Sure 20

Ṭā-Hā

Ṭā-Hā

Verse: 135 Offenbart in: Mekka Zeit: mittelmekkanisch

Worum geht's?

Die ausführlichste Moses-Erzählung des Korans. Sie schildert Moses Berufung am brennenden Dornbusch, seine Konfrontation mit Pharao, den Auszug, den Tanz um das goldene Kalb, und endet mit der Geschichte vom Sündenfall Adams. Eine zentrale Sure für die islamische Moses-Tradition. Die Bekehrung ʿUmar ibn al-Khaṭṭābs – des späteren zweiten Kalifen – soll durch die Begegnung mit dieser Sure geschehen sein.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ṭā-Hā.
  2. 2Wir haben den Koran nicht auf dich herabgesandt, damit du unglücklich seiest,
  3. 3sondern als Ermahnung für den, der ehrfürchtig ist,
  4. 4eine Herabsendung von dem, der die Erde und die hohen Himmel erschaffen hat.
  5. 5Der Allerbarmer hat sich auf den Thron erhoben.
  6. 6Ihm gehört, was in den Himmeln und auf der Erde und was zwischen ihnen ist und was unter der feuchten Erde ist.
  7. 7Wenn du das Wort offen sprichst – wahrlich, er kennt das Geheime und das noch Verborgenere.
  8. 8Gott – kein Gott außer ihm. Ihm gehören die schönsten Namen.
  9. 9Ist die Geschichte von Moses zu dir gekommen?
  10. 10Als er ein Feuer sah, sagte er zu seinen Angehörigen: Verweilt! Ich habe ein Feuer wahrgenommen. Vielleicht bringe ich euch davon eine Brandfackel oder finde am Feuer Rechtleitung.
  11. 11Als er ihm näher kam, wurde gerufen: Moses!
  12. 12Wahrlich, ich bin dein Herr. So ziehe deine Schuhe aus. Du bist im heiligen Tal Ṭuwā.
  13. 13Ich habe dich erwählt. So höre auf das, was offenbart wird.
  14. 14Wahrlich, ich bin Gott. Kein Gott außer mir. So diene mir und verrichte das Gebet zu meinem Gedenken.
  15. 15Wahrlich, die Stunde kommt. Ich werde sie fast verborgen halten, damit jede Seele für das belohnt wird, wonach sie strebt.
  16. 16So lass dich nicht von ihr abhalten, wer nicht an sie glaubt und seinen Lüsten folgt. Sonst gehst du zugrunde.
  17. 17Was ist das in deiner rechten Hand, Moses?
  18. 18Er sagte: Es ist mein Stab. Ich stütze mich darauf, schlage damit Laub für meine Schafe ab und habe noch andere Verwendungen.
  19. 19Er sagte: Wirf ihn hin, Moses!
  20. 20Er warf ihn hin – da war er eine eilende Schlange.
  21. 21Er sagte: Fasse sie an und fürchte dich nicht. Wir bringen sie in ihre erste Gestalt zurück.
  22. 22Und stecke deine Hand unter deinen Arm. Sie wird ohne Übel weiß hervorkommen – als ein anderes Zeichen,
  23. 23damit wir dir einige unserer großen Zeichen zeigen.
  24. 24Geh zu Pharao. Er ist maßlos geworden!
  25. 25Er sagte: Mein Herr! Weite mir die Brust
  26. 26und erleichtere mir meine Sache
  27. 27und löse die Knoten meiner Zunge,
  28. 28damit sie meine Rede verstehen.
  29. 29Und gib mir aus meinen Angehörigen einen Beistand,
  30. 30Aaron, meinen Bruder.
  31. 31Stärke meine Kraft durch ihn
  32. 32und beteilige ihn an meiner Aufgabe,
  33. 33damit wir dich viel preisen
  34. 34und dich viel gedenken.
  35. 35Wahrlich, du siehst uns.
  36. 36Er sagte: Deine Bitte ist erhört, Moses.
  37. 37Wir haben dir schon einmal eine Gunst erwiesen,
  38. 38als wir deiner Mutter eingaben, was eingegeben wurde:
  39. 39Lege ihn in den Kasten und wirf ihn in den Fluss. Der Fluss soll ihn ans Ufer werfen. Mein Feind und sein Feind wird ihn nehmen. Ich habe von mir eine Liebe auf dich gelegt, damit du unter meinem Auge aufgezogen wirst.
  40. 40Als deine Schwester ging und sagte: Soll ich euch jemanden weisen, der ihn betreut? So gaben wir dich an deine Mutter zurück, damit ihr Auge sich freue und sie nicht traurig wäre. Du tötest auch einen Menschen, und wir retteten dich aus dem Kummer. Wir prüften dich mit Prüfungen. Du verweiltest Jahre unter den Leuten von Midian. Dann kamst du, wie es bestimmt war, Moses.
  41. 41Ich habe dich für mich erwählt.
  42. 42Geh, du und dein Bruder, mit meinen Zeichen, und lasst nicht nach in meinem Gedenken.
  43. 43Geht beide zu Pharao. Er ist maßlos geworden.
