Sure 25
Die Unterscheidung
Al-Furqān
Worum geht's?
Eine Sure, die nach ihrem Eröffnungswort benannt ist: al-furqān – „die Unterscheidung". Damit ist der Koran selbst gemeint: er unterscheidet Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht. Die Sure endet mit einer der schönsten Beschreibungen der „Diener des Allerbarmers" – ein berühmtes ethisches Selbstporträt der Gläubigen.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Gesegnet sei der, der die Unterscheidung auf seinen Diener herabgesandt hat, damit er für die Welten ein Warner sei,
- 2dem die Herrschaft der Himmel und der Erde gehört, der sich kein Kind genommen hat, der in der Herrschaft keinen Teilhaber hat. Er hat alles erschaffen und ihm sein rechtes Maß gegeben.
- 3Doch sie haben sich neben ihm Götter genommen, die nichts erschaffen, sondern selbst erschaffen sind, die sich selbst weder schaden noch nützen, und die weder Tod, noch Leben, noch Auferweckung in Macht haben.
- 4Die ungläubig sind, sagen: Das ist nur eine Lüge, die er erfunden hat. Andere Leute haben ihm dabei geholfen. So sind sie mit Unrecht und Falschheit gekommen.
- 5Sie sagen: Märchen der Früheren, die er sich aufgeschrieben hat! Sie werden ihm morgens und abends diktiert.
- 6Sprich: Herabgesandt hat ihn der, der das Geheime in den Himmeln und auf der Erde weiß. Wahrlich, er ist allverzeihend, barmherzig.
- 7Sie sagen: Was ist mit diesem Gesandten, dass er Speise isst und auf den Märkten umhergeht? Wäre nicht ein Engel zu ihm herabgesandt, der mit ihm Warner wäre?
- 8Oder wäre ihm doch ein Schatz zugeworfen worden, oder hätte er einen Garten, von dem er essen könnte! Die Frevler sagen: Ihr folgt nur einem verzauberten Mann.
- 9Sieh, wie sie für dich die Gleichnisse anführen! Sie sind in die Irre gegangen und können keinen Weg mehr finden.
- 10Gesegnet sei der, der dir, wenn er will, etwas Besseres als dies geben kann – Gärten, durch die Bäche fließen, und der dir Schlösser machen kann!
- 11Vielmehr haben sie die Stunde für eine Lüge erklärt. Wir haben für die, die die Stunde für eine Lüge erklären, eine Lohe bereitet.
- 12Wenn sie sie von einem fernen Ort sieht, hören sie ihr Aufzucken und Wehklagen.
- 13Wenn sie in einen engen Ort darin geworfen werden, gefesselt, rufen sie dort um Vernichtung.
- 14Ruft heute nicht um eine Vernichtung, sondern ruft um viele Vernichtungen!
- 15Sprich: Ist das besser oder der Garten der Ewigkeit, der den Gottesfürchtigen versprochen wurde? Er ist für sie eine Belohnung und eine Heimkehr.
- 16Sie haben darin, was sie wollen, ewig. Das ist ein Versprechen auf deinem Herrn, das verlangt wird.
- 17An dem Tag, an dem er sie und das versammelt, was sie neben Gott anbeteten, sagt er: Habt ihr diese meine Diener in die Irre geführt, oder sind sie selbst vom Weg abgeirrt?
- 18Sie sagen: Preis sei dir! Es geziemt uns nicht, neben dir Schutzherren zu nehmen. Aber du gabst ihnen und ihren Vätern Genuss, bis sie die Ermahnung vergaßen. Sie waren ein verlorenes Volk.
- 19Sie haben euch für eine Lüge erklärt, was ihr sagt. Ihr könnt es nicht abwehren und keinen Beistand finden. Wer von euch Unrecht tut, den lassen wir eine harte Strafe kosten.
- 20Wir haben vor dir keine Gesandten geschickt, ohne dass sie Speise aßen und auf den Märkten umhergingen. Wir haben manche von euch zu Versuchung für die anderen gemacht. Werdet ihr geduldig sein? Dein Herr sieht.
- 21Die nicht hoffen, uns zu begegnen, sagen: Wäre nicht zu uns die Engel herabgesandt, oder sähen wir unseren Herrn! Sie sind hochmütig über sich selbst geworden und haben großen Übermut getrieben.
