Sure 40
Der Vergebende
Ghāfir
Worum geht's?
Eine Sure mit zwei Namen: „Der Vergebende" (nach Vers 3) oder „der Gläubige" (nach dem Hauptteil). Sie enthält die ungewöhnliche Erzählung eines gläubigen Mannes am Hof Pharaos, der Moses heimlich verteidigt. Eine Sure über Mut zum Bekennen unter Druck. Auch der berühmte Vers „Ruft mich an, ich werde euch erhören" steht hier.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Ḥā-Mīm.
- 2Eine Herabsendung des Buches von Gott, dem Mächtigen, dem Allwissenden,
- 3dem Sünden-Vergebenden, dem Umkehr-Annehmenden, dem strengen Strafer, dem Inhaber der Großmut. Es gibt keinen Gott außer ihm. Zu ihm ist die Heimkehr.
- 4Über Gottes Zeichen streiten nur die, die ungläubig sind. So lass dich nicht davon täuschen, wie sie sich in den Ländern bewegen.
- 5Vor ihnen erklärten das Volk Noahs für eine Lüge, und die Gruppen nach ihnen. Jedes Volk hat sich vorgenommen, seinen Gesandten zu packen, und sie haben mit Falschem gestritten, um damit die Wahrheit zu zerstören. Da packte ich sie. Wie war meine Vergeltung!
- 6So bewahrheitete sich das Wort deines Herrn gegen die Ungläubigen: dass sie zu den Gefährten des Feuers gehören.
- 7Die, die den Thron tragen, und die um ihn herum sind, preisen mit dem Lob ihres Herrn, glauben an ihn und bitten um Vergebung für die, die geglaubt haben: Unser Herr, du umfasst alles mit Barmherzigkeit und Wissen. So vergib denen, die umkehren und deinem Weg folgen, und bewahre sie vor der Strafe der Hölle.
- 8Unser Herr! Lass sie in die Gärten von Eden eingehen, die du ihnen versprochen hast, und ihre Rechtschaffenen unter ihren Vätern, ihren Ehefrauen und ihren Nachkommen. Wahrlich, du bist der Mächtige, der Weise.
- 9Bewahre sie vor den Sünden. Wen du an jenem Tag vor den Sünden bewahrst, dem erweist du Barmherzigkeit. Das ist der große Sieg.
- 10Den Ungläubigen wird zugerufen: Gottes Verabscheuung ist größer als eure eigene Verabscheuung gegen euch, als ihr zum Glauben gerufen wurdet, dann aber ungläubig wart.
- 11Sie sagen: Unser Herr, du hast uns zweimal sterben lassen und zweimal lebendig gemacht. Wir haben unsere Sünden zugegeben. Gibt es einen Ausweg?
- 12Das ist, weil ihr, wenn Gott allein angerufen wurde, ungläubig wart. Wenn ihm aber beigesellt wurde, dann glaubtet ihr. Das Urteil gehört Gott, dem Hohen, dem Großen.
- 13Er ist es, der euch seine Zeichen zeigt und euch vom Himmel Versorgung herabsendet. Doch nur der lässt sich ermahnen, der umkehrt.
- 14So ruft Gott an, in lauterer Hingabe der Religion an ihn, auch wenn die Ungläubigen es hassen.
- 15Der hohe Rangverteiler, der Inhaber des Thrones. Er wirft den Geist aus seinem Befehl auf, wen er will von seinen Dienern, damit er vor dem Tag der Begegnung warnt.
- 16Dem Tag, an dem sie hervorkommen. Nichts von ihnen ist Gott verborgen. Wem gehört heute die Herrschaft? Gott, dem Einigen, dem Bezwingenden!
- 17Heute wird jeder Seele für das vergolten, was sie erworben hat. Heute gibt es keine Ungerechtigkeit. Wahrlich, Gott ist schnell in der Abrechnung.
- 18Warne sie vor dem nahen Tag, wenn die Herzen in den Kehlen ersticken und sie schlucken müssen. Es gibt für die Frevler keinen vertrauten Freund und keinen Fürsprecher, dem gehorcht würde.
- 19Er kennt das Verräterische der Augen und was die Brüste verbergen.
- 20Gott entscheidet mit Wahrheit. Aber die, die sie neben ihm anrufen, entscheiden nichts. Wahrlich, Gott ist der Allhörende, der Allsehende.
- 21Sind sie nicht in der Erde gewandert und haben gesehen, wie die Folge derer war, die vor ihnen waren? Sie waren stärker als sie an Kraft und an Spuren in den Ländern. Doch Gott packte sie für ihre Sünden, und sie hatten gegen Gott keinen Schutzherrn.
- 22Das ist, weil ihre Gesandten zu ihnen mit den deutlichen Zeichen kamen. Doch sie wurden ungläubig. Da packte sie Gott. Wahrlich, er ist stark, hart in der Vergeltung.
