Sure 19
Maria
Maryam
Worum geht's?
Die einzige Sure, die nach einer Frau benannt ist – nach Maria, der Mutter Jesu. Sie enthält eine ausführliche Geburtsgeschichte Jesu, die Geschichte des alten Zacharias und seines Sohnes Johannes (des Täufers), und einen Auftritt Jesu als Säugling, der spricht. Diese Sure wurde von der frühen muslimischen Gemeinde in Mekka zum Negus von Abessinien getragen – mit großer Wirkung.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Kāf-Hā-Yā-ʿAin-Ṣād.
- 2Eine Erwähnung der Barmherzigkeit deines Herrn an seinem Diener Zacharias,
- 3als er seinen Herrn in verborgenem Ruf anrief.
- 4Er sagte: Mein Herr! Wahrlich, meine Knochen sind schwach geworden, und das Haupt ist in grauem Haar entzündet. Doch ich war noch nie unglücklich, wenn ich dich anrief, mein Herr.
- 5Ich fürchte meine Verwandten nach mir. Und meine Frau ist unfruchtbar. So schenke mir von dir einen Erben,
- 6der mich beerbt und der Sippe Jakobs nachfolgt. Mache ihn, mein Herr, mit Wohlgefallen.
- 7Zacharias! Wir verkünden dir einen Knaben, sein Name ist Johannes. Wir haben vorher keinen mit gleichem Namen gemacht.
- 8Er sagte: Mein Herr! Wie soll ich einen Knaben bekommen, während meine Frau unfruchtbar ist und ich vom hohen Alter gebrechlich geworden bin?
- 9Er sagte: So ist es. Dein Herr hat gesagt: Das ist für mich leicht. Ich habe dich vorher erschaffen, als du nichts warst.
- 10Er sagte: Mein Herr! Mache mir ein Zeichen! Er sagte: Dein Zeichen ist, dass du drei Nächte lang nicht zu den Menschen sprechen wirst, obwohl du gesund bist.
- 11Da kam er aus der Gebetskammer zu seinem Volk heraus und gab ihnen zu verstehen: Preist Gott morgens und abends!
- 12Johannes! Nimm das Buch mit Kraft! Wir gaben ihm das Urteil als Kind,
- 13und Zärtlichkeit von uns und Reinheit. Er war gottesfürchtig
- 14und gütig zu seinen Eltern und nicht trotzig, nicht ungehorsam.
- 15Friede sei über ihm an dem Tag, an dem er geboren wurde, und an dem Tag, an dem er stirbt, und an dem Tag, an dem er lebend auferweckt wird!
- 16Erwähne im Buch Maria, als sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog
- 17und sich vor ihnen einen Schleier nahm. Da sandten wir zu ihr unseren Geist, der ihr als wohlgeformter Mensch erschien.
- 18Sie sagte: Ich nehme Zuflucht beim Allerbarmer vor dir, wenn du gottesfürchtig bist!
- 19Er sagte: Ich bin nur ein Gesandter deines Herrn, dir einen reinen Knaben zu schenken.
- 20Sie sagte: Wie soll ich einen Knaben bekommen, während mich kein Mensch berührt hat und ich nicht ausschweifend bin?
- 21Er sagte: So ist es. Dein Herr hat gesagt: Das ist für mich leicht. Wir machen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und einer Barmherzigkeit von uns. Es ist eine entschiedene Sache.
- 22Sie empfing ihn und zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück.
- 23Die Wehen brachten sie zum Stamm einer Dattelpalme. Sie sagte: Wäre ich doch vorher gestorben und vergessen, eine vergessene Sache!
- 24Da rief er ihr von unter ihr zu: Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter dir ein Bächlein gemacht.
- 25Schüttle den Stamm der Dattelpalme zu dir, so wird sie über dich frische, reife Datteln fallen lassen.
- 26Iss, trink und sei guter Augen! Wenn du jemanden von den Menschen siehst, sage: Wahrlich, ich habe dem Allerbarmer ein Fasten gelobt, so werde ich heute mit keinem Menschen reden.
- 27Sie kam mit ihm zu ihrem Volk, ihn tragend. Sie sagten: Maria! Du hast eine unerhörte Sache getan!
