Sure 37
Die sich Reihenden
Aṣ-Ṣāffāt
Worum geht's?
Eine mittellange mekkanische Sure, die der Sure ihren Namen vom Eröffnungs-Schwur „bei den sich in Reihen Stellenden!" hat – traditionell verstanden als Engel, die sich in Reihen zum Gottesdienst aufstellen. Die Sure enthält die berühmte Erzählung der „beinahe-Opferung" von Abrahams Sohn (V102–107) – die koranische Version der bei Juden und Christen als Akeda bzw. Bindung Isaaks bekannten Szene. Es folgt eine Kette von Propheten-Erzählungen (Noah, Abraham, Lot, Elias, Jonas) mit dem charakteristischen Refrain „Friede sei mit...!" – Salām ʿalā. Die Sure schließt mit dem berühmten „Friede sei mit den Gesandten!" (V181) und „Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!" (V182).
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Bei den sich in Reihen Stellenden!
- 2Bei den heftig Tadelnden!
- 3Bei den Ermahnung Verlesenden!
- 4Wahrlich, euer Gott ist ein einziger.
- 5Der Herr der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist, und der Herr der Sonnenaufgänge!
- 6Wir haben den nächsten Himmel mit dem Schmuck der Sterne geschmückt
- 7und als Bewahrung vor jedem widerspenstigen Satan.
- 8Sie können den höchsten Sammelplatz nicht hören. Sie werden von jeder Seite getroffen,
- 9vertrieben, und sie haben eine beständige Strafe –
- 10außer wer einen Brocken aufschnappt; den verfolgt dann ein durchdringender Stern.
- 11So frage sie nach ihrer Meinung: Sind sie schwerer in der Erschaffung oder was wir sonst erschaffen haben? Wir haben sie aus klebrigem Lehm erschaffen.
- 12Vielmehr wundertest du dich, und sie verspotten.
- 13Wenn sie ermahnt werden, lassen sie sich nicht ermahnen.
- 14Wenn sie ein Zeichen sehen, treiben sie Spott.
- 15Sie sagen: Das ist nichts als deutliche Magie!
- 16Wenn wir gestorben und Staub und Knochen sind, werden wir wahrlich auferweckt?
- 17Auch unsere Väter, die früher waren?
- 18Sprich: Ja, und ihr werdet kleinlaut sein!
- 19Es ist nur ein einziger Schrei. Da werden sie schauen.
- 20Sie sagen: O wehe uns! Das ist der Tag des Gerichts!
- 21Das ist der Tag der Entscheidung, den ihr für Lüge erklärt habt.
- 22Versammelt die, die Unrecht getan haben, und ihre Gefährten und das, was sie zu dienen pflegten,
- 23anstatt Gottes! Leitet sie zum Weg der Hölle!
- 24Stellt sie auf! Sie werden befragt.
- 25Was ist mit euch, dass ihr einander nicht helft?
- 26Vielmehr unterwerfen sie sich an diesem Tag.
- 27Sie treten einander gegenüber und fragen einander.
- 28Sie sagen: Ihr kamt zu uns von der rechten Seite.
- 29Sie sagen: Vielmehr wart ihr keine Gläubigen.
- 30Wir hatten keine Macht über euch. Vielmehr wart ihr ein übergreifendes Volk.
- 31Da ist das Wort unseres Herrn an uns ergangen. Wahrlich, wir werden kosten.
- 32Wir haben euch verführt. Wahrlich, wir waren Verführer.
- 33An jenem Tag sind sie in der Strafe Teilhaber.
- 34Wahrlich, so verfahren wir mit den Verbrechern.
- 35Sie waren es: Wenn ihnen gesagt wurde: Es gibt keinen Gott außer Gott! waren sie hochmütig.
- 36Sie sagten: Sollen wir unsere Götter wegen eines besessenen Dichters verlassen?
- 37Vielmehr ist er mit der Wahrheit gekommen und hat die Gesandten bestätigt.
- 38Wahrlich, ihr werdet die schmerzhafte Strafe kosten.
- 39Ihr werdet nur vergolten für das, was ihr getan habt –
- 40außer den auserlesenen Dienern Gottes.
- 41Diese haben eine bestimmte Versorgung –
- 42Früchte. Sie werden geehrt –
- 43in den Gärten der Wonne,
- 44auf Liegesofas, einander gegenüber.
