Sure 24
Das Licht
An-Nūr
Worum geht's?
Eine der wichtigsten medinensischen Suren. Sie enthält den berühmten Licht-Vers (Vers 35) – eine der schönsten Stellen des Korans, im Sufismus zentral. Sie regelt auch eine ganze Reihe konkreter Lebensbereiche: Ehe-Recht, Umgang mit Verleumdung, Anstand zwischen Männern und Frauen, der Kopftuch-Vers, Privatsphäre, Erlaubnis-Holen vor dem Eintreten.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Eine Sure, die wir herabgesandt und in der wir Bestimmungen verordnet haben. Wir haben darin klare Zeichen herabgesandt, vielleicht lasst ihr euch ermahnen.
- 2Die Unzüchtige und der Unzüchtige – peitscht jeden von ihnen mit hundert Peitschenhieben! Mitleid mit den beiden soll euch in der Religion Gottes nicht ergreifen, wenn ihr an Gott und den Letzten Tag glaubt. Eine Gruppe der Gläubigen soll bei ihrer Strafe Zeuge sein.
- 3Der Unzüchtige heiratet nur eine Unzüchtige oder Beigesellende. Die Unzüchtige heiratet nur ein Unzüchtiger oder Beigesellender. Den Gläubigen ist das verboten.
- 4Die, die die anständigen Frauen anklagen, dann aber nicht vier Zeugen bringen, peitscht mit achtzig Peitschenhieben und nehmt ihr Zeugnis nie wieder an. Diese sind die Frevler,
- 5außer denen, die danach umkehren und sich bessern. Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 6Die ihre Ehefrauen anklagen und keine anderen Zeugen als sich selbst haben – das Zeugnis eines solchen ist viermal die Bezeugung bei Gott, dass er wahrhaftig sei,
- 7und das fünfte: dass der Fluch Gottes auf ihm sei, wenn er lügt.
- 8Es wendet die Strafe von ihr ab, dass sie viermal bei Gott bezeugt, dass er ein Lügner sei,
- 9und das fünfte: dass der Zorn Gottes auf ihr sei, wenn er wahrhaftig ist.
- 10Wäre nicht die Gunst Gottes über euch und seine Barmherzigkeit, und dass Gott umkehraufnehmend, weise ist!
- 11Die, die mit der Verleumdung gekommen sind, sind eine Gruppe von euch. Nehmt es nicht als Übel für euch! Vielmehr ist es Gutes für euch. Jeder von ihnen trägt, was er sich an Sünde erworben hat. Wer den größten Anteil daran hatte – für ihn ist gewaltige Strafe.
- 12Warum dachten die Gläubigen und die gläubigen Frauen nicht, als ihr es hörtet, Gutes von sich selbst und sagten nicht: Das ist eine deutliche Lüge?
- 13Warum haben sie nicht vier Zeugen dafür gebracht? Da sie keine Zeugen gebracht haben, sind sie bei Gott die Lügner.
- 14Wäre nicht die Gunst Gottes über euch und seine Barmherzigkeit im diesseitigen Leben und im Jenseits, hätte euch wegen dem, worüber ihr eilig spracht, eine gewaltige Strafe getroffen.
- 15Als ihr es mit euren Zungen aufnahmt und mit euren Mündern sagtet, wovon ihr kein Wissen hattet, hieltet ihr es für gering. Doch bei Gott ist es gewaltig.
- 16Warum sagtet ihr nicht, als ihr es hörtet: Es geziemt uns nicht, davon zu sprechen. Preis sei dir! Das ist gewaltige Verleumdung.
- 17Gott ermahnt euch, dass ihr nie zu so etwas zurückkehrt, wenn ihr Gläubige seid.
- 18Gott macht euch die Zeichen klar. Gott ist allwissend, weise.
- 19Wahrlich, die wollen, dass sich das Schändliche unter den Gläubigen ausbreitet – für sie ist eine schmerzhafte Strafe im diesseitigen Leben und im Jenseits. Gott weiß, ihr aber wisst nicht.
- 20Wäre nicht die Gunst Gottes über euch und seine Barmherzigkeit, und dass Gott freundlich, barmherzig ist!
- 21O ihr, die ihr glaubt! Folgt nicht den Fußstapfen des Satans! Wer den Fußstapfen des Satans folgt – wahrlich, er gebietet das Schändliche und Verwerfliche. Wäre nicht die Gunst Gottes über euch und seine Barmherzigkeit, wäre keiner von euch je rein. Aber Gott reinigt, wen er will. Gott ist allhörend, allwissend.
