Sure 22

Die Pilgerfahrt

Al-Ḥadschdsch

Verse: 78 Offenbart in: Medina Zeit: spät-mekkanisch und früh-medinensisch gemischt

Worum geht's?

Eine Sure mit ungewöhnlicher Struktur – Teile sind mekkanisch, Teile medinensisch. Hauptthemen: die Pilgerfahrt nach Mekka (die der Sure ihren Namen gibt) und die religiöse Toleranz. Hier steht der wichtigste koranische Vers zum Schutz aller Gotteshäuser – Synagogen, Kirchen und Moscheen. Auch der bekannte Vers, der den Muslimen erstmals das Recht zur Verteidigung gibt.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn! Wahrlich, das Erdbeben der Stunde ist eine gewaltige Sache.
  2. 2An dem Tag, an dem ihr es seht: Jede stillende Frau wird vergessen, was sie stillte. Jede schwangere Frau wird ihre Schwangerschaft niederlegen. Du wirst die Menschen wie berauscht sehen, doch sie sind nicht berauscht. Aber die Strafe Gottes ist heftig.
  3. 3Unter den Menschen ist mancher, der ohne Wissen über Gott streitet und jedem aufrührerischen Satan folgt.
  4. 4Über ihn ist geschrieben, dass jeder, der ihn zum Schutzherrn nimmt, in die Irre geleitet und zur Strafe der Lohe geführt wird.
  5. 5O ihr Menschen! Wenn ihr im Zweifel über die Auferstehung seid: Wir haben euch aus Erde erschaffen, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen, dann aus einem geformten und nicht geformten Fleischklumpen, damit wir es euch klar machen. Wir lassen in den Mutterleibern bleiben, was wir wollen, bis zu einer festgesetzten Frist. Dann bringen wir euch als Säugling hervor. Dann erreicht ihr eure volle Reife. Manche von euch werden abberufen, andere werden ins schlimme Alter zurückgebracht, sodass er nach Wissen nichts mehr weiß. Du siehst die Erde leblos. Wenn wir auf sie das Wasser herabsenden, bewegt sie sich, schwillt und lässt von jeder schönen Art wachsen.
  6. 6Das ist, weil Gott die Wahrheit ist, weil er die Toten lebendig macht und weil er über alles Macht hat,
  7. 7und weil die Stunde kommt – kein Zweifel daran – und weil Gott die in den Gräbern auferweckt.
  8. 8Unter den Menschen ist mancher, der ohne Wissen, ohne Rechtleitung und ohne ein erleuchtendes Buch über Gott streitet,
  9. 9den Nacken biegend, um vom Weg Gottes abzuirren. Für ihn ist im diesseitigen Leben Schmach, und wir lassen ihn am Tag der Auferstehung die Strafe des Verbrennens kosten.
  10. 10Das ist für das, was deine Hände vorausgeschickt haben. Gott ist nicht ungerecht gegenüber den Dienern.
  11. 11Unter den Menschen ist mancher, der Gott am Rande dient. Wenn ihm Gutes zukommt, ist er damit zufrieden. Wenn ihn aber eine Versuchung trifft, kehrt er auf sein Gesicht um. Er verliert das Diesseits und das Jenseits. Das ist der deutliche Verlust.
  12. 12Er ruft neben Gott das an, was ihm nicht schadet und nicht nützt. Das ist die ferne Verirrung.
  13. 13Er ruft den an, dessen Schaden näher ist als sein Nutzen. Schlimm ist der Schutzherr und schlimm der Gefährte.
  14. 14Wahrlich, Gott lässt die, die geglaubt und gute Werke getan haben, in Gärten eintreten, durch die Bäche fließen. Wahrlich, Gott tut, was er will.
  15. 15Wer meint, dass Gott ihn im diesseitigen Leben und im Jenseits nicht beistehen würde, der soll mit einem Strick zum Himmel aufsteigen, dann abschneiden und sehen, ob seine List entfernt, worüber er sich ärgert.
  16. 16So haben wir ihn als klare Zeichen herabgesandt. Wahrlich, Gott leitet, wen er will.
  17. 17Wahrlich, die, die geglaubt haben, die Juden, die Sabäer, die Christen, die Magier und die Beigesellenden – Gott entscheidet zwischen ihnen am Tag der Auferstehung. Wahrlich, Gott ist über alles Zeuge.
