Sure 23
Die Gläubigen
Al-Muʾminūn
Worum geht's?
Eine Sure, die mit einer berühmten Beschreibung erfolgreicher Gläubiger beginnt – einer der wichtigsten ethischen Listen des Korans. Sie schildert dann die Geschichte Noahs, Moses, Marias und Jesu, und endet mit eindringlichen Szenen vom Jüngsten Tag. Mit dem klassischen Satz: „Wahrlich, gewonnen haben die Gläubigen."
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Wahrlich, gewonnen haben die Gläubigen,
- 2die in ihrem Gebet demütig sind,
- 3die sich vom leeren Gerede abwenden,
- 4die das Almosen geben,
- 5die ihre Scham bewahren,
- 6außer vor ihren Ehefrauen oder ihren Sklavinnen. Sie werden nicht getadelt.
- 7Wer aber darüber hinaus etwas begehrt – das sind die Übertreter.
- 8Die ihre anvertrauten Sachen und ihren Vertrag einhalten,
- 9die ihre Gebete bewahren –
- 10diese sind die Erben,
- 11die das Paradies erben. Sie sind darin ewig.
- 12Wir haben den Menschen aus Lehm-Auszug erschaffen.
- 13Dann machten wir ihn zu einem Samentropfen an einem festen Ort.
- 14Dann machten wir den Samentropfen zu einem Blutklumpen. Dann machten wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen. Dann machten wir den Fleischklumpen zu Knochen. Dann bekleideten wir die Knochen mit Fleisch. Dann ließen wir ihn als eine andere Schöpfung entstehen. So gesegnet sei Gott, der beste Schöpfer!
- 15Dann werdet ihr nach diesem sterben.
- 16Dann werdet ihr am Tag der Auferstehung wieder hervorgebracht.
- 17Wir haben über euch sieben Bahnen erschaffen. Wir sind nicht achtlos gegenüber der Schöpfung.
- 18Wir haben vom Himmel Wasser im Maß herabgesandt und es in der Erde ruhen lassen. Wir sind fähig, es zu entfernen.
- 19Wir haben damit Gärten für euch hervorgebracht – Dattelpalmen und Reben. Ihr habt darin viele Früchte, und davon esst ihr.
- 20Und einen Baum, der aus dem Berg Sīnāʾ hervorkommt – er gibt Öl und ist eine Bratenwürze für die Essenden.
- 21Wahrlich, im Vieh ist für euch eine Lehre. Wir geben euch von dem zu trinken, was in ihren Bäuchen ist. Ihr habt davon viele Nutzen, und davon esst ihr.
- 22Auf ihnen und auf den Schiffen werdet ihr getragen.
- 23Wir haben Noah zu seinem Volk geschickt. Er sagte: Mein Volk! Dient Gott! Ihr habt keinen anderen Gott außer ihm. Werdet ihr nicht gottesfürchtig?
- 24Die Vornehmen unter seinem Volk, die ungläubig waren, sagten: Dieser ist nur ein Mensch wie ihr. Er will sich über euch erheben. Hätte Gott gewollt, hätte er Engel herabgesandt. Wir haben über das von unseren früheren Vätern nichts gehört.
- 25Er ist nur ein Mann, in dem Wahnsinn ist. So wartet ab eine Weile auf ihn.
- 26Er sagte: Mein Herr, hilf mir, denn sie haben mich für einen Lügner erklärt!
- 27Wir offenbarten ihm: Bau das Schiff unter unseren Augen und nach unserer Offenbarung. Wenn unser Befehl kommt und der Ofen sprudelt, dann lass von jedem Paar ein Paar in es eingehen und deine Angehörigen, außer dem, gegen den das Wort vorher ergangen ist. Sprich nicht zu mir über die, die Unrecht getan haben. Wahrlich, sie werden ertränkt.
- 28Wenn du dich und die, die mit dir sind, auf dem Schiff eingerichtet hast, so sprich: Lob sei Gott, der uns vor dem frevelhaften Volk gerettet hat!
- 29Und sprich: Mein Herr, lass mich an einer gesegneten Stätte landen! Du bist der beste der Niederlassenden.
- 30Wahrlich, darin sind Zeichen. Wahrlich, wir prüfen.
- 31Dann ließen wir nach ihnen ein anderes Geschlecht entstehen.
- 32Wir schickten unter ihnen einen Gesandten von ihnen: Dient Gott! Ihr habt keinen anderen Gott außer ihm. Werdet ihr nicht gottesfürchtig?
