Sure 28

Die Erzählungen

Al-Qaṣaṣ

Verse: 88 Offenbart in: Mekka Zeit: spätmekkanisch

Worum geht's?

Eine Sure, die ihren Namen aus Vers 25 hat: Moses erzählt der Tochter Schuʿaibs „die Erzählungen" seines Lebens. Die ganze Sure ist eine ausführliche Moses-Biographie – von seiner Geburt im Schilf des Nils bis zur Begegnung mit dem brennenden Dornbusch. Sie endet mit der Erzählung von Korach (Qārūn), dem reichen Gegner Moses.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ṭā-Sīn-Mīm.
  2. 2Das sind die Zeichen des deutlichen Buches.
  3. 3Wir verlesen dir von der Nachricht Moses' und Pharaos mit Wahrheit für ein Volk, das glaubt.
  4. 4Wahrlich, Pharao machte sich auf der Erde hoch und teilte ihre Leute in Parteien, indem er eine Gruppe von ihnen schwach machte: ihre Söhne schlachtete er und ihre Frauen ließ er leben. Wahrlich, er gehörte zu den Verderbenstiftern.
  5. 5Wir wollten denen Gunst erweisen, die auf der Erde geschwächt wurden, sie zu Führern zu machen und sie zu Erben zu machen,
  6. 6und sie auf der Erde fest zu machen und Pharao und Hāmān und ihren Heerscharen das zu zeigen, wovor sie sich gefürchtet hatten.
  7. 7Wir gaben der Mutter Moses' ein: Stille ihn! Wenn du dich um ihn fürchtest, wirf ihn in den Fluss. Habe weder Angst noch Trauer! Wahrlich, wir bringen ihn zu dir zurück und machen ihn zu einem der Gesandten.
  8. 8Die Familie Pharaos zog ihn heraus, damit er ihnen ein Feind und Kummer würde. Wahrlich, Pharao, Hāmān und ihre Heerscharen waren Frevler.
  9. 9Die Frau Pharaos sagte: Eine Augenfreude für mich und für dich. Tötet ihn nicht! Vielleicht nützt er uns, oder wir nehmen ihn als Sohn. Sie merkten nicht.
  10. 10Das Herz der Mutter Moses' wurde leer. Sie wäre fast offenbar geworden, hätten wir nicht ihr Herz gefestigt, damit sie zu den Gläubigen gehörte.
  11. 11Sie sagte zu seiner Schwester: Folge ihm! Sie sah ihn von der Seite, sie merkten es nicht.
  12. 12Wir hatten die Stillerinnen ihm verboten, vorher. Da sagte sie: Soll ich euch zu einer Haushaltsfamilie führen, die ihn für euch betreut und ihm wohlgesinnt ist?
  13. 13So gaben wir ihn an seine Mutter zurück, damit ihr Auge sich freue und sie nicht traurig sei und damit sie wisse, dass das Versprechen Gottes wahr ist. Aber die meisten von ihnen wissen es nicht.
  14. 14Als er seine Reife erreichte und sich gefestigt hatte, gaben wir ihm Urteil und Wissen. So vergelten wir den Gutestuenden.
  15. 15Er trat in die Stadt zu einem Zeitpunkt der Unachtsamkeit ihrer Bewohner. Er fand darin zwei Männer, die kämpften – einer aus seiner Partei und einer aus seinem Gegner. Der aus seiner Partei suchte seine Hilfe gegen den aus seinem Gegner. Da schlug ihn Moses und brachte ihn um. Er sagte: Das ist von der Tätigkeit des Satans. Wahrlich, er ist ein deutlicher Feind, ein Irreleiter.
  16. 16Er sagte: Mein Herr, ich habe mir selbst Unrecht getan. So vergib mir! Da vergab er ihm. Wahrlich, er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.
  17. 17Er sagte: Mein Herr, durch das, was du mir an Gunst erwiesen hast, werde ich kein Helfer der Verbrecher sein.
