Sure 30
Die Römer
Ar-Rūm
Worum geht's?
Eine bemerkenswert geschichtskonkrete Sure. Sie beginnt mit einer prophetischen Aussage über die Römer (Byzantiner), die kurz zuvor von den Sasaniden besiegt worden waren – Sie werden gewinnen. Diese Prophezeiung erfüllte sich 622–628 n. Chr. Die Sure führt von dort zu einer breiten Theologie der „Zeichen Gottes" in Natur und Menschenleben.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Alif-Lām-Mīm.
- 2Die Römer wurden besiegt
- 3im nahen Teil des Landes. Aber sie werden nach ihrer Niederlage siegen
- 4in einigen Jahren. Gott gehört die Sache vorher und nachher. An jenem Tag werden sich die Gläubigen freuen
- 5über die Hilfe Gottes. Er hilft, wem er will. Er ist der Mächtige, der Barmherzige.
- 6Das Versprechen Gottes! Gott bricht sein Versprechen nicht. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
- 7Sie kennen das Äußere des diesseitigen Lebens. Aber vom Jenseits sind sie unaufmerksam.
- 8Bedenken sie nicht in sich selbst? Gott hat die Himmel und die Erde und was zwischen ihnen ist nur in Wahrheit und für eine bestimmte Frist erschaffen. Wahrlich, viele der Menschen sind an die Begegnung mit ihrem Herrn ungläubig.
- 9Sind sie nicht auf der Erde gewandert und haben gesehen, wie die Folge derer war, die vor ihnen waren? Sie waren stärker an Kraft als sie, hatten die Erde aufgewühlt und mehr besiedelt als sie sie besiedelten. Ihre Gesandten kamen zu ihnen mit klaren Zeichen. Gott tat ihnen kein Unrecht, sondern sie taten sich selbst Unrecht.
- 10Dann war die Folge derer, die Übles taten, das Schlechteste, weil sie die Zeichen Gottes für eine Lüge erklärten und über sie spotteten.
- 11Gott beginnt mit der Schöpfung, dann wiederholt er sie. Dann werdet ihr zu ihm zurückgebracht.
- 12An dem Tag, an dem die Stunde eintritt, sind die Verbrecher betrübt.
- 13Sie haben unter ihren Beigesellten keine Fürsprecher. Sie verleugnen ihre Beigesellten.
- 14An dem Tag, an dem die Stunde eintritt, werden sie an jenem Tag getrennt.
- 15Die, die geglaubt und gute Werke getan haben, werden in einer Wiese erfreut.
- 16Die ungläubig waren und unsere Zeichen und die Begegnung des Jenseits für Lüge erklärten – diese werden in der Strafe vorgeführt.
- 17Preis sei Gott, wenn ihr in den Abend tretet und wenn ihr in den Morgen tretet!
- 18Ihm gehört das Lob in den Himmeln und auf der Erde, am Spätnachmittag und wenn ihr in den Mittag tretet.
- 19Er bringt das Lebendige aus dem Toten hervor und bringt das Tote aus dem Lebendigen hervor und belebt die Erde nach ihrem Tod. So werdet ihr hervorgebracht.
- 20Zu seinen Zeichen gehört, dass er euch aus Erde erschaffen hat. Da seid ihr Menschen, die sich verbreiten.
- 21Zu seinen Zeichen gehört, dass er euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet. Er hat zwischen euch Zuneigung und Barmherzigkeit gemacht. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das nachdenkt.
- 22Zu seinen Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Vielfalt eurer Sprachen und Farben. Wahrlich, darin sind Zeichen für die Wissenden.
- 23Zu seinen Zeichen gehören euer Schlaf in der Nacht und am Tag und euer Suchen nach seiner Gunst. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das hört.
- 24Zu seinen Zeichen gehört, dass er euch den Blitz als Furcht und Hoffnung zeigt und Wasser vom Himmel herabsendet, mit dem er die Erde nach ihrem Tod belebt. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das verständig ist.
- 25Zu seinen Zeichen gehört, dass der Himmel und die Erde durch seinen Befehl bestehen. Dann, wenn er euch mit einem Ruf von der Erde ruft, kommt ihr heraus.