- 22An dem Tag, an dem sie die Engel sehen, gibt es an jenem Tag keine frohe Botschaft für die Frevler. Sie sagen: Eine versperrte Sperre!
- 23Wir gehen an dem heran, was sie an Werken getan haben, und machen es zu verstreutem Staub.
- 24Die Gefährten des Paradieses haben an jenem Tag die bessere Wohnstätte und den schöneren Aufenthalt.
- 25An dem Tag, an dem der Himmel mit den Wolken sich spaltet und die Engel in einem deutlichen Niederkommen herabgesandt werden,
- 26an jenem Tag ist die wahre Herrschaft beim Allerbarmer. Es ist ein harter Tag für die Ungläubigen.
- 27An dem Tag, an dem der Frevler in seine Hände beißt, sagt er: Wäre ich doch mit dem Gesandten einen Weg gegangen!
- 28Wehe mir! Hätte ich doch nicht den Soundso zum Freund genommen!
- 29Er hat mich in die Irre geführt nach der Ermahnung, nachdem sie zu mir gekommen war. Der Satan ist dem Menschen ein Verlasser.
- 30Der Gesandte sagt: Mein Herr, mein Volk hat diesen Koran für etwas Verlassenes genommen.
- 31So haben wir jedem Propheten einen Feind aus den Sündern gemacht. Aber dein Herr genügt als Leiter und Beistand.
- 32Die ungläubig sind, sagen: Wäre nicht der Koran auf ihn auf einmal herabgesandt worden! So. Damit wir damit dein Herz festigen. Wir haben ihn in Pausen verlesen.
- 33Sie bringen dir kein Gleichnis, ohne dass wir dir die Wahrheit und eine bessere Deutung bringen.
- 34Die, die auf ihren Gesichtern zur Hölle versammelt werden, sind schlechter an Stellung und am weitesten vom Weg abgekommen.
- 35Wir haben Moses das Buch gegeben und seinen Bruder Aaron mit ihm als Helfer gemacht.
- 36Wir sagten: Geht beide zu dem Volk, das unsere Zeichen für eine Lüge erklärt hat! Da zerstörten wir sie völlig.
- 37Das Volk Noahs – als sie die Gesandten für Lügner erklärten, ertränkten wir sie und machten sie für die Menschen zu einem Zeichen. Wir haben für die Frevler eine schmerzhafte Strafe bereitet.
- 38Und die ʿĀd, die Thamūd und die Bewohner von ar-Rass und viele Geschlechter dazwischen.
- 39Jedem haben wir Gleichnisse angeführt, und jeden haben wir völlig vernichtet.
- 40Sie sind doch zu der Stadt vorbeigekommen, über die der schlechte Regen geregnet hat. Haben sie sie nicht gesehen? Vielmehr hoffen sie nicht auf Auferstehung.
- 41Wenn sie dich sehen, nehmen sie dich nur zum Spott: Ist das der, den Gott als Gesandten geschickt hat?
- 42Er hätte uns fast von unseren Göttern abgeirrt, wären wir nicht standhaft auf ihnen gewesen. Sie werden erkennen, wenn sie die Strafe sehen, wer am weitesten vom Weg abgekommen ist.
- 43Hast du den gesehen, der sich seine Lust zum Gott genommen hat? Bist du etwa ein Sachwalter über ihn?
- 44Oder meinst du, dass die meisten von ihnen hören oder verständig sind? Sie sind nur wie das Vieh. Vielmehr sind sie vom Weg weiter abgekommen.
- 45Hast du nicht auf deinen Herrn gesehen, wie er den Schatten ausgedehnt hat? Wenn er gewollt hätte, hätte er ihn ruhend gemacht. Dann machten wir die Sonne zu einem Hinweis auf ihn.
- 46Dann zogen wir ihn zu uns langsam ein.
- 47Er ist es, der euch die Nacht zum Gewand gemacht hat und den Schlaf zur Ruhe und den Tag zum Aufstehen.
- 48Er ist es, der die Winde als frohe Botschaft vor seiner Barmherzigkeit gesandt hat. Wir senden vom Himmel reines Wasser herab,
- 49damit wir damit ein totes Land beleben und es davon trinken lassen, was wir erschaffen haben – Vieh und Menschen viele.
- 50Wir haben es unter ihnen verteilt, damit sie sich erinnern. Aber die meisten Menschen weigern sich, alles außer Unglauben.
