verführen, aber er hielt sich zurück. Wenn er nicht tut, was ich ihm befehle, wird er gefangen werden, und er wird zu den Erniedrigten gehören.
- 33Er sagte: Mein Herr, das Gefängnis ist mir lieber als das, wozu sie mich rufen! Wenn du nicht ihre List von mir abwendest, neige ich zu ihnen und gehöre zu den Unwissenden.
- 34Da antwortete ihm sein Herr und wandte ihre List von ihm ab. Wahrlich, er ist der Allhörende, der Allwissende.
- 35Dann erschien ihnen, nachdem sie die Zeichen gesehen hatten, dass sie ihn gefangennehmen sollten, eine Weile.
- 36Zwei junge Männer traten mit ihm ins Gefängnis ein. Einer von ihnen sagte: Wahrlich, ich sehe mich Wein keltern. Der andere sagte: Wahrlich, ich sehe mich Brot auf meinem Kopf tragen, von dem die Vögel essen. Teile uns die Deutung davon mit! Wir sehen dich von den Gutestuenden.
- 37Er sagte: Es kommt zu euch keine Versorgung, mit der ihr versorgt werdet, ohne dass ich euch die Deutung davon mitteile, bevor sie zu euch kommt. Das ist von dem, was mich mein Herr gelehrt hat. Wahrlich, ich habe die Glaubensgemeinschaft eines Volkes verlassen, das an Gott nicht glaubt und an das Jenseits ungläubig ist.
- 38Ich bin der Glaubensgemeinschaft meiner Väter Abraham, Isaak und Jakob gefolgt. Es ziemt sich nicht für uns, dass wir Gott irgendetwas beigesellen. Das ist von der Gunst Gottes über uns und über die Menschen. Aber die meisten Menschen sind nicht dankbar.
- 39Meine Gefährten des Gefängnisses, sind verschiedene Götter besser oder Gott, der Eine, der Bezwingende?
- 40Was ihr neben ihm anbetet, sind nur Namen, die ihr und eure Väter genannt habt. Gott hat dafür keine Vollmacht herabgesandt. Das Urteil gehört nur Gott. Er hat befohlen, dass ihr nur ihm dient. Das ist die beständige Religion. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
- 41Meine Gefährten des Gefängnisses, einer von euch beiden wird seinem Herrn Wein einschenken. Was den anderen betrifft: Er wird gekreuzigt, und die Vögel werden von seinem Kopf essen. Die Sache ist entschieden, über die ihr fragt.
- 42Er sagte zu dem, von dem er meinte, dass er der Gerettete von beiden sei: Erwähne mich bei deinem Herrn! Aber der Satan ließ ihn vergessen, ihn bei seinem Herrn zu erwähnen. So blieb er einige Jahre im Gefängnis.
- 43Der König sagte: Wahrlich, ich sehe sieben fette Kühe, die sieben magere fressen, und sieben grüne Ähren und andere dürre. Ihr Vornehmen, gebt mir Bescheid über meinen Traum, wenn ihr Träume deuten könnt!
- 44Sie sagten: Verwirrte Träume! Wir können die Deutung der Träume nicht.
- 45Der, der von beiden gerettet worden war, sagte und erinnerte sich nach einer Weile: Ich werde euch die Deutung mitteilen. So schickt mich!
- 46Joseph, du Wahrhaftiger, gib uns Bescheid über sieben fette Kühe, die sieben magere fressen, und sieben grüne Ähren und andere dürre, vielleicht kehre ich zu den Menschen zurück, damit sie es wissen!
- 47Er sagte: Ihr werdet sieben Jahre wie gewöhnlich säen. Was ihr erntet, lasst es in seinen Ähren, außer dem wenigen, von dem ihr esst!
- 48Dann kommen danach sieben harte Jahre, die das verzehren, was ihr für sie vorbereitet habt, außer dem wenigen, das ihr aufbewahrt.
- 49Dann kommt danach ein Jahr, in dem die Menschen Regen bekommen und sie darin Saft pressen.
- 50Der König sagte: Bringt ihn zu mir! Als der Bote zu ihm kam, sagte er: Kehre zu deinem Herrn zurück und frage ihn: Was war die Sache der Frauen, die sich die Hände aufgeschnitten haben? Wahrlich, mein Herr weiß ihre List.