  18. 18Hast du nicht gesehen, dass sich vor Gott niederwirft, wer in den Himmeln und auf der Erde ist – die Sonne, der Mond, die Sterne, die Berge, die Bäume, die Tiere und viele der Menschen? Für viele aber gilt die Strafe. Wen Gott schmäht, dem gibt es keinen Geehrten. Wahrlich, Gott tut, was er will.
  19. 19Das sind zwei Streitparteien, die über ihren Herrn gestritten haben. Für die, die ungläubig sind, werden Gewänder aus Feuer zugeschnitten. Über ihre Köpfe wird kochendes Wasser gegossen.
  20. 20Damit wird zerschmolzen, was in ihren Bäuchen ist, und die Haut.
  21. 21Für sie gibt es Keulen aus Eisen.
  22. 22Sooft sie aus ihm vor Bedrängnis heraus wollen, werden sie in ihn zurückgebracht. Kostet die Strafe des Verbrennens!
  23. 23Wahrlich, Gott lässt die, die geglaubt und gute Werke getan haben, in Gärten eintreten, durch die Bäche fließen. Sie werden darin mit Armbändern aus Gold und Perlen geschmückt. Ihre Kleider darin sind Seide.
  24. 24Sie sind zum guten Wort geleitet und zum Weg des Lobenswürdigen geleitet.
  25. 25Wahrlich, die, die ungläubig sind und vom Weg Gottes abhalten und von der heiligen Moschee, die wir für die Menschen gemacht haben – gleich, ob sie dort wohnen oder Reisende sind. Wer darin nach Frevel Bösartigkeit will, den lassen wir schmerzhafte Strafe kosten.
  26. 26Als wir Abraham die Stätte des Hauses bereitstellten: Beigeselle mir nichts und reinige mein Haus für die Umgehenden, die Stehenden und die sich Verbeugenden, die Niederwerfenden.
  27. 27Rufe die Menschen zur Pilgerfahrt aus. Sie kommen zu dir zu Fuß und auf jedem schlanken Reittier, das aus jeder fernen Schlucht kommt,
  28. 28damit sie für sich Nutzen bezeugen und in bekannten Tagen den Namen Gottes über dem aussprechen, womit er sie vom Vieh versorgt hat. Esst davon und speist den Notleidenden, den Armen!
  29. 29Dann sollen sie ihre Schmutzigkeit beenden, ihre Gelübde erfüllen und das alte Haus umkreisen.
  30. 30So. Wer die Heiligen Sachen Gottes verehrt, dem ist es besser bei seinem Herrn. Euch ist das Vieh erlaubt – außer dem, was euch verlesen wurde. So meidet die Unreinheit der Götzen und meidet das Lügenwort,
  31. 31als reine Anbeter vor Gott, ohne ihm etwas beizugesellen. Wer Gott etwas beigesellt, ist wie wer vom Himmel fällt – die Vögel rauben ihn oder der Wind verweht ihn an einen fernen Ort.
  32. 32So. Wer die Symbole Gottes verehrt – das kommt aus der Gottesfurcht der Herzen.
  33. 33Ihr habt darin Nutzen bis zu einer benannten Frist. Dann ist ihre Bestimmung am alten Haus.
  34. 34Jeder Gemeinschaft haben wir einen Opferritus gegeben, damit sie den Namen Gottes über das aussprechen, womit er sie vom Vieh versorgt hat. Euer Gott ist ein einziger Gott. So unterwerft euch ihm. Verkünde frohe Botschaft den Demütigen,
  35. 35die, wenn Gott erwähnt wird, deren Herzen bangen, und die geduldig im sind, was sie trifft, die das Gebet verrichten und von dem ausgeben, womit wir sie versorgt haben.
  36. 36Die Opfertiere haben wir euch zu Symbolen Gottes gemacht. Darin ist für euch Gutes. So sprecht den Namen Gottes über sie in einer Reihe stehend aus. Wenn sie auf ihre Seite gefallen sind, dann esst davon und speist den, der zufrieden ist, und den Bittenden. So haben wir sie euch dienstbar gemacht, damit ihr dankbar seid.
  37. 37Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Gott. Aber die Gottesfurcht von euch erreicht ihn. So hat er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Gott für das preist, wozu er euch geleitet hat. Verkünde frohe Botschaft den Gutestuenden!