- 28Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein böser Mensch, und deine Mutter war keine Unzüchtige.
- 29Da deutete sie auf ihn. Sie sagten: Wie sollen wir mit jemandem reden, der ein Säugling in der Wiege ist?
- 30Er sagte: Wahrlich, ich bin Gottes Diener. Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.
- 31Er hat mich gesegnet, wo immer ich bin. Er hat mir das Gebet und das Almosen anbefohlen, solange ich lebe,
- 32und Güte gegen meine Mutter. Er hat mich nicht zu einem unglücklichen Tyrannen gemacht.
- 33Friede sei über mir an dem Tag, an dem ich geboren wurde, und an dem Tag, an dem ich sterbe, und an dem Tag, an dem ich lebend auferweckt werde!
- 34Das ist Jesus, der Sohn Marias – das Wort der Wahrheit, an dem sie zweifeln.
- 35Es gehört sich nicht für Gott, sich ein Kind zu nehmen. Preis sei ihm! Wenn er eine Sache bestimmt, sagt er nur zu ihr: Sei! – und sie ist.
- 36Wahrlich, Gott ist mein Herr und euer Herr. So dient ihm. Das ist ein gerader Weg.
- 37Doch die Gruppen unter ihnen sind sich uneinig. So wehe den Ungläubigen, wegen des Zuschauens an einem gewaltigen Tag!
- 38Wie deutlich werden sie hören und wie deutlich werden sie sehen an dem Tag, an dem sie zu uns kommen! Doch die Frevler sind heute in deutlicher Verirrung.
- 39Warne sie vor dem Tag der Reue, wenn die Sache entschieden wird. Doch sie sind in Achtlosigkeit, und sie glauben nicht.
- 40Wahrlich, wir werden die Erde erben und was auf ihr ist. Und zu uns werden sie zurückgebracht.
- 41Erwähne im Buch Abraham. Wahrlich, er war ein Wahrhaftiger, ein Prophet,
- 42als er zu seinem Vater sagte: Mein Vater! Warum dienst du dem, was nicht hört, nicht sieht und dir nichts nützt?
- 43Mein Vater! Wahrlich, zu mir ist von Wissen gekommen, was nicht zu dir gekommen ist. So folge mir, ich werde dich auf einen geraden Weg leiten.
- 44Mein Vater! Diene nicht dem Satan. Wahrlich, der Satan ist gegen den Allerbarmer aufrührerisch.
- 45Mein Vater! Wahrlich, ich fürchte, dass dich eine Strafe vom Allerbarmer trifft, sodass du ein Verbündeter des Satans wirst.
- 46Er sagte: Wendest du dich von meinen Göttern ab, Abraham? Wenn du nicht aufhörst, werde ich dich gewiss steinigen. So gehe weg von mir für eine lange Zeit.
- 47Er sagte: Friede sei über dir! Ich werde meinen Herrn um Vergebung für dich bitten. Wahrlich, er ist mir gnädig.
- 48Ich werde mich von euch absondern und von dem, was ihr neben Gott anruft. Ich werde meinen Herrn anrufen. Vielleicht werde ich beim Anrufen meines Herrn nicht unglücklich.
- 49Als er sich von ihnen und dem, was sie neben Gott verehrten, abgesondert hatte, schenkten wir ihm Isaak und Jakob, und beide machten wir zu Propheten.
- 50Wir schenkten ihnen von unserer Barmherzigkeit und gaben ihnen eine hohe wahre Sprache.
- 51Erwähne im Buch Moses. Wahrlich, er war auserwählt, und er war ein Gesandter und Prophet.
- 52Wir riefen ihn von der rechten Seite des Berges und zogen ihn zu uns in vertrautes Gespräch.
- 53Wir schenkten ihm aus unserer Barmherzigkeit seinen Bruder Aaron als Propheten.
- 54Erwähne im Buch Ismael. Wahrlich, er war wahrhaftig im Versprechen, und er war ein Gesandter und Prophet.
- 55Er befahl seinen Angehörigen das Gebet und das Almosen, und er war bei seinem Herrn mit Wohlgefallen.
- 56Erwähne im Buch Idrīs. Wahrlich, er war ein Wahrhaftiger, ein Prophet.