  18. 18Da war er in der Stadt in Furcht und schaute aus. Sieh, der, der ihn am Vortag um Hilfe gebeten hatte, rief ihn um Hilfe! Moses sagte zu ihm: Du bist wahrlich ein deutlicher Verirrter.
  19. 19Als er den greifen wollte, der ihrer beider Feind war, sagte der: Moses, willst du mich umbringen, wie du gestern eine Seele umgebracht hast? Du willst nur auf der Erde ein Tyrann sein und willst nicht zu den Friedensstiftern gehören.
  20. 20Da kam ein Mann vom Stadtrand laufend und sagte: Moses, die Vornehmen beraten über dich, dass sie dich töten. So geh hinaus! Wahrlich, ich gehöre zu den Ratgebern für dich.
  21. 21Er ging in Furcht aus ihr heraus und schaute aus. Er sagte: Mein Herr, rette mich vor dem frevelhaften Volk!
  22. 22Als er sich Madyan zuwandte, sagte er: Vielleicht leitet mein Herr mich auf den ebenen Weg.
  23. 23Als er das Wasser von Madyan erreichte, fand er an ihm eine Gemeinschaft von Menschen, die tränkten, und fand neben ihnen zwei Frauen, die zurückhielten. Er sagte: Was ist mit euch beiden? Sie sagten: Wir tränken nicht, bis die Hirten getrieben haben. Unser Vater ist ein alter Greis.
  24. 24Da tränkte er für sie. Dann wandte er sich dem Schatten zu und sagte: Mein Herr, ich bin nach dem Guten, das du mir herabgesandt hast, arm.
  25. 25Da kam eine der beiden zu ihm, schüchtern gehend, und sagte: Wahrlich, mein Vater ruft dich, um dich für das Tränken, das du für uns getan hast, zu belohnen. Als er zu ihm kam und ihm die Erzählungen erzählte, sagte er: Fürchte dich nicht! Du bist vor dem frevelhaften Volk gerettet.
  26. 26Eine der beiden sagte: Mein Vater, miete ihn! Wahrlich, der beste, den du mieten kannst, ist der Starke, Vertrauenswürdige.
  27. 27Er sagte: Wahrlich, ich will dir eine meiner Töchter geben mit der Bedingung, dass du dich bei mir acht Jahre verdingst. Wenn du sie zu zehn vollendest, ist es von dir. Ich will dir keine Bedrängnis machen. Wahrlich, du wirst mich, so Gott will, zu den Rechtschaffenen finden.
  28. 28Er sagte: Das sei zwischen mir und dir. Welche der beiden Fristen ich vollende – kein Unrecht gegen mich. Gott ist über das, was wir sagen, ein Sachwalter.
  29. 29Als Moses die Frist erfüllt hatte und mit seiner Familie reiste, nahm er auf der Seite des Berges ein Feuer wahr. Er sagte zu seiner Familie: Verweilt! Wahrlich, ich habe ein Feuer wahrgenommen. Vielleicht bringe ich euch von ihm eine Nachricht oder eine Brandfackel vom Feuer, damit ihr euch erwärmt.
  30. 30Als er es erreichte, wurde er von der rechten Seite des Tals, an der gesegneten Stelle vom Baum aus, gerufen: Moses! Wahrlich, ich bin Gott, der Herr der Welten.
  31. 31Wirf deinen Stab! Als er ihn sich bewegen sah, als wäre er ein Dschinn, da kehrte er den Rücken und kam nicht zurück. Moses, komm her und fürchte dich nicht! Du gehörst zu den Sicheren.
  32. 32Stecke deine Hand in deinen Ausschnitt – sie kommt weiß ohne Übel hervor. Drücke deinen Flügel zu dir aus Furcht. Das sind zwei Beweise von deinem Herrn an Pharao und seine Vornehmen. Wahrlich, sie waren ein frevelhaftes Volk.
  33. 33Er sagte: Mein Herr, ich habe von ihnen eine Seele getötet. Ich fürchte, sie töten mich.
