Sure 31
Luqmān
Luqmān
Worum geht's?
Eine Sure, benannt nach dem weisen Luqmān – einer rätselhaften Gestalt der arabischen Volkstradition. In der Mitte der Sure stehen seine Lebenslehren an seinen Sohn, eine der schönsten Vater-Sohn-Ermahnungen der religiösen Weltliteratur.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Alif-Lām-Mīm.
- 2Das sind die Zeichen des weisen Buches,
- 3eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für die Gutestuenden,
- 4die das Gebet verrichten, das Almosen geben und an das Jenseits fest glauben.
- 5Diese sind auf einer Rechtleitung von ihrem Herrn. Diese sind die Erfolgreichen.
- 6Unter den Menschen ist mancher, der leere Rede kauft, um vom Weg Gottes ohne Wissen abzuhalten und ihn zum Spott zu nehmen. Diese haben eine entehrende Strafe.
- 7Wenn ihm unsere Zeichen verlesen werden, kehrt er sich hochmütig ab, als hätte er sie nicht gehört, als wären in seinen Ohren Stocktaubheit. So verkünde ihm schmerzhafte Strafe!
- 8Wahrlich, die, die geglaubt und gute Werke getan haben – ihnen sind die Gärten der Wonne.
- 9Sie sind darin ewig. Das Versprechen Gottes – wahr. Er ist der Mächtige, der Weise.
- 10Er hat die Himmel ohne sichtbare Säulen erschaffen. Er hat auf der Erde feste Berge gesetzt, damit sie nicht mit euch wankt. Er hat auf ihr von jedem Lebewesen verbreitet. Wir haben vom Himmel Wasser herabgesandt und auf ihr von jeder edlen Art wachsen lassen.
- 11Das ist die Schöpfung Gottes. So zeigt mir, was die geschaffen haben, die ihr neben ihm anbetet! Vielmehr sind die Frevler in deutlicher Verirrung.
- 12Wir gaben Luqmān Weisheit: Sei Gott dankbar! Wer dankbar ist, ist nur für sich selbst dankbar. Wer undankbar ist – wahrlich, Gott ist unbedürftig, lobenswert.
- 13Als Luqmān zu seinem Sohn sagte, während er ihn ermahnte: Mein Söhnchen, geselle Gott nichts bei! Wahrlich, das Beigesellen ist gewaltiges Unrecht.
- 14Wir haben dem Menschen Gutes für seine Eltern anempfohlen. Seine Mutter trug ihn unter Schwäche um Schwäche, und seine Entwöhnung war in zwei Jahren: Sei dankbar mir und deinen Eltern! Zu mir ist die Heimkehr.
- 15Wenn sie sich aber bemühen, dass du mir das beigesellst, wovon du kein Wissen hast, so gehorche ihnen nicht. Begleite sie aber im diesseitigen Leben mit Anstand und folge dem Weg dessen, der zu mir zurückgekehrt ist. Dann ist zu mir eure Heimkehr, und ich teile euch mit, was ihr tatet.
- 16Mein Söhnchen, wahrlich, wenn es das Gewicht eines Senfkorns wäre, in einem Felsen, in den Himmeln oder auf der Erde, Gott bringt es. Wahrlich, Gott ist gütig, kundig.
- 17Mein Söhnchen, verrichte das Gebet, gebiete das Rechte und verbiete das Verwerfliche! Sei geduldig im, was dich trifft! Wahrlich, das gehört zu den Entschlossenheit-Sachen.
- 18Wende deine Wange nicht von den Menschen ab und gehe nicht hochmütig auf der Erde umher! Wahrlich, Gott liebt keinen aufgeblasenen, prahlerischen.
- 19Sei maßvoll in deinem Gehen und senke deine Stimme! Wahrlich, die abscheulichste der Stimmen ist die Stimme der Esel.
- 20Seht ihr nicht, dass Gott euch dienstbar gemacht hat, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, und seine Gunst über euch deutlich und im Verborgenen ausgegossen hat? Unter den Menschen ist mancher, der über Gott ohne Wissen und ohne Rechtleitung und ohne ein erleuchtendes Buch streitet.
- 21Wenn ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Gott herabgesandt hat! Sagen sie: Vielmehr folgen wir dem, was wir bei unseren Vätern fanden! Auch wenn der Satan sie zur Strafe der Lohe ruft?
- 22Wer sein Gesicht Gott unterwirft und Gutestuender ist, hat das festeste Handgriff ergriffen. Bei Gott liegt der Ausgang der Angelegenheiten.