- 51Er sagte: Was war eure Sache, als ihr Joseph zu verführen suchtet? Sie sagten: Preis sei Gott! Wir haben über ihn nichts Übles erfahren. Die Frau des Mächtigen sagte: Jetzt ist die Wahrheit klar geworden. Ich versuchte, ihn zu verführen, und wahrlich, er gehört zu den Wahrhaftigen.
- 52Das, damit er weiß, dass ich ihn nicht im Verborgenen verraten habe und dass Gott die List der Verräter nicht leitet.
- 53Ich erkläre meine Seele nicht für unschuldig. Wahrlich, die Seele befiehlt das Üble, außer wem mein Herr sich erbarmt. Wahrlich, mein Herr ist allverzeihend, barmherzig.
- 54Der König sagte: Bringt ihn zu mir! Ich nehme ihn für mich. Als er mit ihm geredet hatte, sagte er: Wahrlich, du bist heute bei uns stark, vertrauenswürdig.
- 55Er sagte: Mache mich über die Speicher des Landes! Wahrlich, ich bin wachsam, wissend.
- 56So gaben wir Joseph eine Stellung auf der Erde. Er ließ sich darin nieder, wo er wollte. Wir berühren mit unserer Barmherzigkeit, wen wir wollen. Wir lassen den Lohn der Gutestuenden nicht verloren gehen.
- 57Der Lohn des Jenseits ist besser für die, die geglaubt haben und gottesfürchtig waren.
- 58Die Brüder Josephs kamen und traten zu ihm. Er kannte sie, aber sie kannten ihn nicht.
- 59Als er sie mit ihrer Ausrüstung ausgerüstet hatte, sagte er: Bringt mir einen Bruder von euch von eurem Vater! Seht ihr nicht, dass ich das Maß vollende und ich der beste der Gastgeber bin?
- 60Wenn ihr ihn mir nicht bringt, gibt es kein Maß für euch bei mir, und ihr sollt mir nicht nähertreten.
- 61Sie sagten: Wir werden ihn um seinen Vater bitten. Wir werden es tun.
- 62Er sagte zu seinen Burschen: Tut ihre Ware in ihre Lasten zurück, vielleicht erkennen sie sie, wenn sie zu ihrer Familie zurückkehren. Vielleicht kehren sie zurück.
- 63Als sie zu ihrem Vater zurückkehrten, sagten sie: Unser Vater, das Maß wurde uns versagt. So schicke unseren Bruder mit uns, damit wir Maß erhalten! Wir werden ihn gewiss bewahren.
- 64Er sagte: Soll ich ihn euch anvertrauen, wie ich euch seinen Bruder vorher anvertraut habe? Gott ist der beste Bewahrer. Er ist der barmherzigste der Barmherzigen.
- 65Als sie ihre Sachen öffneten, fanden sie ihre Ware ihnen zurückgegeben. Sie sagten: Unser Vater, was wollen wir mehr? Das ist unsere Ware, die uns zurückgegeben ist. Wir werden für unsere Familie Versorgung holen, unseren Bruder bewahren und das Maß einer Kamellast hinzufügen. Das ist ein leichtes Maß.
- 66Er sagte: Ich werde ihn nicht mit euch schicken, bis ihr mir gewiss einen Eid bei Gott gebt, dass ihr ihn mir gewiss bringt, außer es wird euch umgeben. Als sie ihm ihren Eid gegeben hatten, sagte er: Gott ist über das, was wir sagen, ein Sachwalter.
- 67Er sagte: Meine Söhne, tretet nicht aus einem einzigen Tor ein! Tretet aus verschiedenen Toren ein! Ich kann euch gegen Gott in nichts helfen. Das Urteil gehört nur Gott. Auf ihn vertraue ich. Auf ihn sollen die Vertrauenden vertrauen.
- 68Als sie eintraten, wie ihr Vater es ihnen befohlen hatte, half es ihnen gegen Gott in nichts. Es war nur ein Bedürfnis in Jakobs Seele, das er erfüllte. Wahrlich, er war ein Inhaber von Wissen wegen dessen, was wir ihn gelehrt hatten. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
- 69Als sie zu Joseph eintraten, nahm er seinen Bruder zu sich. Er sagte: Wahrlich, ich bin dein Bruder. So sei nicht traurig über das, was sie taten!