  44. 44Sprecht mit ihm mildes Wort. Vielleicht bedenkt er es oder hat Ehrfurcht.
  45. 45Sie sagten: Unser Herr! Wir fürchten, dass er gegen uns ausschreitet oder maßlos ist.
  46. 46Er sagte: Fürchtet euch nicht. Wahrlich, ich bin mit euch. Ich höre und sehe.
  47. 47Geht beide zu ihm und sagt: Wir sind beide Gesandte deines Herrn. So lass die Kinder Israels mit uns ziehen und quäle sie nicht. Wir sind zu dir gekommen mit einem Zeichen von deinem Herrn. Friede sei auf dem, der der Rechtleitung folgt.
  48. 48Uns wurde offenbart, dass die Strafe auf dem ist, der für eine Lüge erklärt und sich abwendet.
  49. 49Er sagte: Wer ist denn euer Herr, Moses?
  50. 50Er sagte: Unser Herr ist der, der allem seine Schöpfung gegeben hat, dann rechtgeleitet hat.
  51. 51Er sagte: Was ist mit den früheren Geschlechtern?
  52. 52Er sagte: Das Wissen darüber ist bei meinem Herrn, in einer Schrift. Mein Herr irrt nicht und vergisst nicht.
  53. 53Der euch die Erde zur Wiege gemacht hat und euch Wege auf ihr anlegte und Wasser vom Himmel herabsandte. Damit haben wir Paare verschiedener Pflanzen hervorgebracht.
  54. 54Esst und weidet euer Vieh. Wahrlich, darin sind Zeichen für die Vernünftigen.
  55. 55Aus ihr haben wir euch erschaffen, in sie bringen wir euch zurück, und aus ihr bringen wir euch noch einmal hervor.
  56. 56Wir zeigten ihm alle unsere Zeichen, doch er erklärte sie für Lüge und weigerte sich.
  57. 57Er sagte: Bist du gekommen, uns mit deiner Magie aus unserem Land zu vertreiben, Moses?
  58. 58Wir werden dir mit ähnlicher Magie kommen. So setze zwischen uns und dir einen Termin, den weder wir noch du brechen, an einem ebenen Ort.
  59. 59Er sagte: Euer Termin ist der Tag der Festes, dass die Menschen am Vormittag versammelt werden.
  60. 60Pharao zog sich zurück. Er sammelte seine List und kam.
  61. 61Moses sagte zu ihnen: Wehe euch! Erfindet nicht Lüge über Gott! Sonst vernichtet er euch mit einer Strafe. Wer eine Lüge erfindet, wird sicher scheitern.
  62. 62Sie stritten miteinander über ihre Sache und besprachen sich heimlich.
  63. 63Sie sagten: Das sind zwei Magier, die euch mit ihrer Magie aus eurem Land vertreiben und eure vorbildliche Lebensart verschwinden lassen wollen.
  64. 64So sammelt eure List und kommt in einer Reihe. Heute wird siegen, wer Oberhand hat.
  65. 65Sie sagten: Moses! Wirfst du oder sollen wir die Ersten sein, die werfen?
  66. 66Er sagte: Werft! Da war ihm vor ihrer Magie, dass ihre Seile und Stäbe ihm vorkamen, als sprängen sie.
  67. 67Da empfand Moses Furcht in sich.
  68. 68Wir sagten: Fürchte dich nicht. Wahrlich, du bist der Oberhand habende.
  69. 69Wirf, was in deiner rechten Hand ist! Es wird verschlingen, was sie gemacht haben. Was sie gemacht haben, ist nur die List eines Zauberers. Der Zauberer ist nicht erfolgreich, wo immer er hinkommt.
  70. 70Da wurden die Magier zur Niederwerfung geworfen. Sie sagten: Wir glauben an den Herrn Aarons und Moses!
  71. 71Er sagte: Ihr habt ihm geglaubt, bevor ich es euch erlaubte. Wahrlich, er ist euer Großer, der euch die Magie gelehrt hat. So werde ich euch die Hände und die Füße entgegengesetzt abschneiden lassen und euch an Stämmen von Dattelpalmen kreuzigen. Ihr werdet wissen, welcher von uns härter und beständiger in der Strafe ist.
  72. 72Sie sagten: Wir bevorzugen dich nicht über das, was zu uns von den deutlichen Zeichen gekommen ist, und über den, der uns erschaffen hat. Entscheide, was du entscheiden willst. Du entscheidest nur über dieses diesseitige Leben.
  73. 73Wahrlich, wir glauben an unseren Herrn, damit er uns unsere Sünden vergibt und das, wozu du uns von Magie gezwungen hast. Gott ist besser und bleibender.
  74. 74Wahrlich, wer als Sünder zu seinem Herrn kommt – für ihn ist die Hölle. Er stirbt darin nicht und lebt nicht.
  75. 75Wer aber als Gläubiger zu ihm kommt und gute Werke getan hat – für die gibt es die höchsten Rangstufen,