- 57Wir erhoben ihn an einen hohen Ort.
- 58Diese sind die, denen Gott von den Propheten aus der Nachkommenschaft Adams Gnade erwiesen hat, und von denen wir mit Noah trugen, und aus der Nachkommenschaft Abrahams und Israels, und von denen wir geleitet und erwählt haben. Wenn die Zeichen des Allerbarmers über ihnen verlesen wurden, fielen sie nieder und weinten.
- 59Doch nach ihnen kamen Nachkommen, die das Gebet vernachlässigten und den Lüsten folgten. So werden sie Verirrung erleben –
- 60außer denen, die umkehren, glauben und Gutes tun. Diese werden ins Paradies eingehen und kein Unrecht erleiden,
- 61in die Gärten von Eden, die der Allerbarmer seinen Dienern im Verborgenen versprochen hat. Sein Versprechen ist erfüllt.
- 62Sie hören darin kein leeres Gerede, nur „Friede!". Sie haben darin Versorgung morgens und abends.
- 63Das ist das Paradies, das wir denjenigen unter unseren Dienern als Erbe geben, die gottesfürchtig sind.
- 64Wir kommen nur auf Befehl deines Herrn herab. Ihm gehört, was vor uns und was hinter uns ist und was dazwischen ist. Und dein Herr vergisst nicht.
- 65Der Herr der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist. So diene ihm und sei beständig in seinem Dienst. Kennst du jemanden mit seinem Namen?
- 66Der Mensch sagt: Wenn ich sterbe, werde ich dann lebend hervorgebracht?
- 67Bedenkt der Mensch nicht, dass wir ihn vorher erschaffen haben, als er nichts war?
- 68Bei deinem Herrn! Wir werden sie und die Satane versammeln, dann werden wir sie um die Hölle herum auf den Knien herbeibringen.
- 69Dann werden wir aus jeder Gruppe diejenigen herausnehmen, die am Stärksten in ihrer Auflehnung gegen den Allerbarmer waren.
- 70Wir wissen am besten, wer von ihnen das verdiente, darin zu brennen.
- 71Keiner von euch ist da, der nicht zu ihr hinabsteigt. Das ist eine entschiedene Sache deines Herrn.
- 72Dann retten wir die Gottesfürchtigen und lassen die Frevler darin auf den Knien.
- 73Wenn unsere Zeichen ihnen deutlich verlesen werden, sagen die Ungläubigen zu denen, die geglaubt haben: Welche der beiden Gruppen ist besser an Stellung und schöner an Versammlung?
- 74Wie viele Generationen vor ihnen haben wir vernichtet, die schöner an Ausstattung und Aussehen waren?
- 75Sprich: Wer in der Verirrung ist, dem soll der Allerbarmer eine Frist geben. Bis sie sehen, was ihnen versprochen wurde – entweder die Strafe oder die Stunde –, dann werden sie wissen, wer schlechter an Stellung und schwächer an Heer ist.
- 76Gott vermehrt die Rechtleitung derer, die rechtgeleitet sind. Die bleibenden Werke des Guten sind bei deinem Herrn besser an Belohnung und besser an Rückkehr.
- 77Hast du den gesehen, der unsere Zeichen leugnete und sagte: Mir wird wahrlich Vermögen und Kinder gegeben?
- 78Hat er Einblick in das Verborgene? Oder hat er beim Allerbarmer einen Vertrag genommen?
- 79Nein! Wir werden aufschreiben, was er sagt, und werden die Strafe für ihn verlängern.
- 80Wir werden ihn beerben, was er sagt, und er wird zu uns einzeln kommen.
- 81Sie haben sich neben Gott Götter genommen, um ihnen Ehre zu sein.
- 82Doch nein! Sie werden ihren Dienst ablehnen und werden ihnen entgegenstehen.
- 83Hast du nicht gesehen, dass wir die Satane gegen die Ungläubigen geschickt haben, sodass sie sie heftig antreiben?
- 84Habe keine Eile mit ihnen. Wir zählen ihnen wahrlich nur ab.
- 85An dem Tag werden wir die Gottesfürchtigen zum Allerbarmer als Gesandtschaft sammeln.