- 70Als er sie mit ihrer Ausrüstung ausgerüstet hatte, tat er den Trinkbecher in die Last seines Bruders. Dann rief ein Rufer: Karawane, ihr seid Diebe!
- 71Sie sagten, indem sie sich zu ihnen wandten: Was vermisst ihr?
- 72Sie sagten: Wir vermissen den Becher des Königs. Wer ihn bringt, hat eine Kamellast. Ich bürge dafür.
- 73Sie sagten: Bei Gott! Ihr wisst, dass wir nicht gekommen sind, auf dem Land Verderben anzurichten. Wir sind keine Diebe.
- 74Sie sagten: Was ist sein Lohn, wenn ihr Lügner seid?
- 75Sie sagten: Sein Lohn ist der, in dessen Last er gefunden wird, der selbst ist sein Lohn. So bestrafen wir die Frevler.
- 76Er begann mit ihren Säcken, vor dem Sack seines Bruders. Dann holte er ihn aus dem Sack seines Bruders heraus. So planten wir die List für Joseph. Er hätte seinen Bruder nicht in der Religion des Königs nehmen können, außer Gott hätte gewollt. Wir erheben Stufen, wen wir wollen. Über jedem Inhaber von Wissen ist ein Allwissender.
- 77Sie sagten: Wenn er gestohlen hat, hat sein Bruder vorher gestohlen. Joseph verbarg es in seiner Seele und offenbarte es ihnen nicht. Er sagte: Ihr seid in schlechterer Lage. Gott weiß am besten, was ihr beschreibt.
- 78Sie sagten: Mächtiger, er hat einen sehr alten Vater. So nimm einen von uns an seiner Stelle! Wir sehen dich von den Gutestuenden.
- 79Er sagte: Bei Gott, Zuflucht! Wir nehmen nur den, bei dem wir unsere Sache gefunden haben. Dann wären wir Frevler.
- 80Als sie an ihm verzweifelten, gingen sie zur Beratung beiseite. Der älteste von ihnen sagte: Wisst ihr nicht, dass euer Vater einen Eid bei Gott von euch genommen hat, und ihr habt vorher mit Joseph euer Versagen begangen? Ich werde das Land nicht verlassen, bis mir mein Vater erlaubt oder Gott für mich entscheidet. Er ist der beste der Richter.
- 81Kehrt zu eurem Vater zurück und sagt: Unser Vater, wahrlich, dein Sohn hat gestohlen. Wir bezeugen nur das, was wir wissen. Wir können das Verborgene nicht bewahren.
- 82Frage die Stadt, in der wir waren, und die Karawane, mit der wir gekommen sind! Wir sind wahrhaftig.
- 83Er sagte: Vielmehr haben eure Seelen euch eine Sache schön gemacht. Schöne Geduld! Vielleicht bringt Gott sie mir alle zusammen. Wahrlich, er ist der Allwissende, der Weise.
- 84Er wandte sich von ihnen ab und sagte: O wehe, Joseph! Seine Augen wurden weiß vor Trauer, und er war voller Schmerz.
- 85Sie sagten: Bei Gott! Du hörst nicht auf, Josephs zu gedenken, bis du schwer krank wirst oder zu den Toten gehörst.
- 86Er sagte: Ich klage meine Bedrängnis und meine Trauer nur Gott. Ich weiß von Gott, was ihr nicht wisst.
- 87Meine Söhne, geht hin und sucht Nachricht über Joseph und seinen Bruder! Verzweifelt nicht am Geist Gottes! Wahrlich, am Geist Gottes verzweifelt nur das ungläubige Volk.
- 88Als sie zu ihm eintraten, sagten sie: Mächtiger, uns und unsere Familie hat Not berührt. Wir sind mit minderer Ware gekommen. Fülle uns das Maß und sei mit uns barmherzig! Wahrlich, Gott belohnt die Mildtätigen.
- 89Er sagte: Wisst ihr, was ihr Joseph und seinem Bruder angetan habt, als ihr Unwissende wart?
- 90Sie sagten: Bist du etwa Joseph? Er sagte: Ich bin Joseph, und das ist mein Bruder. Gott hat uns Gunst erwiesen. Wahrlich, wer gottesfürchtig und geduldig ist – Gott lässt den Lohn der Gutestuenden nicht verloren gehen.
