Sure 17

Die Nachtreise

Al-Isrāʾ

Verse: 111 Offenbart in: Mekka Zeit: spätmekkanisch

Worum geht's?

Eine der theologisch reichsten Suren – sie beginnt mit der berühmten „Nachtreise" Mohammeds vom Heiligtum in Mekka zum „fernen Heiligtum" (klassisch: Jerusalem). Im Hauptteil entfaltet sie ein umfassendes ethisches Programm: zehn Gebote-ähnliche Grundregeln menschlichen Zusammenlebens. Mit einer der wichtigsten Aussagen über die Würde aller Menschen: „Wir haben den Kindern Adams Würde verliehen."

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Gepriesen sei der, der seinen Diener in einer Nacht von dem heiligen Heiligtum zum fernen Heiligtum reisen ließ, dessen Umgebung wir gesegnet haben, um ihm einige unserer Zeichen zu zeigen. Wahrlich, er ist der Allhörende, der Allsehende.
  2. 2Wir gaben Moses das Buch und machten es zur Rechtleitung für die Kinder Israels: Nehmt euch außer mir keinen Sachwalter,
  3. 3Nachkommen derer, die wir mit Noah trugen. Wahrlich, er war ein dankbarer Diener.
  4. 4Wir machten den Kindern Israels in der Schrift kund: Ihr werdet zweimal auf der Erde Verderben anrichten und werdet euch sehr hoch erheben.
  5. 5Wenn das Versprechen der ersten von beiden eintritt, schicken wir gegen euch unsere Diener von harter Kraft, die in den Häusern wüten. Das ist ein erfülltes Versprechen.
  6. 6Dann geben wir euch über sie die Oberhand zurück und unterstützen euch mit Vermögen und Söhnen und machen euch zur größeren Schar.
  7. 7Wenn ihr Gutes tut, tut ihr Gutes für euch selbst. Wenn ihr Übel tut, ist es gegen euch. Wenn das Versprechen des Letzten eintritt, dass sie eure Gesichter entehren und das Heiligtum betreten wie sie es beim ersten Mal betreten haben und alles, worüber sie Macht gewinnen, völlig vernichten.
  8. 8Vielleicht erbarmt sich euer Herr eurer. Wenn ihr aber zurückkehrt, kehren wir auch zurück. Wir haben die Hölle für die Ungläubigen zum Gefängnis gemacht.
  9. 9Wahrlich, dieser Koran leitet zu dem, was am geradesten ist, und gibt den Gläubigen, die gute Werke tun, frohe Botschaft, dass für sie ein großer Lohn ist,
  10. 10und dass denen, die nicht ans Jenseits glauben, eine schmerzhafte Strafe bereitet ist.
  11. 11Der Mensch betet um das Üble, wie er um das Gute betet. Der Mensch war eilfertig.
  12. 12Wir haben die Nacht und den Tag zu zwei Zeichen gemacht. Das Zeichen der Nacht haben wir ausgelöscht und das Zeichen des Tages sichtbar gemacht, damit ihr nach einer Gunst von eurem Herrn sucht und die Zahl der Jahre und die Berechnung kennt. Wir haben jede Sache deutlich gemacht.
  13. 13Jedem Menschen haben wir sein Geschick um seinen Hals befestigt. Am Tag der Auferstehung legen wir ihm ein Buch vor, das er aufgeschlagen findet.
  14. 14Lies dein Buch! Heute genügt deine eigene Seele als Abrechner gegen dich.
  15. 15Wer rechtgeleitet ist, der ist es für sich selbst. Wer abirrt, der irrt nur gegen sich selbst. Keine tragende Seele trägt die Last einer anderen. Wir bestrafen nicht, bis wir einen Gesandten geschickt haben.
  16. 16Wenn wir eine Stadt vernichten wollen, befehlen wir ihren in Wohlleben Lebenden. Sie freveln darin, und das Wort wird gegen sie verwirklicht. Wir vernichten sie völlig.
  17. 17Wie viele Generationen haben wir nach Noah vernichtet! Dein Herr kennt die Sünden seiner Diener gut genug, und er sieht sie.
  18. 18Wer das Vergängliche wünscht, dem geben wir darin, was wir wollen, für wen wir wollen. Dann machen wir die Hölle für ihn bereit. Er wird darin brennen, getadelt, verstoßen.