  34. 34Mein Bruder Aaron – er ist beredter in der Sprache als ich. So schicke ihn mit mir als Helfer, der mich bestätigt. Wahrlich, ich fürchte, sie erklären mich für einen Lügner.
  35. 35Er sagte: Wir werden deinen Arm mit deinem Bruder festigen und euch beiden Vollmacht geben. Sie werden euch nicht erreichen – durch unsere Zeichen, ihr beide und wer euch folgt, seid die Siegenden.
  36. 36Als Moses zu ihnen mit unseren klaren Zeichen kam, sagten sie: Das ist nichts als erfundene Magie. Wir haben über das von unseren früheren Vätern nichts gehört.
  37. 37Moses sagte: Mein Herr weiß besser, wer mit der Rechtleitung von ihm gekommen ist und wer die Endwohnstätte haben wird. Wahrlich, die Frevler sind nicht erfolgreich.
  38. 38Pharao sagte: Ihr Vornehmen! Ich weiß euch nicht einen anderen Gott als mich. So zünde mir an, Hāmān, auf dem Lehm und mache mir einen Turm, vielleicht sehe ich zu dem Gott Moses' hinauf. Wahrlich, ich halte ihn für einen Lügner.
  39. 39Er und seine Heerscharen waren auf der Erde ohne Recht hochmütig. Sie meinten, sie würden nicht zu uns zurückgebracht.
  40. 40Wir packten ihn und seine Heerscharen und warfen sie ins Meer. So sieh, wie die Folge der Frevler war!
  41. 41Wir machten sie zu Anführern, die zum Feuer rufen. Am Tag der Auferstehung werden sie nicht beigestanden.
  42. 42Wir machten ihnen in diesem diesseitigen Leben einen Fluch nachfolgen. Am Tag der Auferstehung gehören sie zu den Verabscheuten.
  43. 43Wir gaben Moses das Buch, nachdem wir die früheren Geschlechter vernichtet hatten, als Einsichten für die Menschen, Rechtleitung und Barmherzigkeit, vielleicht lassen sie sich ermahnen.
  44. 44Du warst nicht auf der westlichen Seite, als wir Moses den Befehl gaben, und du warst nicht unter den Zeugen.
  45. 45Wir ließen aber Geschlechter entstehen, deren Lebenszeit lang über ihnen wurde. Du warst nicht unter den Bewohnern von Madyan, denen du unsere Zeichen verliest. Aber wir waren Sendende.
  46. 46Du warst nicht an der Seite des Berges, als wir riefen. Aber als Barmherzigkeit von deinem Herrn, damit du ein Volk warnst, zu dem vor dir kein Warner gekommen ist, vielleicht lassen sie sich ermahnen,
  47. 47und damit sie nicht, wenn sie ein Übel für das trifft, was ihre Hände vorausgeschickt haben, sagen: Unser Herr, hättest du uns einen Gesandten geschickt, wären wir deinen Zeichen gefolgt und gehörten zu den Gläubigen!
  48. 48Als die Wahrheit zu ihnen von uns kam, sagten sie: Wären ihm doch gegeben worden, was Moses gegeben wurde! Glaubten sie nicht vorher an das, was Moses gegeben wurde? Sie sagten: Zwei Magien, die einander unterstützen. Sie sagten: Wir sind an alle ungläubig.
  49. 49Sprich: So bringt ein Buch von Gott, das besser rechtleitet als beide, dem ich folgen will, wenn ihr wahrhaftig seid!
  50. 50Wenn sie dir nicht antworten, so wisse, dass sie nur ihren Lüsten folgen. Wer ist mehr in der Irre als der, der seinen Lüsten folgt ohne Rechtleitung von Gott? Wahrlich, Gott leitet nicht das frevelhafte Volk.
  51. 51Wir haben ihnen die Rede zukommen lassen, vielleicht lassen sie sich ermahnen.