  38. 38Wahrlich, Gott verteidigt die, die geglaubt haben. Wahrlich, Gott liebt keinen verräterischen Ungläubigen.
  39. 39Erlaubt ist denen, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht getan wurde. Wahrlich, Gott hat die Macht, ihnen beizustehen.
  40. 40Die, die aus ihren Wohnstätten ohne Recht vertrieben wurden, nur weil sie sagten: Unser Herr ist Gott. Hätte Gott die Menschen nicht durch einander zurückgehalten, wären Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name viel erwähnt wird, zerstört worden. Wahrlich, Gott steht dem bei, der ihm beisteht. Wahrlich, Gott ist stark, mächtig.
  41. 41Die, wenn wir sie in der Erde festigen, das Gebet verrichten, das Almosen geben, das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten. Gott gehört der Ausgang der Angelegenheiten.
  42. 42Wenn sie dich für eine Lüge erklären, so haben vor ihnen schon das Volk Noahs, die ʿĀd und die Thamūd für eine Lüge erklärt,
  43. 43und das Volk Abrahams und das Volk Lots,
  44. 44und die Bewohner von Midian. Und Moses wurde für einen Lügner erklärt. Ich gewährte den Ungläubigen Aufschub. Dann packte ich sie. Wie war meine Missbilligung!
  45. 45Wie viele Städte haben wir zerstört, weil sie frevelhaft waren! Sie lagen auf ihren Dächern verlassen. Und Brunnen aufgegeben und hohe Schlösser leer.
  46. 46Wandern sie nicht auf der Erde, sodass sie Herzen hätten, mit denen sie verstehen, oder Ohren, mit denen sie hören? Es sind nicht die Augen, die blind sind, sondern die Herzen, die in den Brüsten sind.
  47. 47Sie wollen es eilig haben mit der Strafe. Aber Gott bricht sein Versprechen nicht. Wahrlich, ein Tag bei deinem Herrn ist wie tausend Jahre nach eurer Zählung.
  48. 48Wie viele Städten habe ich Aufschub gegeben, während sie frevelten! Dann packte ich sie. Zu mir ist die Heimkehr.
  49. 49Sprich: O ihr Menschen! Ich bin nur ein deutlicher Warner für euch.
  50. 50Die, die geglaubt und gute Werke getan haben, haben Vergebung und edle Versorgung.
  51. 51Aber die, die in unseren Zeichen wettlaufen, um sie zunichtemachen, das sind die Gefährten der Hölle.
  52. 52Wir haben vor dir keinen Gesandten und keinen Propheten geschickt, ohne dass, wenn er einen Wunsch hatte, der Satan in seinen Wunsch geworfen hätte. Aber Gott macht zunichte, was der Satan dazu wirft. Dann macht Gott seine Zeichen fest. Gott ist allwissend, weise.
  53. 53Damit er das, was der Satan dazu wirft, zu einer Prüfung für die mache, in deren Herzen Krankheit ist, und für die, deren Herzen verhärtet sind. Wahrlich, die Frevler sind in fernem Bruch.
  54. 54Damit die, denen Wissen gegeben wurde, erkennen, dass es die Wahrheit von deinem Herrn ist und daran glauben, und damit ihre Herzen ihm demütig werden. Wahrlich, Gott leitet die, die geglaubt haben, auf einen geraden Weg.
  55. 55Die ungläubig sind, bleiben in Zweifel daran, bis die Stunde plötzlich zu ihnen kommt oder die Strafe eines fruchtlosen Tages.
  56. 56Die Herrschaft an jenem Tag gehört Gott. Er entscheidet zwischen ihnen. Die, die geglaubt haben und gute Werke getan haben, sind in den Gärten der Wonne.
  57. 57Aber die, die ungläubig waren und unsere Zeichen für eine Lüge erklärten – für sie ist eine entehrende Strafe.
  58. 58Die, die auf Gottes Weg ausgewandert sind, dann getötet wurden oder starben, denen gibt Gott schöne Versorgung. Wahrlich, Gott ist der beste Versorger.