  76. 76Gärten von Eden, durch die Bäche fließen, darin ewig. Das ist die Belohnung dessen, der sich läutert.
  77. 77Wir offenbarten Moses: Geh mit meinen Dienern in der Nacht und schlage für sie im Meer einen trockenen Weg. Habe keine Angst, eingeholt zu werden, und fürchte dich nicht.
  78. 78Pharao folgte ihnen mit seinen Heerscharen. Da bedeckte sie vom Meer, was sie bedeckte.
  79. 79Pharao führte sein Volk in die Irre und leitete es nicht recht.
  80. 80Kinder Israels! Wir haben euch vor eurem Feind gerettet und mit euch einen Vertrag an der rechten Seite des Berges geschlossen. Wir sandten euch Manna und Wachteln herab.
  81. 81Esst von dem Gutem, womit wir euch versorgt haben, und seid darin nicht maßlos! Sonst wird mein Zorn auf euch fallen. Wen mein Zorn trifft, der stürzt.
  82. 82Wahrlich, ich bin vergebend zu dem, der umkehrt, glaubt, Gutes tut und sich dann rechtleiten lässt.
  83. 83Was hat dich von deinem Volk fortgetrieben, Moses?
  84. 84Er sagte: Sie sind auf meiner Spur. Ich habe mich zu dir beeilt, mein Herr, damit du zufrieden bist.
  85. 85Er sagte: Wir haben dein Volk nach dir geprüft. As-Sāmirī hat sie in die Irre geführt.
  86. 86Moses kehrte zu seinem Volk zurück, zornig, traurig. Er sagte: Mein Volk! Hat euer Herr euch nicht ein schönes Versprechen gegeben? War euch der Vertrag zu lang? Oder wolltet ihr, dass der Zorn eures Herrn auf euch falle, und ihr habt mein Versprechen gebrochen?
  87. 87Sie sagten: Wir haben unser Versprechen dir nicht aus eigener Kraft gebrochen. Wir wurden mit Lasten aus dem Schmuck des Volkes beladen und warfen sie hinein. So warf auch as-Sāmirī.
  88. 88Da brachte er für sie ein Kalb hervor, ein Körper mit Gemuh. Sie sagten: Das ist euer Gott und Moses' Gott. Er hat es vergessen.
  89. 89Sahen sie denn nicht, dass es ihnen kein Wort erwidert und ihnen weder Schaden noch Nutzen bringen kann?
  90. 90Aaron hatte ihnen schon vorher gesagt: Mein Volk! Ihr werdet damit nur geprüft. Wahrlich, euer Herr ist der Allerbarmer. So folgt mir und gehorcht meinem Befehl.
  91. 91Sie sagten: Wir werden nicht aufhören, ihn zu verehren, bis Moses zu uns zurückkehrt.
  92. 92Er sagte: Aaron! Was hat dich gehindert, als du sie irren sahst,
  93. 93dass du mir nicht folgtest? Hast du meinen Befehl missachtet?
  94. 94Er sagte: Sohn meiner Mutter! Ergreife mich nicht am Bart und nicht am Kopf. Ich fürchtete, dass du sagst: Du hast unter den Kindern Israels Zwietracht gestiftet und mein Wort nicht beachtet.
  95. 95Er sagte: Was ist mit dir, as-Sāmirī?
  96. 96Er sagte: Ich sah, was sie nicht sahen. Ich nahm eine Handvoll von der Spur des Boten und warf sie. So hat es meine Seele für mich verschönt.
  97. 97Er sagte: Geh weg! Wahrlich, dein Leben lang sollst du sagen: Berührt mich nicht! Und du hast einen Termin, der nicht gebrochen werden wird. Sieh deinen Gott an, dem du andauernd gedient hast! Wir werden ihn verbrennen, dann werden wir ihn als Asche ins Meer streuen.
  98. 98Wahrlich, euer Gott ist nur Gott. Es gibt keinen Gott außer ihm. Er umfasst alles mit Wissen.
  99. 99So berichten wir dir einiges von den Nachrichten dessen, was vorher geschehen ist. Wir haben dir von uns eine Ermahnung gegeben.
  100. 100Wer sich davon abwendet, der wird am Tag der Auferstehung eine Last tragen,
  101. 101darin verbleibend. Eine schlimme Last am Tag der Auferstehung!
  102. 102An dem Tag, an dem in die Posaune geblasen wird. Wir versammeln die Sünder an jenem Tag blau.
  103. 103Sie sprechen einander leise zu: Ihr habt nur zehn verweilt.
  104. 104Wir wissen am besten, was sie sagen, wenn der Vorzüglichste unter ihnen in seiner Lebensart sagt: Ihr habt nur einen Tag verweilt.
  105. 105Sie fragen dich über die Berge. Sprich: Mein Herr wird sie zerstreuen und zerstäuben.
  106. 106Er wird sie zu kahlem Boden machen.
  107. 107Du siehst darin keine Krümmung und keinen Buckel.
  108. 108An jenem Tag werden sie dem Rufer folgen, ohne dass es eine Abweichung von ihm gibt. Die Stimmen werden vor dem Allerbarmer demütig. Du hörst nur ein Flüstern.