  52. 52Die, denen wir das Buch vor diesem gegeben haben, glauben daran.
  53. 53Wenn er ihnen verlesen wird, sagen sie: Wir glauben daran. Wahrlich, er ist die Wahrheit von unserem Herrn. Wir waren vor ihm sich Unterwerfende.
  54. 54Diese werden ihre Belohnung zweimal erhalten, weil sie geduldig waren und das Üble mit dem Guten abwehren und von dem ausgeben, womit wir sie versorgt haben.
  55. 55Wenn sie leeres Gerede hören, wenden sie sich davon ab und sagen: Uns gehören unsere Werke und euch eure Werke. Friede sei auf euch! Wir suchen nicht die Unwissenden.
  56. 56Wahrlich, du leitest nicht, wen du liebst. Aber Gott leitet, wen er will. Er weiß am besten über die Rechtgeleiteten.
  57. 57Sie sagen: Wenn wir die Rechtleitung mit dir folgen, werden wir aus unserem Land gerissen. Haben wir ihnen nicht ein sicheres Heiligtum festgemacht, in das die Früchte aller Sachen als Versorgung von uns gebracht werden? Aber die meisten von ihnen wissen es nicht.
  58. 58Wie viele Städte haben wir vernichtet, deren Lebensführung dankbar war! Da sind ihre Wohnstätten, in denen nach ihnen nur wenige gewohnt haben. Wir waren die Erben.
  59. 59Dein Herr vernichtet die Städte nicht, ohne in ihrer Hauptstadt einen Gesandten zu schicken, der ihnen unsere Zeichen verliest. Wir vernichten Städte nur, wenn ihre Bewohner Frevler sind.
  60. 60Was euch an Sache gegeben wurde, ist Genuss des diesseitigen Lebens und sein Schmuck. Aber was bei Gott ist, ist besser und bleibender. Werdet ihr nicht verständig?
  61. 61Ist der, dem wir ein schönes Versprechen gegeben haben, das er erlangen wird, wie der, dem wir den Genuss des diesseitigen Lebens haben kosten lassen, dann am Tag der Auferstehung zu den Vorgeführten gehört?
  62. 62An dem Tag ruft er sie, dann sagt er: Wo sind meine Beigesellten, die ihr behauptet habt?
  63. 63Die, gegen die das Wort gefällt ist, sagen: Unser Herr, das sind die, die wir verleitet haben. Wir haben sie verleitet, wie wir verleitet wurden. Wir sagen uns von ihnen los zu dir. Sie haben uns nicht gedient.
  64. 64Es wird gesagt: Ruft eure Beigesellten an! Sie rufen sie, aber jene antworten ihnen nicht. Sie sehen die Strafe. Wären sie doch rechtgeleitet gewesen!
  65. 65An dem Tag ruft er sie, dann sagt er: Was habt ihr den Gesandten geantwortet?
  66. 66Da werden ihnen die Nachrichten an jenem Tag blind, und sie fragen einander nicht.
  67. 67Wer aber umkehrt, glaubt und Gutes tut, hofft vielleicht, zu den Erfolgreichen zu gehören.
  68. 68Dein Herr erschafft, was er will, und er wählt aus. Sie haben die Wahl nicht. Preis sei Gott! Erhaben ist er über das, was sie beigesellen.
  69. 69Dein Herr weiß, was ihre Brüste verbergen und was sie offenbaren.
  70. 70Er ist Gott. Es gibt keinen Gott außer ihm. Ihm gehört das Lob im Anfang und im Letzten, und ihm gehört das Urteil. Zu ihm werdet ihr zurückgebracht.
  71. 71Sprich: Habt ihr bedacht? Wenn Gott die Nacht ewig über euch macht bis zum Tag der Auferstehung – welcher Gott neben Gott bringt euch Licht? Hört ihr nicht?
  72. 72Sprich: Habt ihr bedacht? Wenn Gott den Tag ewig über euch macht bis zum Tag der Auferstehung – welcher Gott neben Gott bringt euch eine Nacht, in der ihr ruht? Seht ihr nicht?