- 22Die Inhaber von Gunst und Vermögen unter euch sollen nicht schwören, den Verwandten, den Armen und denen, die auf Gottes Weg ausgewandert sind, nichts zu geben. Sie sollen vergeben und übersehen. Wollt ihr nicht, dass Gott euch vergibt? Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 23Wahrlich, die anständige Frauen, die unbedacht sind und die gläubig sind, anklagen – sind im diesseitigen Leben und im Jenseits verflucht. Für sie ist eine gewaltige Strafe –
- 24an dem Tag, an dem ihre Zungen, ihre Hände und ihre Füße über das zeugen, was sie taten.
- 25An jenem Tag zahlt Gott ihnen ihren wahren Lohn. Sie werden erkennen, dass Gott die deutliche Wahrheit ist.
- 26Die schlechten Frauen sind für die schlechten Männer, und die schlechten Männer sind für die schlechten Frauen. Die guten Frauen sind für die guten Männer, und die guten Männer sind für die guten Frauen. Diese sind frei von dem, was sie sagen. Für sie ist Vergebung und edle Versorgung.
- 27O ihr, die ihr glaubt! Tretet nicht in andere Häuser als eure eigenen ein, bis ihr um Erlaubnis gefragt habt und ihre Bewohner gegrüßt habt. Das ist besser für euch, vielleicht lasst ihr euch ermahnen.
- 28Wenn ihr darin niemanden findet, so tretet nicht ein, bis euch erlaubt wird. Wenn euch gesagt wird: Kehrt um! – so kehrt um. Das ist reiner für euch. Gott weiß über das Bescheid, was ihr tut.
- 29Es ist keine Sünde für euch, in unbewohnte Häuser einzutreten, in denen ihr Bedarf habt. Gott weiß, was ihr offenkundig und was ihr verbergt.
- 30Sprich zu den Gläubigen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Schamteile bewahren. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Gott ist über das, was sie tun, kundig.
- 31Sprich zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken, ihre Schamteile bewahren und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer was davon sichtbar ist. Sie sollen ihre Tücher über ihren Ausschnitt ziehen. Sie sollen ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer vor ihren Ehemännern oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehemänner oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehemänner oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder ihren Sklavinnen oder den Männern als Anhängern, die keinen Bedarf an Frauen haben, oder den Kindern, die der Blößen der Frauen nichts wissen. Sie sollen nicht mit ihren Füßen so auftreten, dass bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verbergen. Kehrt alle zu Gott zurück, ihr Gläubigen, vielleicht habt ihr Erfolg.
- 32Verheiratet die Unverheirateten unter euch und die Rechtschaffenen unter euren Sklaven und Sklavinnen. Wenn sie arm sind, wird Gott sie aus seiner Gunst bereichern. Gott ist umfassend, allwissend.
- 33Die, die keine Ehemöglichkeit finden, sollen sich enthalten, bis Gott sie aus seiner Gunst bereichert. Die unter euren Sklaven nach einem Vertrag der Freilassung verlangen – so schreibt es ihnen, wenn ihr in ihnen Gutes wisst. Gebt ihnen vom Vermögen Gottes, das er euch gegeben hat. Zwingt eure Mägde nicht zur Unzucht, wenn sie ehrenhaft sein wollen, um den vergänglichen Gewinn des diesseitigen Lebens zu suchen. Wer sie zwingt – wahrlich, Gott ist nach ihrer Zwangslage allverzeihend, barmherzig.
- 34Wahrlich, wir haben euch klare Zeichen herabgesandt und ein Beispiel von denen, die vor euch vergangen sind, und eine Ermahnung für die Gottesfürchtigen.
- 35Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ist wie eine Nische, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein leuchtender Stern. Es wird aus einem gesegneten Baum entzündet, einem Olivenbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast erleuchtet, auch wenn es kein Feuer berührte – Licht über Licht. Gott leitet zu seinem Licht, wen er will. Gott führt den Menschen Gleichnisse vor. Gott weiß über alles Bescheid.
- 36In Häusern, die Gott zu errichten und in denen seinen Namen zu erwähnen erlaubt hat. Er wird in ihnen morgens und abends gepriesen,
- 37durch Männer, die weder Handel noch Verkauf vom Gedenken Gottes ablenkt, noch vom Verrichten des Gebets und vom Geben des Almosens. Sie fürchten einen Tag, an dem die Herzen und die Augen umgekehrt werden,
- 38damit Gott ihnen das Beste vergilt, was sie taten, und ihnen aus seiner Gunst mehr gibt. Gott versorgt, wen er will, ohne Berechnung.