  109. 109An jenem Tag wird die Fürsprache nichts nützen, außer dem, dem der Allerbarmer es erlaubt und an dessen Rede er Wohlgefallen hat.
  110. 110Er weiß, was vor ihnen und was hinter ihnen ist. Sie aber umfassen ihn nicht mit Wissen.
  111. 111Die Gesichter werden sich demütigen vor dem Lebendigen, dem Beständigen. Wer eine Last des Unrechts trägt, wird scheitern.
  112. 112Wer aber gute Werke tut und gläubig ist, der fürchtet weder Unrecht noch Vorenthaltung.
  113. 113So haben wir ihn als arabischen Koran herabgesandt und darin Drohung verteilt. Vielleicht werden sie gottesfürchtig oder er erzeugt bei ihnen eine Ermahnung.
  114. 114Hocherhaben ist Gott, der wahre König! Habe es nicht eilig mit dem Koran, bevor seine Offenbarung an dich vollendet ist. Sprich: Mein Herr! Vermehre mir das Wissen.
  115. 115Wir hatten Adam schon früher Anweisung gegeben, doch er vergaß sie. Wir fanden bei ihm keine Festigkeit.
  116. 116Als wir zu den Engeln sagten: Werft euch vor Adam nieder! Da warfen sie sich nieder, außer Iblīs. Er weigerte sich.
  117. 117Wir sagten: Adam! Wahrlich, dieser ist dir und deiner Frau ein Feind. Er soll euch nicht aus dem Garten herausführen, sodass du unglücklich wirst.
  118. 118Wahrlich, du wirst darin nicht hungern und nicht nackt sein.
  119. 119Und du wirst darin nicht dürsten und nicht von der Sonne brennen.
  120. 120Der Satan flüsterte ihm ein und sagte: Adam! Soll ich dir den Baum der Unsterblichkeit weisen und eine Herrschaft, die nicht vergeht?
  121. 121Da aßen die beiden davon. Da wurden ihnen ihre Schamteile offenbar, und sie begannen, sich Blätter des Gartens darauf zusammenzuheften. Adam war seinem Herrn ungehorsam und ging in die Irre.
  122. 122Dann erwählte ihn sein Herr, nahm ihn wieder an und leitete ihn.
  123. 123Er sagte: Geht beide hinab daraus! Ihr seid einander Feind. Wenn euch von mir Rechtleitung kommt – wer meiner Rechtleitung folgt, der irrt nicht und ist nicht unglücklich.
  124. 124Wer sich aber von meinem Gedenken abwendet, der wird ein bedrücktes Leben haben. Wir versammeln ihn am Tag der Auferstehung blind.
  125. 125Er sagt: Mein Herr! Warum hast du mich blind versammelt, wo ich doch sah?
  126. 126Er sagt: So ist es. Unsere Zeichen kamen zu dir, doch du vergasst sie. Genauso wirst du heute vergessen.
  127. 127So belohnen wir den, der maßlos ist und nicht an die Zeichen seines Herrn glaubt. Die Strafe des Jenseits ist gewaltiger und bleibender.
  128. 128Hat sie nicht geleitet, wie viele Generationen wir vor ihnen vernichtet haben, durch deren Wohnstätten sie gehen? Wahrlich, darin sind Zeichen für die Verständigen.
  129. 129Wäre nicht ein Wort von deinem Herrn schon vorher ergangen und ein festgesetzter Termin – sie wären unausweichlich getroffen.
  130. 130So ertrage geduldig, was sie sagen, und preise mit dem Lob deines Herrn vor Aufgang der Sonne und vor ihrem Untergang. In den Stunden der Nacht preise ihn, und am Ende des Tages, damit du Wohlgefallen findest.
  131. 131Lass deine Augen nicht von dem schweifen, was wir manchen von ihnen zur Nutzung an Glanz des diesseitigen Lebens gegeben haben, um sie damit zu prüfen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und bleibender.
  132. 132Befiehl deinen Angehörigen das Gebet und halte daran fest. Wir verlangen von dir keine Versorgung. Wir versorgen dich. Die Folge gehört der Gottesfurcht.
  133. 133Sie sagen: Warum bringt er uns kein Zeichen von seinem Herrn? Ist nicht zu ihnen das deutliche Zeichen dessen gekommen, was in den ersten Schriften ist?
  134. 134Hätten wir sie vor ihm mit einer Strafe vernichtet, sie würden sagen: Unser Herr, warum hast du uns keinen Gesandten geschickt, sodass wir deinen Zeichen folgen würden, bevor wir entehrt und gedemütigt wurden?
  135. 135Sprich: Jeder wartet. So wartet auch! Ihr werdet erkennen, wer die Leute des ebenen Weges sind und wer rechtgeleitet ist.