  73. 73Aus seiner Barmherzigkeit hat er für euch die Nacht und den Tag gemacht, damit ihr darin ruht und damit ihr nach seiner Gunst sucht und vielleicht dankbar seid.
  74. 74An dem Tag ruft er sie, dann sagt er: Wo sind meine Beigesellten, die ihr behauptet habt?
  75. 75Wir ziehen aus jeder Gemeinschaft einen Zeugen heraus und sagen: Bringt euren Beweis! Da werden sie wissen, dass die Wahrheit Gott gehört. Es ist von ihnen verloren gegangen, was sie erfanden.
  76. 76Wahrlich, Qārūn gehörte zum Volk Moses', doch er war hochmütig gegen sie. Wir hatten ihm so viele Schätze gegeben, dass die Schlüssel davon eine Gruppe von Starken niederbeugen würden. Sein Volk sagte zu ihm: Freue dich nicht! Wahrlich, Gott liebt die nicht, die sich Freuen.
  77. 77Suche mit dem, was Gott dir gegeben hat, die Endwohnstätte! Vergiss nicht deinen Anteil am Diesseits! Tue Gutes, wie Gott dir Gutes getan hat! Suche nicht nach Verderben auf der Erde! Wahrlich, Gott liebt nicht die Verderbenstifter.
  78. 78Er sagte: Mir wurde das nur aufgrund eines Wissens gegeben, das bei mir war. Wusste er nicht, dass Gott vor ihm Geschlechter vernichtet hatte, die stärker an Kraft und größer an Sammlung waren als er? Die Verbrecher werden nicht nach ihrer Sünde gefragt.
  79. 79Er kam zu seinem Volk in seinem Schmuck. Die, die das diesseitige Leben wollten, sagten: Hätten wir doch, was Qārūn gegeben wurde! Wahrlich, er hat einen großen Anteil.
  80. 80Die, denen Wissen gegeben wurde, sagten: Wehe euch! Die Belohnung Gottes ist besser für den, der glaubt und Gutes tut. Sie wird nur den Geduldigen gegeben.
  81. 81Da ließen wir ihn und sein Haus in die Erde versinken. Er hatte keine Schar, die ihm gegen Gott geholfen hätte, und er gehörte nicht zu denen, die sich selbst beistehen.
  82. 82Die, die seine Stellung am Vortag begehrt hatten, begannen am Morgen zu sagen: Was, Gott weitet die Versorgung, wem er will von seinen Dienern, und engt sie ein. Hätte uns Gott nicht Gunst erwiesen, hätte er uns versinken lassen. Was, die Ungläubigen sind nicht erfolgreich!
  83. 83Diese Endwohnstätte machen wir für die, die auf der Erde keine Erhebung und kein Verderben wollen. Die Folge gehört den Gottesfürchtigen.
  84. 84Wer mit dem Guten kommt – für ihn ist Besseres davon. Wer mit dem Üblen kommt – die, die Übel getan haben, werden nur belohnt für das, was sie taten.
  85. 85Wahrlich, der dir den Koran auferlegt hat, wird dich an einen Ort der Rückkehr bringen. Sprich: Mein Herr weiß am besten, wer mit der Rechtleitung gekommen ist und wer in deutlicher Verirrung ist.
  86. 86Du hofftest nicht, dass dir das Buch zugeworfen würde, außer als eine Barmherzigkeit von deinem Herrn. So sei nicht ein Helfer der Ungläubigen!
  87. 87Sie sollen dich nicht von den Zeichen Gottes abhalten, nachdem sie auf dich herabgesandt wurden. Rufe zu deinem Herrn und gehöre nicht zu den Beigesellenden!
  88. 88Rufe neben Gott keinen anderen Gott an. Es gibt keinen Gott außer ihm. Alles ist vergänglich außer seinem Antlitz. Ihm gehört das Urteil, und zu ihm werdet ihr zurückgebracht.