- 51Hätten wir gewollt, hätten wir in jeder Stadt einen Warner geschickt.
- 52So gehorche nicht den Ungläubigen und kämpfe mit ihm großem Kampf gegen sie.
- 53Er ist es, der die zwei Meere fließen lässt – das eine süß, das andere salzig bitter. Er hat zwischen ihnen eine Barriere und eine verbotene Sperre gemacht.
- 54Er ist es, der aus Wasser den Menschen erschaffen hat und ihn zu Abstammung und Schwagerschaft gemacht hat. Dein Herr ist mächtig.
- 55Sie dienen neben Gott dem, was ihnen weder nützt noch schadet. Der Ungläubige ist gegen seinen Herrn ein Beistand.
- 56Wir haben dich nur als Verkünder froher Botschaft und Warner gesandt.
- 57Sprich: Ich verlange von euch dafür keinen Lohn, außer dass jemand, der will, einen Weg zu seinem Herrn nimmt.
- 58Vertraue auf den Lebendigen, der nicht stirbt, und preise mit seinem Lob. Er genügt als Kenner der Sünden seiner Diener,
- 59der die Himmel und die Erde und was zwischen beiden ist in sechs Tagen erschaffen hat, dann sich auf den Thron erhoben hat. Der Allerbarmer – frage einen, der über ihn Bescheid weiß.
- 60Wenn ihnen gesagt wird: Werft euch vor dem Allerbarmer nieder! sagen sie: Was ist der Allerbarmer? Sollen wir vor dem niederwerfen, wozu du uns auffordert? Es vermehrt nur ihren Hass.
- 61Gesegnet sei der, der im Himmel Sternzeichen gemacht hat, darin eine Leuchte und einen leuchtenden Mond.
- 62Er ist es, der die Nacht und den Tag in einer Aufeinanderfolge gemacht hat – für den, der sich erinnern oder Dankbarkeit erweisen will.
- 63Die Diener des Allerbarmers sind die, die auf der Erde demütig gehen, und wenn die Unwissenden sie anreden, sagen sie: Friede!
- 64Und die die Nacht für ihren Herrn niederwerfend und stehend verbringen,
- 65und die sagen: Unser Herr, wende von uns die Strafe der Hölle ab! Wahrlich, ihre Strafe ist ein Anhaftendes.
- 66Wahrlich, sie ist ein schlechter Aufenthalt und Lagerplatz.
- 67Und die, wenn sie ausgeben, weder verschwenderisch noch geizig sind, sondern dazwischen aufrecht stehen.
- 68Und die nicht neben Gott einen anderen Gott anrufen und keine Seele töten, die Gott verboten hat, außer mit Recht, und die nicht unzüchtig sind. Wer das tut, trifft auf Sünde.
- 69Die Strafe verdoppelt sich für ihn am Tag der Auferstehung. Er bleibt darin verachtet ewig,
- 70außer dem, der umkehrt, glaubt und gute Werke tut. Diesen tauscht Gott ihre schlechten Taten in gute. Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 71Wer umkehrt und Gutes tut, der kehrt wahrhaftig zu Gott zurück.
- 72Und die kein falsches Zeugnis ablegen, und wenn sie an leerem Gerede vorbeikommen, würdig vorbeigehen.
- 73Und die, wenn sie mit den Zeichen ihres Herrn ermahnt werden, nicht taub und blind darüber fallen.
- 74Und die sagen: Unser Herr, schenke uns von unseren Ehefrauen und Nachkommen das, woran unsere Augen Freude haben, und mache uns zu einem Anführer für die Gottesfürchtigen.
- 75Diese werden mit dem Obergemach belohnt für ihre Geduld. Sie werden darin mit Gruß und Friedensgruß empfangen.
- 76Darin sind sie ewig. Welch ein vortrefflicher Aufenthalt und Lagerplatz!
- 77Sprich: Mein Herr würde sich nicht um euch kümmern, wäre nicht euer Anrufen. Aber ihr habt für eine Lüge erklärt. So wird das ein Anhaftendes sein.
Einordnung & Bedeutung
Der Name: Die Unterscheidung
Sure 25 hat ihren Namen vom ersten Wort: al-furqān – „die Unterscheidung". Damit ist der Koran selbst gemeint. Er unterscheidet zwischen:
- Wahrheit und Lüge
- Recht und Unrecht
- Glauben und Unglauben
- Erlaubtem und Verbotenem
Diese Selbstbenennung des Korans als Unterscheidung ist programmatisch. Der Koran beansprucht nicht nur, eine theologische Lehre zu sein – er beansprucht, ein Kriterium zu sein, an dem alles andere zu messen ist.