- 86Und wir werden die Sünder zur Hölle treiben, wie ans Wasser getrieben wird.
- 87Sie werden keine Fürsprache haben, außer dem, der vom Allerbarmer einen Vertrag genommen hat.
- 88Sie sagen: Der Allerbarmer hat sich ein Kind genommen.
- 89Wahrlich, ihr habt eine ungeheure Sache vorgebracht.
- 90Fast bricht der Himmel davon auseinander und spaltet sich die Erde, und stürzen die Berge zusammen,
- 91dass sie dem Allerbarmer ein Kind zuschreiben.
- 92Es geziemt dem Allerbarmer nicht, sich ein Kind zu nehmen.
- 93Wahrlich, jeder, der in den Himmeln und auf der Erde ist, kommt zum Allerbarmer nur als Diener.
- 94Wahrlich, er hat sie genau berechnet und genau gezählt.
- 95Jeder von ihnen kommt zu ihm am Tag der Auferstehung einzeln.
- 96Wahrlich, denen, die geglaubt haben und gute Werke getan haben, wird der Allerbarmer Liebe schenken.
- 97Wahrlich, wir haben ihn nur leicht in deiner Sprache gemacht, damit du mit ihm die Gottesfürchtigen erfreust und damit ein streitsüchtiges Volk warnst.
- 98Wie viele Generationen haben wir vor ihnen vernichtet! Spürst du noch einen von ihnen oder hörst von ihnen ein Flüstern?
Einordnung & Bedeutung
Eine Sure für die Auswanderung nach Abessinien
Sure 19 hat eine besondere Geschichte. Als die ersten Muslime in Mekka unter massiver Verfolgung litten, schickte Mohammed (615 n. Chr.) eine Gruppe nach Abessinien (heute Äthiopien) – damals ein christliches Königreich unter dem christlichen König Negus. Sie sollten dort Asyl finden.
Die Quraisch sandten eine Gesandtschaft hinterher, um die Auslieferung der Flüchtlinge zu erreichen. Vor dem Negus kam es zu einer Anhörung. Dschaʿfar ibn Abī Ṭālib, der Sprecher der Muslime, rezitierte daraufhin Sure 19 – speziell die Verse über Maria und Jesus.
Die Wirkung war erschütternd. Der Negus weinte, sein Bart wurde nass. Er sagte: „Wahrlich, das und das, was Jesus gebracht hat, kommen aus derselben Nische." Er weigerte sich, die Muslime auszuliefern.
Diese Geschichte ist religionsgeschichtlich bemerkenswert. Sie zeigt, dass Sure 19 schon zur Zeit Mohammeds als Brücke zwischen Islam und Christentum verstanden wurde. Die ehrenvolle Behandlung Marias und Jesu war eine Tür, durch die Christen den Islam verstehen konnten.
Zacharias und Johannes (Verse 2–15)
Die Sure beginnt mit der Geschichte des alten Zacharias (Sacharja), der seinen Herrn in stiller Stunde anruft. Er ist alt geworden, seine Frau ist unfruchtbar. Er bittet um einen Erben.
Die Antwort kommt: Ihm wird ein Sohn versprochen, dessen Name Yaḥyā (Johannes) sein soll. Bemerkenswerte Aussage in Vers 7: „Wir haben vorher keinen mit gleichem Namen gemacht." Der Name ist einzigartig.
Zacharias ist verwundert: Wie soll das gehen? Gott antwortet schlicht: „Das ist für mich leicht." Als Zeichen verliert Zacharias drei Tage lang die Sprache, kann aber durch Gestik kommunizieren. Die Stelle entspricht weitgehend dem Lukas-Evangelium (Lk 1).
Verse 12–15 beschreiben den jungen Johannes: „Wir gaben ihm das Urteil als Kind, und Zärtlichkeit von uns und Reinheit." Bemerkenswert: Johannes wird im Koran ausdrücklich als Prophet anerkannt – er ist der direkte Vorläufer Jesu.
Marias Geschichte (Verse 16–34)
Die zentrale Erzählung der Sure beginnt mit Vers 16: „Erwähne im Buch Maria, als sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog."