- 91Sie sagten: Bei Gott! Gott hat dich gewiss über uns bevorzugt. Wahrlich, wir waren Verfehlende.
- 92Er sagte: Kein Vorwurf heute gegen euch! Gott vergibt euch! Er ist der barmherzigste der Barmherzigen.
- 93Geht mit diesem meinem Hemd und werft es auf das Gesicht meines Vaters! Er wird sehend werden. Bringt mir eure ganze Familie!
- 94Als die Karawane aufgebrochen war, sagte ihr Vater: Wahrlich, ich rieche den Duft Josephs, wenn ihr mich nicht für altersschwach haltet.
- 95Sie sagten: Bei Gott! Wahrlich, du bist in deiner alten Verirrung.
- 96Als der Verkünder froher Botschaft kam, warf er es auf sein Gesicht. Da wurde er sehend. Er sagte: Habe ich euch nicht gesagt, dass ich von Gott weiß, was ihr nicht wisst?
- 97Sie sagten: Unser Vater, bitte um Vergebung für unsere Sünden! Wahrlich, wir waren Verfehlende.
- 98Er sagte: Ich werde meinen Herrn für euch um Vergebung bitten. Wahrlich, er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.
- 99Als sie zu Joseph eintraten, nahm er seine beiden Eltern zu sich und sagte: Tretet in Ägypten ein, so Gott will, in Sicherheit!
- 100Er hob seine beiden Eltern auf den Thron, und sie warfen sich vor ihm nieder. Er sagte: Mein Vater, das ist die Deutung meines Traumes von früher. Mein Herr hat ihn wahr gemacht. Er hat mir Gunst erwiesen, als er mich aus dem Gefängnis hinausgeholt hat und euch aus der Wüste herbeigebracht hat, nachdem der Satan zwischen mir und meinen Brüdern Streit gestiftet hatte. Wahrlich, mein Herr ist freundlich in dem, was er will. Wahrlich, er ist der Allwissende, der Weise.
- 101Mein Herr, du hast mir von der Herrschaft gegeben und mich die Deutung der Reden gelehrt. Schöpfer der Himmel und der Erde, du bist mein Schutzherr im diesseitigen Leben und im Jenseits. Lass mich als Muslim sterben und füge mich zu den Rechtschaffenen!
- 102Das ist von den Nachrichten des Verborgenen, die wir dir offenbaren. Du warst nicht bei ihnen, als sie sich verabredeten und List planten.
- 103Aber die meisten Menschen, auch wenn du es gewünscht hast, sind nicht Gläubige.
- 104Du verlangst von ihnen dafür keinen Lohn. Es ist nur eine Ermahnung für die Welten.
- 105Wie viele Zeichen sind in den Himmeln und auf der Erde, an denen sie vorbeigehen, während sie sich von ihnen abwenden!
- 106Die meisten von ihnen glauben an Gott nur, während sie beigesellend sind.
- 107Sind sie sicher, dass nicht eine Hülle der Strafe Gottes zu ihnen kommt, oder die Stunde plötzlich zu ihnen kommt, während sie nicht merken?
- 108Sprich: Das ist mein Weg. Ich rufe zu Gott auf einer Einsicht – ich und wer mir folgt. Preis sei Gott! Ich gehöre nicht zu den Beigesellenden.
- 109Wir haben vor dir nur Männer aus den Leuten der Städte geschickt, denen wir offenbarten. Sind sie nicht auf der Erde gewandert und haben gesehen, wie die Folge derer war, die vor ihnen waren? Die Endwohnstätte ist besser für die, die gottesfürchtig waren. Werdet ihr nicht verständig sein?
- 110Bis wenn die Gesandten verzweifelten und dachten, sie seien zu Lügnern erklärt worden, kam ihnen unsere Hilfe. Wer wollte, wurde gerettet. Unsere Strenge wird nicht vom Volk der Verbrecher abgewendet.
- 111Wahrlich, in ihren Erzählungen ist eine Ermahnung für die Verständigen. Es ist keine erfundene Rede, sondern eine Bestätigung dessen, was vor ihm war, und eine Erklärung aller Sache, eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für ein Volk, das glaubt.
Einordnung & Bedeutung
Die einzigartige Stellung dieser Sure
Sure 12 ist im Koran ein Sonderfall. Sie erzählt eine durchgehende Geschichte – vom ersten bis zum letzten Vers, ohne Unterbrechung, ohne Sprünge zu anderen Themen. Keine andere Sure hat diese geschlossene literarische Form.
