Sure 38

Ṣād

Ṣād

Verse: 88 Offenbart in: Mekka Zeit: mittel- bis spätmekkanisch

Worum geht's?

Eine Sure, die nach ihrem Eröffnungsbuchstaben Ṣād benannt ist. Sie enthält die wichtigste koranische Erzählung über David und seinen Sohn Salomo – mit dem berühmten Schiedsspruch Davids – und endet mit einer ausführlichen Iblīs-Erzählung. Eine Sure über Gerechtigkeit, königliche Macht und die Frage, wie Macht versucht und korrumpiert.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ṣād. Beim Koran mit der Ermahnung!
  2. 2Doch die Ungläubigen sind in Hochmut und Trotz.
  3. 3Wie viele Generationen vor ihnen haben wir vernichtet! Sie riefen, aber es war nicht mehr Zeit zur Flucht.
  4. 4Sie sahen es als Wunder an, dass zu ihnen ein Warner aus ihrer Mitte gekommen war. Die Ungläubigen sagten: Das ist ein Magier, ein Lügner!
  5. 5Macht er die Götter zu einem einzigen Gott? Das ist eine wunderliche Sache!
  6. 6Die Vornehmen unter ihnen gingen davon. Sie sagten: Geht und haltet an euren Göttern fest! Das ist eine Sache, die etwas erstrebt.
  7. 7Wir haben darüber in der letzten Religion nichts gehört. Das ist nur eine Erfindung.
  8. 8Soll die Ermahnung ausgerechnet ihm unter uns herabgesandt worden sein? Sie zweifeln an meiner Ermahnung. Sie haben meine Strafe noch nicht gekostet.
  9. 9Oder sind bei ihnen die Schatzkammern der Barmherzigkeit deines Herrn, des Mächtigen, des Verleihers?
  10. 10Oder gehört ihnen die Herrschaft der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist? Dann sollen sie auf den Wegen aufsteigen!
  11. 11Eine zusammengeschossene Heerschar von den Gruppen wird dort besiegt werden.
  12. 12Vor ihnen haben das Volk Noahs, die ʿĀd und Pharao mit den Pfählen für eine Lüge erklärt,
  13. 13und Thamūd, das Volk Lots und die Leute des Dickichts. Das waren die Gruppen.
  14. 14Jeder von ihnen erklärte die Gesandten für Lügner. So bewahrheitete sich meine Strafe.
  15. 15Diese erwarten nur einen einzigen Schrei, dem keine Pause folgt.
  16. 16Sie sagen: Unser Herr, gib uns unseren Anteil vor dem Tag der Abrechnung!
  17. 17Sei geduldig mit dem, was sie sagen, und erinnere dich unseres Dieners David, der Kraft hatte. Er kehrte sich oft Gott zu.
  18. 18Wir haben die Berge mit ihm dienstbar gemacht. Sie preisten am Abend und beim Sonnenaufgang.
  19. 19Und die Vögel versammelt. Alle wendeten sich ihm zu.
  20. 20Wir stärkten seine Herrschaft und gaben ihm die Weisheit und das entscheidende Wort.
  21. 21Ist die Geschichte des Streites zu dir gekommen, als sie über die Mauer in das Heiligtum stiegen?
  22. 22Als sie zu David eintraten, fürchtete er sich vor ihnen. Sie sagten: Habe keine Angst! Wir sind zwei Streitende. Einer von uns hat dem anderen Unrecht getan. So richte zwischen uns mit Wahrheit, nicht ungerecht, und leite uns auf den ebenen Weg.
  23. 23Wahrlich, dieser mein Bruder hat neunundneunzig Schafe, und ich habe ein einziges Schaf. Er sagte: Gib es mir! Und er übermannte mich in der Rede.
