Sure 39
Die Scharen
Az-Zumar
Worum geht's?
Eine der berührendsten Suren des Korans. Sie enthält einen der bekanntesten Trostverse: „Verzweifelt nicht an Gottes Barmherzigkeit!" – ein Vers, der über Generationen Menschen in Krisen begleitet hat. Außerdem die berühmte Aussage über die Toten und Lebenden, eine eindringliche Schilderung der Endzeit-Szene, und das berühmte „Aussortieren der Scharen" am Jüngsten Tag.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Eine Herabsendung des Buches von Gott, dem Mächtigen, dem Weisen.
- 2Wir haben das Buch zu dir mit der Wahrheit herabgesandt. So diene Gott in lauterer Hingabe.
- 3Gehört nicht die lautere Hingabe Gott allein? Die, die neben ihm Schutzherrn nehmen: Wir verehren sie nur, damit sie uns Gott näherbringen. Wahrlich, Gott wird zwischen ihnen entscheiden, worüber sie uneins sind. Wahrlich, Gott leitet nicht den, der ein Lügner und Ungläubiger ist.
- 4Wenn Gott sich ein Kind nehmen wollte, hätte er aus dem, was er erschaffen hat, ausgewählt, was er will. Preis sei ihm! Er ist Gott, der Einzige, der Bezwingende.
- 5Er hat die Himmel und die Erde mit Wahrheit erschaffen. Er legt die Nacht über den Tag und legt den Tag über die Nacht. Er hat die Sonne und den Mond dienstbar gemacht – jedes läuft zu einer benannten Frist. Er ist der Mächtige, der Allverzeihende.
- 6Er hat euch aus einer einzigen Seele erschaffen, dann aus ihr ihr Gegenstück gemacht. Er hat euch vom Vieh acht Paare herabgesandt. Er erschafft euch in den Bäuchen eurer Mütter, eine Schöpfung nach der anderen, in drei Finsternissen. Das ist Gott, euer Herr. Ihm gehört die Herrschaft. Es gibt keinen Gott außer ihm. Wie könnt ihr euch abwenden?
- 7Wenn ihr ungläubig seid, so ist Gott euer nicht bedürftig. Doch er ist mit dem Unglauben seiner Diener nicht zufrieden. Wenn ihr dankbar seid, ist er damit zufrieden. Keine tragende Seele trägt die Last einer anderen. Dann ist zu eurem Herrn die Heimkehr. Er teilt euch dann mit, was ihr getan habt. Wahrlich, er weiß, was in den Brüsten ist.
- 8Wenn dem Menschen Übel trifft, ruft er seinen Herrn an und wendet sich ihm zu. Wenn er ihm dann eine Gunst von sich erweist, vergisst er das, weshalb er ihn vorher anrief, und gibt Gott andere bei. Sprich: Nutze deinen Unglauben eine kleine Weile. Wahrlich, du gehörst zu den Gefährten des Feuers.
- 9Oder ist der, der in der Nacht andächtig kniet und steht, vor dem Jenseits auf der Hut ist und auf die Barmherzigkeit seines Herrn hofft? Sprich: Sind die, die wissen, und die, die nicht wissen, gleich? Wahrlich, nur die Verständigen lassen sich ermahnen.
- 10Sprich: O meine Diener, die ihr glaubt! Fürchtet euren Herrn. Denen, die in diesem Diesseits Gutes tun, ist Gutes. Die Erde Gottes ist weit. Wahrlich, nur die Geduldigen werden ihre Belohnung ohne Berechnung empfangen.
- 11Sprich: Mir wurde befohlen, Gott in lauterer Hingabe zu dienen.
- 12Und mir wurde befohlen, der Erste der sich Unterwerfenden zu sein.
- 13Sprich: Wahrlich, ich fürchte, wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, die Strafe eines gewaltigen Tages.
- 14Sprich: Gott diene ich in lauterer Hingabe.
- 15Dient also, wem ihr wollt neben ihm! Sprich: Wahrlich, die Verlierer sind, die sich selbst und ihre Angehörigen am Tag der Auferstehung verlieren. Das ist der deutliche Verlust.