Der Koran nennt sie selbst (Vers 3) aḥsan al-qaṣaṣ – „die schönste der Erzählungen". Diese Selbstbezeichnung ist bemerkenswert. Sie macht deutlich, dass die literarische Form der Sure bewusst gewählt wurde – nicht zufällig, sondern als ästhetische und didaktische Setzung.
Im Hadith wird erzählt, dass Mohammed die Sure auf Bitten der Juden in Medina offenbart bekam, die ihn nach der Joseph-Geschichte fragten – sie wollten testen, ob er wirklich Prophet sei. Die koranische Version weicht in vielen Details von der biblischen ab und folgt teilweise einer rabbinischen Auslegungstradition (Midrasch). Andere Auslegungen datieren die Offenbarung vor die Hidschra in Mekka.
Der historische Hintergrund
Klassische jüdische und islamische Tradition setzt Joseph in das antike Ägypten – wahrscheinlich in die Hyksos-Periode (ca. 1700–1550 v. Chr.). Die Hyksos waren ein semitisches Volk, das im Norden Ägyptens die Macht ergriff. Es wäre historisch plausibel, dass ein semitischer Einwanderer wie Joseph zu dieser Zeit Karriere am ägyptischen Hof machte.
Bemerkenswert: Der Koran nennt den ägyptischen Herrscher in der Joseph-Geschichte konsequent al-malik – „der König". Erst in der Moses-Geschichte (Sure 7,103 und folgende) wird er als Firʿaun – „Pharao" – bezeichnet. Diese Differenzierung ist historisch korrekt: Der Titel „Pharao" wurde erst später üblich, vor allem zur Zeit des Neuen Reichs (etwa ab 1500 v. Chr.). Zur Hyksos-Zeit waren die Herrscher noch „Könige". Der Koran zeigt hier eine erstaunliche historische Präzision.
Der Aufbau der Sure
Die Sure lässt sich in mehrere klare Abschnitte gliedern:
- Vorrede (Verse 1–3): Theologischer Rahmen.
- Josephs Traum (Verse 4–6): Die Eröffnung – elf Sterne, Sonne und Mond.
- Der Verrat der Brüder (Verse 7–18): Brunnen, Lüge, Trauer Jakobs.
- Verkauf in Ägypten (Verse 19–22): Sklaverei, Aufnahme im Haus.
- Die Versuchung (Verse 23–34): Die Frau des Mächtigen, das Hemd, der Zeuge.
- Im Gefängnis (Verse 35–42): Die Träume der beiden Mitgefangenen.
- Der Traum des Königs (Verse 43–49): Sieben fette und magere Jahre.
- Rehabilitation (Verse 50–57): Klärung der Schuldfrage, Ernennung zum Wirtschaftsverwalter.
- Die Brüder kommen (Verse 58–82): Die erste und zweite Reise, der Becher.
- Aufdeckung und Versöhnung (Verse 83–101): Jakobs Hoffnung, das Hemd, die Wiedersehensszene.
- Theologische Zusammenfassung (Verse 102–111): Bezug zu Mohammed.
Der Traum am Anfang (Verse 4–6)
Die Sure beginnt mit einem Traum: Joseph sieht elf Sterne, die Sonne und den Mond, die sich vor ihm niederwerfen. Jakob erkennt sofort die Bedeutung – Joseph wird über seine Brüder erhoben werden – und warnt ihn: „Erzähle deinen Brüdern nicht deinen Traum, sonst planen sie eine List gegen dich." (Vers 5)
Hier kündigt sich das ganze Drama an. Der Traum ist nicht nur eine Vorahnung, sondern auch der Auslöser des Konflikts. Joseph erzählt offenbar trotzdem (oder die Brüder bekommen es mit), und die Eifersucht beginnt.
Diese Stelle wird im sufischen Verständnis tief gelesen. Träume sind Schauen des Verborgenen. Der junge Joseph hat eine prophetische Begabung – aber er muss noch lernen, mit ihr umzugehen. Wissen über die eigene Zukunft kann gefährlich sein, wenn man es zu früh teilt.