Einordnung & Bedeutung

Die Geburt Moses' im Schilf des Nils (Verse 7–13)

Sure 28 enthält die ausführlichste koranische Erzählung von Moses' früher Lebensgeschichte. Sie folgt der biblischen Tradition (Exodus 2) eng, mit eigenen Akzenten.

Pharao hatte verfügt, dass alle männlichen Babys der Israeliten getötet werden sollten. Moses' Mutter erhielt eine Eingebung (waḥy): Stille ihn, dann setze ihn aus, wenn du Furcht hast. Vers 7 ist zart: „Habe weder Angst noch Trauer! Wahrlich, wir bringen ihn zu dir zurück."

Bemerkenswert ist Vers 9: Pharaos Frau – Asiyah nach klassischer Tradition (siehe Sure 66) – findet das Kind. Sie sagt: „Eine Augenfreude für mich und für dich. Tötet ihn nicht!" Eine Frau am Hof der Tyrannei rettet das Leben des späteren Befreiers. Dies ist im islamischen Verständnis eines der zentralen Modelle für das mutige Frauen-Handeln in ungerechten Systemen.

Verse 11–13 erzählen die berühmte Pointe: Pharao sucht eine Amme. Keine Frau kann das Kind beruhigen. Da kommt die Schwester Moses' (sie hatte ihn von der Ferne verfolgt) und schlägt eine bestimmte Frau vor – die eigene Mutter. So bekommt die Mutter ihren Sohn zurück, sogar mit Bezahlung. Gott hatte sein Versprechen erfüllt.

Moses' Totschlag (Verse 15–17)

Verse 15–17 erzählen einen Moses-Schatten. Eines Tages findet Moses zwei Männer im Streit – einen Israeliten und einen Ägypter. Moses schlägt den Ägypter und tötet ihn versehentlich.

Diese Stelle ist im islamischen Verständnis sehr wichtig. Moses ist nicht der makellose Held. Er hat in seiner Jugend einen Mord begangen – sei es auch ungeplant. Er erkennt sofort seine Schuld: „Mein Herr, ich habe mir selbst Unrecht getan." Gott vergibt ihm.

Aber die Konsequenz bleibt. Moses muss aus Ägypten fliehen. Eine wichtige Wahrheit: Vergebung Gottes nimmt nicht alle Folgen einer Tat im Diesseits weg.

Moses in Madyan (Verse 22–28)

Verse 22–28 erzählen Moses' Aufenthalt in Madyan (Midian – im Nordwesten der arabischen Halbinsel). Er kommt an einen Brunnen, wo zwei Frauen mit ihren Schafen warten, weil sie sich nicht durch die männlichen Hirten drängen können. Moses tränkt die Schafe für sie.

Vers 24 ist eine bemerkenswerte Stelle: Nachdem er den Frauen geholfen hat, zieht sich Moses in den Schatten zurück und betet: „Mein Herr, ich bin nach dem Guten, das du mir herabgesandt hast, arm."

Moses ist Flüchtling, mittellos, einsam. Aber er hilft trotzdem – ohne Hintergedanken, ohne Belohnungserwartung. Das ist das Modell der islamischen Hilfsbereitschaft: man hilft, weil es richtig ist, nicht weil man etwas bekommen will.

Die Belohnung kommt trotzdem. Eine der Frauen kehrt zurück und führt Moses zu ihrem Vater. Klassisch wird er als Schuʿaib identifiziert – derselbe Schuʿaib, der in Sure 26 als Prophet zu den Bewohnern des Dickichts erwähnt wurde. Schuʿaib bietet Moses eine seiner Töchter zur Ehe an, mit der Bedingung von 8 bis 10 Jahren Arbeit als „Brautpreis".