- 16Über ihnen sind Schatten vom Feuer und unter ihnen Schatten. Damit schreckt Gott seine Diener. O meine Diener, fürchtet mich!
- 17Die, die die falschen Götzen meiden und nicht ihnen dienen, und zu Gott umkehren – ihnen gehört die frohe Botschaft. So verkünde meinen Dienern,
- 18die das Wort hören und dem Schönsten davon folgen. Diese sind die, die Gott geleitet hat. Diese sind die Verständigen.
- 19Soll der, gegen den das Wort der Strafe verwirklicht ist – willst du den, der im Feuer ist, retten?
- 20Aber die, die ihren Herrn fürchten – für sie sind in Stockwerken errichtete Gemächer mit darunter ebensolchen, durch die Bäche fließen. Das ist Gottes Versprechen. Gott bricht nicht das Versprechen.
- 21Hast du nicht gesehen, dass Gott vom Himmel Wasser herabsendet und es als Quellen in die Erde fließen lässt, dann damit Saat in verschiedenen Farben hervorbringt, dann vertrocknet sie, und du siehst sie gelb werden, dann macht er sie zu Trümmern? Wahrlich, darin ist eine Erinnerung für die Verständigen.
- 22Ist denn der, dem Gott seine Brust für den Islam geweitet hat und der in einem Licht von seinem Herrn ist –? Wehe denen, deren Herzen vor dem Gedenken Gottes verhärtet sind! Diese sind in deutlicher Irrung.
- 23Gott hat die schönste Mitteilung herabgesandt, ein Buch, das einander ähnelt und wiederholt wird, in dem die Häute derer, die ihren Herrn fürchten, schaudern, dann ihre Häute und Herzen weich werden im Gedenken Gottes. Das ist die Rechtleitung Gottes. Er leitet damit, wen er will. Wen Gott irreführt, dem gibt es keinen Rechtleiter.
- 24Ist der, der mit seinem Gesicht das Üble der Strafe am Tag der Auferstehung abwehrt –? Es wird zu den Frevlern gesagt: Kostet, was ihr erworben habt!
- 25Die vor ihnen erklärten für eine Lüge. Da kam die Strafe zu ihnen, von wo sie es nicht wahrnahmen.
- 26Gott ließ sie die Schande im diesseitigen Leben kosten. Die Strafe des Jenseits ist gewaltiger – wüssten sie es nur.
- 27Wahrlich, wir haben in diesem Koran den Menschen jede Art von Gleichnis vorgeführt, damit sie sich erinnern.
- 28Ein arabischer Koran ohne Krümmung – damit sie gottesfürchtig sind.
- 29Gott führt einen Gleichnis-Mann an, an dem streitende Partner zerren, und einen Mann, der einem einzigen Herrn gehört. Sind die beiden im Gleichnis gleich? Lob sei Gott! Doch die meisten von ihnen wissen es nicht.
- 30Wahrlich, du wirst sterben, und sie werden sterben.
- 31Dann werdet ihr am Tag der Auferstehung vor eurem Herrn streiten.
- 32Wer ist ungerechter, als wer Lüge über Gott erfindet und die Wahrheit für eine Lüge erklärt, wenn sie zu ihm kommt? Ist nicht in der Hölle eine Wohnstätte für die Ungläubigen?
- 33Wer aber mit der Wahrheit kommt und sie als wahr bestätigt – das sind die Gottesfürchtigen.
- 34Sie haben bei ihrem Herrn, was sie wollen. Das ist die Belohnung der Gutestuenden,
- 35damit Gott von ihnen das Schlechteste, was sie getan haben, wegnimmt und ihnen ihre Belohnung mit dem Besten erweist, was sie taten.
- 36Genügt Gott seinem Diener nicht? Doch sie schüchtern dich ein mit denen, die neben ihm sind. Wen Gott irreführt, für den gibt es keinen Rechtleiter.
- 37Wen Gott leitet, für den gibt es keinen Irreleiter. Ist Gott nicht mächtig, ein Inhaber der Vergeltung?