- 45Es wird ihnen mit einem Becher aus einer Quelle Umlauf gemacht,
- 46weiß und wohlschmeckend für die Trinkenden,
- 47in dem es keine Übelkeit gibt, und sie werden davon nicht trunken.
- 48Bei ihnen sind züchtige Frauen mit großen Augen,
- 49als wären sie sorgfältig bewahrte Eier.
- 50Sie wenden sich einander zu und fragen einander.
- 51Ein Sprecher unter ihnen sagt: Wahrlich, ich hatte einen Gefährten,
- 52der sagte: Glaubst du wirklich,
- 53dass wir, wenn wir gestorben und Staub und Knochen sind, gerichtet werden?
- 54Er sagt: Schaut ihr nach?
- 55Da schaut er hin und sieht ihn in der Mitte der Hölle.
- 56Er sagt: Bei Gott! Du hast mich beinahe ins Verderben gebracht.
- 57Wäre nicht die Gunst meines Herrn gewesen, gehörte ich zu den Vorgeführten.
- 58Werden wir nicht mehr sterben
- 59außer unserem ersten Tod, und werden wir nicht gestraft?
- 60Wahrlich, das ist der gewaltige Erfolg.
- 61Für so etwas sollen die Tätigen tätig sein!
- 62Ist das eine bessere Bewirtung oder der Baum Zaqqūm?
- 63Wahrlich, wir haben ihn als Versuchung für die Frevler gemacht.
- 64Wahrlich, er ist ein Baum, der aus dem Grund der Hölle hervorgeht.
- 65Seine Triebe sind wie die Köpfe der Satane.
- 66Sie essen davon und füllen davon ihre Bäuche.
- 67Dann haben sie darüber eine Mischung aus kochendem Wasser.
- 68Dann ist ihre Rückkehr wahrlich zur Hölle.
- 69Sie fanden ihre Väter in die Irre gegangen.
- 70Sie eilten auf ihren Spuren dahin.
- 71Schon waren vor ihnen die meisten der Früheren in die Irre gegangen.
- 72Wir hatten unter ihnen Warner geschickt.
- 73So sieh, wie das Ende der Gewarnten war,
- 74außer den auserlesenen Dienern Gottes!
- 75Schon hat uns Noah gerufen. Welch ein vortrefflicher Antworter waren wir!
- 76Wir retteten ihn und seine Angehörigen aus der gewaltigen Bedrängnis.
- 77Wir machten seine Nachkommen zu den Übriggebliebenen.
- 78Wir ließen unter den Späteren für ihn:
- 79Friede sei mit Noah unter den Welten!
- 80So vergelten wir den Gutestuenden.
- 81Wahrlich, er gehört zu unseren gläubigen Dienern.
- 82Dann ertränkten wir die anderen.
- 83Wahrlich, von seiner Anhängerschaft war Abraham.
- 84Als er zu seinem Herrn mit gesundem Herzen kam.
- 85Als er zu seinem Vater und seinem Volk sagte: Was dient ihr da?
- 86Sucht ihr aus Verleumdung Götter neben Gott?
- 87Was ist also eure Meinung über den Herrn der Welten?
- 88Da warf er einen Blick auf die Sterne.
- 89Er sagte: Wahrlich, ich bin krank!
- 90Da kehrten sie sich von ihm ab und gingen weg.
- 91Er ging dann heimlich zu ihren Göttern und sagte: Esst ihr nicht?
- 92Was ist mit euch, dass ihr nicht sprecht?
- 93Da wandte er sich auf sie und schlug mit der Rechten.
- 94Sie kamen eilig zu ihm hin.
- 95Er sagte: Dient ihr dem, was ihr selbst meißelt,
- 96während Gott euch und das, was ihr tut, erschaffen hat?
- 97Sie sagten: Baut ihm einen Bau und werft ihn in die Glut!
- 98Sie wollten eine List gegen ihn. Wir aber machten sie zu den Niedrigsten.
- 99Er sagte: Wahrlich, ich gehe zu meinem Herrn. Er wird mich rechtleiten.
- 100Mein Herr, schenke mir einen der Rechtschaffenen!
- 101Da verkündeten wir ihm einen sanften Jungen.
- 102Als der mit ihm laufen konnte, sagte er: Mein Söhnchen, wahrlich, ich sehe im Traum, dass ich dich schlachten soll. So sieh, was du meinst! Er sagte: Mein Vater, tu, was dir befohlen wird! Du wirst mich, so Gott will, unter den Geduldigen finden.