  19. 19Wer aber das Jenseits will und sich darum bemüht, wie es sich gehört, gläubig – deren Bemühen wird mit Dank empfangen.
  20. 20Alle versorgen wir – diese und jene – mit der Gabe deines Herrn. Die Gabe deines Herrn ist niemandem verschlossen.
  21. 21Sieh, wie wir manche von ihnen über andere bevorzugt haben. Wahrlich, das Jenseits ist größer im Rang und größer in der Bevorzugung.
  22. 22Setze nicht neben Gott einen anderen Gott. Sonst sitzt du tadelnswert und im Stich gelassen da.
  23. 23Dein Herr hat verfügt, dass ihr keinem außer ihm dient und dass ihr zu den Eltern gütig seid. Wenn das hohe Alter einen oder beide von ihnen bei dir erreicht, sag zu ihnen nicht „pfui" und herrsche sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ein edles Wort.
  24. 24Und neige zu ihnen den Flügel der Demut aus Barmherzigkeit und sprich: Mein Herr, erbarme dich ihrer, wie sie mich aufzogen, als ich klein war.
  25. 25Euer Herr kennt am besten, was in euren Seelen ist. Wenn ihr rechtschaffen seid, ist er den Umkehrenden vergebend.
  26. 26Gib dem Verwandten sein Recht und dem Bedürftigen und dem Reisenden, und verschwende nicht maßlos.
  27. 27Wahrlich, die Verschwender sind Brüder der Satane. Und der Satan war undankbar gegen seinen Herrn.
  28. 28Wenn du dich von ihnen abwenden musst, um Barmherzigkeit von deinem Herrn zu suchen, sprich zu ihnen ein leichtes Wort.
  29. 29Mache deine Hand nicht zu einer angefesselten an deinem Hals, aber öffne sie auch nicht völlig, sodass du tadelnswert und arm sitzt.
  30. 30Wahrlich, dein Herr erweitert die Versorgung, wem er will, und macht sie eng. Wahrlich, er ist über seine Diener kundig, sehend.
  31. 31Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut. Wir versorgen sie und euch. Wahrlich, sie zu töten ist eine große Sünde.
  32. 32Nähert euch nicht der Unzucht. Wahrlich, sie ist eine Schändlichkeit und ein schlechter Weg.
  33. 33Tötet die Seele, die Gott verboten hat, nur mit Recht. Wer ungerechterweise getötet wird, dessen Schutzherrn haben wir eine Vollmacht gegeben. Aber er soll im Töten nicht maßlos sein. Wahrlich, ihm wird beigestanden.
  34. 34Nähert euch nicht dem Vermögen der Waise, außer auf die schönste Art, bis sie ihre Reife erreicht. Und erfüllt das Versprechen. Wahrlich, das Versprechen wird befragt.
  35. 35Erfüllt das Maß, wenn ihr messt, und wiegt mit der richtigen Waage. Das ist besser und schöner im Ausgang.
  36. 36Folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast. Wahrlich, das Hören, das Sehen und das Herz – jedes von diesen wird befragt.
  37. 37Geh nicht überheblich auf der Erde. Wahrlich, du kannst weder die Erde durchbohren noch die Berge an Höhe erreichen.
  38. 38Das alles ist – sein Übel ist bei deinem Herrn verhasst.
  39. 39Das ist von der Weisheit, die dein Herr dir offenbart hat. Setze neben Gott keinen anderen Gott. Sonst wirst du in die Hölle geworfen, tadelnswert, verstoßen.
  40. 40Hat denn euer Herr für euch die Söhne ausgewählt und für sich aus den Engeln Töchter genommen? Wahrlich, ihr sprecht ein ungeheures Wort.
  41. 41Wir haben in diesem Koran auf verschiedene Arten deutlich gemacht, damit sie sich erinnern. Aber es vermehrt nur ihre Abkehr.
  42. 42Sprich: Wären andere Götter neben ihm, wie sie sagen, dann würden sie zum Inhaber des Thrones einen Weg suchen.
  43. 43Preis sei ihm und erhaben ist er über das, was sie sagen, hoch hinausreichend!
  44. 44Die sieben Himmel und die Erde und wer in ihnen ist preisen ihn. Es gibt nichts, was nicht mit seinem Lob preist. Aber ihr versteht ihr Preisen nicht. Wahrlich, er ist nachsichtig, allverzeihend.