- 38Wenn du sie fragst: Wer hat die Himmel und die Erde erschaffen? Sie werden gewiss sagen: Gott. Sprich: Habt ihr bedacht, was ihr neben Gott anruft? Wenn Gott mir Übel zufügen wollte, könnten sie sein Übel abwehren? Oder wenn er mir Barmherzigkeit zukommen lassen wollte, könnten sie seine Barmherzigkeit zurückhalten? Sprich: Gott genügt mir. Auf ihn vertrauen die Vertrauenden.
- 39Sprich: Mein Volk! Handelt nach eurem Können. Ich handle auch. Ihr werdet erkennen,
- 40wen eine Strafe trifft, die ihn entehrt, und über wen eine ewige Strafe kommt.
- 41Wahrlich, wir haben das Buch mit Wahrheit für die Menschen auf dich herabgesandt. Wer rechtgeleitet ist, der ist es zu seinem eigenen Vorteil. Wer abirrt, der irrt nur zu seinem eigenen Schaden. Du bist nicht ein Sachwalter über sie.
- 42Gott empfängt die Seelen, wenn ihr Tod kommt, und die, deren Tod nicht gekommen ist, im Schlaf. Er hält die zurück, gegen die er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen bis zu einer benannten Frist. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das nachdenkt.
- 43Oder haben sie sich neben Gott Fürsprecher genommen? Sprich: Wenn sie auch nichts haben und nicht verstehen?
- 44Sprich: Gott gehört die Fürsprache alle. Ihm gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde. Dann werdet ihr zu ihm zurückgebracht.
- 45Wenn Gott allein erwähnt wird, schaudert das Herz derer, die nicht ans Jenseits glauben. Wenn die neben ihm erwähnt werden, freuen sie sich.
- 46Sprich: O Gott! Schöpfer der Himmel und der Erde, Wisser des Verborgenen und des Sichtbaren, du wirst zwischen deinen Dienern entscheiden, worüber sie uneins waren.
- 47Hätten die, die Unrecht taten, alles auf der Erde und noch dasselbe dazu – sie würden sich damit von der schlimmen Strafe am Tag der Auferstehung loskaufen. Doch ihnen erscheint von Gott, was sie nicht erwartet hatten.
- 48Ihnen erscheinen die Übel, die sie erworben haben. Es umschließt sie das, worüber sie spotteten.
- 49Wenn dem Menschen Übel trifft, ruft er uns an. Wenn wir ihm dann von uns Gunst erweisen, sagt er: Mir wurde das nur aufgrund von Wissen gegeben. Doch es ist eine Versuchung. Aber die meisten von ihnen wissen es nicht.
- 50Das haben schon die vor ihnen gesagt. Aber ihnen nützte nicht, was sie taten.
- 51Sie trafen die Übel, die sie erworben hatten. Auch die, die unter diesen Unrecht getan haben, werden die Übel treffen, die sie erworben haben. Sie werden nicht entkommen.
- 52Wissen sie nicht, dass Gott die Versorgung erweitert, wem er will, und einengt? Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das glaubt.
- 53Sprich: Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid! Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit Gottes. Wahrlich, Gott vergibt die Sünden alle. Wahrlich, er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.
- 54Kehrt zu eurem Herrn um und unterwerft euch ihm, ehe die Strafe zu euch kommt. Dann werdet ihr keinen Beistand finden.
- 55Folgt dem Besten, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, ehe die Strafe euch plötzlich trifft, ohne dass ihr es wahrnehmt,
- 56ehe eine Seele sagt: Wehe mir wegen dem, was ich in Bezug auf Gott vernachlässigt habe! Ich gehörte zu den Spöttern.
- 57Oder sagt: Hätte Gott mich geleitet, wäre ich von den Gottesfürchtigen.
- 58Oder sagt, wenn sie die Strafe sieht: Hätte ich nur eine Wiederholung, dann gehörte ich zu den Gutestuenden!
- 59Doch! Meine Zeichen sind zu dir gekommen, du hast sie für eine Lüge erklärt, dich überhoben und gehörtest zu den Ungläubigen.