  24. 24Er sagte: Wahrlich, er hat dir Unrecht getan, indem er dein Schaf zu seinen Schafen verlangte. Wahrlich, viele der Gefährten tun einander Unrecht, außer denen, die glauben und gute Werke tun. Aber das sind wenige. David vermutete, dass wir ihn nur prüften. So bat er seinen Herrn um Vergebung und fiel anbetend nieder und kehrte um.
  25. 25Wir vergaben ihm das. Und wahrlich, er hat bei uns eine nahe Stellung und eine schöne Heimkehr.
  26. 26David! Wahrlich, wir haben dich zu einem Nachfolger auf der Erde gemacht. So richte zwischen den Menschen mit Wahrheit und folge nicht der Neigung. Sonst irrt sie dich von Gottes Weg ab. Wahrlich, die, die vom Weg Gottes abirren, haben eine harte Strafe – dafür, dass sie den Tag der Abrechnung vergessen haben.
  27. 27Wir haben den Himmel und die Erde und was zwischen ihnen ist, nicht umsonst erschaffen. Das ist die Vermutung derer, die ungläubig sind. Wehe den Ungläubigen vor dem Feuer!
  28. 28Sollen wir die, die geglaubt haben und gute Werke tun, wie die behandeln, die Verderben auf der Erde anrichten? Oder sollen wir die Gottesfürchtigen wie die Frevler behandeln?
  29. 29Ein Buch, das wir auf dich herabgesandt haben, gesegnet, damit sie über seine Zeichen nachdenken und damit die Verständigen sich erinnern.
  30. 30Wir schenkten David Salomo. Welch ein vortrefflicher Diener! Er kehrte oft um.
  31. 31Als ihm am Abend die schnellen Pferde, die feststehen, vorgeführt wurden,
  32. 32sagte er: Ich habe die Liebe der guten Dinge mehr gewählt als das Gedenken meines Herrn, bis sich die Sonne hinter dem Schleier verbarg.
  33. 33Bringt sie zu mir zurück! Dann begann er, ihnen die Sehnen und Hälse zu streicheln.
  34. 34Wir haben Salomo geprüft und auf seinen Sitz einen Körper geworfen. Dann kehrte er um.
  35. 35Er sagte: Mein Herr! Vergib mir und schenke mir ein Königreich, das niemandem nach mir zusteht. Du bist der Verleiher.
  36. 36Da machten wir den Wind ihm gefügig. Er strömte auf seinen Befehl mild, wohin er ihn wollte.
  37. 37Und die Satane – jeden Baumeister und Taucher,
  38. 38und andere in Ketten gefesselt.
  39. 39Das ist unsere Gabe. Verteile oder behalte – ohne Rechenschaft.
  40. 40Wahrlich, er hat bei uns eine nahe Stellung und eine schöne Heimkehr.
  41. 41Erinnere dich unseres Dieners Ijob, als er seinen Herrn anrief: Wahrlich, der Satan hat mich mit Plage und Strafe heimgesucht!
  42. 42Stoße mit deinem Fuß auf! Das ist eine kühle Waschstätte und Trinkwasser.
  43. 43Wir schenkten ihm seine Angehörigen und ihresgleichen mit ihnen – aus Barmherzigkeit von uns und als Ermahnung für die Verständigen.
  44. 44Nimm in deine Hand ein Bündel! Schlage damit zu und brich deinen Eid nicht! Wahrlich, wir fanden ihn geduldig. Welch ein vortrefflicher Diener! Er kehrte oft um.
  45. 45Erinnere dich an unsere Diener Abraham, Isaak und Jakob, die kräftig und einsichtig waren.
  46. 46Wir haben sie mit einer reinen Eigenschaft – dem Gedenken der Heimstätte – ausgezeichnet.
  47. 47Sie sind bei uns unter den Auserwählten, den Guten.
  48. 48Und erinnere dich an Ismael, Elisa und Dhū l-Kifl. Alle gehören zu den Guten.
  49. 49Das ist eine Erwähnung. Wahrlich, die Gottesfürchtigen haben eine schöne Heimkehr,
  50. 50Gärten von Eden, deren Tore für sie geöffnet sind,