- 23Wer ungläubig ist – sein Unglaube soll dich nicht traurig machen. Zu uns ist ihre Heimkehr. Wir teilen ihnen mit, was sie taten. Wahrlich, Gott weiß über die Brüste Bescheid.
- 24Wir lassen sie ein wenig genießen, dann zwingen wir sie in eine schwere Strafe.
- 25Wenn du sie fragst: Wer hat die Himmel und die Erde erschaffen? Sie werden gewiss sagen: Gott. Sprich: Lob sei Gott! Aber die meisten von ihnen wissen nicht.
- 26Gott gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Wahrlich, Gott ist der Unbedürftige, der Lobenswerte.
- 27Wären alle Bäume auf der Erde Federn, und das Meer mit sieben Meeren danach noch Tinte, würden die Worte Gottes nicht zu Ende gehen. Wahrlich, Gott ist mächtig, weise.
- 28Eure Erschaffung und eure Auferweckung ist nicht anders als die einer einzigen Seele. Wahrlich, Gott ist allhörend, allsehend.
- 29Hast du nicht gesehen, dass Gott die Nacht in den Tag eingehen lässt und den Tag in die Nacht eingehen lässt und die Sonne und den Mond dienstbar gemacht hat, jedes läuft zu einer benannten Frist, und dass Gott über das Bescheid weiß, was ihr tut?
- 30Das ist, weil Gott die Wahrheit ist und weil das, was sie neben ihm anrufen, das Falsche ist und weil Gott der Hohe, der Große ist.
- 31Hast du nicht gesehen, dass die Schiffe auf dem Meer durch die Gunst Gottes laufen, damit er euch von seinen Zeichen zeigt? Wahrlich, darin sind Zeichen für jeden, der sehr geduldig, sehr dankbar ist.
- 32Wenn sie eine Welle wie Wolkenschatten umfasst, rufen sie Gott an, ihm die Religion rein widmend. Wenn er sie aber zum Land rettet, ist mancher von ihnen gemäßigt. Niemand verleugnet unsere Zeichen außer jedem treulosen Verräter.
- 33O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn und fürchtet einen Tag, an dem ein Vater seinem Sohn nichts nützt und ein Sohn seinem Vater in nichts nützt. Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr. So lasst das diesseitige Leben euch nicht täuschen, und lasst den Täuscher euch über Gott nicht täuschen!
- 34Wahrlich, bei Gott ist das Wissen um die Stunde. Er lässt den Regen herabfallen. Er weiß, was in den Mutterleibern ist. Keine Seele weiß, was sie morgen erwerben wird. Keine Seele weiß, in welchem Land sie sterben wird. Wahrlich, Gott ist allwissend, kundig.
Einordnung & Bedeutung
Wer war Luqmān?
Sure 31 ist nach einer Gestalt benannt, die der Koran nirgendwo anders erwähnt: Luqmān, „der Weise". Er ist in der vorislamischen arabischen Volkstradition tief verankert – als legendärer Weiser, dessen Aussprüche in der Wüste herumgereicht wurden. Aber wer war er?
Klassische Auslegungen geben verschiedene Auskünfte. Manche sehen ihn als Zeitgenossen Davids – also etwa im 10. Jahrhundert vor Christus. Manche identifizieren ihn mit dem griechischen Fabeldichter Äsop, dessen Tier-Fabeln in der antiken Welt weit verbreitet waren. Tatsächlich gibt es zwischen Luqmān-Aussprüchen und Äsop-Fabeln auffällige Parallelen.
Wichtig zur Einordnung: Luqmān wird im Koran nicht als Prophet bezeichnet. Er ist ein Weiser – ein Mensch, dem Gott „Weisheit" gegeben hat (Vers 12). Das ist eine bemerkenswerte Setzung: Auch außerhalb der prophetischen Linie gibt es Menschen, die echte Weisheit haben. Luqmān ist der Klassiker dafür.
Die spätere Volkstradition hat ihm eine ganze Sammlung von Sprüchen zugeschrieben – „die Sprüche Luqmāns" (amthāl Luqmān). Sie zirkulierten in der vorislamischen arabischen Welt und wurden auch ins moderne Schulbuch aufgenommen.
Die berühmten Lebenslehren an den Sohn (Verse 13–19)
Das Herzstück der Sure sind sieben Lebenslehren, die Luqmān seinem Sohn gibt. Sie bilden zusammen ein kleines Lebenshandbuch:
- „Geselle Gott nichts bei!" (Vers 13) – die theologische Grundlage. Wer alles andere richtig macht, aber das verfehlt, hat alles verfehlt.