- 60Am Tag der Auferstehung wirst du die sehen, die Lüge über Gott erfunden haben – ihre Gesichter geschwärzt. Ist nicht in der Hölle eine Wohnstätte für die Hochmütigen?
- 61Gott rettet die Gottesfürchtigen mit ihrem Erfolg. Sie trifft kein Übel, und sie sind nicht traurig.
- 62Gott ist der Schöpfer aller Dinge. Er ist über alle Dinge Sachwalter.
- 63Ihm gehören die Schlüssel der Himmel und der Erde. Die, die die Zeichen Gottes ungläubig leugnen – das sind die Verlierer.
- 64Sprich: Befehlt ihr mir, einem anderen außer Gott zu dienen, ihr Unwissenden?
- 65Wahrlich, dir wurde offenbart und denen vor dir: Wenn du beigesellst, wird dein Werk nichtig, und du gehörst zu den Verlierern.
- 66Vielmehr diene Gott und sei einer der Dankbaren!
- 67Sie haben Gott nicht richtig eingeschätzt. Die ganze Erde wird in seiner Faust am Tag der Auferstehung sein, und die Himmel werden in seiner Rechten zusammengerollt sein. Preis sei ihm und erhaben ist er über das, was sie beigesellen!
- 68Es wird in die Posaune geblasen. Da fallen die in den Himmeln und auf der Erde tot um, außer dem, was Gott will. Dann wird ein anderes Mal hineingeblasen, und siehe, sie stehen und schauen.
- 69Die Erde erstrahlt im Licht ihres Herrn, das Buch wird ausgelegt, die Propheten und die Zeugen werden gebracht. Es wird zwischen ihnen mit Wahrheit entschieden, und ihnen wird kein Unrecht getan.
- 70Jeder Seele wird vergolten, was sie getan hat. Er weiß am besten, was sie tun.
- 71Die Ungläubigen werden zur Hölle in Scharen getrieben. Wenn sie sie erreichen, werden ihre Tore geöffnet. Ihre Wärter sagen zu ihnen: Sind nicht zu euch Gesandte aus eurer Mitte gekommen, die euch die Zeichen eures Herrn vortrugen und euch vor der Begegnung mit diesem Tag warnten? Sie sagen: Doch! Aber das Wort der Strafe ist gegen die Ungläubigen verwirklicht.
- 72Es wird gesagt: Tretet ein in die Tore der Hölle, darin ewig. Schlimmer Aufenthalt der Hochmütigen!
- 73Die ihren Herrn fürchteten, werden zum Paradies in Scharen geführt. Wenn sie es erreichen, und seine Tore sind geöffnet, sagen seine Wärter zu ihnen: Friede sei über euch! Ihr seid gut gewesen. So tretet ein darin, darin ewig.
- 74Sie sagen: Lob sei Gott, der sein Versprechen an uns erfüllt hat und uns das Land erben ließ, dass wir uns niederlassen im Paradies, wo wir wollen. Welch ein vortrefflicher Lohn der Gutestuenden!
- 75Du siehst die Engel den Thron umkreisen und mit dem Lob ihres Herrn preisen. Es wird zwischen ihnen mit Wahrheit entschieden. Und es wird gesagt: Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!
Einordnung & Bedeutung
Die Frage der Götzen-Fürsprache
Vers 3 ist eine seltene Stelle: Sie zitiert die Selbstverteidigung der Götzendiener. Sie sagen nicht: „Wir glauben an viele Götter." Sondern: „Wir verehren sie nur, damit sie uns Gott näherbringen."
Das ist eine differenzierte Theologie. Die vorislamischen Araber hatten oft kein striktes Polytheismus-Bewusstsein. Sie kannten einen al-Lāh – „den Gott" – als höchste Gottheit. Die anderen Götter waren Vermittler, Fürsprecher, Zwischenglieder.
Der Koran weist diese Mittler-Theologie zurück. Vers 44: „Gott gehört die Fürsprache alle." Niemand kann zwischen Mensch und Gott vermitteln. Die direkte Beziehung ist möglich – und sie ist die einzig richtige.