- 103Als beide sich ergeben hatten und er ihn auf die Stirn niedergeworfen hatte,
- 104riefen wir ihn an: Abraham,
- 105schon hast du den Traum als wahr bestätigt! Wahrlich, so vergelten wir den Gutestuenden.
- 106Wahrlich, das war die deutliche Prüfung.
- 107Wir lösten ihn aus durch ein gewaltiges Schlachtopfer.
- 108Wir ließen unter den Späteren für ihn:
- 109Friede sei mit Abraham!
- 110So vergelten wir den Gutestuenden.
- 111Wahrlich, er gehört zu unseren gläubigen Dienern.
- 112Wir verkündeten ihm Isaak als Propheten unter den Rechtschaffenen.
- 113Wir segneten ihn und Isaak. Unter ihren Nachkommen war einer, der gut handelte, und einer, der sich selbst deutlich Unrecht tat.
- 114Schon haben wir Moses und Aaron Gunst erwiesen.
- 115Wir retteten beide und ihr Volk aus der gewaltigen Bedrängnis.
- 116Wir halfen ihnen, und sie waren die Sieger.
- 117Wir gaben beiden das klare Buch.
- 118Wir leiteten beide zum geraden Weg.
- 119Wir ließen unter den Späteren für beide:
- 120Friede sei mit Moses und Aaron!
- 121So vergelten wir den Gutestuenden.
- 122Wahrlich, beide gehören zu unseren gläubigen Dienern.
- 123Wahrlich, Elias war einer der Gesandten.
- 124Als er zu seinem Volk sagte: Werdet ihr nicht gottesfürchtig sein?
- 125Ruft ihr Baal an und lasst den besten der Schöpfer,
- 126Gott, euren Herrn und den Herrn eurer ersten Väter?
- 127Sie erklärten ihn aber für einen Lügner. Sie werden wahrlich vorgeführt –
- 128außer den auserlesenen Dienern Gottes.
- 129Wir ließen unter den Späteren für ihn:
- 130Friede sei mit Elias!
- 131So vergelten wir den Gutestuenden.
- 132Wahrlich, er gehört zu unseren gläubigen Dienern.
- 133Wahrlich, Lot war einer der Gesandten.
- 134Als wir ihn und seine Angehörigen alle retteten,
- 135außer einer alten Frau unter den Zurückgebliebenen.
- 136Dann vernichteten wir die anderen.
- 137Wahrlich, ihr kommt an ihnen am Morgen vorbei
- 138und in der Nacht. Werdet ihr nicht verständig sein?
- 139Wahrlich, Jonas war einer der Gesandten.
- 140Als er zu dem beladenen Schiff floh,
- 141warf er Lose und gehörte zu den Unterlegenen.
- 142Da verschluckte ihn der Fisch, während er tadelnswert war.
- 143Wäre er nicht einer der Gott Preisenden gewesen,
- 144wäre er in seinem Bauch geblieben bis zum Tag der Auferstehung.
- 145Da warfen wir ihn auf das nackte Land, während er krank war.
- 146Wir ließen einen Kürbisbaum über ihm wachsen.
- 147Wir sandten ihn zu hunderttausend oder mehr.
- 148Sie glaubten, und so gaben wir ihnen Genuss bis zu einer Zeit.
- 149So frage sie nach ihrer Meinung: Hat dein Herr die Töchter und sie selbst die Söhne?
- 150Oder haben wir die Engel als weiblich erschaffen, während sie Zeugen waren?
- 151Wahrlich, aus ihrer Verleumdung sagen sie:
- 152Gott hat gezeugt! Sie sind wahrlich Lügner.
- 153Hat er die Töchter den Söhnen vorgezogen?
- 154Was ist mit euch? Wie urteilt ihr?
- 155Lasst ihr euch nicht ermahnen?
- 156Oder habt ihr eine deutliche Vollmacht?
- 157So bringt euer Buch her, wenn ihr wahrhaftig seid!
- 158Sie haben zwischen ihm und den Dschinn eine Verwandtschaft erfunden. Aber die Dschinn wissen, dass sie wahrlich vorgeführt werden.
- 159Preis sei Gott und erhaben über das, was sie beschreiben –
- 160außer den auserlesenen Dienern Gottes.