Vers 26 enthält eine berühmte Stelle der islamischen Personal-Ethik: „Wahrlich, der beste, den du mieten kannst, ist der Starke, Vertrauenswürdige." Zwei Kriterien für gute Mitarbeiter: Kompetenz und Integrität. Beides ist nötig.

Der Übergang zur biblischen Moses-Erzählung (Verse 29–35)

Nach 10 Jahren in Madyan ist Moses bereit. Er reist mit seiner Familie zurück. Auf dem Weg sieht er ein Feuer und kommt zum brennenden Dornbusch. Gott spricht mit ihm. Moses wird zum Propheten berufen. Er bekommt seinen Bruder Aaron als Helfer.

Diese Erzählung wurde schon in Sure 20 ausführlich behandelt. Sure 28 wiederholt sie kompakt, weil sie zur Vollständigkeit der Moses-Biographie gehört.

Die Mahnung an die Schriftbesitzer (Verse 52–55)

Verse 52–55 sind eine bemerkenswerte Stelle. Sie loben jene Juden und Christen, die den Koran ehrenhaft empfangen: „Diese werden ihre Belohnung zweimal erhalten, weil sie geduldig waren und das Üble mit dem Guten abwehren."

Die zweifache Belohnung ist eine theologisch reiche Stelle. Wer schon vorher dem Gott Abrahams gedient hat und nun den Koran annimmt, wird zweimal belohnt: für seine Treue zum vorigen Glauben und für seine Offenheit zum neuen.

Vers 54 ist ethisch wichtig: „Sie wehren das Üble mit dem Guten ab." (Vergleiche Sure 41,34.) Diese Stelle definiert eine bestimmte Art von Glauben: nicht aggressiv, nicht defensiv-feindlich, sondern aktiv versöhnend.

„Du leitest nicht, wen du liebst" (Vers 56)

Vers 56 ist eine sehr persönliche Stelle: „Wahrlich, du leitest nicht, wen du liebst. Aber Gott leitet, wen er will."

Klassische Überlieferungen verbinden diesen Vers mit Mohammeds Onkel Abū Ṭālib. Abū Ṭālib hatte Mohammed in seiner schwierigsten Zeit beschützt – ohne ihn wäre die Verkündigung in Mekka wahrscheinlich gescheitert. Aber Abū Ṭālib selbst trat nicht zum Islam über. Auf dem Sterbebett soll Mohammed verzweifelt um sein Bekenntnis gerungen haben – vergeblich.

Vers 56 ist die theologische Verarbeitung dieser Erfahrung. Mohammed kann seinen geliebten Onkel nicht leiten. Selbst der Prophet kann nicht über das Herz eines anderen verfügen. Nur Gott kann es. Das ist eine wichtige Lektion: Familiäre Liebe garantiert keinen gemeinsamen Glauben.

Korach (Qārūn) – der reiche Frevler (Verse 76–82)

Die Sure endet mit der Erzählung von Qārūn – das ist die koranische Form von Korach, einer Figur aus der biblischen Tradition (Numeri 16). Im Koran wird er als Beispiel des durch Reichtum verdorbenen Frevlers gezeichnet.

Vers 76 ist eindrucksvoll: Qārūns Reichtum war so groß, dass schon die Schlüssel zu seinen Schatzkammern eine Gruppe starker Männer kaum tragen konnten. Sein Volk warnt ihn, nicht in Hochmut zu verfallen. Er antwortet hochmütig (Vers 78): „Mir wurde das nur aufgrund eines Wissens gegeben, das bei mir war."

Das ist die typische Selbstrechtfertigung des Erfolgreichen: „Ich habe es mir verdient. Mein Wissen, meine Klugheit, meine Anstrengung haben mir das gebracht." Der Koran weist diese Sicht zurück: Wer das sagt, übersieht, dass auch frühere Reiche untergegangen sind, obwohl sie viel mehr hatten.