  45. 45Wenn du den Koran rezitierst, machen wir zwischen dir und denen, die nicht ans Jenseits glauben, einen verborgenen Schleier.
  46. 46Wir haben über ihre Herzen Hüllen gelegt, sodass sie es nicht verstehen, und in ihre Ohren Schwerhörigkeit. Wenn du im Koran deinen Herrn allein gedenkst, wenden sie ihren Rücken in Abkehr.
  47. 47Wir wissen am besten, worauf sie hören, wenn sie auf dich hören, und wenn sie sich heimlich beraten, wenn die Frevler sagen: Ihr folgt nur einem verzauberten Mann.
  48. 48Sieh, wie sie für dich die Gleichnisse anführen! Sie sind in die Irre gegangen und können keinen Weg mehr finden.
  49. 49Sie sagen: Wenn wir Knochen und Staub geworden sind, sollen wir dann wahrlich als neue Schöpfung auferweckt werden?
  50. 50Sprich: Seid Steine oder Eisen,
  51. 51oder eine Schöpfung, die in eurem Sinn besonders groß ist. Sie werden sagen: Wer bringt uns zurück? Sprich: Der euch das erste Mal erschaffen hat. Sie werden ihre Köpfe zu dir bewegen und sagen: Wann ist das? Sprich: Vielleicht ist es nah.
  52. 52An dem Tag, an dem er euch ruft, ihr werdet ihm mit seinem Lob antworten. Ihr werdet meinen, ihr habt nur eine kurze Zeit verweilt.
  53. 53Sag meinen Dienern, dass sie das spricht, was am schönsten ist. Wahrlich, der Satan stiftet zwischen ihnen Zwietracht. Wahrlich, der Satan ist dem Menschen ein deutlicher Feind.
  54. 54Euer Herr kennt euch am besten. Wenn er will, erbarmt er sich euer. Oder wenn er will, straft er euch. Wir haben dich nicht als Sachwalter über sie gesandt.
  55. 55Dein Herr kennt am besten, wer in den Himmeln und auf der Erde ist. Wir haben manche der Propheten über andere bevorzugt. Und David gaben wir den Psalter.
  56. 56Sprich: Ruft die an, von denen ihr neben ihm behauptet habt! Sie haben keine Macht, Übel von euch zu nehmen oder zu wenden.
  57. 57Diese, die sie anrufen, suchen Zugang zu ihrem Herrn, welcher von ihnen am nächsten kommt, und sie hoffen auf seine Barmherzigkeit und fürchten seine Strafe. Wahrlich, die Strafe deines Herrn ist zu fürchten.
  58. 58Es gibt keine Stadt, die wir nicht vor dem Tag der Auferstehung vernichten oder mit harter Strafe strafen. Das war in der Schrift verzeichnet.
  59. 59Nichts hat uns davon abgehalten, die Zeichen zu senden, außer dass die Früheren sie für eine Lüge erklärten. Wir gaben den Thamūd die Kamelin – ein sichtbares Zeichen –, doch sie taten ihr Unrecht. Wir schicken die Zeichen nur zur Einschüchterung.
  60. 60Als wir dir sagten: Wahrlich, dein Herr umfasst die Menschen. Wir haben das Gesicht, das wir dir gezeigt haben, nur zu einer Prüfung für die Menschen gemacht und auch den verfluchten Baum im Koran. Wir schüchtern sie ein, doch das mehrt nur ihre große Auflehnung.
  61. 61Als wir zu den Engeln sagten: Werft euch vor Adam nieder! Da warfen sie sich nieder, außer Iblīs. Er sagte: Soll ich mich vor dem niederwerfen, den du aus Lehm erschaffen hast?
  62. 62Er sagte: Sieh dir den an, den du über mich erhoben hast! Wenn du mir bis zum Tag der Auferstehung Aufschub gibst, werde ich seine Nachkommenschaft an mich knebeln, außer wenigen.
  63. 63Er sagte: Geh hin! Wer von ihnen dir folgt – wahrlich, die Hölle ist eure Belohnung, ein reichlicher Lohn.
  64. 64Stachle von ihnen auf, wen du kannst, mit deiner Stimme, und sammle gegen sie deine Reiter und deine Fußknechte und beteilige dich an Vermögen und Kindern und versprich ihnen. Aber der Satan verspricht ihnen nur Täuschung.
  65. 65Über meine Diener hast du keine Vollmacht. Dein Herr genügt als Sachwalter.