  59. 59Er lässt sie in einen Eingang eintreten, an dem sie Wohlgefallen finden. Wahrlich, Gott ist allwissend, nachsichtig.
  60. 60So. Wer mit dem Gleichen vergilt, mit dem ihm vergolten wurde, und dann gegen ihn Übermut getrieben wird, dem wird Gott sicher beistehen. Wahrlich, Gott ist allverzeihend, allverzeihend.
  61. 61Das ist, weil Gott die Nacht in den Tag eingehen lässt und den Tag in die Nacht eingehen lässt, und weil Gott allhörend, allsehend ist.
  62. 62Das ist, weil Gott die Wahrheit ist und weil das, was sie neben ihm anrufen, das Falsche ist und weil Gott der Hohe, der Große ist.
  63. 63Hast du nicht gesehen, dass Gott vom Himmel Wasser herabsendet, sodass die Erde grün wird? Wahrlich, Gott ist freundlich, kundig.
  64. 64Ihm gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Wahrlich, Gott ist der Unbedürftige, der Lobenswerte.
  65. 65Hast du nicht gesehen, dass Gott euch dienstbar gemacht hat, was auf der Erde ist, und die Schiffe, die im Meer auf seinen Befehl laufen, und dass er den Himmel daran hindert, auf die Erde zu fallen, außer mit seiner Erlaubnis? Wahrlich, Gott ist gegen die Menschen gütig, barmherzig.
  66. 66Er ist es, der euch lebendig gemacht hat, dann euch sterben lässt, dann euch wieder lebendig macht. Wahrlich, der Mensch ist undankbar.
  67. 67Jeder Gemeinschaft haben wir einen Ritus gemacht, an dem sie sich halten. So sollen sie dich nicht in der Sache anfechten. Rufe zu deinem Herrn. Wahrlich, du bist auf einer geraden Rechtleitung.
  68. 68Wenn sie mit dir streiten, so sprich: Gott weiß am besten, was ihr tut.
  69. 69Gott wird zwischen euch am Tag der Auferstehung entscheiden, worüber ihr uneins seid.
  70. 70Weißt du nicht, dass Gott weiß, was im Himmel und auf der Erde ist? Wahrlich, das ist in einem Buch. Wahrlich, das ist Gott leicht.
  71. 71Sie dienen neben Gott dem, wozu er keine Vollmacht herabgesandt hat und worüber sie kein Wissen haben. Die Frevler haben keinen Beistand.
  72. 72Wenn ihnen unsere klaren Zeichen verlesen werden, erkennst du in den Gesichtern der ungläubig sind das Verwerfliche. Sie greifen fast die an, die ihnen unsere Zeichen verlesen. Sprich: Soll ich euch über das Schlimmere als dieses berichten? Das Feuer! Gott hat es den ungläubig sind versprochen. Schlimm ist die Heimkehr.
  73. 73O ihr Menschen! Es wird ein Gleichnis vorgeführt. So hört darauf! Wahrlich, die, die ihr neben Gott anruft, werden nie eine Fliege erschaffen, auch wenn sie sich dafür versammeln. Und wenn die Fliege ihnen etwas wegnimmt, können sie es nicht von ihr zurückholen. Schwach ist der Suchende und das Gesuchte!
  74. 74Sie haben Gott nicht richtig eingeschätzt. Wahrlich, Gott ist stark, mächtig.
  75. 75Gott wählt aus den Engeln Gesandte aus und aus den Menschen. Wahrlich, Gott ist allhörend, allsehend.
  76. 76Er weiß, was vor ihnen und was hinter ihnen ist. Zu Gott werden die Angelegenheiten zurückkehren.
  77. 77O ihr, die ihr glaubt! Verbeugt euch, werft euch nieder, dient eurem Herrn und tut Gutes – vielleicht habt ihr Erfolg.
  78. 78Und kämpft auf Gottes Weg, wie es sich gehört zu kämpfen. Er hat euch erwählt und euch in der Religion keine Bedrängnis gegeben – die Glaubensgemeinschaft eures Vaters Abraham. Er hat euch vorher und in diesem als sich Unterwerfende benannt, damit der Gesandte ein Zeuge über euch sei und damit ihr Zeugen über die Menschen seid. So verrichtet das Gebet, gebt das Almosen und haltet euch an Gott. Er ist euer Schutzherr. Welch ein vortrefflicher Schutzherr und vortrefflicher Beistand!