- 161Ihr und das, was ihr anbetet,
- 162ihr seid gegen Gott nicht versucherisch –
- 163außer dem, der in das Höllenfeuer geht.
- 164Es gibt niemanden von uns, der nicht einen bestimmten Stand hätte.
- 165Wahrlich, wir sind die sich in Reihen Stellenden.
- 166Wahrlich, wir sind die Preisenden.
- 167Sie sagten:
- 168Wenn wir doch eine Ermahnung von den Früheren hätten,
- 169wären wir wahrlich die auserlesenen Diener Gottes!
- 170Sie waren aber ungläubig daran. Sie werden es erfahren.
- 171Schon ist unser Wort an unsere Diener, die Gesandten, ergangen:
- 172Wahrlich, sie sind die Unterstützten!
- 173Wahrlich, unsere Truppen sind die Sieger.
- 174So wende dich von ihnen ab für eine Zeit
- 175und sieh sie an! Sie werden sehen.
- 176Wollen sie unsere Strafe beschleunigen?
- 177Wenn sie auf ihren Hof herabkommt, ist es schlimm für die Gewarnten am Morgen.
- 178So wende dich von ihnen ab für eine Zeit
- 179und sieh hin! Sie werden sehen.
- 180Preis sei deinem Herrn, dem Herrn der Macht, erhaben über das, was sie beschreiben!
- 181Friede sei mit den Gesandten!
- 182Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!
Einordnung & Bedeutung
Die Sure der Engel-Reihen und der Propheten-Friedensgrüße
Sure 37 ist eine frühmekkanische Sure mit besonderer literarischer Eleganz. Sie beginnt mit drei Eid-Versen – einer charakteristischen Form früher mekkanischer Verse: „Bei den sich in Reihen Stellenden! Bei den heftig Tadelnden! Bei den Ermahnung Verlesenden!"
Wer sind diese „sich in Reihen Stellenden"? Die klassische Auslegung sieht in ihnen die Engel, die sich zum Gottesdienst in Reihen aufstellen – wie eine himmlische Liturgie. Vers 165–166 macht das ausdrücklich: „Wahrlich, wir sind die sich in Reihen Stellenden. Wahrlich, wir sind die Preisenden." Hier sprechen die Engel selbst.
Die Sure ist liturgisch geprägt. Sie hat einen wiederkehrenden Refrain – nach jeder Propheten-Erzählung folgt: „Friede sei mit ...!" (Salām ʿalā). Diese Form ist im Koran sonst nicht so dicht versammelt. Sie macht die Sure zu einem fast hymnischen Stück.
Die Eröffnung – die Engel und die Sterne (Verse 1–10)
Die ersten zehn Verse beschreiben den Himmel und die kosmische Ordnung. Die Engel reihen sich, die Sterne schmücken den nächsten Himmel, die widerspenstigen Satane werden mit „durchdringenden Sternen" verfolgt, wenn sie versuchen, Brocken vom „höchsten Sammelplatz" aufzuschnappen.
Diese Stelle ist klassisch faszinierend gelesen. Manche Kommentatoren sehen darin eine Beschreibung des Himmels als Sphären-System – wie in der antiken griechisch-arabischen Astronomie. Andere lesen es spirituell: Der „höchste Sammelplatz" ist der Ort der göttlichen Beratung; die Satane versuchen, dort etwas vom göttlichen Geheimnis zu erspähen, werden aber abgewehrt.
Die Auferstehungs-Polemik (Verse 11–37)
Ein langer Abschnitt der Sure widmet sich der polemischen Auseinandersetzung mit den mekkanischen Auferstehungs-Leugnern. Die Verse 16–17 zitieren ihre Standardfrage: „Wenn wir gestorben und Staub und Knochen sind, werden wir wahrlich auferweckt? Auch unsere Väter, die früher waren?"
Die Antwort kommt knapp und scharf: „Sprich: Ja, und ihr werdet kleinlaut sein!"
Verse 22–37 schildern die Endgerichts-Szene: Die Frevler werden versammelt, ihre Gefährten und Götzen mit ihnen, in die Hölle geführt. Dort streiten sie miteinander – jeder schiebt die Schuld auf den anderen. Die Verführer und die Verführten landen gemeinsam in der Strafe.