  66. 66Euer Herr ist es, der für euch das Schiff im Meer treibt, damit ihr nach seiner Gunst sucht. Wahrlich, er ist barmherzig gegen euch.
  67. 67Wenn euch im Meer Schaden trifft, verschwinden die, die ihr außer ihm anruft. Wenn er euch ans Land rettet, wendet ihr euch ab. Der Mensch war undankbar.
  68. 68Seid ihr sicher, dass er euch nicht einen Saum der Erde versinken lässt oder einen Sturm von Steinen über euch schickt? Dann findet ihr keinen Sachwalter.
  69. 69Oder seid ihr sicher, dass er euch nicht ein zweites Mal in ihn zurückbringt und gegen euch einen vernichtenden Wind schickt, sodass er euch ertränkt für eure Undankbarkeit? Dann werdet ihr keinen Vertrauten gegen uns finden.
  70. 70Wahrlich, wir haben den Kindern Adams Würde verliehen, sie auf Land und Meer getragen, sie mit guten Dingen versorgt und sie vielen unserer Geschöpfe weit übergeordnet.
  71. 71An dem Tag werden wir jede Gruppe mit ihrem Führer rufen. Wer dann sein Buch in seine Rechte erhält – die werden ihr Buch lesen und werden nicht im Mindesten betrogen.
  72. 72Wer in diesem blind war, der wird im Jenseits blind und noch weiter vom Weg abgeirrt sein.
  73. 73Sie hätten dich beinahe in eine Versuchung gestürzt durch das, was wir dir offenbart haben, damit du etwas anderes über uns erfindest. Dann hätten sie dich zum Freund genommen.
  74. 74Hätten wir dich nicht standhaft gemacht, so hättest du fast etwas zu ihnen geneigt.
  75. 75Dann hätten wir dich das Doppelte vom Leben und das Doppelte vom Sterben kosten lassen. Dann hättest du keinen Helfer gegen uns gefunden.
  76. 76Sie hätten dich fast aus dem Land aufgeschreckt, um dich daraus zu vertreiben. Dann wären sie nur kurz nach dir verblieben.
  77. 77Das ist die Gewohnheit derer, die wir vor dir an Gesandten geschickt haben. Du findest keine Veränderung unserer Gewohnheit.
  78. 78Verrichte das Gebet bei der Sonne, die schräg vom Zenit steht, bis zur Dunkelheit der Nacht, und das Lesen am Morgen. Wahrlich, das Lesen am Morgen wird bezeugt.
  79. 79Und in einem Teil der Nacht halte mit ihm Nachtgebet – als ein zusätzliches Werk für dich. Vielleicht erweckt dich dein Herr in einen lobenswerten Rang.
  80. 80Sprich: Mein Herr, lass mich an einer Stätte der Wahrheit eintreten und lass mich an einer Stätte der Wahrheit hinausgehen und gib mir aus deiner Nähe eine helfende Macht.
  81. 81Sprich: Die Wahrheit ist gekommen, und das Falsche ist vergangen. Wahrlich, das Falsche ist vergänglich.
  82. 82Wir senden vom Koran herab, was Heilung und Barmherzigkeit für die Gläubigen ist. Aber er mehrt den Frevlern nur Verlust.
  83. 83Wenn wir dem Menschen Gunst erweisen, wendet er sich ab und entfernt sich. Wenn ihm Übel trifft, ist er voll Verzweiflung.
  84. 84Sprich: Jeder handelt nach seiner Art. Euer Herr weiß am besten, wer im Weg rechter geleitet ist.
  85. 85Sie fragen dich nach dem Geist. Sprich: Der Geist gehört zum Befehl meines Herrn. Euch ist nur wenig Wissen gegeben.
  86. 86Wenn wir wollten, würden wir das, was wir dir offenbart haben, wegnehmen. Dann würdest du dafür gegen uns keinen Sachwalter finden,
  87. 87außer durch eine Barmherzigkeit von deinem Herrn. Wahrlich, seine Gunst gegen dich ist groß.
  88. 88Sprich: Wenn die Menschen und die Dschinn sich zusammentäten, etwas wie diesen Koran zu bringen, sie würden nicht etwas wie ihn bringen, selbst wenn sie einander helfen würden.
  89. 89Wir haben in diesem Koran den Menschen alle Arten von Gleichnissen vorgeführt. Aber die meisten Menschen lehnen alles ab außer Unglauben.
  90. 90Sie sagen: Wir glauben dir nicht, bis du uns aus der Erde eine Quelle hervorbrechen lässt,