- 39Die, die ungläubig sind – ihre Werke sind wie eine Fata Morgana in einer Wüste. Der Durstige hält sie für Wasser, bis er, wenn er zu ihr kommt, nichts findet. Er findet bei ihr Gott, der ihm seine Rechnung voll auszahlt. Gott ist schnell in der Abrechnung.
- 40Oder wie Finsternisse in einem tiefen Meer, das eine Welle bedeckt, über der eine Welle ist, über der eine Wolke ist – Finsternisse, eine über der anderen. Wenn er seine Hand hervorstreckt, sieht er sie kaum. Wem Gott kein Licht macht, der hat kein Licht.
- 41Hast du nicht gesehen, dass alle, die in den Himmeln und auf der Erde sind, Gott preisen, und die Vögel mit ausgebreiteten Schwingen? Jedes weiß sein Gebet und sein Preisen. Gott weiß über das, was sie tun, Bescheid.
- 42Gott gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde. Zu Gott ist die Heimkehr.
- 43Hast du nicht gesehen, dass Gott die Wolken vor sich treibt, dann zwischen ihnen zusammenfügt, dann sie zu einem Haufen macht? Du siehst den Regen aus ihrer Mitte hervorkommen. Er sendet aus dem Himmel von den Bergen darin, in denen Hagel ist, herab und trifft damit, wen er will, und wendet ihn von wem er will ab. Das Aufblitzen seines Blitzes nimmt fast die Augen weg.
- 44Gott lässt Nacht und Tag wechseln. Wahrlich, darin ist eine Lehre für die Verständigen.
- 45Gott hat jedes Lebewesen aus Wasser erschaffen. Manche gehen auf ihrem Bauch, manche auf zwei Beinen, manche auf vieren. Gott erschafft, was er will. Wahrlich, Gott hat über alles Macht.
- 46Wir haben klare Zeichen herabgesandt. Gott leitet, wen er will, auf einen geraden Weg.
- 47Sie sagen: Wir glauben an Gott und seinen Gesandten und gehorchen. Dann kehrt eine Gruppe von ihnen danach um. Diese sind nicht die Gläubigen.
- 48Wenn sie zu Gott und seinem Gesandten gerufen werden, damit er zwischen ihnen entscheidet, so wendet sich eine Gruppe von ihnen ab.
- 49Wenn das Recht ihnen zukommt, kommen sie ihm fügsam.
- 50Ist in ihren Herzen Krankheit? Oder zweifeln sie? Oder fürchten sie, dass Gott und sein Gesandter ihnen Unrecht tun? Vielmehr sind diese die Frevler.
- 51Die Rede der Gläubigen, wenn sie zu Gott und seinem Gesandten gerufen werden, damit er zwischen ihnen entscheidet, ist nur, dass sie sagen: Wir hören und gehorchen. Diese sind die Erfolgreichen.
- 52Wer Gott und seinem Gesandten gehorcht, Gott fürchtet und ihn ehrt – diese sind die Triumphierenden.
- 53Sie schworen bei Gott die feierlichsten Eide, dass, wenn du ihnen befiehlst, sie hinausgehen werden. Sprich: Schwört nicht! Bekannter Gehorsam. Gott ist über das, was ihr tut, kundig.
- 54Sprich: Gehorcht Gott und gehorcht dem Gesandten! Wenn ihr abkehrt, so ist auf ihm, was ihm aufgetragen ist, und auf euch, was euch aufgetragen ist. Wenn ihr ihm gehorcht, lasst ihr euch rechtleiten. Auf dem Gesandten ist nur die deutliche Übermittlung.
- 55Gott hat denen unter euch, die geglaubt und gute Werke getan haben, versprochen, sie zu Nachfolgern auf der Erde zu machen, wie er die vor ihnen zu Nachfolgern gemacht hat. Er wird ihnen ihre Religion festigen, an der er Wohlgefallen für sie hat, und ihnen nach ihrer Furcht Sicherheit eintauschen. Sie dienen mir und stellen mir nichts beigesellt. Wer danach ungläubig ist – diese sind die Frevler.
- 56Verrichtet das Gebet, gebt das Almosen und gehorcht dem Gesandten, vielleicht wird euch Erbarmen erwiesen.