Die drei Finsternisse (Vers 6)
Vers 6 enthält ein erstaunliches embryologisches Bild: „Er erschafft euch in den Bäuchen eurer Mütter, eine Schöpfung nach der anderen, in drei Finsternissen."
Was sind die „drei Finsternisse"? Klassische Auslegungen verstanden sie als die drei umschließenden Schichten: Bauchwand der Mutter, Gebärmutterwand, fötale Hüllen (Amnion und Chorion). Diese Interpretation wird in moderner muslimischer Wissenschafts-Apologetik gerne mit anatomischen Begriffen verglichen.
Religionswissenschaftlich vorsichtig gelesen: Die Stelle macht ein theologisches Argument. Die menschliche Schöpfung geschieht im Verborgenen. Wir sehen sie nicht, aber Gott bewirkt sie. Wer das versteht, kann das Sichtbare ehrfürchtig sehen.
Die berühmte Wissens-Frage (Vers 9)
Vers 9 enthält eine der bekanntesten rhetorischen Fragen des Korans: „Sind die, die wissen, und die, die nicht wissen, gleich?"
Diese Stelle ist im islamischen Bildungs-Diskurs zentral. Sie wird oft zitiert, um den hohen Wert des Wissens (ʿilm) zu unterstreichen. Wissen ist im Koran nicht eine Privatsache der Gelehrten – es ist religiös aufgewertet. Wer wissen will, dient Gott.
Das Bild vom geteilten Sklaven (Vers 29)
Vers 29 ist eine bemerkenswerte Parabel: „Gott führt einen Gleichnis-Mann an, an dem streitende Partner zerren, und einen Mann, der einem einzigen Herrn gehört. Sind die beiden im Gleichnis gleich?"
Das ist ein Bild aus dem antiken Sklavenrecht. Wenn mehrere Partner einen Sklaven teilten, war seine Lage elend: Jeder wollte etwas anderes, jeder gab andere Befehle, der Sklave kam nie zur Ruhe. Wer dagegen einem einzigen Herrn gehörte, hatte zumindest Klarheit.
Die theologische Pointe: Wer mehreren „Göttern" dient – also vielen Loyalitäten, vielen Identitäten, vielen Werten gleichzeitig – wird zerrieben. Wer einem Gott dient, hat eine klare Linie. Das ist sozialpsychologisch erstaunlich präzise.
Schlaf und Tod (Vers 42)
Vers 42 ist eine der theologisch interessantesten Stellen über den Schlaf: „Gott empfängt die Seelen, wenn ihr Tod kommt, und die, deren Tod nicht gekommen ist, im Schlaf. Er hält die zurück, gegen die er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen bis zu einer benannten Frist."
Hier wird Schlaf als Mini-Tod verstanden. Jede Nacht stirbt der Mensch ein Stück. Manche werden zurückgeholt, andere nicht. Wer morgens aufwacht, hat ein Geschenk bekommen – nicht eine Selbstverständlichkeit.
Diese Stelle ist die Grundlage des klassischen muslimischen Morgengebets nach dem Aufwachen: „Lob sei Gott, der mir das Leben zurückgegeben hat, nachdem er mich hat sterben lassen." Jeden Morgen wird die Selbstverständlichkeit des Lebens unterbrochen und als Geschenk anerkannt.
Der berühmte Trostvers (Vers 53)
Vers 53 ist einer der bekanntesten Verse des gesamten Korans: „Sprich: Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid! Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit Gottes. Wahrlich, Gott vergibt die Sünden alle. Wahrlich, er ist der Allverzeihende, der Barmherzige."
Diese Stelle wird in der islamischen Seelsorge unzählige Male zitiert. Sie ist die radikalste Trostzusage des Korans. Niemand ist verloren. Gott vergibt alle Sünden – ohne Ausnahme, wenn nur Umkehr stattfindet.
Klassische Überlieferungen erzählen den Anlass: Manche Mekkaner hatten so viele Sünden begangen (Morde, Götzendienst, Ausschweifung), dass sie verzweifelten, ob ihnen überhaupt noch Vergebung möglich sei. Diese Stelle gibt die Antwort: Doch.