- 33Die Vornehmen seines Volks, die ungläubig waren und die Begegnung des Jenseits für eine Lüge erklärten und denen wir Wohlleben gegeben hatten, sagten: Dieser ist nur ein Mensch wie ihr. Er isst, was ihr esst, und trinkt, was ihr trinkt.
- 34Wenn ihr einem Menschen wie euch gehorcht, dann seid ihr ja Verlierer.
- 35Verspricht er euch, dass ihr, wenn ihr gestorben und Staub und Knochen geworden seid, hervorgebracht werdet?
- 36Weit, weit ist das, was euch versprochen wird!
- 37Es gibt nur unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben. Wir werden nicht auferweckt.
- 38Er ist nur ein Mann, der Lüge über Gott erfunden hat. Wir glauben ihm nicht.
- 39Er sagte: Mein Herr, hilf mir, denn sie haben mich für einen Lügner erklärt!
- 40Er sagte: In Kürze werden sie sicher bereuen.
- 41Da packte sie der Schrei nach Wahrheit, und wir machten sie zu treibendem Schaum. Hinweg mit dem Volk der Frevler!
- 42Dann ließen wir nach ihnen andere Geschlechter entstehen.
- 43Keine Gemeinschaft kommt ihrer Frist zuvor, und sie verzögert sie nicht.
- 44Dann schickten wir unsere Gesandten nacheinander. Sooft zu einer Gemeinschaft ihr Gesandter kam, erklärten sie ihn für einen Lügner. So ließen wir sie einander folgen. Wir machten sie zu Erzählungen. Hinweg mit dem Volk, das nicht glaubt!
- 45Dann schickten wir Moses und seinen Bruder Aaron mit unseren Zeichen und einer klaren Vollmacht
- 46zu Pharao und seinen Vornehmen. Aber sie waren hochmütig, und sie waren ein erhabenes Volk.
- 47Sie sagten: Sollen wir an zwei Menschen wie uns glauben, deren Volk uns Diener sind?
- 48So erklärten sie die beiden für Lügner. Da gehörten sie zu den Vernichteten.
- 49Wir gaben Moses das Buch, vielleicht ließen sie sich rechtleiten.
- 50Wir machten den Sohn Marias und seine Mutter zu einem Zeichen. Wir gaben ihnen Zuflucht zu einer Höhe mit fester Stätte und Quelle.
- 51Ihr Gesandten! Esst von den guten Dingen und tut Gutes. Wahrlich, ich weiß über das Bescheid, was ihr tut.
- 52Wahrlich, dies eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft. Ich bin euer Herr. So fürchtet mich!
- 53Aber sie haben ihre Sache untereinander zerstückelt. Jede Gruppe freut sich über das, was bei ihr ist.
- 54So lass sie eine Zeit lang in ihrer Verirrung,
- 55bis sie erkennen, dass das, womit wir sie an Vermögen und Söhnen unterstützen,
- 56wir ihnen damit das Gute eilig geben? Nein! Sie merken es nicht.
- 57Wahrlich, die, die aus Furcht vor ihrem Herrn besorgt sind,
- 58die an die Zeichen ihres Herrn glauben,
- 59die ihrem Herrn nichts beigesellen,
- 60die geben, was sie geben, mit Herzen, die fürchten, dass sie zu ihrem Herrn zurückkehren –
- 61diese eilen in den guten Werken, und sie sind ihnen voraus.
- 62Wir belasten keine Seele über das hinaus, was sie tragen kann. Bei uns ist ein Buch, das mit Wahrheit spricht. Ihnen wird kein Unrecht getan.
- 63Vielmehr sind ihre Herzen in Unachtsamkeit darüber. Sie haben darüber hinaus Werke, die sie tun.
- 64Bis wenn wir die in Wohlleben Lebenden unter ihnen mit der Strafe packen, da rufen sie um Hilfe.
- 65Ruft heute nicht um Hilfe! Wahrlich, ihr werdet von uns nicht beigestanden.
- 66Meine Zeichen wurden euch verlesen, doch ihr seid auf eure Fersen umgekehrt,
- 67hochmütig dabei, in der Nacht spottend.
- 68Bedenken sie nicht die Rede oder kam zu ihnen das, was nicht zu ihren früheren Vätern gekommen ist?
- 69Oder erkennen sie nicht ihren Gesandten und verleugnen ihn deshalb?
- 70Oder sagen sie: In ihm ist Wahnsinn? Vielmehr ist er mit der Wahrheit zu ihnen gekommen, aber die meisten von ihnen hassen die Wahrheit.
- 71Würde die Wahrheit ihren Lüsten folgen, wären die Himmel und die Erde und wer in ihnen ist verdorben. Vielmehr haben wir ihnen ihre Ermahnung gebracht, und sie wenden sich von ihrer Ermahnung ab.