- 57Meine, ihr nicht, dass die Ungläubigen auf der Erde sich entziehen können. Ihre Wohnstätte ist das Feuer. Schlimm ist die Heimkehr!
- 58O ihr, die ihr glaubt! Eure Sklaven und die, die unter euch noch nicht die Reife erreicht haben, sollen euch um Erlaubnis bitten zu drei Zeiten: vor dem Morgengebet, wenn ihr eure Kleider ablegt am Mittag, und nach dem Nachtgebet – drei Blößen für euch. Für euch und sie ist nach diesen Zeiten keine Sünde, wenn ihr euch um die anderen herum bewegt. So macht Gott euch die Zeichen klar. Gott ist allwissend, weise.
- 59Wenn die Kinder unter euch die Reife erreichen, sollen sie um Erlaubnis bitten, wie die vor ihnen um Erlaubnis bitten. So macht Gott euch seine Zeichen klar. Gott ist allwissend, weise.
- 60Die zurückgesetzten Frauen, die nicht mehr Hoffnung auf Ehe haben – auf ihnen ist keine Sünde, wenn sie ihre Kleider ablegen, ohne Schmuck zu zeigen. Aber sich zu enthalten, ist besser für sie. Gott ist allhörend, allwissend.
- 61Auf dem Blinden ist kein Vorwurf, auf dem Lahmen ist kein Vorwurf, auf dem Kranken ist kein Vorwurf, noch auf euch selbst, wenn ihr aus euren eigenen Häusern oder den Häusern eurer Väter oder den Häusern eurer Mütter oder den Häusern eurer Brüder oder den Häusern eurer Schwestern oder den Häusern eurer Onkel väterlicherseits oder den Häusern eurer Tanten väterlicherseits oder den Häusern eurer Onkel mütterlicherseits oder den Häusern eurer Tanten mütterlicherseits oder dem esst, dessen Schlüssel ihr verfügt, oder eures Freundes. Es ist keine Sünde für euch, ob ihr alle zusammen esst oder einzeln. Wenn ihr in Häuser eintretet, so grüßt euch selbst mit einem gesegneten, guten Gruß von Gott. So macht Gott euch die Zeichen klar, vielleicht werdet ihr verständig.
- 62Die Gläubigen sind nur die, die an Gott und seinen Gesandten glauben, und wenn sie mit ihm in einer gemeinsamen Angelegenheit sind, nicht weggehen, bis sie ihn um Erlaubnis gefragt haben. Wahrlich, die, die dich um Erlaubnis fragen – das sind die, die an Gott und seinen Gesandten glauben. Wenn sie dich um Erlaubnis für eine ihrer Angelegenheiten fragen, so gib Erlaubnis, wem du willst von ihnen, und bitte für sie Gott um Vergebung. Wahrlich, Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 63Macht nicht den Ruf des Gesandten unter euch wie den Ruf von euch untereinander. Gott kennt diejenigen unter euch, die sich verstohlen davonschleichen. Die, die sich seinem Befehl widersetzen, sollen sich hüten, dass nicht eine Versuchung sie trifft oder eine schmerzhafte Strafe sie trifft.
- 64Gott gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Er weiß, worin ihr seid. An dem Tag, an dem sie zu ihm zurückgebracht werden, teilt er ihnen mit, was sie taten. Gott weiß über alles Bescheid.
Einordnung & Bedeutung
Die Verleumdungs-Affäre als Hintergrund
Sure 24 hat einen sehr konkreten historischen Anlass: die sogenannte Iftk-Affäre. ʿĀʾischa, Mohammeds junge Frau, war auf einer Reise zurückgeblieben und wurde von einem Gefährten namens Ṣafwān am nächsten Tag nach Medina zurückgebracht. In der Gemeinde verbreitete sich das Gerücht, sie habe sich vergangen. Auch einige aus Mohammeds engerem Kreis übernahmen das Gerücht.
Mohammed war verunsichert. ʿĀʾischa litt schwer. Über einen Monat lang gab es keine Offenbarung. Dann kam Sure 24 mit Versen 11–20, die ʿĀʾischa vollständig entlastete und harte Strafen für Verleumder einführte.
Die Affäre erklärt, warum Sure 24 so stark von Anstands- und Schutzregeln handelt: Schutz vor Verleumdung, Schutz der Privatsphäre, Schutz der weiblichen Würde.