- 23Wahrlich, wir haben Moses mit unseren Zeichen und einer deutlichen Vollmacht gesandt,
- 24zu Pharao, Hāmān und Qārūn. Sie sagten: Ein Magier, ein Lügner!
- 25Als er ihnen die Wahrheit von uns brachte, sagten sie: Tötet die Söhne derer, die mit ihm geglaubt haben, und lasst ihre Frauen am Leben! Doch die List der Ungläubigen ist immer in der Irre.
- 26Pharao sagte: Lasst mich Moses töten, und er soll seinen Herrn anrufen. Ich fürchte, dass er eure Religion ändert oder im Land Verderben anrichtet.
- 27Moses sagte: Wahrlich, ich nehme Zuflucht zu meinem Herrn und eurem Herrn vor jedem Hochmütigen, der nicht an den Tag der Abrechnung glaubt.
- 28Da sagte ein gläubiger Mann aus dem Volk Pharaos, der seinen Glauben verbarg: Wollt ihr einen Mann töten, weil er sagt: Mein Herr ist Gott? Er ist doch zu euch mit den deutlichen Zeichen von eurem Herrn gekommen. Wenn er ein Lügner ist, so trifft ihn seine Lüge. Wenn er die Wahrheit sagt, wird euch etwas von dem treffen, was er euch verspricht. Wahrlich, Gott leitet nicht den, der maßlos ist und ein Lügner.
- 29Mein Volk! Heute ist euch die Herrschaft, ihr seid mächtig im Land. Aber wer würde uns gegen Gottes Wucht beistehen, wenn sie zu uns kommt? Pharao sagte: Ich zeige euch nur, was ich sehe. Und ich leite euch nur den Weg der rechten Führung.
- 30Da sagte der, der geglaubt hatte: Mein Volk! Ich fürchte für euch das Gleiche wie den Tag der Gruppen,
- 31wie es dem Volk Noahs, den ʿĀd, Thamūd und denen nach ihnen war. Doch Gott will keinem Diener Unrecht.
- 32Mein Volk! Ich fürchte für euch den Tag des Zurufens,
- 33an dem ihr den Rücken kehrt – ihr habt vor Gott keinen Schutz. Wen Gott irreführt, dem gibt es keinen Rechtleiter.
- 34Zu euch ist schon vorher Joseph mit den deutlichen Zeichen gekommen. Doch ihr seid an dem, was er euch brachte, immer im Zweifel geblieben. Als er starb, sagtet ihr: Gott wird nach ihm keinen Gesandten mehr schicken. So führt Gott den maßlosen Zweifler in die Irre.
- 35Die, die über Gottes Zeichen streiten ohne Vollmacht, die zu ihnen gekommen wäre – das ist Gott und denen, die geglaubt haben, sehr verhasst. So versiegelt Gott das Herz jedes Hochmütigen, Tyrannen.
- 36Pharao sagte: Hāmān! Baue mir einen Turm. Vielleicht erreiche ich die Zugänge,
- 37die Zugänge der Himmel, dass ich zu dem Gott Moses' aufsteige. Ich halte ihn für einen Lügner. So wurde Pharao das Übel seines Tuns schön gemacht, und er wurde vom Weg abgehalten. Die List Pharaos endete nur im Verlust.
- 38Der, der geglaubt hatte, sagte: Mein Volk! Folgt mir, ich leite euch auf den Weg der rechten Führung.
- 39Mein Volk! Dieses diesseitige Leben ist nur ein Genuss. Wahrlich, das Jenseits – das ist die Stätte des Bleibens.
- 40Wer Übel tut, wird nur ihresgleichen vergolten. Wer aber Gutes tut – Mann oder Frau – und gläubig ist, diese treten ins Paradies ein, in dem sie ohne Berechnung versorgt werden.
- 41Mein Volk! Was ist mit mir, dass ich euch zur Rettung rufe und ihr mich zum Feuer ruft?
- 42Ihr ruft mich auf, an Gott ungläubig zu sein und ihm beizugesellen, von dem ich kein Wissen habe. Ich aber rufe euch zu dem Mächtigen, dem Allverzeihenden.
- 43Es ist kein Zweifel, dass das, wozu ihr mich ruft, im diesseitigen Leben und im Jenseits nicht aufgerufen wird. Wahrlich, unsere Heimkehr ist zu Gott. Wahrlich, die Maßlosen sind die Gefährten des Feuers.
- 44Ihr werdet euch erinnern an das, was ich euch sage. Ich überlasse meine Sache Gott. Wahrlich, Gott sieht die Diener.
- 45Gott bewahrte ihn vor den Übeln, die sie aushecken wollten. Und die Sippe Pharaos umschloss die schlimme Strafe –
- 46das Feuer, dem sie morgens und abends ausgesetzt werden. An dem Tag, an dem die Stunde eintritt: Lasst die Sippe Pharaos in die schwerste Strafe eintreten!