Die Versuchung (Verse 23–35) – die berühmteste Szene
Die Begegnung Josephs mit der Frau des „Mächtigen" (klassisch identifiziert als Potiphar aus Genesis 39, in islamischer Tradition al-ʿAzīz genannt) ist die berühmteste Szene der Sure. Sie ist literarisch außerordentlich dicht.
Vers 24 enthält eine berühmt-umstrittene Stelle: „Sie strebte zu ihm, und er strebte zu ihr, hätte er nicht den Beweis seines Herrn gesehen."
Klassische Auslegungen ringen mit diesem Vers. Es gibt mehrere Lesarten:
- Sunnitische Mainstream-Auslegung: Joseph wäre versucht gewesen, hätte er nicht im entscheidenden Moment den Beweis seines Herrn gesehen. Die Versuchung war menschlich; der Verzicht war göttliche Gnade.
- Schiitische und sufische Auslegung: Joseph war als Prophet niemals wirklich versucht. Der Vers beschreibe nur, was geschehen wäre, ohne den Beweis – also gerade die Unmöglichkeit der Versuchung.
- Klassisch-grammatikalische Lesart: Der Satz ist eine sogenannte „verschachtelte Apodosis" – das „strebte" Josephs ist nie ausgeführt worden, weil der Beweis sofort kam. Joseph hat den Beweis vor jeder Bewegung gesehen.
Was war der „Beweis seines Herrn"? Klassische Auslegungen geben verschiedene Antworten: ein inneres Erscheinen Jakobs als Mahnung, die plötzliche Erinnerung an Gottes Verbot, eine prophetische Vision. Die wahrscheinlichste Lesart ist eine spirituelle: In einem Moment höchster Versuchung kam ihm die innere Klarheit, dass er nicht durfte. Das ist eine zutiefst menschliche Erfahrung.
Das Hemd – ein literarisches Motiv
Das Hemd Josephs ist ein zentrales Motiv, das sich durch die ganze Sure zieht:
- Vers 18: Die Brüder bringen sein Hemd mit falschem Blut zu Jakob – als Beweis seines angeblichen Todes.
- Vers 25–28: Die Frau des Mächtigen zerreißt sein Hemd. Das Hemd wird zum forensischen Beweis seiner Unschuld – von vorn oder hinten gerissen?
- Vers 93: Joseph schickt sein Hemd zu Jakob – als Heilmittel: „Werft es auf das Gesicht meines Vaters! Er wird sehend werden."
- Vers 96: Das Hemd auf Jakobs Gesicht heilt seine Blindheit.
Diese vier Hemd-Stellen sind ein bewusst angelegtes literarisches Muster. Das Hemd ist:
- Anfangs ein Lügenbeweis (mit falschem Blut),
- dann ein Wahrheitsbeweis (zerrissen von hinten),
- schließlich ein Heilmittel (Augenöffner).
Die literarische Symbolik ist tief: Das Hemd, das anfangs trügt, wird am Ende zur Quelle der Heilung. Was die Brüder am Anfang als Werkzeug der Täuschung benutzten, gibt am Ende dem Vater das Augenlicht zurück. Die Bewegung der Geschichte spiegelt sich im Hemd.
„Die Seele befiehlt das Üble" (Vers 53)
Vers 53 enthält eine der wichtigsten anthropologischen Stellen des Korans. Die Frau des Mächtigen sagt selbst, nachdem sie endlich Josephs Unschuld bestätigt: „Ich erkläre meine Seele nicht für unschuldig. Wahrlich, die Seele befiehlt das Üble, außer wem mein Herr sich erbarmt."
Das Konzept der nafs ammāra bi-s-sūʾ – „die Seele, die das Üble befiehlt" – ist im Sufismus zentral. Es bezeichnet die unterste Stufe der menschlichen Seele: die Stufe, auf der man von Trieben und niederen Wünschen geführt wird.
Der Sufismus kennt darüber hinaus zwei weitere Stufen (aus anderen Koranversen):
- nafs ammāra (12,53): die befehlende Seele – sie diktiert
- nafs lawwāma (75,2): die tadelnde Seele – sie bereut
- nafs muṭmaʾinna (89,27): die ruhige Seele – sie hat Frieden gefunden
Diese drei Stufen sind das Grundgerüst sufischer Anthropologie und Therapeutik. Wer auf der ersten Stufe steht, muss zur zweiten kommen (Selbstkritik), und von dort zur dritten (innerer Frieden). Sure 12,53 ist der Vers, der das Konzept einführt.