Wichtig: „Verzweifeln" ist im Koran selbst eine schwere Sünde. Wer an Gottes Barmherzigkeit zweifelt, hat noch nicht verstanden, wer Gott ist. Hoffnung ist Pflicht.
Die Erde in Gottes Faust (Vers 67)
Vers 67 ist eines der erhabensten Bilder des Korans: „Die ganze Erde wird in seiner Faust am Tag der Auferstehung sein, und die Himmel werden in seiner Rechten zusammengerollt sein."
Das Bild ist anthropomorph – Gott hat „Faust" und „Rechte". Klassische Auslegungen verstehen das nicht wörtlich. Es geht um die völlige Verfügungsgewalt: Was uns als unermesslich erscheint (die Erde, die Himmel), ist in Gottes Hand wie ein kleines Ding.
Diese Stelle hat in der islamischen Mystik große Wirkung gehabt. Sie zeigt: Was wir für groß halten, ist im göttlichen Maßstab klein. Die Sterne sind nicht das Maß der Schöpfung – die Schöpfung passt in Gottes Hand.
Die zwei Scharen (Verse 71–73)
Die Sure verdankt ihren Namen den Versen 71–73. Am Jüngsten Tag werden die Menschen in Scharen (zumar) zu ihren Bestimmungen geführt:
- Die Ungläubigen werden „in Scharen" zur Hölle getrieben. An den Toren werden sie gefragt: Sind keine Gesandten zu euch gekommen? Sie geben zu: Doch, aber wir haben nicht gehört.
- Die Gottesfürchtigen werden „in Scharen" zum Paradies geführt. Die Tore sind geöffnet. Die Engelswächter grüßen: „Friede sei über euch! Ihr seid gut gewesen."
Das Bild ist bewegt. Die Hölle wird aufgemacht, wenn die Verlorenen ankommen – sie war geschlossen. Das Paradies ist schon offen, wenn die Gerechten ankommen – die Tore standen längst auf. Eine subtile Aussage über die Bereitschaft Gottes: Das Heil ist die Voreinstellung. Die Strafe muss erst geöffnet werden.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 39 ist eine der theologisch und seelsorgerlich reichsten Suren. Sie verbindet:
- Streng monotheistische Theologie (Verse 1–8)
- Die Würdigung des Wissens (Vers 9)
- Das Sklavengleichnis als Bild des einigen Gottesdienstes (Vers 29)
- Die Reflexion über Schlaf und Tod (Vers 42)
- Den radikalsten Trostvers über Gottes Vergebung (Vers 53)
- Das Bild der Erde in Gottes Faust (Vers 67)
- Die Szene der Scharen am Jüngsten Tag (Verse 71–75)
Vers 53 ist im praktischen Glaubensleben der wirkungsreichste. Wer einen Muslim im Krisengespräch trifft – über zu viele Fehler, zu viel Last, zu wenig Hoffnung – wird oft diesen Vers zitiert hören. Er ist die koranische Garantie gegen Verzweiflung.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Die Scharen (az-zumar) – die Gruppen, in denen am Jüngsten Tag zum Paradies oder zur Hölle gegangen wird – Verse 71–73
- Lautere Hingabe (al-ichlāṣ) – koranisches Schlüsselwort – Gott ohne Nebengedanken dienen; namensgebend für Sure 112
- Drei Finsternisse – in Vers 6: die umschließenden Schichten der embryonalen Entwicklung im Mutterleib
- „Sind die, die wissen, und die, die nicht wissen, gleich?" – Vers 9 – zentrale islamische Bildungs-Aussage
- Schlaf als Mini-Tod – Vers 42 – Grundlage des Morgengebets nach dem Aufwachen
- „Verzweifelt nicht an Gottes Barmherzigkeit" – Vers 53 – einer der bekanntesten Trostverse des Korans
- Erde in Gottes Faust – Vers 67 – Bild für die völlige göttliche Verfügungsgewalt