Einordnung & Bedeutung

Die Bekehrung ʿUmars

Sure 20 hat eine berühmte Bekehrungsgeschichte. ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, einer der schärfsten Gegner Mohammeds in Mekka, wollte ihn nach klassischer Überlieferung töten. Unterwegs erfuhr er, dass seine eigene Schwester Muslima geworden sei. Wütend ging er zu ihr. Er fand sie und ihren Mann bei der Lektüre eines Koran-Textes. Es war Sure 20.

ʿUmar las den Text und war erschüttert. Die Worte über Gottes Majestät, die Schönheit der Sprache, die Tiefe der Moses-Erzählung trafen ihn. Er bat: „Bringt mich zu Mohammed!" Er bekannte sich zum Islam. Diese Bekehrung war historisch enorm wichtig – ʿUmar wurde später der zweite Kalif und prägte die islamische Geschichte entscheidend.

Ob die Erzählung in allen Details stimmt, ist historisch unsicher. Aber sie zeigt, welche Bedeutung Sure 20 in der frühen Gemeinde hatte: Sie konnte einen Gegner verwandeln.

Die Berufung Moses (Verse 9–48)

Die Sure schildert Moses Berufung am brennenden Dornbusch. Im Vergleich zur biblischen Darstellung (Exodus 3) ist die koranische Version ausführlicher und psychologisch reicher.