- 72Oder fragst du sie nach einem Lohn? Aber der Lohn deines Herrn ist besser. Er ist der beste Versorger.
- 73Wahrlich, du rufst sie zu einem geraden Weg.
- 74Wahrlich, die nicht an das Jenseits glauben, sind vom Weg abgewichen.
- 75Wenn wir uns ihrer erbarmen würden und das Übel, was sie haben, hinwegnähmen, würden sie hartnäckig in ihrer Maßlosigkeit verharren.
- 76Wir packten sie mit der Strafe. Sie demütigten sich nicht vor ihrem Herrn und unterwarfen sich nicht.
- 77Bis wir ihnen ein Tor mit harter Strafe öffnen. Da sind sie darin verzweifelt.
- 78Er ist es, der euch Gehör, Augen und Herzen gemacht hat. Wenig seid ihr dankbar.
- 79Er ist es, der euch auf der Erde verstreut hat. Zu ihm werdet ihr versammelt.
- 80Er ist es, der lebendig macht und sterben lässt. Ihm gehört der Wechsel von Nacht und Tag. Werdet ihr nicht verständig?
- 81Vielmehr sagen sie, was die Früheren sagten.
- 82Sie sagten: Wenn wir gestorben und Staub und Knochen geworden sind, sollen wir dann wahrlich auferweckt werden?
- 83Uns und unseren Vätern wurde das schon vorher versprochen. Das sind nur Märchen der Früheren.
- 84Sprich: Wessen sind die Erde und wer in ihr ist, wenn ihr es wisst?
- 85Sie werden sagen: Gott. Sprich: Werdet ihr also nicht bedenken?
- 86Sprich: Wer ist der Herr der sieben Himmel und der Herr des gewaltigen Thrones?
- 87Sie werden sagen: Gott. Sprich: Werdet ihr also nicht gottesfürchtig?
- 88Sprich: In wessen Hand ist die Herrschaft über alles, der Schutz gewährt und gegen den kein Schutz gewährt wird, wenn ihr es wisst?
- 89Sie werden sagen: Gott. Sprich: Wie werdet ihr also verzaubert?
- 90Vielmehr sind wir ihnen mit der Wahrheit gekommen. Wahrlich, sie sind Lügner.
- 91Gott hat sich kein Kind genommen, und es ist kein Gott neben ihm. Sonst würde jeder Gott mit dem, was er erschaffen hat, weggehen, und manche würden über andere die Oberhand gewinnen. Preis sei Gott über das, was sie beschreiben!
- 92Der Kenner des Verborgenen und des Sichtbaren. Erhaben ist er über das, was sie beigesellen!
- 93Sprich: Mein Herr, wenn du mir zeigst, was ihnen versprochen wird,
- 94mein Herr, so setze mich nicht unter das frevelhafte Volk!
- 95Wahrlich, wir haben die Macht, dir zu zeigen, was wir ihnen versprechen.
- 96Wehre mit dem, was besser ist, das Üble ab. Wir wissen am besten, was sie beschreiben.
- 97Sprich: Mein Herr, ich suche Zuflucht bei dir vor den Anstiftungen der Satane.
- 98Und ich suche Zuflucht bei dir, mein Herr, dass sie mir nicht begegnen.
- 99Bis wenn zu einem von ihnen der Tod kommt, sagt er: Mein Herr, lass mich zurückkehren,
- 100vielleicht tue ich Gutes in dem, was ich gelassen habe! Nein! Es ist nur ein Wort, das er sagt. Vor ihnen ist eine Sperre bis zum Tag, an dem sie auferweckt werden.
- 101Wenn in die Posaune geblasen wird, sind keine Verwandtschaften zwischen ihnen an jenem Tag, und sie fragen einander nicht.
- 102Wessen Waagschalen schwer sind – diese sind die Erfolgreichen.
- 103Wessen Waagschalen leicht sind – diese sind die, die sich selbst verloren haben. In der Hölle sind sie ewig.
- 104Das Feuer brennt ihre Gesichter, und sie sind darin grinsend.
- 105Wurden euch meine Zeichen nicht verlesen, und ihr habt sie für eine Lüge erklärt?
- 106Sie sagen: Unser Herr, unsere Unglückseligkeit hat uns überwältigt. Wir waren ein verirrtes Volk.
- 107Unser Herr, bring uns aus ihr heraus! Wenn wir zurückkehren, sind wir Frevler.
- 108Er sagt: Verschwindet darin und sprecht nicht mit mir!