  51. 51darin angelehnt zurück, sie verlangen darin viele Früchte und Getränke.
  52. 52Bei ihnen sind Augen senkende, gleichaltrige Gefährtinnen.
  53. 53Das ist es, was euch für den Tag der Abrechnung versprochen wurde.
  54. 54Wahrlich, das ist unsere Versorgung, die nicht aufhört.
  55. 55So ist es. Wahrlich, die Frevler haben eine schlechte Heimkehr:
  56. 56die Hölle, in der sie brennen. Schlimmes Lagerstätten!
  57. 57So ist es. Sie sollen es kosten: kochendes Wasser und Eiter,
  58. 58und anderes, ähnlich an Art, paarweise.
  59. 59Das ist eine Gruppe, die mit euch herein gestürmt kommt! Kein Willkommen für sie! Wahrlich, sie sollen ins Feuer brennen.
  60. 60Sie sagten: Nein! Kein Willkommen für euch! Ihr habt es uns vorausgeschickt. Schlimmer Aufenthalt!
  61. 61Sie sagten: Unser Herr! Wer hat uns dies vorausgeschickt? So vermehre seine Strafe doppelt im Feuer!
  62. 62Sie sagen: Was ist mit uns? Wir sehen nicht Männer, die wir zu den Bösen zählten.
  63. 63Haben wir sie zu Unrecht zum Spott genommen, oder gehen die Augen an ihnen vorbei?
  64. 64Wahrlich, das ist wahr: das Streiten der Gefährten des Feuers untereinander.
  65. 65Sprich: Ich bin nur ein Warner. Es gibt keinen Gott außer dem einen Gott, dem Bezwingenden,
  66. 66dem Herrn der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist, dem Mächtigen, dem Allverzeihenden.
  67. 67Sprich: Es ist eine gewaltige Mitteilung,
  68. 68von der ihr euch abwendet.
  69. 69Mir gibt es kein Wissen über die hohe Versammlung, als sie stritten.
  70. 70Mir wird nichts offenbart, außer dass ich nur ein deutlicher Warner bin.
  71. 71Als dein Herr zu den Engeln sagte: Wahrlich, ich werde aus Erde einen Menschen erschaffen.
  72. 72Wenn ich ihn geformt habe und ihm von meinem Geist eingehaucht habe, dann werft euch vor ihm nieder!
  73. 73Da warfen sich die Engel nieder, alle zusammen,
  74. 74außer Iblīs. Er war hochmütig und gehörte zu den Ungläubigen.
  75. 75Er sagte: Iblīs! Was hat dich gehindert, dich vor dem niederzuwerfen, den ich mit meinen beiden Händen erschaffen habe? Bist du hochmütig oder gehörst du zu den Hohen?
  76. 76Er sagte: Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen und ihn aus Lehm erschaffen.
  77. 77Er sagte: Geh hinaus von ihr! Wahrlich, du bist verworfen.
  78. 78Wahrlich, mein Fluch liegt auf dir bis zum Tag des Gerichts.
  79. 79Er sagte: Mein Herr! So gib mir Aufschub bis zum Tag, an dem sie auferweckt werden.
  80. 80Er sagte: Du gehörst zu denen, denen Aufschub gegeben wird,
  81. 81bis zum Tag der bekannten Zeit.
  82. 82Er sagte: Bei deiner Macht! Ich werde sie alle in die Irre führen,
  83. 83außer deinen aufrichtigen Dienern unter ihnen.
  84. 84Er sagte: Die Wahrheit ist, und die Wahrheit sage ich:
  85. 85Wahrlich, ich werde die Hölle mit dir und denen, die dir von ihnen folgen, alle füllen.
  86. 86Sprich: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, und ich gehöre nicht zu den Geziertheits-Vortäuschenden.
  87. 87Es ist nur eine Ermahnung für die Welten.
  88. 88Ihr werdet ihre Nachricht nach einer Zeit kennen.