Das Paradies (Verse 41–61)
Gegenüber den Höllen-Szenen steht die ausführliche Paradies-Schilderung. Die Gerechten haben Früchte, Liegesofas, ein Getränk aus einer Quelle „weiß und wohlschmeckend... in dem es keine Übelkeit gibt, und sie werden davon nicht trunken" (V46–47). Bei ihnen sind „züchtige Frauen mit großen Augen, als wären sie sorgfältig bewahrte Eier" (V48–49) – eine der berühmten Ḥūr-Schilderungen.
Bemerkenswert ist die Szene in Vers 51–57: Im Paradies erinnert sich ein Gerechter an einen Freund aus dem Diesseits, der ihn ungläubig zu machen versuchte. Er kann ihn jetzt in der Hölle sehen und sagt: „Bei Gott! Du hast mich beinahe ins Verderben gebracht." Diese Episode ist literarisch ungewöhnlich – sie zeigt das Paradies nicht nur als Belohnung, sondern als retrospektives Bewusstsein: Im Paradies versteht man, wovor man bewahrt wurde.
Der Zaqqūm-Baum (Verse 62–68)
Verse 62–68 enthalten die berühmteste Höllen-Beschreibung im Koran: der Zaqqūm-Baum. Er wächst aus dem Grund der Hölle. Seine Triebe sind „wie die Köpfe der Satane" – ein gezielt grotesker Vergleich. Die Verdammten essen davon und füllen ihre Bäuche, dann trinken sie kochendes Wasser darauf.
Diese Stelle hat in der späteren islamischen Literatur (besonders in den Höllenfahrt-Traditionen) eine breite Wirkungsgeschichte gehabt. Sie ist neben Sure 56,52 und 44,43 die wichtigste Zaqqūm-Stelle.
Die Propheten-Kette mit Friedensgruß (Verse 75–148)
Der zentrale Teil der Sure ist eine Reihe von Propheten-Erzählungen, jeweils mit dem Schluss-Refrain „Friede sei mit ...!":
- Noah (V75–82): kurze Erwähnung; „Friede sei mit Noah unter den Welten!" (V79)
- Abraham (V83–113): die ausführlichste Erzählung der Sure; Mittelstück
- Moses und Aaron (V114–122): „Friede sei mit Moses und Aaron!" (V120)
- Elias (V123–132): einer der wenigen Koran-Stellen über diesen Propheten; „Friede sei mit Elias!" (V130)
- Lot (V133–138): kurze Erwähnung
- Jonas (V139–148): die berühmte Fisch-Erzählung
Diese Friedensgrüße sind in der späteren islamischen Frömmigkeit zur Praxis geworden: Wenn ein Muslim einen Propheten erwähnt, fügt er ʿalayhi s-salām – „Friede sei mit ihm!" – hinzu. Diese Praxis hat ihren textlichen Anker in Sure 37.
Die Abraham-Erzählung (Verse 83–113)
Das ausführlichste Stück der Sure ist die Abraham-Erzählung. Sie umfasst drei Abschnitte:
Verse 83–96: Abrahams Polemik gegen die Götzen seines Volkes. Er kommt zu seinem Herrn mit „gesundem Herzen" (qalb salīm – V84, ein zentraler sufischer Begriff). Er konfrontiert sein Volk: „Was dient ihr da?" Dann zerschlägt er heimlich die Götzen seines Volkes (V93: „Da wandte er sich auf sie und schlug mit der Rechten") – eine Erzählung, die auch in Sure 21,57–67 ausführlicher erzählt wird.
Verse 97–98: Die Bestrafung. Das Volk will Abraham in einen Ofen werfen. Aber Gott schützt ihn. „Sie wollten eine List gegen ihn. Wir aber machten sie zu den Niedrigsten." Die spätere Tradition erzählt detailliert: Das Feuer wurde Abraham zur Erfrischung (vgl. Sure 21,69).
Verse 99–113: Die Beinahe-Opferung – die theologisch wichtigste Stelle der Sure.
Die Beinahe-Opferung (Verse 100–107)
Verse 100–107 enthalten die koranische Version der bei Juden und Christen als Akeda (Bindung Isaaks) bzw. Opferung Isaaks bekannten Geschichte. Im Koran wird der Sohn nicht namentlich genannt – und die Identifikation ist klassisch umstritten:
- Klassisch-frühe islamische Tradition: meist Isaak (in Anlehnung an Genesis 22).