  91. 91oder dass du einen Garten von Dattelpalmen und Reben hast, dass du die Bäche darin reichlich hervorbrechen lässt,
  92. 92oder dass du den Himmel auf uns in Stücke fallen lässt, wie du behauptest, oder dass du Gott und die Engel uns gegenüber bringst,
  93. 93oder dass du ein Haus aus Gold hast, oder dass du in den Himmel steigst. Wir glauben deinem Steigen nicht, bis du auf uns eine Schrift herabsendest, die wir lesen können. Sprich: Preis sei meinem Herrn! Bin ich denn nicht nur ein Mensch, ein Gesandter?
  94. 94Nichts hindert die Menschen daran, zu glauben, wenn die Rechtleitung zu ihnen kommt, außer dass sie sagen: Hat Gott einen Menschen als Gesandten geschickt?
  95. 95Sprich: Wenn auf der Erde Engel wären, die in Ruhe wandelten, hätten wir auf sie vom Himmel einen Engel als Gesandten herabgesandt.
  96. 96Sprich: Gott genügt als Zeuge zwischen mir und euch. Wahrlich, er ist über seine Diener vollkommen wissend, sehend.
  97. 97Wen Gott leitet, der ist rechtgeleitet. Wen er irreführt, für den wirst du keine Schutzherrn finden außer ihm. Wir versammeln sie am Tag der Auferstehung auf den Gesichtern – blind, stumm und taub. Ihr Aufenthalt ist die Hölle. Wenn sie nachlässt, mehren wir ihnen das lodernde Feuer.
  98. 98Das ist ihre Belohnung, weil sie unsere Zeichen verleugneten und sagten: Wenn wir Knochen und Staub geworden sind, sollen wir dann wahrlich als neue Schöpfung auferweckt werden?
  99. 99Haben sie nicht gesehen, dass Gott, der die Himmel und die Erde erschaffen hat, fähig ist, ihresgleichen zu erschaffen, und für sie einen Termin gesetzt hat, an dem es keinen Zweifel gibt? Aber die Frevler weisen alles ab außer Unglauben.
  100. 100Sprich: Wenn ihr die Schätze der Barmherzigkeit meines Herrn hättet, ihr würdet sie aus Furcht vor dem Ausgeben festhalten. Der Mensch ist sehr geizig.
  101. 101Wir haben Moses neun deutliche Zeichen gegeben. Frage doch die Kinder Israels, als er zu ihnen kam, und Pharao zu ihm sagte: Ich halte dich für verzaubert, Moses.
  102. 102Er sagte: Du weißt, dass diese Zeichen nur der Herr der Himmel und der Erde herabgesandt hat, als deutliche Beweise. Ich halte dich für verloren, Pharao.
  103. 103Er wollte sie aus dem Land aufschrecken. Doch wir ertränkten ihn und die mit ihm zusammen.
  104. 104Wir sagten danach zu den Kindern Israels: Bewohnt das Land! Wenn das Versprechen des Jenseits eintritt, bringen wir euch aus verschiedenen Scharen.
  105. 105Wir haben ihn mit Wahrheit herabgesandt, und mit Wahrheit ist er herabgekommen. Wir haben dich nur als Verkünder froher Botschaft und als Warner gesandt.
  106. 106Ein Koran, den wir eingeteilt haben, damit du ihn den Menschen in Pausen rezitierst. Wir haben ihn schrittweise herabgesandt.
  107. 107Sprich: Glaubt an ihn oder glaubt nicht. Wahrlich, denen, denen vorher Wissen gegeben wurde, wenn er ihnen verlesen wird, fallen sie auf die Gesichter, sich niederwerfend.
  108. 108Sie sagen: Preis sei unserem Herrn! Wahrlich, das Versprechen unseres Herrn ist erfüllt!
  109. 109Sie fallen auf die Gesichter, weinend, und es vermehrt ihre Demut.
  110. 110Sprich: Ruft Gott an oder ruft den Allerbarmer an. Bei welchem ihr auch ruft – ihm gehören die schönsten Namen. Sprich nicht laut in deinem Gebet, aber auch nicht zu leise, sondern suche zwischen beidem einen Mittelweg.
  111. 111Sprich: Lob sei Gott, der sich kein Kind genommen hat, der keinen Teilhaber in der Herrschaft hat und der keinen Beschützer aus Schwäche braucht. Und preise ihn mit großer Erhabenheit.