- 109Wahrlich, eine Gruppe meiner Diener sagte: Unser Herr, wir glauben. So vergib uns und erbarme dich unser! Du bist der barmherzigste der Barmherzigen.
- 110Doch ihr habt sie zum Spott genommen, bis ihr meine Erwähnung über ihnen vergaßt. Ihr habt über sie gelacht.
- 111Wahrlich, ich habe ihnen heute dafür belohnt, dass sie geduldig waren. Sie sind die Triumphierenden.
- 112Er sagt: Wie lange habt ihr in der Erde verweilt – die Zahl der Jahre?
- 113Sie sagen: Wir haben einen Tag oder einen Teil eines Tages verweilt. Frage doch die Zählenden.
- 114Er sagt: Ihr habt nur wenig verweilt – hättet ihr es nur gewusst!
- 115Habt ihr gemeint, dass wir euch nur zum Spaß erschaffen haben und dass ihr nicht zu uns zurückgebracht werdet?
- 116Erhaben ist Gott, der wahre König! Es gibt keinen Gott außer ihm, dem Herrn des edlen Thrones.
- 117Wer neben Gott einen anderen Gott anruft, hat dafür keinen Beweis. Seine Abrechnung ist nur bei seinem Herrn. Wahrlich, die Ungläubigen sind nicht erfolgreich.
- 118Sprich: Mein Herr, vergib und erbarme dich! Du bist der barmherzigste der Barmherzigen.
Einordnung & Bedeutung
Die Eröffnung: Die erfolgreichen Gläubigen (Verse 1–11)
Sure 23 beginnt mit einer der berühmtesten ethischen Listen des Korans. „Wahrlich, gewonnen haben die Gläubigen" – arabisch qad aflaḥa l-muʾminūn. Mohammed soll laut Hadith gesagt haben: Als diese Verse offenbart wurden, kam ein Licht von ihnen aus, und der Erfolg wurde als zugesagt verkündet.
Sieben Eigenschaften kennzeichnen den erfolgreichen Gläubigen:
- Demut im Gebet (Vers 2): nicht nur das Vollziehen, sondern die innere Präsenz.
- Abwendung vom leeren Gerede (Vers 3): kein Klatsch, keine sinnlosen Worte.
- Almosen-Geben (Vers 4): aktive Sozialethik.
- Sexuelle Selbstbeherrschung (Verse 5–7): Treue in der Ehe.
- Vertrauenswürdigkeit (Vers 8): Anvertraute Sachen einhalten, Verträge halten.
- Bewahrung der Gebete (Vers 9): Regelmäßigkeit der spirituellen Praxis.
Die Liste klammert das Gebet zweimal: Sie beginnt mit der inneren Haltung im Gebet (Demut) und endet mit der äußeren Treue zum Gebet (Bewahrung). Das spirituelle Leben rahmt das ethische.
Vers 11 verspricht: „Diese sind die Erben, die das Paradies erben." Erfolg ist nicht nur diesseitig – er reicht ins Jenseits.
Die berühmte Embryologie-Stelle (Verse 12–14)
Verse 12–14 enthalten die detaillierteste Beschreibung der menschlichen Entwicklung im Koran. Die Stufen:
- Lehm-Auszug (sulālatin min ṭīn): der Mensch aus Erde
- Samentropfen (nuṭfa): an einem festen Ort
- Blutklumpen (ʿalaqa): klassisch verstanden als hängender, blutähnlicher Klumpen
- Fleischklumpen (muḍgha): geformter Fleischklumpen
- Knochen
- Fleisch um die Knochen
- „Eine andere Schöpfung" – Geburt und Beseelung
Diese Sequenz ist in moderner muslimischer Apologetik oft mit der heutigen Embryologie verglichen. Manche Auslegungen sehen darin eine erstaunlich präzise Vorwegnahme moderner medizinischer Erkenntnisse. Andere warnen vor übertriebener Korrelation.
Der Schlussakkord ist bemerkenswert: „So gesegnet sei Gott, der beste Schöpfer!" Das ist ein Lob, das Mohammed laut einer Hadith-Überlieferung selbst aussprach, als ʿUmar ihn rezitierte – worauf der Vers prompt mit genau diesem Schluss offenbart wurde.
Die Sieben Bahnen (Vers 17)
Vers 17 erwähnt „sieben Bahnen" über den Menschen. Das ist eine etwas mysteriöse Bezeichnung. Klassische Auslegungen verstehen sie als:
- Die sieben Himmel (entsprechend dem antiken kosmologischen Modell)
- Die Bahnen der sieben „Wandelsterne" (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn)
Diese Stelle zeigt: Die koranische Kosmologie nutzt die astronomischen Begriffe der Zeit, ohne sich auf ein bestimmtes physikalisches Modell festzulegen.