Einordnung & Bedeutung

Die Pilgerfahrt

Sure 22 gibt das wichtigste islamische Ritual ihren Namen: al-ḥadschdsch – die große Pilgerfahrt nach Mekka, eine der fünf Säulen des Islam. Jeder Muslim ist verpflichtet, sie einmal im Leben durchzuführen, wenn er körperlich und finanziell in der Lage ist.

Vers 27 ist die zentrale Pilgerfahrts-Aufforderung: „Rufe die Menschen zur Pilgerfahrt aus. Sie kommen zu dir zu Fuß und auf jedem schlanken Reittier, das aus jeder fernen Schlucht kommt."

Diese Stelle erklärt nicht alle Riten der Pilgerfahrt im Detail, sondern macht ihre theologische Grundlage klar: Sie ist Abrahams Vermächtnis. Abraham hat Mekka als heiligen Ort eingerichtet (Vers 26: „Als wir Abraham die Stätte des Hauses bereitstellten"). Die Kaaba war nach klassischer islamischer Geschichtsschreibung das erste Gotteshaus, das Abraham für den Eingott errichtete.

Der schreckliche Eröffnungsvers (Verse 1–2)

Die Sure beginnt mit einem der gewaltigsten Endzeitbilder des Korans: „Das Erdbeben der Stunde ist eine gewaltige Sache. An dem Tag, an dem ihr es seht: Jede stillende Frau wird vergessen, was sie stillte. Jede schwangere Frau wird ihre Schwangerschaft niederlegen. Du wirst die Menschen wie berauscht sehen, doch sie sind nicht berauscht."

Das Bild ist erschütternd. Eine stillende Mutter vergisst ihr Kind – das ist im menschlichen Erfahrungsbereich fast undenkbar. Eine schwangere Frau verliert spontan das Kind. Menschen taumeln wie betrunken, ohne Alkohol. Die Stunde ist eine völlige Umkehr aller normalen menschlichen Bezüge.

Mohammed soll laut Hadith gesagt haben, als diese Verse offenbart wurden, hätte ihn die Furcht überwältigt. Diese Verse machten den eschatologischen Ernst der koranischen Botschaft mit voller Wucht klar.

Die Auferstehung durch die Embryologie (Vers 5)

Vers 5 ist eine der detailliertesten Embryologie-Stellen des Korans. Die Stufen werden genannt: Erde → Samentropfen → Blutklumpen → geformter und ungeformter Fleischklumpen → Säugling → Reifer → ggf. Greis.

Das Argument ist klar: Wer aus dem Nichts in den embryonalen Verlauf gebracht wurde, kann auch wieder hervorgebracht werden. Die Auferstehung ist nicht unmöglicher als die Geburt.

Der berühmte Toleranz-Vers (Vers 17)

Vers 17 ist eine bemerkenswerte religionspluralistische Stelle: „Wahrlich, die, die geglaubt haben, die Juden, die Sabäer, die Christen, die Magier und die Beigesellenden – Gott entscheidet zwischen ihnen am Tag der Auferstehung."

Sechs Religionsgemeinschaften werden nebeneinander genannt. Die Aussage: Gott entscheidet. Nicht wir. Das ist eine erstaunlich zurückhaltende Setzung – sie nimmt menschliches Urteil über andere Religionen zurück.

Die Sabäer sind eine im Koran mehrfach erwähnte Religionsgemeinschaft, deren genaue Identität historisch unsicher ist. Wahrscheinlich sind die Mandäer gemeint – eine antike gnostische Gemeinschaft in Mesopotamien, die Johannes den Täufer als zentralen Propheten verehrt. Sie existieren noch heute (etwa 60.000 Personen, hauptsächlich im Iran und Irak).

Die Magier (al-madschūs) sind die Zoroastrier – Anhänger der altpersischen Religion Zarathustras. Auch sie werden im Koran als eine eigene Gemeinschaft anerkannt.

Die Verteidigung aller Gotteshäuser (Vers 40)

Vers 40 ist einer der wichtigsten religionspluralistischen Verse des Korans: „Hätte Gott die Menschen nicht durch einander zurückgehalten, wären Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name viel erwähnt wird, zerstört worden."

Vier Arten von Gotteshäusern werden nebeneinander genannt – und alle als Orte beschrieben, „in denen Gottes Name viel erwähnt wird". Die Implikation ist enorm: Synagogen, Kirchen, Klausen und Moscheen sind Orte, in denen Gottes Name erwähnt wird. Es ist derselbe Gott.

Diese Stelle ist heute in der zeitgenössischen interreligiösen Theologie zentral. Sie macht klar:

  • Gotteshäuser anderer Religionen werden im Islam geschützt, nicht abgelehnt.
  • Der Krieg in Gottes Sache umfasst auch den Schutz anderer Religionen.
  • Wer Synagogen oder Kirchen zerstört, geht gegen den koranischen Auftrag.