Einordnung & Bedeutung

Die Nachtreise (Vers 1)

Der erste Vers ist einer der berühmtesten des Korans: „Gepriesen sei der, der seinen Diener in einer Nacht von dem heiligen Heiligtum zum fernen Heiligtum reisen ließ."

Das „heilige Heiligtum" (al-masdschid al-ḥarām) ist klassisch die Kaaba in Mekka. Das „ferne Heiligtum" (al-masdschid al-aqṣā) wurde in der islamischen Tradition seit dem 8. Jahrhundert mit Jerusalem identifiziert – konkret mit dem Tempelberg, auf dem heute die Al-Aqsa-Moschee steht.

Was war diese Nachtreise? Klassische Auslegungen unterscheiden zwei Phasen:

  1. Isrāʾ: die Nachtreise von Mekka nach Jerusalem (Vers 1)
  2. Miʿrādsch: die anschließende Himmelfahrt durch die sieben Himmel (in den Hadith-Sammlungen ausführlich beschrieben, im Koran nur knapp in Sure 53)

Die Nachtreise wurde ursprünglich von vielen Zeitgenossen als unglaublich abgetan – wie soll jemand in einer Nacht nach Jerusalem und zurück gelangen? Mohammed soll daraufhin Details über Jerusalem geschildert haben, die Reisende bestätigten.

Theologisch gibt der Vers eine wichtige Botschaft: Mohammed steht in der Tradition der biblischen Propheten. Jerusalem als Ziel der Reise verbindet ihn mit Abraham, Moses, David, Salomon, Jesus. Das „ferne Heiligtum" ist der Ort der Offenbarungsgeschichte.

Politisch ist der Vers heute hochsensibel. Er ist die koranische Grundlage für die religiöse Bedeutung Jerusalems im Islam. Die Al-Aqsa-Moschee gilt seit jeher als drittwichtigstes Heiligtum nach Mekka und Medina.

Die zwei Verderbnisse der Kinder Israels (Verse 4–8)

Eine erstaunliche Vorhersage. Die Sure kündigt an, dass die Kinder Israels „zweimal auf der Erde Verderben anrichten" werden. Beide Male wird Gott „Diener von harter Kraft" gegen sie schicken, die in den Häusern wüten.

Klassische Auslegungen identifizieren die zwei Ereignisse mit historischen Katastrophen:

  • Erste Verderbnis: die Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier 587 v. Chr.
  • Zweite Verderbnis: die Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer 70 n. Chr.