Einordnung & Bedeutung

Der Eröffnungsbuchstabe und die Polemik

Die Sure beginnt mit dem isolierten Buchstaben Ṣād (ein typisch arabisches Emphatik-S). Wie alle mysteriösen Buchstaben bleibt die Bedeutung unklar – aber der Klang ist auffällig.

Verse 4–8 spiegeln eine zentrale Auseinandersetzung in Mekka: Die Quraisch akzeptieren nicht, dass die Offenbarung an einen einzelnen Menschen aus ihrer Mitte ergeht. Ihre Argumente:

  • „Macht er die Götter zu einem einzigen Gott?" – die Eingott-Lehre als Hauptproblem.
  • „Soll die Ermahnung ausgerechnet ihm unter uns herabgesandt worden sein?" – Mohammed war nicht aus der herrschenden Schicht.
  • „Das ist eine Erfindung." – sie weigern sich, die Offenbarung als solche anzuerkennen.

Die Sure antwortet (Verse 9–10): Habt ihr denn die Schatzkammern Gottes? Habt ihr die Herrschaft der Himmel? Wenn nicht, könnt ihr nicht entscheiden, an wen Gott sich wendet.

David als König und Streitschlichter

Verse 17–26 sind die zentrale David-Erzählung des Korans. David wird im Islam als Prophet und König anerkannt – Verfasser der Psalmen (Zabūr).

Die Erzählung schildert ein bemerkenswertes Ereignis. Zwei Männer steigen über die Mauer ins Heiligtum, in das Davids Gebetsraum. David erschrickt – sie hätten ihn auch töten können. Sie beruhigen ihn: Wir sind nur Streitende. Bitte richte zwischen uns.

Der Fall: Einer hat 99 Schafe, der andere ein einziges. Der Reichere will auch das eine. David urteilt sofort und kraftvoll: „Wahrlich, er hat dir Unrecht getan."

Aber dann passiert etwas Bemerkenswertes (Vers 24 Schluss): „David vermutete, dass wir ihn nur prüften." Es war eine Probe. David erkennt sich selbst. Klassische Auslegungen sehen darin einen Hinweis auf eine eigene Schuld Davids: In der biblischen Tradition (2. Samuel 11) hatte David die Frau seines Generals Uria genommen. Diese Geschichte fehlt im Koran direkt, aber der Schiedsspruch wirft einen Schatten dieser Schuld zurück: Der Reiche, der dem Armen nimmt, was er hat – das passt auf David selbst.

David bittet um Vergebung, fällt nieder, kehrt um. Gott vergibt. Das ist die koranische Sicht: Selbst große Propheten können fehlen – aber Umkehr ist möglich.

Vers 26 ist eine der wichtigsten politischen Aussagen des Korans: „David! Wahrlich, wir haben dich zu einem Nachfolger auf der Erde gemacht. So richte zwischen den Menschen mit Wahrheit und folge nicht der Neigung." Diese Stelle ist eine zentrale Grundlage islamischer politischer Theorie: Der Herrscher ist Nachfolger (khalīfa) – das ist auch das Wort, aus dem „Kalif" wird – und er muss gerecht richten.

Salomo und die Pferde

Verse 30–40 erzählen Salomo. Er war Davids Sohn und gilt im Islam wie in der Bibel als Inbegriff des weisen Königs.

Eine merkwürdige Episode (Verse 31–33): Salomo lässt sich Pferde vorführen – Rennpferde, „die schnellen, die feststehen". Er liebt sie. Plötzlich stellt er fest, dass über der Pferdeschau die Sonne untergegangen ist – er hat sein Gebet versäumt.

Vers 32 ist ein bemerkenswert offener Satz: „Ich habe die Liebe der guten Dinge mehr gewählt als das Gedenken meines Herrn." Salomo erkennt seinen Fehler. Er holt die Pferde zurück und streichelt ihnen die Hälse – ob das eine Liebkosung oder eine rituelle Schlachtung war, ist unter Auslegern umstritten.

Salomo wird auch geprüft (Vers 34): „Auf seinen Sitz wurde ein Körper geworfen." Diese Stelle ist mysteriös. Klassische Auslegungen sehen darin eine zeitweilige Krankheit, einen Schwächeanfall, eine kurze Entthronung. Die Sure ist absichtlich unklar.

Salomo wird die Macht über den Wind gegeben und über die Satane (auch: Dschinn) – als Baumeister und Taucher. Das ist die koranische Verarbeitung der jüdischen und arabischen Salomon-Legenden, in denen Salomo über Geister herrscht.

Ijob (Hiob) und die Plage

Verse 41–44 sind eine knappe Ijob-Erzählung. Im Christentum und Judentum ist die Ijob-Geschichte sehr ausführlich (das ganze Buch Hiob). Im Koran wird sie auf vier Verse verdichtet.