„Schöne Geduld" (Vers 18 und 83)
Zwei Mal in der Sure sagt Jakob denselben Satz: „Schöne Geduld!" – arabisch fa-ṣabrun dschamīl. Beide Male in einer Lage, in der er seine Söhne der Lüge überführt sieht (Vers 18 nach dem angeblichen Tod Josephs, Vers 83 nach dem angeblichen Diebstahl Benjamins).
„Schöne Geduld" – das ist mehr als bloßes Aushalten. Es ist:
- Geduld ohne Klage: Jakob beklagt sich nicht bei Menschen.
- Geduld mit Hoffnung: Er gibt das Vertrauen auf Gott nicht auf.
- Geduld ohne Bitterkeit: Er verflucht seine Söhne nicht.
Im islamischen Verständnis ist ṣabr dschamīl die höchste Form der Geduld. Sie wird oft mit dem Hiob-Geduld der biblischen Tradition verglichen.
Die Versöhnung (Verse 89–92)
Die Versöhnung Josephs mit seinen Brüdern ist eine der bewegendsten Szenen des Korans. Vers 89 ist der Wendepunkt: „Wisst ihr, was ihr Joseph und seinem Bruder angetan habt, als ihr Unwissende wart?"
Die Brüder, hungrig, demütigt vor dem mächtigen ägyptischen Wirtschaftsverwalter, erkennen plötzlich, wer vor ihnen steht: „Bist du etwa Joseph?" (Vers 90)
Josephs Antwort ist tief: „Ich bin Joseph, und das ist mein Bruder. Gott hat uns Gunst erwiesen. Wahrlich, wer gottesfürchtig und geduldig ist – Gott lässt den Lohn der Gutestuenden nicht verloren gehen."
Beachten Sie: Joseph wirft den Brüdern nichts vor. Er führt seinen Aufstieg nicht auf eigene Stärke zurück, sondern auf Gottes Gunst und auf Geduld. Das ist eine bemerkenswerte Haltung. Wer auf Verbrechen, die ihm zugefügt wurden, mit dieser Größe reagiert, ist auf einer hohen spirituellen Stufe.
Vers 92 ist der berühmte Vergebungs-Vers: „Kein Vorwurf heute gegen euch! Gott vergibt euch! Er ist der barmherzigste der Barmherzigen."
Diese Stelle wird im Christentum oft mit Jesus' Worten am Kreuz verglichen („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun"). Beide Traditionen kennen das Bild der absoluten Vergebung gegenüber dem konkreten Unrecht. Joseph hat das Verbrechen nicht vergessen – er erinnert es ausdrücklich (Vers 89). Aber er vergibt.
Jakobs Sehen-Werden (Verse 93–96)
Jakob war vor Trauer um Joseph blind geworden (Vers 84). Als Josephs Hemd auf sein Gesicht geworfen wird, wird er sehend (Vers 96). Diese Szene ist literarisch und theologisch reich:
- Vers 94: Jakob spürt schon aus weiter Ferne, dass Joseph lebt: „Ich rieche den Duft Josephs." Die Familie hält ihn für senil. Aber er hat recht. Die innere Wahrnehmung war besser als die äußere.
- Vers 96: Das Hemd öffnet seine Augen. Was die Lüge verschüttet hatte, deckt die Wahrheit auf.
Diese Stelle ist im sufischen Verständnis das Bild für geistiges Sehen. Wer im Glauben rein ist, hat eine andere Wahrnehmung. Jakob „sah" Joseph aus der Ferne, bevor die anderen ihn vor Ort fanden.
Die Niederwerfung am Ende (Vers 100)
Vers 100 enthält eine theologisch heikle Stelle: „Er hob seine beiden Eltern auf den Thron, und sie warfen sich vor ihm nieder."
Wie konnten Jakob und seine Frau – samt aller Brüder – sich vor Joseph niederwerfen? Niederwerfung ist im Islam Gott vorbehalten.
Klassische Auslegungen geben verschiedene Lösungen:
- Es war eine Begrüßungs-Niederwerfung, wie in altorientalischen Kulturen üblich – ohne religiösen Inhalt.
- Es war eine Niederwerfung der Erfüllung des Traums – die elf Sterne, Sonne und Mond aus Vers 4 werfen sich nun symbolisch nieder.