Die Strafe für Unzucht (Verse 2–10)
Sure 24 enthält die berühmten Strafbestimmungen für Unzucht und Verleumdung:
- Unzucht (ausserehelicher Geschlechtsverkehr): 100 Peitschenhiebe (Vers 2).
- Falsche Anklage einer anständigen Frau ohne 4 Zeugen: 80 Peitschenhiebe + lebenslanger Verlust der Zeugenfähigkeit (Vers 4).
- Anklage durch Ehemann ohne andere Zeugen: gegenseitiger Eid-Ritus (liʿān) – Vers 6–9.
Wichtig zur Einordnung: Die Beweisanforderung ist extrem hoch. Vier Augenzeugen des konkreten Sexualakts sind erforderlich – praktisch unmöglich zu erbringen außer bei öffentlich vollzogener Tat. Die Stelle zielt also nicht darauf ab, Unzucht aktiv zu verfolgen, sondern Anstand im öffentlichen Raum zu schützen und falsche Anklagen zu verhindern.
Tatsächlich hat die islamische Rechtspraxis Verfolgungen von Unzucht traditionell vermieden – die Beweisanforderung ist nahezu nicht zu erfüllen. Die Verleumder dagegen wurden regelmäßig hart bestraft.
Die Verleumdungs-Affäre (Verse 11–20)
Verse 11–20 reagieren direkt auf die Iftk-Affäre. Vers 12 ist eine wichtige Anleitung zur Medienethik: „Warum dachten die Gläubigen und die gläubigen Frauen nicht, als ihr es hörtet, Gutes von sich selbst und sagten nicht: Das ist eine deutliche Lüge?"
Die Pointe: Wer eine schlechte Nachricht hört, soll zunächst im Zweifel zugunsten der Beschuldigten sein. Das ist das Prinzip der ḥusn aẓ-ẓann – „guter Vermutung". Wer das Gegenteil annimmt, hat schon einen Fehler gemacht, auch wenn die Nachricht sich später als wahr erweist.
Vers 15 ist eine erschütternde Ermahnung: „Als ihr es mit euren Zungen aufnahmt und mit euren Mündern sagtet, wovon ihr kein Wissen hattet, hieltet ihr es für gering. Doch bei Gott ist es gewaltig." Klatsch erscheint klein – ist aber bei Gott groß. Eine erstaunlich moderne Aussage zur Verantwortung beim Weitergeben von Informationen.
Der berühmte Licht-Vers (Vers 35)
Vers 35 ist eines der berühmtesten und literarisch schönsten Stellen des gesamten Korans:
„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ist wie eine Nische, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein leuchtender Stern. Es wird aus einem gesegneten Baum entzündet, einem Olivenbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast erleuchtet, auch wenn es kein Feuer berührte – Licht über Licht. Gott leitet zu seinem Licht, wen er will."
Dieser Vers ist im Sufismus die zentrale Stelle. Er bietet ein vielschichtiges Gleichnis:
- Die Nische: klassisch verstanden als die Brust des Gläubigen.
- Die Lampe: das Herz.
- Das Glas: die Seele – durchscheinend, geläutert.
- Der Olivenbaum „weder östlich noch westlich": die universale Wahrheit, die nicht regional gebunden ist.
- Das Öl, das fast von selbst leuchtet: die ursprüngliche menschliche Empfänglichkeit für Gott.
- „Licht über Licht": die mehrfache Erleuchtung des Gerichteten.
Al-Ghazālī (1058–1111) widmete diesem Vers ein ganzes Buch: „Mischkāt al-Anwār" – „die Nische der Lichter". Es ist eines der einflussreichsten mystischen Werke des Islams.
Die zentrale theologische Aussage: Gott ist Licht. Das ist eine bemerkenswerte koranische Setzung. Im philosophischen Verständnis: Gott ist das, was alles andere sichtbar macht – wie das Licht. Ohne ihn wäre nichts zu erkennen.
Der „Kopftuch"-Vers (Vers 31)
Vers 31 ist eine der heutigen meistdiskutierten Stellen des Korans. Die wörtliche Übersetzung lautet: „Sprich zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken, ihre Schamteile bewahren und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer was davon sichtbar ist. Sie sollen ihre Tücher über ihren Ausschnitt ziehen."
Was genau ist verlangt? Klassische Auslegungen unterscheiden:
- „Schmuck" (zīna): was bedeutet das? Schmuckstücke? Oder die Reize des Körpers selbst? Die meisten Auslegungen verstehen es als die natürliche Schönheit der Frau, nicht primär Schmuckstücke.