Die historische Praxis des Islam war diesem Vers oft erstaunlich treu. In den von Muslimen eroberten Gebieten – Spanien, Naher Osten, Indien – blieben Synagogen und Kirchen in der Regel bestehen. Die Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) wurde von muslimischen Herrschern in Marokko und im Osmanischen Reich umgekehrt: Sie nahmen die Geflüchteten auf und gewährten ihnen Glaubensfreiheit.

Die erste Erlaubnis zur Verteidigung (Verse 39–40)

Verse 39–40 enthalten nach klassischer Auslegung den ersten Vers, der den Muslimen die Verteidigung gegen Angriffe erlaubt: „Erlaubt ist denen, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht getan wurde."

Drei wichtige Bedingungen werden hier festgelegt:

  1. Reaktiver Charakter: Es geht um die Bekämpften, nicht um die Angreifer. Verteidigung, nicht Aggression.
  2. Recht-Grundlage: „Weil ihnen Unrecht getan wurde." Das Recht muss klar sein.
  3. Glaubens-Grund: „Die aus ihren Wohnstätten ohne Recht vertrieben wurden, nur weil sie sagten: Unser Herr ist Gott." Die Verfolgung wegen des Glaubens ist der Anlass.

Diese Stelle ist historisch wichtig. Sie bezeichnet einen Wendepunkt: Bis dahin hatten die Muslime in Mekka über zwölf Jahre lang nicht mit Gewalt geantwortet auf die Verfolgung. In Medina, nach der Auswanderung, gibt Gott erstmals die Erlaubnis zur bewaffneten Verteidigung.

Die unmögliche Fliege (Vers 73)

Vers 73 ist ein berühmtes Bild gegen den Götzendienst: „O ihr Menschen! Wahrlich, die, die ihr neben Gott anruft, werden nie eine Fliege erschaffen, auch wenn sie sich dafür versammeln. Und wenn die Fliege ihnen etwas wegnimmt, können sie es nicht von ihr zurückholen."

Das ist eine vernichtende rhetorische Pointe. Götzen können nicht einmal eine Fliege erschaffen – das kleinste, geringste Lebewesen. Und wenn eine Fliege ihnen etwas wegnehmen würde (etwa von ihrer Opfergabe), könnten sie es nicht zurückholen.

Die Stelle ist eine philosophische Reflexion: Wer behauptet, dass göttliche Wesen ihm helfen können, müsste mindestens zeigen, dass sie zu kleinsten Schöpfungstaten fähig sind. Sind sie nicht. Also sind sie keine Götter.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 22 ist eine inhaltsreiche Sure. Sie verbindet:

  • Eschatologie (Verse 1–7)
  • Auferstehungs-Argument durch Embryologie (Vers 5)
  • Religiöse Toleranz (Verse 17, 40)
  • Die Pilgerfahrt und ihre Riten (Verse 26–37)
  • Die erste Verteidigungs-Erlaubnis (Verse 39–40)
  • Theologische Reflexion (Verse 73–78)

Die Verse 39–40 sind im modernen muslimischen Diskurs über Krieg und Frieden zentral. Sie zeigen: Krieg im Islam ist reaktiv und defensiv, nicht offensiv. Wer aggressive Eroberung mit dem Koran rechtfertigt, übersieht die hier festgelegten Bedingungen.

Vers 40 ist auch ein Schlüsseltext für interreligiöse Beziehungen. Er macht klar: Der Islam verteidigt – nicht zerstört – andere Gotteshäuser.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Die Pilgerfahrt (al-ḥadschdsch) – eine der fünf Säulen des Islam – einmal im Leben Pflicht für Muslime, die es können
  • Sabäer (aṣ-ṣābiʾūn) – wahrscheinlich die heute noch existierenden Mandäer – im Koran als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt
  • Magier (al-madschūs) – die Zoroastrier – die altpersische Religion Zarathustras
  • „Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen" – Vers 40 – die zentrale koranische Aussage zum Schutz aller Gotteshäuser
  • Die erste Verteidigungs-Erlaubnis – Verse 39–40 – Wendepunkt vom rein zivilen zum auch verteidigenden Islam; nur reaktiv
  • Die unmögliche Fliege – Vers 73 – rhetorische Polemik gegen den Götzendienst durch das kleinste Lebewesen