- 26Ihm gehört, wer in den Himmeln und auf der Erde ist. Alle sind ihm demütig.
- 27Er ist es, der mit der Schöpfung beginnt, dann sie wiederholt – das ist für ihn leichter. Ihm gehört das höchste Gleichnis in den Himmeln und auf der Erde. Er ist der Mächtige, der Weise.
- 28Er führt euch ein Gleichnis aus euch selbst an: Habt ihr von dem, was eure Rechte besitzt, Teilhaber an dem, womit wir euch versorgt haben, sodass ihr darin gleich seid und sie fürchtet, wie ihr euch fürchtet? So machen wir die Zeichen für ein Volk klar, das verständig ist.
- 29Aber die Frevler folgen ihren Lüsten ohne Wissen. Wer leitet den, den Gott in die Irre geleitet hat? Sie haben keine Helfer.
- 30So richte dein Gesicht aufrecht zur Religion! – das ist die Natur, in der Gott die Menschen erschaffen hat. Es gibt keine Veränderung in der Schöpfung Gottes. Das ist die feste Religion. Aber die meisten Menschen wissen es nicht,
- 31auf ihn zurückkehrend, fürchtet ihn und verrichtet das Gebet! Gehört nicht zu den Beigesellenden,
- 32zu denen, die ihre Religion zerspalten haben und Gruppen geworden sind. Jede Gruppe freut sich über das, was bei ihr ist.
- 33Wenn den Menschen Übel berührt, rufen sie ihren Herrn an, zu ihm zurückkehrend. Wenn er sie dann eine Barmherzigkeit von sich kosten lässt, gesellt eine Gruppe von ihnen ihrem Herrn bei,
- 34um undankbar zu sein für das, was wir ihnen gegeben haben. So genießt! Ihr werdet erkennen.
- 35Oder haben wir auf sie eine Vollmacht herabgesandt, sodass diese das aussagt, was sie ihm beigesellten?
- 36Wenn wir den Menschen Barmherzigkeit kosten lassen, freuen sie sich. Wenn sie aber ein Übel trifft für das, was ihre Hände vorausgeschickt haben, sind sie verzweifelt.
- 37Sehen sie nicht, dass Gott die Versorgung weitet, wem er will, und sie einengt? Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das glaubt.
- 38So gib dem Verwandten sein Recht und dem Armen und dem Reisenden! Das ist besser für die, die das Antlitz Gottes wollen. Diese sind die Erfolgreichen.
- 39Was ihr an Zins gebt, damit es im Vermögen der Menschen wachse – es wächst nicht bei Gott. Was ihr aber an Almosen gebt, das Antlitz Gottes wollend – diese sind, deren Lohn verdoppelt wird.
- 40Gott ist es, der euch erschaffen hat, dann euch versorgt hat, dann euch sterben lässt, dann euch lebendig macht. Ist unter euren Beigesellten jemand, der etwas davon tut? Preis sei ihm! Erhaben ist er über das, was sie ihm beigesellen!
- 41Verderben ist auf dem Land und im Meer aufgetreten für das, was die Hände der Menschen erworben haben, damit er sie etwas von dem kosten lässt, was sie taten, vielleicht kehren sie zurück.
- 42Sprich: Wandert auf der Erde und seht, wie die Folge derer war, die vorher waren! Die meisten von ihnen waren Beigesellende.
- 43So richte dein Gesicht zur festen Religion, bevor ein Tag kommt, an dem es kein Zurückweisen von Gott gibt. An jenem Tag werden sie sich trennen.
- 44Wer ungläubig ist – sein Unglaube ist gegen ihn. Wer Gutes tut, der bereitet sich selbst eine Stätte.
- 45Damit er aus seiner Gunst die belohnt, die geglaubt und gute Werke getan haben. Wahrlich, er liebt die Ungläubigen nicht.
- 46Zu seinen Zeichen gehört, dass er die Winde schickt als Verkünder froher Botschaft und damit er euch von seiner Barmherzigkeit kosten lässt, und damit die Schiffe auf seinen Befehl laufen, und damit ihr nach seiner Gunst sucht, und vielleicht seid ihr dankbar.