- „Sei dankbar deinen Eltern" (Vers 14) – Dankbarkeit gegen die, die einen großgezogen haben. „Mit Schwäche um Schwäche" hat die Mutter ihn getragen.
- „Aber gehorche ihnen nicht, wenn sie zum Götzendienst zwingen wollen" (Vers 15) – die Grenze der Eltern-Treue, ähnlich wie Sure 29,8.
- „Auch das Gewicht eines Senfkorns wird gezählt" (Vers 16) – nichts geht vor Gott verloren. Klein und versteckt ist kein Versteck.
- „Verrichte das Gebet, gebiete das Rechte, verbiete das Verwerfliche, sei geduldig" (Vers 17) – die vier Säulen der praktischen Frömmigkeit.
- „Wende dein Gesicht nicht hochmütig von Menschen ab und gehe nicht hochmütig" (Vers 18) – Demut im Umgang.
- „Sei maßvoll im Gehen und senke deine Stimme" (Vers 19) – körperlicher Anstand im Auftritt.
Diese kompakte Lebensethik ist im islamischen Erziehungswesen seit Jahrhunderten zentral. Sie wird Kindern beigebracht. Viele Muslime können die Lehren auswendig.
Bemerkenswert ist die Bewegung der Sequenz: Sie geht von der höchsten Frage (Theologie) zur tiefsten Praxis (wie man seine Stimme moduliert und wie man geht). Das ist im islamischen Verständnis kein Sprung von „wichtig" zu „unwichtig". Auch wie man seine Stimme erhebt, wie man sich physisch durch die Welt bewegt, ist eine Glaubensaussage. Die zerbrochenen Stimmen der Hochmütigen werden mit dem Eselsgeschrei verglichen (Vers 19) – ein deftiges, aber treffsicheres Bild.
Die Mutter „mit Schwäche um Schwäche" (Vers 14)
Vers 14 enthält eine der schönsten Mutter-Stellen des Korans. Die Mutter trug ihn „mit Schwäche um Schwäche" – arabisch wahnan ʿalā wahn. Die Schwangerschaft ist Schwäche. Die Geburt ist Schwäche. Das Stillen ist Schwäche. Eine Schwäche reiht sich an die andere.
Dieser Satz wird in einem berühmten Hadith ergänzt. Ein Mann fragte Mohammed: „Wer hat das größte Recht auf meine gute Behandlung?" Mohammed antwortete: „Deine Mutter." Der Mann fragte: „Und dann?" – „Deine Mutter." – „Und dann?" – „Deine Mutter." – „Und dann?" – „Dann dein Vater."
Dreimal die Mutter, einmal der Vater. Diese Hadith-Stelle baut auf Sure 31,14 auf. Sie macht klar: Die Mutter hat im islamischen Familienverständnis eine besondere Stellung – nicht aus sentimentaler Rührung, sondern weil sie in ihrer biologischen Mutter-Rolle dreifach Schwäche getragen hat.
„Das Gewicht eines Senfkorns" (Vers 16)
Vers 16 ist eine der eindrucksvollsten Bildaussagen über Gottes Allwissenheit: „Wahrlich, wenn es das Gewicht eines Senfkorns wäre, in einem Felsen, in den Himmeln oder auf der Erde, Gott bringt es."
Das Bild ist dreifach geschachtelt. Drei Verstecke werden genannt:
- In einem Felsen: das undurchdringliche Versteck.
- In den Himmeln: das entfernte Versteck.
- Auf der Erde: das normale Versteck.
Selbst das Gewicht eines Senfkorns – das Bild kleinster Quantität – wird gefunden. Gott hat einen vollständigen Zugriff auf alles, was existiert. Es gibt keinen Bereich, der unentdeckt bleiben könnte.
Diese Stelle wird in der islamischen Seelsorge oft zitiert. Sie hat zwei Lesarten: Eine tröstliche – nichts Gutes, das du tust, geht verloren. Eine warnende – nichts Übles, das du tust, bleibt verborgen.
„Eselsgeschrei" (Vers 19)
Vers 19 schließt die Lehren mit einem bewusst derben Bild: „Senke deine Stimme! Wahrlich, die abscheulichste der Stimmen ist die Stimme der Esel."
Klassische Auslegungen verstehen das so: Wer laut redet, prahlt, schreit, klingt für Gott wie ein Esel. Nichts ist abstoßender. Wer wirklich Würde hat, kann seine Stimme moderieren. Lautstärke ist nicht Stärke – sie ist meistens das Gegenteil.