Maria ist allein, hinter einem Schleier. Da kommt „unser Geist" zu ihr (Vers 17) – nach klassischer Auslegung der Engel Gabriel. Er erscheint ihr als wohlgeformter Mensch.
Marias erste Reaktion ist Furcht: „Ich nehme Zuflucht beim Allerbarmer vor dir!" Sie weiß nicht, wer er ist. Erst dann offenbart er seine Sendung: einen reinen Sohn anzukündigen.
Marias Antwort ist erstaunlich realistisch: „Wie soll ich einen Knaben bekommen, während mich kein Mensch berührt hat?" Diese Frage ist im Koran wie in der Bibel zentral. Sie zeigt, dass Maria die jungfräuliche Empfängnis nicht als selbstverständlich akzeptiert – sie fragt nach.
Die Antwort des Engels: „So ist es. Dein Herr hat gesagt: Das ist für mich leicht." Dieselbe Formel wie bei Zacharias. Was bei Menschen unmöglich ist, ist bei Gott leicht.
Die Dattelpalme
Verse 22–26 sind eine der bewegendsten Stellen des Korans. Maria zieht sich allein an einen entlegenen Ort zurück – sie weiß, dass ihre Schwangerschaft Skandal bedeutet. Die Wehen kommen. Sie ist allein. Sie sagt: „Wäre ich doch vorher gestorben und vergessen, eine vergessene Sache!"
Dieser Verzweiflungsausbruch einer schwangeren Frau ist bemerkenswert. Die Sure verschont Maria nicht. Sie erzählt die Geschichte als das, was sie war: traumatisch, einsam, schmerzhaft.
Dann kommt die Hilfe von unbekannter Seite. Klassisch wird der Sprecher (Vers 24) entweder als Engel Gabriel oder als der neugeborene Jesus selbst verstanden. Er sagt:
- „Sei nicht traurig!"
- „Dein Herr hat unter dir ein Bächlein gemacht."
- „Schüttle den Stamm der Dattelpalme."
Drei Geschenke: Trost, Wasser, Nahrung. Maria gebärt, sie wird versorgt. Eine zarte Szene, die in der christlichen Bibel kein Pendant hat – sie ist eine koranische Eigenheit.
Die Stelle hat eine eigene Wirkungsgeschichte. Maria wird in der islamischen Tradition besonders im Geburtskontext angerufen. Schwangere Frauen rezitieren Sure 19, hoffen auf die Hilfe, die Maria erfahren hat.
Der sprechende Säugling
Verse 27–33 sind eines der wichtigsten Stücke koranischer Christologie. Maria kommt mit dem Säugling zu ihrem Volk. Die Reaktion ist erwartbar: Skandal. „Maria! Du hast eine unerhörte Sache getan!" Sie wird mit ihren tugendhaften Eltern verglichen: „Schwester Aarons" – nicht biologisch, sondern als ehrwürdiger Begriff für jemanden aus priesterlicher Linie.
Maria antwortet nicht. Sie deutet nur auf das Kind. Die Leute lachen: Wie sollen wir mit einem Säugling reden?
Dann das Wunder. Der Säugling spricht: „Wahrlich, ich bin Gottes Diener. Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht."
Das ist eine bemerkenswerte christologische Aussage. Jesus identifiziert sich:
- Als Diener Gottes – nicht als Sohn Gottes
- Als Empfänger eines Buches – also als Empfänger einer Offenbarung
- Als Prophet – in der Reihe der Propheten
- Als gesegneter, der das Gebet und das Almosen befolgt
- Als gütiger gegen seine Mutter
Diese koranische Christologie steht in Spannung zur orthodoxen christlichen Lehre. Für den Koran ist Jesus ein Prophet wie Mohammed – ein außerordentlicher, geehrter, von einer Jungfrau geborener, aber doch ein Diener, nicht Gott selbst.
Die Kind-Gottes-Polemik
Verse 88–93 enthalten eine sehr scharfe Polemik gegen die Vorstellung, Gott habe ein Kind: „Sie sagen: Der Allerbarmer hat sich ein Kind genommen. Wahrlich, ihr habt eine ungeheure Sache vorgebracht. Fast bricht der Himmel davon auseinander."