- 47Wir haben vor dir Gesandte zu ihrem Volk geschickt. Sie kamen zu ihnen mit klaren Zeichen. Da rächten wir uns an denen, die verbrochen hatten. Es war für uns Pflicht, den Gläubigen beizustehen.
- 48Gott ist es, der die Winde schickt, die die Wolken aufwirbeln. Er breitet sie am Himmel aus, wie er will, und macht sie zu Stücken. Da siehst du den Regen aus ihren Zwischenräumen hervorkommen. Wenn er ihn dann denen seiner Diener trifft, denen er will, freuen sie sich auf einmal,
- 49obwohl sie vorher, bevor er auf sie herabgesandt wurde, in Verzweiflung waren.
- 50So sieh auf die Spuren der Barmherzigkeit Gottes – wie er die Erde nach ihrem Tod belebt! Wahrlich, das ist der Beleber der Toten. Er hat über alles Macht.
- 51Wenn wir aber einen Wind schicken würden und sie sähen ihn gelb werden, dann würden sie nach diesem ungläubig.
- 52Wahrlich, du kannst die Toten nicht hören lassen, und du kannst die Tauben nicht den Ruf hören lassen, wenn sie den Rücken kehren.
- 53Du kannst die Blinden nicht aus ihrer Verirrung leiten. Du kannst nur den hören lassen, der an unsere Zeichen glaubt – diese sind sich Unterwerfende.
- 54Gott ist es, der euch aus Schwäche erschaffen hat, dann nach Schwäche Kraft gemacht hat, dann nach Kraft Schwäche und Grauheit gemacht hat. Er erschafft, was er will. Er ist der Allwissende, der Mächtige.
- 55An dem Tag, an dem die Stunde eintritt, werden die Verbrecher schwören, sie hätten nur eine Stunde verweilt. So wurden sie betrogen.
- 56Die, denen Wissen und Glaube gegeben wurde, sagen: Wahrlich, ihr habt im Buch Gottes bis zum Tag der Auferstehung verweilt. Das ist der Tag der Auferstehung, aber ihr wusstet es nicht.
- 57An jenem Tag nützt den, die Unrecht getan haben, ihre Entschuldigung nicht, und ihre Aufforderung zur Annäherung wird nicht akzeptiert.
- 58Wir haben den Menschen in diesem Koran von jeder Art Gleichnis vorgeführt. Wenn du ihnen ein Zeichen bringst, sagen die ungläubig sind: Ihr seid nur Anhänger des Falschen.
- 59So versiegelt Gott die Herzen derer, die nicht wissen.
- 60So sei geduldig! Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr. Die, die nicht sicher sind, sollen dich nicht erschrecken.
Einordnung & Bedeutung
Die berühmte historische Prophezeiung (Verse 2–5)
Sure 30 ist eine der bemerkenswertesten Suren in geschichtlicher Hinsicht. Sie beginnt mit einer konkreten geopolitischen Aussage: „Die Römer wurden besiegt im nahen Teil des Landes. Aber sie werden nach ihrer Niederlage siegen in einigen Jahren."
Der historische Hintergrund: Die Byzantiner (auf Arabisch ar-Rūm – „die Römer", weil das byzantinische Reich Nachfolger des oströmischen war) führten seit langem Krieg mit den Sasaniden (Persern). Um 613–614 n. Chr. – zur Zeit der frühen mekkanischen Phase Mohammeds – hatten die Sasaniden eine Reihe von Siegen errungen: Sie eroberten Damaskus, dann Jerusalem (614), dann sogar Ägypten.
Das war für die frühen Muslime in Mekka relevant. Die Mekkaner waren mehrheitlich Polytheisten und sympathisierten politisch mit den persischen Polytheisten (Zoroastriern), nicht mit den christlichen Byzantinern. Die Niederlage der Byzantiner war für die Mekkaner ein Triumph. Mohammed dagegen empfand mit den Byzantinern.
Sure 30 sagt zu diesem Zeitpunkt – wahrscheinlich um 615–620 n. Chr. – voraus: Die Byzantiner werden zurückkommen. „In einigen Jahren."
Die Prophezeiung erfüllte sich tatsächlich. 622 n. Chr. begann Kaiser Heraklius seine Gegenoffensive. 627 schlug er die Sasaniden in der Schlacht von Ninive entscheidend. 628 musste der sasanidische König Khusrau II. Frieden schließen. Das byzantinische Reich war gerettet.