Andere Auslegungen sehen darin eschatologische Ereignisse, die noch ausstehen. In der modernen muslimischen Auslegung wird die Stelle manchmal politisch instrumentalisiert – mit unterschiedlichen, oft problematischen Stoßrichtungen.

Wichtig: Der Text ist keine pauschale Anklage. Er macht klar (Vers 7): „Wenn ihr Gutes tut, tut ihr Gutes für euch selbst." Die zwei Verderbnisse sind Folgen konkreter Untaten, nicht eine kollektive Verdammung des jüdischen Volkes.

Das ethische Programm (Verse 22–39)

Das Herz von Sure 17 ist eine Aufzählung von Grundgeboten – oft als „die zehn Gebote des Korans" bezeichnet, obwohl die Zahl variiert. Die wichtigsten:

  1. Kein Polytheismus (V. 22): „Setze nicht neben Gott einen anderen Gott."
  2. Güte zu den Eltern (V. 23–24): die berühmteste Stelle der Sure – siehe unten.
  3. Rechte der Verwandten und Bedürftigen (V. 26): „Gib dem Verwandten sein Recht und dem Bedürftigen."
  4. Keine Verschwendung (V. 26–27): „Die Verschwender sind Brüder der Satane."
  5. Maß im Geben (V. 29): „Mache deine Hand nicht zu einer angefesselten an deinem Hals, aber öffne sie auch nicht völlig."
  6. Keine Kindstötung (V. 31): „Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut."
  7. Keine Unzucht (V. 32)
  8. Kein Totschlag (V. 33)
  9. Schutz des Waisen-Vermögens (V. 34)
  10. Eid halten (V. 34)
  11. Maß und Waage (V. 35)
  12. Nicht ohne Wissen reden (V. 36): „Folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast. Wahrlich, das Hören, das Sehen und das Herz – jedes von diesen wird befragt." Eine erstaunlich moderne Wissens-Ethik.
  13. Keine Überheblichkeit (V. 37): „Geh nicht überheblich auf der Erde. Du kannst weder die Erde durchbohren noch die Berge an Höhe erreichen."

„Sage nicht pfui zu deinen Eltern"

Verse 23–24 sind eine der zärtlichsten Stellen des Korans: „Wenn das hohe Alter einen oder beide von ihnen bei dir erreicht, sag zu ihnen nicht ‚pfui' und herrsche sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ein edles Wort. Und neige zu ihnen den Flügel der Demut aus Barmherzigkeit."

Das arabische „pfui" (uff) ist die kleinste denkbare Ungeduld – ein kurzes verärgertes Geräusch. Der Koran verbietet selbst das. Wer alte Eltern hat, darf nicht einmal genervt seufzen.

Das „Flügel der Demut neigen" ist ein zartes Bild. Vogeleltern senken die Flügel, um ihre Küken zu schützen. Erwachsene Kinder sollen sich so über ihre alten Eltern beugen – schützend, demütig.

Diese Stelle ist in der islamischen Familien-Ethik fundamental. Die Pflege alter Eltern wird im Islam als religiöse Pflicht verstanden, nicht als kulturelle Sitte. Sie ist im Koran ausdrücklich angeordnet.

Die Würde aller Menschen (Vers 70)

Vers 70 ist einer der wichtigsten Verse des Korans für die universale Menschenrechts-Lehre: „Wahrlich, wir haben den Kindern Adams Würde verliehen, sie auf Land und Meer getragen, sie mit guten Dingen versorgt und sie vielen unserer Geschöpfe weit übergeordnet."

Bemerkenswert ist das Wort: „Kinder Adams" – nicht „Gläubige", nicht „Muslime", nicht „eine bestimmte Gruppe". Alle Menschen sind gemeint. Allen ist Würde (karāma) verliehen.

Dieser Vers ist in der zeitgenössischen islamischen Menschenrechts-Diskussion zentral. Er macht klar: Die Würde des Menschen ist nicht eine moderne westliche Erfindung – sie ist im Koran selbst verankert, und zwar universell.