- Spätere Mehrheits-Auslegung: Ismael. Die Argumentation: Vers 112 bringt erst nach der Opferung die Verkündung Isaaks – das wäre eine zweite Verkündung. Außerdem ist Ismael der erstgeborene Sohn Abrahams, und das Opfer betraf den einzigen Sohn.
Die Erzählung selbst hat charakteristische koranische Züge, die sie von der biblischen Version unterscheiden:
Die Mit-Beteiligung des Sohnes: Vers 102 zeigt Abraham, wie er seinem Sohn (der „mit ihm laufen konnte") erzählt: „Mein Söhnchen, wahrlich, ich sehe im Traum, dass ich dich schlachten soll. So sieh, was du meinst!" Der Sohn antwortet: „Mein Vater, tu, was dir befohlen wird! Du wirst mich, so Gott will, unter den Geduldigen finden."
Das ist im Vergleich zur biblischen Erzählung ein entscheidender Unterschied: Im Koran ist der Sohn nicht ahnungslos. Er weiß, was geplant ist, und stimmt zu. Die Opferung ist nicht eine Prüfung Abrahams allein, sondern eine gemeinsame Hingabe von Vater und Sohn.
Verse 103–107 beschreiben den Höhepunkt: „Als beide sich ergeben hatten und er ihn auf die Stirn niedergeworfen hatte, riefen wir ihn an: Abraham, schon hast du den Traum als wahr bestätigt! Wahrlich, so vergelten wir den Gutestuenden. Wahrlich, das war die deutliche Prüfung. Wir lösten ihn aus durch ein gewaltiges Schlachtopfer."
Diese Stelle ist die theologische Grundlage des ʿĪd al-Aḍḥā – des „Opferfestes", des wichtigsten Festes des islamischen Kalenders. Jedes Jahr, am 10. Dhū l-Ḥidschdscha, schlachten Muslime weltweit ein Tier in Gedenken an dieses Ereignis. Das Festopfer ist das „gewaltige Schlachtopfer", das Abraham als Ersatz erhielt. Es ist gleichzeitig der Höhepunkt der Pilgerfahrt – die ḥadschdsch-Riten in Mekka konzentrieren sich um dieses Datum.
Die Jonas-Erzählung (Verse 139–148)
Verse 139–148 enthalten die ausführlichste Jonas-Erzählung im Koran. Anders als in Sure 10, wo Jonas namentlich nur in V98 erwähnt wird (als rettende Ausnahme), erzählt Sure 37 die Geschichte:
- Vers 139: Jonas war einer der Gesandten.
- Vers 140: Er flieht zu „dem beladenen Schiff".
- Vers 141: Er wirft Lose und gehört zu den Unterlegenen.
- Vers 142: Der Fisch verschluckt ihn, „während er tadelnswert war".
- Vers 143–144: „Wäre er nicht einer der Gott Preisenden gewesen, wäre er in seinem Bauch geblieben bis zum Tag der Auferstehung."
- Vers 145: Er wird auf das nackte Land geworfen.
- Vers 146: Gott lässt einen Kürbisbaum über ihm wachsen.
- Vers 147–148: Er wird zu „hunderttausend oder mehr" gesandt. Sie glauben, und Gott gibt ihnen Genuss.
Diese Stelle ist eng mit Sure 21,87–88 und Sure 68,48–50 verbunden, die jeweils andere Aspekte der Jonas-Geschichte zeigen. In Sure 21 ist das berühmte Gebet aus dem Fisch-Bauch („Es gibt keinen Gott außer dir! Preis sei dir! Wahrlich, ich gehörte zu den Frevlern!").
Die Polemik gegen Engel-Töchter (Verse 149–160)
Verse 149–160 sind eine scharfe Polemik gegen eine vorislamische arabische Vorstellung: dass Gott Töchter habe – Engelinnen. Die heidnischen Quraisch verehrten drei Göttinnen besonders: al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt. Sie wurden als „Töchter Gottes" bezeichnet.
Der Koran lehnt das in mehrfacher Hinsicht ab:
- Es ist Verleumdung, Gott Kinder zuzuschreiben (V151–152).
- Hat Gott die Töchter bevorzugt und die Söhne den Menschen gegeben? Das wäre eine seltsame Umkehrung der patriarchalen Werte der Quraisch selbst (V153).
- Sie waren nicht Zeugen der Engel-Schöpfung. Wer behauptet, die Engel seien weiblich, soll Belege bringen (V150, 156–157).