Diese Prophezeiung ist im islamischen Verständnis ein historisch verifiziertes Wunder. Ein Mensch in Mekka konnte 615 nicht wissen, wie sich das ferne byzantinische Reich erholen würde – und dass es genau das tun würde. Die Stelle ist auch für Nicht-Muslime historisch faszinierend, denn die Vorhersage stand schriftlich, lange bevor sie eintrat.
Vers 4 schließt mit einer parallelen Verheißung: „An jenem Tag werden sich die Gläubigen freuen über die Hilfe Gottes." Klassische Auslegungen sehen darin eine Doppel-Prophezeiung: Während die Byzantiner gegen die Perser gewinnen, werden die Muslime ihren ersten großen militärischen Erfolg gegen die mekkanischen Polytheisten haben – in der Schlacht von Badr (624). Beide Ereignisse fallen zeitlich zusammen.
Die berühmte Ehe-Stelle (Vers 21)
Vers 21 ist einer der bekanntesten Verse über die Ehe im Koran: „Zu seinen Zeichen gehört, dass er euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet. Er hat zwischen euch Zuneigung und Barmherzigkeit gemacht. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das nachdenkt."
Drei Schlüsselbegriffe charakterisieren die Ehe:
- Ruhe (sakana): Die Ehe ist ein Ort des Friedens, nicht des Streits. Wer in seiner Ehe keine Ruhe findet, hat ihr Wesen noch nicht erreicht.
- Zuneigung (mawadda): Liebe als bewusste Hinwendung – nicht nur als Gefühl, sondern als Haltung.
- Barmherzigkeit (raḥma): Gegenseitige Nachsicht und Sorge. Auch wenn die Zuneigung manchmal nachlässt, soll die Barmherzigkeit bleiben.
Diese Stelle ist im islamischen Eheverständnis zentral. Sie wird oft bei Hochzeitsfeiern rezitiert. Die Ehe ist hier nicht als reine Reproduktions-Funktion oder als gesellschaftliche Pflicht beschrieben, sondern als Zeichen Gottes – als spirituelle Beziehung zwischen zwei Menschen.
Die Vielfalt der Sprachen und Farben (Vers 22)
Vers 22 ist ein zentraler Vers gegen Rassismus: „Zu seinen Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Vielfalt eurer Sprachen und Farben. Wahrlich, darin sind Zeichen für die Wissenden."
Diese Stelle macht zwei wichtige Aussagen:
- Die Vielfalt der menschlichen Sprachen und Hautfarben ist ein Zeichen Gottes. Sie ist nicht zufällig, sondern göttlich beabsichtigt.
- Sie wird gleichgestellt mit der Erschaffung der Himmel und der Erde – einer der zentralen kosmologischen Zeichen.
Diese Stelle ist die naturtheologische Ergänzung zu Sure 49,13 (Anti-Rassismus). Wer rassistisch denkt, übersieht, dass die Vielfalt der Menschen Gottes eigener Plan ist. Wer sich auf seine Hautfarbe oder Muttersprache als Privileg beruft, vergeht sich gegen die Schöpfung.
Die fiṭra – die ursprüngliche Natur (Vers 30)
Vers 30 enthält einen der theologisch wichtigsten Begriffe des Islams: „So richte dein Gesicht aufrecht zur Religion! – das ist die Natur, in der Gott die Menschen erschaffen hat. Es gibt keine Veränderung in der Schöpfung Gottes."
Das arabische Wort fiṭra – „ursprüngliche Natur, ursprünglicher Zustand" – ist ein theologisches Schlüsselkonzept. Es bezeichnet das, was jeder Mensch von Anfang an in sich trägt: einen unausgesprochenen Wissen um Gott, eine natürliche Hinneigung zum Guten, eine Empfänglichkeit für den Glauben.
Klassische Lehre (Hadith): „Jedes Kind wird in der fiṭra geboren. Seine Eltern machen es zum Juden, zum Christen oder zum Magier." Mit anderen Worten: Der Mensch ist nicht eine leere Tafel, sondern hat eine ursprüngliche Disposition zum Glauben. Die Religion, die er später bekennt, ist Konditionierung – aber das Bedürfnis nach Religion ist natürlich.