- Sie warfen sich vor Gott nieder, anlässlich des Wiedersehens. Joseph ist nur der „Anlass", nicht der „Adressat" der Niederwerfung.
Joseph selbst stellt klar (Vers 100): „Das ist die Deutung meines Traumes von früher. Mein Herr hat ihn wahr gemacht." Die Niederwerfung erfüllt den Traum. Sie ist nicht Anbetung Josephs, sondern Ankunft der Prophezeiung.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 12 ist im Koran einzigartig in ihrer literarischen Form. Sie ist gleichzeitig:
- eine Trostgeschichte für Mohammed, der zur Zeit der Offenbarung in Mekka selbst Anfeindung erfuhr (auch von seiner Sippe). Wie Joseph wurde er von den eigenen Leuten verkannt; wie Joseph würde er am Ende rehabilitiert werden.
- eine Lehrgeschichte über Gottes Wege: Was wie Katastrophe aussieht (Sklaverei, Gefängnis), kann der Weg zur Vorsehung sein. Wer geduldig bleibt, sieht am Ende den Sinn.
- eine spirituelle Anthropologie: Die drei Stufen der Seele (befehlend, tadelnd, ruhig) finden sich exemplarisch in den Personen der Sure: die Brüder anfangs, Joseph in der Versuchung, Joseph am Ende der Sure.
- eine Erzählung der Versöhnung: Wie sich Bruder-Bruder, Vater-Sohn, Schuldiger-Vergebender wieder finden können – ohne das Geschehene zu verschweigen.
Im klassischen Sufismus ist diese Sure ein Lieblingstext. Der persische Dichter Dschāmī (15. Jh.) hat ein berühmtes Versepos „Yūsuf und Zulaichā" geschrieben (Zulaichā ist der traditionelle Name der „Frau des Mächtigen"), das die Geschichte als Allegorie der mystischen Liebe deutet. Auch ʿAṭṭār und andere haben die Sure intensiv kommentiert.
Vers 53 (nafs ammāra) ist im sufischen Verständnis grundlegend. Vers 87 („Verzweifelt nicht am Geist Gottes") ist im praktischen Glaubensleben einer der wirkungsreichsten Verse. Vers 92 („Kein Vorwurf heute gegen euch") ist Standardtext der Versöhnungs-Predigt.
Anmerkung zu „Zulaichā"
Der Koran nennt die Frau des Mächtigen nicht namentlich. Der Name Zulaichā (oder Zulaykhā) stammt aus der späteren islamischen Auslegungstradition, basierend auf rabbinischen Quellen. In der späteren Literatur – besonders bei Dschāmī – wird sie zur tragischen Figur: eine Frau, die echte Liebe zu Joseph empfand, an dieser Liebe scheiterte und schließlich am Ende der Erzählung (in nicht-koranischen Erweiterungen) noch zu Gott findet und Joseph ehrlich heiratet. Diese romanhafte Ausgestaltung ist nicht koranisch, aber sie hat die islamische Literatur tief geprägt.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Aḥsan al-qaṣaṣ – „die schönste der Erzählungen" (Vers 3) – die Selbstbezeichnung der Sure
- Yūsuf / Joseph – der biblische Joseph; historisch wahrscheinlich in die Hyksos-Zeit (1700–1550 v. Chr.)
- Al-ʿAzīz / der „Mächtige" – der ägyptische Würdenträger; klassisch identifiziert mit Potiphar
- Zulaichā – der traditionelle (nicht-koranische) Name der „Frau des Mächtigen"
- Das Hemd – literarisches Motiv: Lügenbeweis → Wahrheitsbeweis → Heilmittel
- Nafs ammāra – „die Seele, die das Üble befiehlt" (Vers 53) – unterste Stufe der Seele im Sufismus
- Ṣabr dschamīl – „schöne Geduld" – Jakobs zweimaliger Ausspruch (Verse 18, 83)
- Sieben fette/magere Jahre – der königliche Traum (Verse 43–49) – frühestes bekanntes Beispiel staatlicher Krisenvorsorge
- „Kein Vorwurf heute gegen euch" – Vers 92 – die absolute Vergebung
- „Verzweifelt nicht am Geist Gottes" – Vers 87 – einer der wirkungsreichsten Hoffnungs-Verse