Noah und das Schiff (Verse 23–30)
Verse 23–30 erzählen die Noah-Geschichte. Klassische Punkte werden alle berührt: Noahs Verkündigung, die Ablehnung durch die Vornehmen, sein Hilferuf, der Bau des Schiffs, die Sintflut.
Bemerkenswert ist Vers 27 mit seiner Eigenheit: „Wenn unser Befehl kommt und der Ofen sprudelt." Der „sprudelnde Ofen" (fāra t-tannūr) ist ein mysteriöses Zeichen für den Beginn der Sintflut. Klassische Auslegungen sind unsicher, was genau gemeint ist. Manche sehen darin eine Backofen-Stelle, in der Wasser hochkochte – als erstes Vorzeichen.
Die direkte Anrede an die Gesandten (Verse 51–52)
Verse 51–52 sind eine seltene Stelle: Gott spricht direkt zu allen Gesandten: „Ihr Gesandten! Esst von den guten Dingen und tut Gutes."
Vers 52 schließt mit der wichtigen Aussage: „Wahrlich, dies eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft. Ich bin euer Herr." Wieder die Einheit aller Propheten in einer Linie.
Die Sterbe-Reue (Verse 99–100)
Verse 99–100 sind eine erschütternde Stelle: „Bis wenn zu einem von ihnen der Tod kommt, sagt er: Mein Herr, lass mich zurückkehren, vielleicht tue ich Gutes in dem, was ich gelassen habe!"
Die Antwort ist hart: „Nein! Es ist nur ein Wort, das er sagt." Die letzte Bitte um eine zweite Chance wird abgelehnt. Klassische Auslegungen sehen darin eine wichtige Botschaft: Was du jetzt tun kannst, tue jetzt. Es gibt keinen späteren Moment, in dem du es nachholen kannst.
Die Stelle ist im Sufismus zentral. Sie wird mit dem Satz pointiert: „Stirb, bevor du stirbst." Wer schon im Leben so lebt, als müsste er jeden Moment Rechenschaft ablegen, hat das richtig verstanden. Wer hofft, später noch alles in Ordnung zu bringen, irrt.
„Wir haben euch nicht zum Spaß erschaffen" (Vers 115)
Vers 115 ist eine zentrale anthropologische Aussage: „Habt ihr gemeint, dass wir euch nur zum Spaß erschaffen haben und dass ihr nicht zu uns zurückgebracht werdet?"
Das ist eine direkte Antwort auf jede nihilistische Lebensphilosophie. Wer behauptet, das Leben sei sinnlos, missversteht die Schöpfung. Es hat einen Zweck. Es wird einen Abschluss geben. Wer das ignoriert, lebt eine zufällige Existenz, die in Wirklichkeit nicht zufällig ist.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 23 ist eine theologisch und ethisch zentrale Sure. Sie verbindet:
- Die berühmte Liste der erfolgreichen Gläubigen (Verse 1–11)
- Die Embryologie-Stelle (Verse 12–14)
- Heilsgeschichte (Noah, Moses, Maria/Jesus – Verse 23–50)
- Die Einheits-Setzung aller Propheten (Vers 52)
- Die Sterbe-Reue (Verse 99–100)
- Die anti-nihilistische Setzung (Vers 115)
Die Eröffnungs-Verse (1–11) gehören zu den meistrezitierten Stellen des Korans. Sie geben eine kompakte Ethik: Wer demütig betet, sinnlose Worte vermeidet, sozialethisch handelt, treu ist, vertrauenswürdig bleibt und beständig betet – der gehört zu denen, denen das Paradies versprochen ist.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- „Gewonnen haben die Gläubigen" (qad aflaḥa l-muʾminūn) – die berühmte Eröffnung – Vers 1; im täglichen Gebet oft zitiert
- Sieben Eigenschaften – Verse 2–9 – die ethische Kompakt-Beschreibung des erfolgreichen Gläubigen
- Die Embryologie-Stufen – Verse 12–14 – die detaillierteste Beschreibung menschlicher Entwicklung im Koran
- „Eine andere Schöpfung" (chalqan ākhar) – der Übergang vom embryonalen Körper zum beseelten Menschen
- „Der sprudelnde Ofen" – Vers 27 – mysteriöses Vorzeichen der Sintflut
- „Ihr Gesandten" (yā ayyuhā r-rusul) – Verse 51–52 – seltene Anrede Gottes an alle Propheten gemeinsam
- „Nicht zum Spaß erschaffen" – Vers 115 – die koranische Anti-Nihilismus-Setzung