Vers 79 schildert Qārūns prachtvollen Auftritt: „Er kam zu seinem Volk in seinem Schmuck." Die Bewunderer wünschen sich seine Lage. Die Weisen aber sagen (Vers 80): „Wehe euch! Die Belohnung Gottes ist besser für den, der glaubt und Gutes tut."

Vers 81 ist die Pointe: „Da ließen wir ihn und sein Haus in die Erde versinken." Qārūn verschwindet samt allen Schätzen in der Erde. Was ihm so wichtig war, wird zu Nichts. Klassische Volkstraditionen erzählen, dass „Schätze des Qārūn" noch heute irgendwo in der Erde liegen – als Mahnung an alle, die sich auf Reichtum verlassen.

Die berühmte Schluss-Aussage (Vers 88)

Vers 88 ist eine der theologisch dichtesten Aussagen des Korans: „Alles ist vergänglich außer seinem Antlitz." – arabisch kullu schaiʾin hālikun illā wadschhah.

Das ist eine der grundlegenden mystischen Stellen des Islams. Die fanāʾ-Lehre (das „Vergehen" des Eigenen vor Gott) baut auf diesem Vers auf. Alles, was wir kennen – die Welt, die Menschen, wir selbst – ist vergänglich. Nur Gottes „Antlitz" bleibt.

Was bedeutet „Antlitz Gottes"? Klassisch verstanden: das, was von Gott Sichtbare, sein Wesen, seine Wirklichkeit. Es ist nicht physisch zu verstehen, sondern als das Bleibende selbst. Wer sich an etwas anderes hängt, hängt an einem Vergänglichen.

Diese Stelle ist im Sufismus zentral. Sie ist auch eine wichtige spirituelle Praxis: Wer in einer Krisensituation steht, kann sich an diesen Vers erinnern. Das, was uns gerade so wichtig erscheint – Schmerz, Verlust, Erfolg, Macht – wird vergehen. Bleibend ist nur Gott.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 28 ist die ausführlichste Moses-Biographie des Korans. Sie verbindet:

  • Moses' Geburt und Rettung (Verse 7–13)
  • Moses' Totschlag und Flucht (Verse 14–21)
  • Moses in Madyan (Verse 22–28)
  • Berufung am Dornbusch (Verse 29–35)
  • Konfrontation mit Pharao (Verse 36–42)
  • Mahnung an die Schriftbesitzer (Verse 52–55)
  • Die persönliche Notiz „Du leitest nicht, wen du liebst" (Vers 56)
  • Die Qārūn-Erzählung (Verse 76–82)
  • Den theologischen Schluss „Alles vergeht außer seinem Antlitz" (Vers 88)

Die Sure ist im islamischen Verständnis ein Charakterbuch des Propheten: Sie zeigt, dass Propheten Menschen sind, mit Schuld, Furcht, Trauer, Armut – und dass Gott sie trotzdem (oder gerade deshalb) erwählt.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Die Erzählungen (al-qaṣaṣ) – aus Vers 25: Moses erzählt Schuʿaib „die Erzählungen"; gibt der Sure ihren Namen
  • Pharaos Frau – die Retterin Moses' aus dem Nil – in der Tradition Asiyah
  • Moses' Totschlag – Verse 15–17 – die Schatten-Seite Moses'; selbst Propheten haben Geschichten von Schuld
  • Madyan / Schuʿaib – Moses' Zufluchtsort und der Schwiegervater Moses'; Schuʿaib auch in Sure 26
  • „Stark und Vertrauenswürdig" – Vers 26 – die zwei Kriterien für gute Mitarbeiter im islamischen Personal-Ethos
  • „Du leitest nicht, wen du liebst" – Vers 56 – die theologische Verarbeitung der Schmerzen über Abū Ṭālib
  • Qārūn – der biblische Korach – Modell des reichen Frevlers, dessen Hochmut zur Vernichtung führt
  • „Alles vergeht außer seinem Antlitz" – Vers 88 – Grundlage der sufischen fanāʾ-Lehre