Moses sieht ein Feuer und geht hin. Er hofft, eine Brandfackel mitzubringen oder Rechtleitung am Feuer zu finden. Eine bemerkenswerte koranische Aussage: Selbst auf der praktischen Suche nach Wärme erwartet Moses, dass eine geistliche Erfahrung möglich ist.

Was am Feuer geschieht, ist die direkte Anrede Gottes. Vers 12: „So ziehe deine Schuhe aus. Du bist im heiligen Tal Ṭuwā." Diese Stelle entspricht Exodus 3,5 wörtlich. Moses wird die direkte Begegnung mit Gott zugesprochen – einer der Höhepunkte der koranischen Prophetentheologie.

Moses bittet um Erleichterung

Verse 25–35 sind eine der bewegendsten Stellen des Korans. Moses fühlt sich überfordert mit seinem Auftrag und bittet Gott:

  • „Weite mir die Brust" (Vers 25) – gib mir innere Ruhe.
  • „Erleichtere mir meine Sache" (Vers 26) – mach es mir nicht zu schwer.
  • „Löse die Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen" (Vers 27–28) – Moses hatte einen Sprachfehler.
  • „Gib mir aus meinen Angehörigen einen Beistand, Aaron, meinen Bruder" (Verse 29–30) – er will nicht allein dastehen.

Diese Bitte ist im muslimischen Gebetsleben legendär. Sie wird oft rezitiert vor wichtigen Aufgaben, vor Reden, vor Prüfungen. Wer sich überfordert fühlt, kann sich Moses anschließen: Gott, das ist zu groß für mich.

Gottes Antwort ist knapp: „Deine Bitte ist erhört, Moses." Keine Bedingungen, keine Ausführung. Gott hilft, wo ehrlich gebeten wird.

Moses gegen Pharaos Magier

Verse 56–73 erzählen den Wettstreit zwischen Moses und den ägyptischen Magiern. Pharao hat sie zusammengerufen, um Moses' Stab-Wunder mit eigener Magie zu überbieten.

Die Magier werfen ihre Stäbe, die zu Schlangen werden. Moses fürchtet sich – ein erstaunliches menschliches Detail. Gott beruhigt: „Fürchte dich nicht. Wahrlich, du bist der Oberhand habende." (Vers 67–68)

Moses wirft seinen Stab. Er verschlingt die anderen. Die Magier erkennen sofort: Das ist keine Magie, das ist Gottes Wirken. Sie werfen sich nieder und glauben.

Pharao tobt. Er droht den Magiern grausame Strafe: gekreuzigt an Dattelpalmen, Hände und Füße abgeschnitten. Aber die Magier haben Mut gefunden. Sie antworten würdig (Vers 72–73): „Entscheide, was du entscheiden willst. Du entscheidest nur über dieses diesseitige Leben."

Diese Szene ist im islamischen Verständnis ein Höhepunkt. Menschen, die Pharao gedient hatten, finden binnen Minuten den Mut zum Martyrium. Glaube kann blitzartig kommen und alle Furcht überwinden.

Das goldene Kalb (Verse 83–98)

Während Moses auf dem Berg ist und Gottes Offenbarung empfängt, geht in der Wüste etwas Schreckliches schief. Die Kinder Israels verfertigen ein goldenes Kalb und beten es an.

Der Koran hat eine eigene Erklärung für das Kalb. Verantwortlich ist nicht – wie in der Bibel – Aaron, sondern eine Gestalt namens as-Sāmirī. Diese Figur ist mysteriös. Klassische Auslegungen sehen darin einen Samaritaner; manche neuere Auslegungen bezweifeln das, da die historischen Samaritaner erst später entstanden.

As-Sāmirī erklärt sein Vorgehen (Vers 96): „Ich sah, was sie nicht sahen. Ich nahm eine Handvoll von der Spur des Boten und warf sie." Klassische Auslegungen sehen darin eine magische Tat – er habe Erde vom Hufabdruck des Pferdes Gabriels (das Moses aus Ägypten herausgeführt habe) genommen und damit das Kalb belebt.

Moses' Reaktion ist im Koran weniger heftig als in der Bibel. Er ergreift Aarons Bart, fragt ihn nach seinem Anteil. Aaron verteidigt sich: „Sohn meiner Mutter! Ich fürchtete, dass du sagst: Du hast Zwietracht gestiftet." Aaron hatte Angst, durch hartes Eingreifen die Gemeinde zu spalten – also tat er nichts. Eine differenzierte ethische Frage: Wann ist es richtig, hart einzugreifen, wann besser zu warten?