Diese Stelle ist die Kehrseite der ehrenvollen Behandlung Marias und Jesu. Der Koran ehrt Jesus, aber zieht eine Linie: Gott ist einer, ohne Sohn, ohne Partner, ohne Inkarnation. Vers 92 macht es klar: „Es geziemt dem Allerbarmer nicht, sich ein Kind zu nehmen."
Diese Lehre wird im klassischen christlich-muslimischen Dialog seit dem 8. Jahrhundert diskutiert. Christliche Theologen argumentieren, der Koran reagiere auf eine bestimmte Vorstellung von Gott-als-Vater (eher leiblich-mythologisch), die orthodoxe Christen so nicht meinten. Muslimische Theologen halten dagegen, dass die Inkarnation in jeder Lesart die strikte Gottesoneheit (tauḥīd) gefährde.
Die Galerie der Propheten
Verse 41–58 sind eine Galerie früherer Propheten:
- Abraham (Verse 41–50): Sein Konflikt mit seinem polytheistischen Vater wird ausführlich erzählt. Er bittet seinen Vater liebevoll, sich vom Götzendienst abzuwenden. Der Vater droht mit Steinigung. Abraham distanziert sich: „Friede sei über dir!" – aber nicht ohne dem Vater einen Bittruf um Vergebung mit auf den Weg zu geben.
- Moses (Verse 51–53): Knapp erwähnt, mit dem berühmten Detail, dass Moses Gott „von der rechten Seite des Berges" hörte – die alte Sinai-Tradition.
- Ismael (Verse 54–55): „Wahrhaftig im Versprechen" – Ismael ist im Islam besonders wichtig, weil er als Stammvater der arabischen Linie gilt.
- Idrīs (Verse 56–57): Eine geheimnisvolle Gestalt, klassisch mit Henoch identifiziert. Vers 57: „Wir erhoben ihn an einen hohen Ort" – Bezug auf Henochs Entrückung in der biblischen Tradition.
Diese Galerie macht klar: Alle Propheten sind eine Linie. Mohammed steht in dieser Reihe. Jesus auch. Maria gehört auch in diese Linie – sie ist die einzige Frau, die so geehrt ist.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 19 ist eine der einflussreichsten Suren des Korans für das Verhältnis zwischen Islam und Christentum. Sie macht zwei Aussagen gleichzeitig:
- Maria und Jesus sind hochgeehrt. Maria ist die einzige Frau, nach der eine Sure benannt ist. Jesus ist Prophet, Messias, Geist Gottes (in anderen Versen).
- Aber Jesus ist nicht Gott. Er ist Diener Gottes. Die Vorstellung einer göttlichen Sohnschaft wird zurückgewiesen.
Diese doppelte Botschaft macht Sure 19 zu einem reichen Text für interreligiöse Gespräche. Sie bietet einerseits eine Brücke (die Wertschätzung biblischer Gestalten), andererseits einen klaren Grenzpunkt (die Lehre von der reinen Gottesoneheit).
Verse 96 – „Wahrlich, denen, die geglaubt haben und gute Werke getan haben, wird der Allerbarmer Liebe schenken" – ist einer der wichtigsten koranischen Verse über die Liebe. Sie ist hier keine sentimentale Empfindung, sondern eine zugesagte göttliche Gabe an die, die richtig leben.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Kāf-Hā-Yā-ʿAin-Ṣād – die fünf mysteriösen Eröffnungsbuchstaben dieser Sure – eine der ungewöhnlichsten Kombinationen
- Maria (Maryam) – die einzige Frau, nach der eine koranische Sure benannt ist – im Islam besonders geehrt
- Zacharias und Johannes (Yaḥyā) – Sacharja und Johannes der Täufer – im Koran als Propheten anerkannt
- Dattelpalme – das koranische Bild für Marias Geburt – im Christentum kein Pendant
- Sprechender Säugling – koranische Eigenheit – Jesus identifiziert sich als Diener und Prophet, nicht als Sohn Gottes
- Idrīs – koranischer Prophet, traditionell mit Henoch identifiziert – „erhoben an einen hohen Ort"
- „Gott schenkt Liebe" – Vers 96 – einer der wichtigsten koranischen Liebes-Verse