Der „Geist" (Vers 85)

Vers 85 ist eine geheimnisvolle Stelle: „Sie fragen dich nach dem Geist. Sprich: Der Geist gehört zum Befehl meines Herrn. Euch ist nur wenig Wissen gegeben."

Was ist der „Geist" (ar-rūḥ)? Klassische Auslegungen kennen mehrere Optionen: der Engel Gabriel, die menschliche Seele, das Lebensprinzip der Schöpfung, eine besondere Schöpfung Gottes. Der Koran selbst beantwortet die Frage nicht. Er sagt nur: Es gehört zum „Befehl Gottes" – das heißt zu jenem unmittelbaren Schöpfungsakt, der jenseits der menschlichen Kategorien liegt.

Der Schlusssatz ist erstaunlich offen: „Euch ist nur wenig Wissen gegeben." Das ist eine theologische Bescheidenheits-Erklärung. Selbst die Offenbarung enthüllt nicht alles. Es gibt Bereiche, in denen Gott schweigt – und das ist gut so.

Die Wunder-Forderung (Verse 90–93)

Die Mekkaner fordern Wunder als Beweis. Sie wollen eine Quelle aus der Erde, einen Garten, Engel-Erscheinungen, ein Haus aus Gold, eine Himmelfahrt. Mohammed soll all das vollbringen, dann würden sie glauben.

Die Antwort (Vers 93) ist erstaunlich schlicht: „Preis sei meinem Herrn! Bin ich denn nicht nur ein Mensch, ein Gesandter?"

Mohammed bestreitet jede Wundertätigkeit. Er ist nur Bote. Das Wunder, das er bringt, ist der Koran selbst (Vers 88): „Wenn die Menschen und die Dschinn sich zusammentäten, etwas wie diesen Koran zu bringen, sie würden nicht etwas wie ihn bringen."

Diese Selbstbeschränkung ist im religionsvergleichenden Blick bemerkenswert. Während im Christentum Wundertaten Jesu wichtig sind, hat der Koran-Mohammed eine andere Linie: Sein Wunder ist die Sprache der Offenbarung.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 17 ist eine der vollständigsten Suren des Korans. Sie verbindet:

  • Die berühmte Nachtreise (Vers 1)
  • Heilsgeschichtliche Reflexion über die Kinder Israels (Verse 2–8)
  • Ein ethisches Grundprogramm (Verse 22–39)
  • Theologische Reflexion (Verse 40–60)
  • Iblīs-Erzählung (Verse 61–65)
  • Die Würde-Aussage (Vers 70)
  • Mahnung an Mohammed selbst (Verse 73–80)
  • Polemik gegen Wunderforderungen (Verse 88–93)

Die ethischen Verse 22–39 werden manchmal als „die zehn Gebote des Korans" bezeichnet. Sie sind tatsächlich eine moralische Kompaktversion: Familienpietät, Sozialethik, Wahrheits-Ethik, Würde-Ethik – alles in einer kurzen Sequenz.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Heiliges Heiligtum (al-masdschid al-ḥarām) – die Kaaba in Mekka – Startpunkt der Nachtreise
  • Fernes Heiligtum (al-masdschid al-aqṣā) – klassisch mit Jerusalem identifiziert – Zielpunkt der Nachtreise
  • Isrāʾ – die Nachtreise – gibt der Sure ihren Namen; im Koran nur in Vers 1 erwähnt
  • Miʿrādsch – die Himmelfahrt Mohammeds – in den Hadith-Sammlungen ausführlich, im Koran knapp
  • „Pfui sagen" (uff) – die kleinste denkbare Ungeduld – im Umgang mit den Eltern verboten
  • Flügel der Demut (dschanāḥ adh-dhull) – zartes Bild für die Haltung erwachsener Kinder gegenüber alten Eltern
  • Würde (karāma) – in Vers 70 allen Kindern Adams zugesprochen – Grundlage islamischer Menschenrechts-Lehre
  • Der Geist (ar-rūḥ) – in Vers 85 unklar gelassen – Gabriel, Seele oder Lebensprinzip