As-Sāmirī wird ausgeschlossen. Vers 97 verhängt eine bemerkenswerte Strafe: „Dein Leben lang sollst du sagen: Berührt mich nicht!" Klassisch verstanden: as-Sāmirī wird zur sozialen Aussätzigen-Existenz verdammt. Niemand soll ihn berühren, er muss schreien, wenn jemand sich nähert.

Adam und der Sündenfall (Verse 115–127)

Die Sure endet mit einer eigenständigen Version des Sündenfalls. Adam und seine Frau (im Koran nicht namentlich Eva genannt) sind im Garten. Der Satan flüstert: „Soll ich dir den Baum der Unsterblichkeit weisen?"

Bemerkenswerte Unterschiede zur biblischen Version:

  • Es ist nicht Eva, die zuerst nimmt. Der Koran sagt: „Da aßen die beiden davon" – beide zugleich. Es gibt keine spezifische Schuld Evas.
  • Die „Erkenntnis der Schamteile" kommt nach dem Essen. Beide schämen sich plötzlich und bedecken sich mit Blättern.
  • Adam ist ungehorsam und irrt – aber Gott wendet sich ihm dann zu: „Sein Herr wählte ihn, nahm ihn wieder an und leitete ihn." (Vers 122) Es gibt keine Erbsündenlehre. Adam wird vergeben.

Die Sünde Adams ist im koranischen Verständnis ein Vergessen, nicht eine grundsätzliche Verderbtheit der menschlichen Natur. Vers 115: „Wir hatten Adam schon früher Anweisung gegeben, doch er vergaß sie." Das ist eine deutlich mildere Anthropologie als die christliche Erbsündenlehre.

Vers 124 ist wichtig: „Wer sich von meinem Gedenken abwendet, der wird ein bedrücktes Leben haben." Die Strafe folgt aus der Tat selbst. Wer Gott vergisst, lebt schon im Diesseits in einem „bedrückten Leben". Das ist eine erfahrungsnahe Setzung – wer keinen größeren Bezug hat, dem wird das Leben eng.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 20 ist eine der theologisch und literarisch reichsten Suren des Korans. Sie ist eine Moses-Sure – nirgendwo sonst ist die Moses-Erzählung so ausführlich.

Ihr besonderer Charakter liegt in der psychologischen Tiefe. Moses fürchtet sich, bittet um Hilfe, zögert. Aaron versucht, Spaltung zu vermeiden, und scheitert dabei moralisch zwiespältig. Adam vergisst und wird wiederaufgenommen. Pharaos Magier finden binnen Minuten den Mut zum Martyrium. All diese Figuren sind nicht reine Helden oder Bösewichte – sie sind komplexe Menschen.

Vers 114 ist auch einer der wichtigsten Verse der Sure: „Sprich: Mein Herr! Vermehre mir das Wissen." Diese kurze Bitte ist ein klassisches Gelehrten-Gebet im Islam. Sie wird vor dem Studium, vor dem Schreiben, vor dem Lehren rezitiert. Eine bemerkenswerte religiöse Setzung: Wissen suchen ist Gebet.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Ṭā-Hā – die zwei mysteriösen Eröffnungsbuchstaben – manchmal als „o Mensch!" oder als Anrede Mohammeds gedeutet
  • Heiliges Tal Ṭuwā – der Ort der Berufung Moses – das koranische Äquivalent zum biblischen brennenden Dornbusch
  • „Weite mir die Brust" – Verse 25–28 – Moses Gebet um Erleichterung; im muslimischen Gebetsleben oft rezitiert
  • As-Sāmirī – der Anstifter des Goldenen Kalbs – nach klassischer Auslegung ein Samaritaner; mysteriöse Gestalt
  • Berührt mich nicht (lā misāsa) – Vers 97 – die Strafe für as-Sāmirī; lebenslange soziale Isolation
  • „Vermehre mir das Wissen" – Vers 114 – das klassische Gelehrten-Gebet im Islam
  • Adams Vergessen – koranische Anthropologie – Sünde als Vergessen, nicht als Erbschuld; Adam wird wieder angenommen