- „Außer was davon sichtbar ist": das übliche Sichtbare. Klassisch verstanden als Gesicht und Hände. Strengere Auslegungen reduzieren das auf die Augen oder verlangen volle Verschleierung; großzügigere Auslegungen lesen das offener.
- „Tücher über den Ausschnitt" (chumur über dschuyūb): Hier geht es um das Bedecken der oberen Brust. Frauen im vorislamischen Arabien trugen Tücher um den Kopf, ließen aber die Brust offen. Die Sure ordnet an, das Tuch über die Brust zu ziehen.
Wichtig: Vers 31 spricht nicht explizit von einem „Kopftuch". Er spricht von chumur – Tüchern, die offenbar bereits getragen wurden. Die Anweisung betrifft, wohin die Tücher zu ziehen sind – nicht, dass die Tücher überhaupt getragen werden müssen.
In der heutigen muslimischen Welt gibt es ein breites Spektrum von Auslegungen, von der Pflicht zur Vollverschleierung bis zur Sicht, dass chimār ein historisch gewachsenes Kulturphänomen ist und das Wesentliche der Anstandsanstand bleibt.
Bemerkenswert ist auch Vers 30 – der dem Männer-Vers vorausgeht: „Sprich zu den Gläubigen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Schamteile bewahren." Anstand beginnt bei den Männern. Erst dann wird Vers 31 mit Anweisungen an die Frauen offenbart. Das ist eine wichtige Reihenfolge: Wer den Anstand der Frauen einfordert, ohne den eigenen Anstand zu prüfen, übersieht den Ablauf der Sure.
Erlaubnis-Holen vor dem Eintreten (Vers 27)
Vers 27 ist eine zentrale Stelle der islamischen Privatsphäre-Ethik: „Tretet nicht in andere Häuser als eure eigenen ein, bis ihr um Erlaubnis gefragt habt."
Im 7. Jahrhundert war das eine bemerkenswerte Neuerung. Stamm-Genossen hatten oft das Recht, frei ins Haus eines Verwandten einzutreten. Die Sure schränkt das ein. Jedes Haus hat seine Privatsphäre. Wer eintritt, muss fragen. Wenn ein „Kehrt um" kommt, muss er gehen.
Diese Anweisung wird auch innerhalb der Familie ausgedehnt. Verse 58–59 verlangen, dass selbst Kinder und Hauspersonal zu drei bestimmten Zeiten um Erlaubnis fragen müssen – vor dem Morgengebet, am Mittag (wenn die Eltern ruhen), nach dem Nachtgebet. Es sind drei Zeiten besonderer Intimität, die geschützt werden müssen.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 24 ist eine der praktisch wichtigsten Suren des Islams. Sie regelt:
- Strafrecht (Verse 2–10)
- Anti-Verleumdung (Verse 11–20)
- Reinheit der Beziehungen (Verse 26–34)
- Den theologisch zentralen Licht-Vers (Vers 35)
- Privatsphäre-Schutz (Verse 27–29, 58–59)
- Anstand zwischen Männern und Frauen (Verse 30–31)
Der Licht-Vers (35) ist im islamischen Glaubensleben einer der wirkungsreichsten Verse überhaupt. Er wird in Bittgebeten zitiert, in Meditation, in Sterbeszenen. Er ist im Volksglauben mit besonderer spiritueller Wirksamkeit verbunden.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Iftk-Affäre – die Verleumdung ʿĀʾischas – historischer Anlass vieler Verse der Sure
- Liʿān – der gegenseitige Eid-Ritus zwischen Ehemann und Ehefrau bei Unzuchtsanklage – Verse 6–9
- Vier Zeugen – die extrem hohe Beweisanforderung bei Unzucht-Anklagen – praktisch fast unmöglich
- Der Licht-Vers (āyat an-nūr) – Vers 35 – die mystisch zentralste Stelle des Korans; Grundlage von al-Ghazālīs „Nische der Lichter"
- Chumur über die Brust – Vers 31 – die ursprüngliche Anweisung; spricht nicht explizit vom Kopftuch
- Erlaubnis-Holen (istiʾdhān) – Vers 27 – die islamische Privatsphäre-Ethik
- Ḥusn aẓ-ẓann – „gute Vermutung" – das Prinzip, im Zweifel positiv über andere zu denken