Diese Stelle ist eine der wichtigsten religiösen Anthropologien des Korans. Sie steht in interessanter Spannung zur christlichen Erbsündenlehre. Im Islam ist der Mensch nicht in Sünde geboren, sondern in der fiṭra – in einem unschuldigen Empfänglich-Sein.
Zins und Almosen (Vers 39)
Vers 39 enthält die erste koranische Erwähnung des Zinses (ribā): „Was ihr an Zins gebt, damit es im Vermögen der Menschen wachse – es wächst nicht bei Gott. Was ihr aber an Almosen gebt, das Antlitz Gottes wollend – diese sind, deren Lohn verdoppelt wird."
Die Stelle ist in der mekkanischen Periode noch milde formuliert. Sie sagt nicht „Zins ist verboten", sondern „Zins gilt bei Gott nicht als Mehrwert". Die strenge Verbots-Aussage kommt erst in der medinensischen Sure 2,275–280.
Aber die Grundlogik ist hier schon klar: Wer Geld mit Geld vermehrt, schafft keinen wirklichen Mehrwert. Wer Almosen gibt, schafft hingegen wirklichen Mehrwert – bei den Beschenkten und bei Gott. Die islamische Wirtschaftsethik ist von hier aus entwickelt worden.
Die Lebensphasen (Vers 54)
Vers 54 ist eine schöne Aussage über das menschliche Leben: „Gott ist es, der euch aus Schwäche erschaffen hat, dann nach Schwäche Kraft gemacht hat, dann nach Kraft Schwäche und Grauheit gemacht hat."
Drei Lebensphasen werden hier durchlaufen:
- Anfangs-Schwäche: das Säuglings- und Kindesalter.
- Mittlere Kraft: das erwachsene Vollalter.
- End-Schwäche: das Greisenalter.
Bemerkenswert: Schwäche steht am Anfang und am Ende. Die Kraft ist nur die Mitte. Wer das vergisst, wer in seiner Lebensmitte meint, die Kraft sei ein Dauerzustand, hat die Realität nicht verstanden. Wer alte Menschen abwertet, übersieht, dass er selbst dort hin kommt.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 30 verbindet:
- Die berühmte historische Prophezeiung (Verse 1–5)
- Lange naturtheologische Sequenzen mit „Zu seinen Zeichen gehört..." (Verse 20–27)
- Die fiṭra-Stelle (Vers 30)
- Erste Zins-Polemik (Vers 39)
- Theologie der Lebensphasen (Vers 54)
Die naturtheologischen Verse 20–27 enthalten fünfmal die Formel „Zu seinen Zeichen gehört...". Es ist eine pädagogische Liste: Wer die Welt mit offenen Augen betrachtet, sieht überall Zeichen Gottes. Sie sind nicht versteckt – sie sind im Schlaf, in der Ehe, in der Vielfalt der Sprachen, in Regen und Wind, in der eigenen Erschaffung.
Vers 21 (die Ehe-Stelle) ist im praktischen Glaubensleben einer der wichtigsten Verse. Vers 30 (fiṭra) ist in der theologischen Anthropologie zentral. Vers 22 (Sprachen und Farben) ist heute im interkulturellen Diskurs ein wichtiger Anker.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Die Römer (ar-Rūm) – die Byzantiner – Nachfolger des oströmischen Reiches; siehe Heraklius
- „In einigen Jahren" – die berühmte historische Prophezeiung von 615–620, erfüllt 622–628
- Sakana, mawadda, raḥma – Ruhe, Zuneigung, Barmherzigkeit – die drei Schlüssel der koranischen Ehe-Theologie
- „Vielfalt der Sprachen und Farben" – Vers 22 – die naturtheologische Anti-Rassismus-Grundlage
- Fiṭra – die ursprüngliche Natur des Menschen – Vers 30; eine zentrale islamische Anthropologie
- Ribā – Zins – in Vers 39 erstmals abwertend erwähnt; Vollverbot in Sure 2
- „Aus Schwäche – Kraft – Schwäche" – Vers 54 – die drei Lebensphasen mit Schwäche an Anfang und Ende