Interessant ist Vers 158: „Sie haben zwischen ihm und den Dschinn eine Verwandtschaft erfunden." Die vorislamischen Araber haben offenbar geglaubt, Gott habe Verwandtschaftsbeziehungen zur Welt der Dschinn (Geister, Dämonen). Auch das wird zurückgewiesen.
Die Schluss-Verse (Verse 180–182)
Die Sure endet mit drei der bewegendsten Verse des Korans:
- Vers 180: „Preis sei deinem Herrn, dem Herrn der Macht, erhaben über das, was sie beschreiben!"
- Vers 181: „Friede sei mit den Gesandten!"
- Vers 182: „Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!"
Diese drei Verse haben in der islamischen Liturgie einen besonderen Platz. Vers 180 wird oft am Ende einer Versammlung oder eines Gebets rezitiert. Vers 182 ist gleichzeitig der zweite Vers der Sure 1 (al-Fātiḥa) – ein Echo am Anfang und am Ende des Korans.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 37 ist eine charakteristische frühmekkanische Sure. Ihre Charakteristika sind:
- Eid-Verse als Eröffnung – wie viele frühmekkanische Suren.
- Eschatologische Bilder – Hölle (Zaqqūm) und Paradies (Ḥūr, Wein-ähnliches Getränk).
- Propheten-Kette mit Friedensgrüßen – die liturgische Form, die sich später in der islamischen Frömmigkeit fortsetzt.
- Polemik gegen den Polytheismus – sowohl gegen heidnische Götzen als auch gegen die Vorstellung von Engel-Töchtern.
Im modernen Diskurs ist die Sure besonders wichtig für:
- Das ʿĪd al-Aḍḥā: Die Verse 100–107 sind die textliche Grundlage des wichtigsten islamischen Festes.
- Die Differenz Isaak/Ismael: Die Frage nach dem geopferten Sohn ist im jüdisch-islamischen Dialog ein Differenzpunkt – aber kein Konfliktpunkt. Die theologische Pointe der Geschichte (Gehorsam, Vertrauen, Auslösung) ist in beiden Traditionen identisch.
- Die Friedensgruß-Tradition: ṣallā llāhu ʿalayhi wa-sallam nach Mohammed, ʿalayhi s-salām nach anderen Propheten – diese Tradition findet hier ihren biblischen Anker.
Spirituell ist die Sure eine Sure des Vertrauens. Der wiederkehrende Refrain „So vergelten wir den Gutestuenden" zeigt: Gottes Gerechtigkeit ist verlässlich. Wer gut handelt, wird belohnt – auch wenn der Weg durch Prüfungen geht. Abrahams Gehorsam, Jonas' Rettung, Mose und Aarons Befreiung – alle zeigen, dass Gott „den Lohn der Gutestuenden nicht verloren gehen lässt".
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Aṣ-Ṣāffāt – „die sich in Reihen Stellenden" – klassisch verstanden als Engel im Gottesdienst (V1, V165)
- Vers 84 – qalb salīm – „gesundes Herz" – ein zentraler sufischer Begriff für die innere Reinheit Abrahams
- Verse 100–107 – Beinahe-Opferung – die koranische Version der Akeda; Grundlage des ʿĪd al-Aḍḥā (Opferfest)
- Isaak oder Ismael? – der namentlich nicht genannte Sohn; klassisch umstritten – frühe Tradition meist Isaak, spätere Mehrheit Ismael
- „Friede sei mit ...!" – der wiederkehrende Refrain (Salām ʿalā Nūḥ / Ibrāhīm / Mūsā wa-Hārūn / Ilyās); textliche Grundlage der Friedensgruß-Tradition
- Zaqqūm-Baum – die berühmteste Höllen-Beschreibung des Korans (V62–68)
- Verse 51–57 – Paradies-Erinnerung – die einzige Stelle, an der ein Paradiesbewohner einen Höllenbewohner sieht und sich an ihn erinnert
- Verse 139–148 – Jonas und der Fisch – die ausführlichste Jonas-Erzählung im Koran
- Verse 149–160 – „Engel-Töchter" – Polemik gegen die vorislamische Vorstellung von al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt als „Töchter Gottes"
- Vers 182 – „Lob sei Gott, dem Herrn der Welten" – Schluss-Doxologie; identisch mit Sure 1,2 – ein Echo am Anfang und am Ende des Korans