Ijob ruft Gott an: „Der Satan hat mich mit Plage und Strafe heimgesucht!" Bemerkenswert ist die Zuschreibung: Das Leiden kommt vom Satan, nicht von Gott. Gott antwortet pragmatisch: „Stoße mit deinem Fuß auf! Das ist eine kühle Waschstätte und Trinkwasser." Ein Wunderquell entsteht. Ijob wird geheilt.

Vers 44 enthält ein eigenartiges Detail: „Nimm in deine Hand ein Bündel! Schlage damit zu und brich deinen Eid nicht!" Klassische Auslegungen geben den Hintergrund: Ijob hatte im Zorn seiner Frau geschworen, sie hundert Schläge zu geben. Als sie sich aber als treu erwies, war ihm der Eid ein Schmerz. Gott löst das Dilemma: Schlage sie symbolisch mit einem hundertfach gebundenen Grashalm. Eid erfüllt, ohne dass jemand verletzt wird.

Das ist ein bemerkenswertes islamisches Rechtsprinzip: Wenn ein Eid Härte schaffen würde, kann er durch symbolische Erfüllung gelöst werden. Spätere islamische Jurisprudenz hat daraus die Lehre der „mildernden Eid-Erfüllung" entwickelt.

Die Iblīs-Erzählung

Verse 71–85 sind eine der ausführlichsten Versionen der Iblīs-Geschichte im Koran. Gott erschafft Adam aus Lehm. Er bläst ihm von seinem Geist ein. Er befiehlt den Engeln, sich vor Adam niederzuwerfen.

Alle Engel werfen sich nieder. Nur einer nicht: Iblīs. Er argumentiert: „Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen und ihn aus Lehm erschaffen."

Das ist die zentrale koranische Sünde des Satans: Hochmut. Nicht Bosheit, nicht Rebellion, nicht Eifersucht – sondern die Behauptung, besser zu sein als ein anderer wegen des eigenen Materials. „Feuer" gilt als höher als „Lehm". Iblīs schließt aus dem Schöpfungs-Material auf die Stellung.

Gott verflucht ihn. Iblīs bittet aber um Aufschub – bis zum Jüngsten Tag. Er bekommt ihn. Er schwört: „Bei deiner Macht! Ich werde sie alle in die Irre führen, außer deinen aufrichtigen Dienern."

Das ist die koranische Grunderzählung der Versuchung. Iblīs ist nicht ein willkürliches Übel, sondern eine geduldete Realität. Er hat die Erlaubnis Gottes, Menschen zu prüfen. Aber er weiß selbst, dass er die „aufrichtigen Diener" nicht erreichen kann.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 38 ist eine Sure über Macht und ihre Versuchung. Sie verbindet:

  • David als Beispiel des fehlenden, aber umkehrenden Königs (Verse 17–26)
  • Salomo als Beispiel des Königs, der durch Schönheit abgelenkt wird (Verse 30–40)
  • Ijob als Beispiel der Geduld in größter Plage (Verse 41–44)
  • Iblīs als Beispiel des Hochmuts, der zur Verdammnis führt (Verse 71–85)

Die zentrale Botschaft: Macht und Schönheit sind Prüfungen. Wer sie hat, ist nicht über die Versuchung erhaben – im Gegenteil, gerade die Privilegierten sind besonders gefährdet. David und Salomo bestehen die Prüfung, indem sie umkehren. Iblīs besteht sie nicht.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Ṣād – einer der mysteriösen Eröffnungsbuchstaben – Bedeutung unbekannt
  • Streit der zwei Männer – der Schiedsspruch Davids – mit verstecktem Bezug auf Davids eigene Schuld
  • Nachfolger auf der Erde (khalīfa) – in Vers 26 – politisches Grundkonzept: Herrscher als gerechter Stellvertreter; daraus „Kalif"
  • Salomos Pferde – Vers 31–33 – Bild für die Versuchung durch Schönheit, die das Gebet vergessen lässt
  • Ijobs Eid – Vers 44 – Grundlage des islamischen Rechtsprinzips der „mildernden Eid-Erfüllung"
  • Iblīs – der Hochmütige – nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Verachtung des Lehms gegenüber dem Feuer
  • „Bei deiner Macht!" (fa-bi-ʿizzati-ka) – Iblīs schwört bei Gottes eigener Macht, die Menschen zu verführen – ein bemerkenswert paradoxer Schwur