Bemerkenswert: Der Begriff furqān wird im Koran auch für die Tora verwendet (Sure 2,53). Das ist eine theologische Verbindung: Beide Schriften – die Tora und der Koran – sind „Unterscheidungen" zwischen Recht und Unrecht. Sie stehen in einer Linie.
Die Polemik gegen die Götzen (Vers 3)
Vers 3 ist eine kompakte philosophische Kritik des Götzendienstes: „Doch sie haben sich neben ihm Götter genommen, die nichts erschaffen, sondern selbst erschaffen sind, die sich selbst weder schaden noch nützen, und die weder Tod, noch Leben, noch Auferweckung in Macht haben."
Vier Eigenschaften werden als notwendig für einen wahren Gott aufgelistet:
- Er erschafft selbst, ist nicht erschaffen.
- Er hat Macht über sich selbst (Nutzen, Schaden).
- Er hat Macht über Leben und Tod.
- Er kann auferwecken.
Die Götzen der Mekkaner haben nichts davon. Sie sind selbst gemacht. Sie können sich nicht einmal selbst beschützen. Was soll der Mensch von ihnen erwarten?
Die fünf Einwände gegen Mohammed (Verse 4–8)
Verse 4–8 sammeln die zentralen Einwände der mekkanischen Gegner gegen Mohammed:
- „Er hat es erfunden": der Vorwurf der Lüge.
- „Andere haben ihm geholfen": der Vorwurf, der Koran sei nicht originär.
- „Märchen der Früheren, ihm diktiert": der Vorwurf, der Koran sei abgeschriebene Folklore.
- „Er isst und geht auf Märkten": der Vorwurf, ein wahrer Prophet müsste übermenschlich sein.
- „Wäre ihm doch ein Engel mitgegeben oder ein Schatz!": der Vorwurf, die Sendung sei nicht spektakulär genug.
Die Antwort der Sure ist klar (Verse 7–8, 20): Alle Propheten waren Menschen. Sie aßen, gingen auf Märkten, hatten keine übermenschlichen Fähigkeiten. Das ist nicht ein Argument gegen Mohammed, sondern eines der Argumente für die Glaubwürdigkeit aller Propheten. Wer Gott einen Boten sendet, sendet einen Menschen – damit andere Menschen ihm folgen können.
Die schlimme Reue (Verse 27–29)
Verse 27–29 enthalten eine erschütternde Szene des Endgerichts: „An dem Tag, an dem der Frevler in seine Hände beißt, sagt er: Wäre ich doch mit dem Gesandten einen Weg gegangen! Wehe mir! Hätte ich doch nicht den Soundso zum Freund genommen!"
Die Stelle warnt vor falschen Freundschaften. Wer mit Menschen verkehrt, die einen vom rechten Weg abbringen, wird am Jüngsten Tag bereuen, sich auf sie eingelassen zu haben. Klassische Auslegungen verstehen die Stelle so: Manche Freundschaften sind im Diesseits angenehm, im Jenseits aber katastrophal. Wer sich seine Gesellschaft mit Bedacht wählt, schützt sein Jenseits.
Die schrittweise Herabsendung (Vers 32)
Vers 32 erklärt, warum der Koran in einzelnen Offenbarungs-Erlebnissen über 22 Jahre herabgesandt wurde, nicht auf einmal: „Die ungläubig sind, sagen: Wäre nicht der Koran auf ihn auf einmal herabgesandt worden! So. Damit wir damit dein Herz festigen. Wir haben ihn in Pausen verlesen."
Die Antwort hat zwei Teile:
- Pädagogisch: Eine Offenbarung im Stück hätte Mohammed überfordert. Schrittweise konnte er sie aufnehmen, leben, lehren.
- Situativ: Viele Verse reagieren auf konkrete Lagen. Eine einmalige Offenbarung am Anfang hätte nicht die spätere historische Entwicklung mit aufnehmen können.
Die berühmte Beschreibung der „Diener des Allerbarmers" (Verse 63–77)
Die letzten 15 Verse der Sure sind eine der schönsten ethischen Beschreibungen des Korans: das Porträt der ʿibād ar-raḥmān – „der Diener des Allerbarmers". Dreizehn Eigenschaften werden aufgezählt:
- Sie gehen demütig auf der Erde (Vers 63).