Diese Stelle ist im islamischen Erziehungsbild zentral. Sie wird Kindern beigebracht – aber auch Erwachsenen vorgehalten. In manchen muslimischen Gesellschaften gilt es als unanständig, im öffentlichen Raum laut zu telefonieren oder zu lärmen. Sure 31,19 ist eine der Begründungen dafür.
„Wären alle Bäume Federn" (Vers 27)
Vers 27 ist eines der berühmtesten Bilder für die Unendlichkeit von Gottes Wissen: „Wären alle Bäume auf der Erde Federn, und das Meer mit sieben Meeren danach noch Tinte, würden die Worte Gottes nicht zu Ende gehen."
Das Bild stellt sich vor: Man verwandelt alle Bäume in Schreibfedern, alle Meere in Tinte, und dann fügt man dem ersten Meer sieben weitere hinzu. Das wäre eine unvorstellbare Menge an Schreibmaterial. Trotzdem würde Gott darüber hinaus noch endlos viel zu sagen haben.
Das ist nicht nur ein literarisches Bild. Es ist eine theologische Aussage: Was wir vom Koran haben, ist nicht die Erschöpfung Gottes. Gott hat viel mehr zu sagen, als in jeder Schrift stehen könnte. Der Koran ist ein Auszug, eine Auswahl, eine herabgesandte Mitteilung – kein Endbild der göttlichen Realität.
Die Stelle hat eine wichtige theologische Implikation: Niemand kann behaupten, alles über Gott zu wissen. Selbst die heilige Schrift erschöpft Gott nicht. Demut vor der eigenen Erkenntnis ist daher Pflicht.
Die fünf verborgenen Dinge (Vers 34)
Die Sure endet mit einem klassischen Vers über die Grenzen menschlichen Wissens: „Wahrlich, bei Gott ist das Wissen um die Stunde. Er lässt den Regen herabfallen. Er weiß, was in den Mutterleibern ist. Keine Seele weiß, was sie morgen erwerben wird. Keine Seele weiß, in welchem Land sie sterben wird."
Fünf Dinge werden genannt, die nur Gott weiß – die fünf Schlüssel des Verborgenen (mafātīḥ al-ghayb):
- Die Stunde des Jüngsten Tags
- Wann es regnet
- Was im Mutterleib ist
- Was man morgen erwerben wird
- Wo man sterben wird
Klassische Auslegungen haben diese Liste lange diskutiert. Bei der modernen Wetterprognose und beim Ultraschall in der Schwangerschaft wirken einige Punkte angreifbar. Aber theologisch fundierte Auslegungen heute lesen den Vers anders: Es geht nicht um oberflächliche Vorhersagen (es kann regnen, das Geschlecht eines Embryos ist erkennbar), sondern um das Gesamtwissen – wann genau, wo genau, mit welcher Folge. Diese Tiefe bleibt Gott vorbehalten.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 31 ist eine kompakte Weisheits-Sure. Sie verbindet:
- Theologische Setzung (Verse 1–11)
- Luqmāns Lebenslehren an seinen Sohn (Verse 12–19)
- Theologische Folgerungen (Verse 20–30)
- Die fünf Verborgenheiten (Vers 34)
Die Sure ist im islamischen Erziehungsbild zentral. Sie ist eines der wichtigsten Eltern-Kind-Texte des Korans. Hier spricht ein Vater zu seinem Sohn – nicht ein Prophet, sondern ein Weiser. Das macht die Stelle besonders zugänglich. Auch wer nicht Prophet sein kann, kann den Lebenslehren Luqmāns folgen.
Die Sure hat auch eine theologisch wichtige Setzung: Weisheit gibt es außerhalb der prophetischen Linie. Gott hat sie verschiedenen Menschen gegeben. Wer Weisheit findet, soll sie nehmen – egal von wem. Dieses Konzept hat im islamischen Verständnis Raum für eine breite Aufnahme von Weisheitstraditionen geöffnet.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Luqmān – der Weise – kein Prophet, sondern Empfänger göttlicher Weisheit; manchmal mit Äsop identifiziert
- „Mit Schwäche um Schwäche" – Vers 14 – die zentrale Mutter-Würdigung; Grundlage des dreifachen Mutter-Hadith
- „Das Gewicht eines Senfkorns" – Vers 16 – die Allwissenheit Gottes in drei Verstecken
- „Senke deine Stimme!" – Vers 19 – islamische Stimm-Ethik
- „Eselsgeschrei" – Vers 19 – das deftige Bild für hochmütiges Reden
- „Wären alle Bäume Federn" – Vers 27 – die Unerschöpflichkeit der göttlichen Wahrheit
- Die fünf Schlüssel des Verborgenen – Vers 34 – die fünf Dinge, die nur Gott weiß