- Wenn Unwissende sie ansprechen, antworten sie „Friede!" (Vers 63). Sie lassen sich nicht in unwürdigen Streit ziehen.
- Sie verbringen die Nacht im Gebet, niederwerfend und stehend (Vers 64).
- Sie bitten um Schutz vor der Hölle (Verse 65–66). Sie kennen ihre Lage und sind nicht überheblich.
- Sie geben aus mit Maß – nicht verschwenderisch, nicht geizig (Vers 67).
- Sie geben Gott keinen anderen bei (Vers 68a).
- Sie töten nicht, außer mit Recht (Vers 68b).
- Sie sind nicht unzüchtig (Vers 68c).
- Sie legen kein falsches Zeugnis ab (Vers 72a).
- Bei leerem Gerede gehen sie würdig vorbei (Vers 72b). Sie lassen sich nicht in den Klatsch ziehen.
- Sie hören aufmerksam zu, wenn die Zeichen ihres Herrn ermahnen (Vers 73).
- Sie beten für ihre Familien (Vers 74).
- Sie streben danach, Anführer der Gottesfürchtigen zu sein (Vers 74).
Diese Liste ist eine kompakte Lebensethik. Sie kombiniert persönliche Spiritualität (Nachtgebet, Gottesfurcht) mit sozialer Anständigkeit (Demut, Frieden mit den Unwissenden, würdiges Schweigen) und moralischer Strenge (keine schweren Sünden).
Besonders bemerkenswert ist Vers 63: „Wenn die Unwissenden sie anreden, sagen sie: Friede!" Diese Stelle wird oft als das islamische Modell für den Umgang mit Provokationen zitiert. Wer Streit sucht, bekommt einen Friedensgruß – nicht eine Gegen-Provokation. Das ist eine erstaunlich gelassene Haltung.
Vers 67 mit seiner Mitte-Ethik („nicht verschwenderisch, nicht geizig") ist ein Klassiker islamischer Wirtschafts- und Lebens-Ethik. Beide Extreme sind verwerflich – der rechte Weg liegt dazwischen.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 25 ist eine theologisch und ethisch reiche Sure. Sie verbindet:
- Theologie der Offenbarung (Verse 1–3)
- Polemik gegen die Einwände der Gegner (Verse 4–20)
- Endzeitliche Bilder (Verse 21–34)
- Naturtheologie (Verse 45–62)
- Die berühmte Beschreibung der „Diener des Allerbarmers" (Verse 63–77)
Die Verse 63–74 sind im praktischen Glaubensleben einer der wirkungsreichsten Texte. Sie werden in der Erziehung zitiert, in Predigten, in der spirituellen Begleitung. Wer wissen will, wie ein muslimisches Leben aussehen sollte – nicht in den Riten, sondern im täglichen Verhalten – findet hier eine kompakte Antwort.
Vers 74 enthält ein berühmtes Gebet, das viele Muslime regelmäßig sprechen: „Unser Herr, schenke uns von unseren Ehefrauen und Nachkommen das, woran unsere Augen Freude haben." Es ist das klassische Familien-Gebet im Islam – Bitte um Frieden, Gesundheit und Glauben in der Familie.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Furqān – „die Unterscheidung" – Name des Korans selbst; auch der Tora zugewiesen (Sure 2,53)
- „Er isst und geht auf den Märkten" – Verse 7, 20 – der zentrale Einwand gegen Mohammeds menschliche Natur
- Schrittweise Offenbarung – Vers 32 – theologische Begründung für die 22-jährige Offenbarungs-Periode
- Die zwei Meere – Vers 53 – das süße und das salzige Wasser; Naturzeichen ohne Vermischung
- ʿIbād ar-Raḥmān – „Diener des Allerbarmers" – das ethische Porträt der Gläubigen, Verse 63–74
- „Sie sagen: Friede!" – Vers 63 – die islamische Modell-Antwort auf Provokation und Streit
- Mitte-Ethik beim Ausgeben – Vers 67 – weder verschwenderisch noch geizig; klassische islamische Wirtschaftsethik
- Familien-Gebet – Vers 74 – das berühmte Bittgebet um Augenfreude an Ehepartnern und Nachkommen