- 47Als sie im Feuer miteinander stritten, sagten die Schwachen zu den Hochmütigen: Wir waren euch Anhänger. Werdet ihr uns einen Teil des Feuers abnehmen?
- 48Die Hochmütigen sagten: Wir sind alle darin. Wahrlich, Gott hat zwischen den Dienern entschieden.
- 49Die im Feuer sagen zu den Wächtern der Hölle: Ruft euren Herrn, dass er uns einen Tag der Strafe erleichtere!
- 50Sie sagen: Sind nicht zu euch eure Gesandten mit den deutlichen Zeichen gekommen? Sie sagen: Doch! Sie sagen: So ruft an! Aber das Anrufen der Ungläubigen ist nur in der Irre.
- 51Wahrlich, wir helfen unseren Gesandten und denen, die geglaubt haben, im diesseitigen Leben und am Tag, an dem die Zeugen aufstehen,
- 52dem Tag, an dem den Frevlern ihre Entschuldigung nichts nützt und über sie der Fluch und die schlechte Wohnstätte ist.
- 53Wahrlich, wir haben Moses die Rechtleitung gegeben und ließen die Kinder Israels das Buch erben –
- 54Rechtleitung und Ermahnung für die Verständigen.
- 55So sei geduldig! Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr. Bitte um Vergebung für deine Sünde und preise mit dem Lob deines Herrn am Abend und am Morgen.
- 56Wahrlich, die, die über Gottes Zeichen streiten ohne Vollmacht, die zu ihnen gekommen wäre – in ihren Brüsten ist nur Hochmut, doch sie werden ihn nicht erreichen. So suche Zuflucht bei Gott. Wahrlich, er ist der Allhörende, der Allsehende.
- 57Wahrlich, die Schöpfung der Himmel und der Erde ist größer als die Schöpfung der Menschen. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
- 58Nicht gleich sind der Blinde und der Sehende, und nicht die, die geglaubt und gute Werke getan haben, mit dem Übeltäter. Wenig lasst ihr euch ermahnen.
- 59Wahrlich, die Stunde wird kommen, kein Zweifel daran. Aber die meisten Menschen glauben nicht.
- 60Euer Herr sagt: Ruft mich an, ich werde euch erhören. Wahrlich, die, die zu hochmütig sind, mir zu dienen, werden gedemütigt in die Hölle eintreten.
- 61Gott ist es, der euch die Nacht gemacht hat, damit ihr in ihr ruht, und den Tag, damit ihr sehen könnt. Wahrlich, Gott ist gegen die Menschen großzügig. Aber die meisten Menschen sind nicht dankbar.
- 62Das ist Gott, euer Herr, der Schöpfer aller Dinge. Es gibt keinen Gott außer ihm. Wie könnt ihr euch abwenden?
- 63So wenden sich die ab, die Gottes Zeichen leugnen.
- 64Gott ist es, der euch die Erde zur Wohnstatt und den Himmel zum Bau gemacht hat. Er hat euch geformt und eure Gestalten schön gemacht. Er hat euch mit guten Dingen versorgt. Das ist Gott, euer Herr. Erhaben ist Gott, der Herr der Welten!
- 65Er ist der Lebendige. Es gibt keinen Gott außer ihm. So ruft ihn an, in lauterer Hingabe an ihn. Lob sei Gott, dem Herrn der Welten!
- 66Sprich: Mir wurde verboten, denen zu dienen, die ihr neben Gott anruft, als die deutlichen Zeichen von meinem Herrn zu mir kamen. Mir wurde befohlen, mich dem Herrn der Welten zu unterwerfen.
- 67Er ist es, der euch aus Erde erschaffen hat, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen. Dann lässt er euch als Säuglinge hervorkommen. Dann lässt er euch eure Reife erreichen, dann werdet ihr Greise. Manche von euch werden vorher abberufen. Damit ihr eine festgesetzte Frist erreicht und damit ihr es verstehen mögt.
- 68Er ist es, der lebendig macht und sterben lässt. Wenn er etwas bestimmt, sagt er nur zu ihm: Sei! – und es ist.
- 69Hast du nicht die gesehen, die über Gottes Zeichen streiten? Wie sie sich abwenden!
- 70Die, die das Buch und das, womit wir unsere Gesandten geschickt haben, für eine Lüge erklären – sie werden erkennen,
- 71wenn die Fesseln um ihre Hälse und die Ketten gelegt sind. Sie werden ins kochende Wasser geschleppt, dann ins Feuer geworfen.
- 72Es wird ihnen gesagt: Wo ist das, was ihr neben Gott beigesellt habt? Sie sagen: Sie sind uns verloren gegangen. Nein! Wir haben vorher gar nichts angerufen. So lässt Gott die Ungläubigen in die Irre gehen.
- 73Das ist, weil ihr auf der Erde mit Unrecht ausgelassen wart und übermütig.
- 74Tretet in die Tore der Hölle, darin ewig! Schlimme Wohnstätte für die Hochmütigen!
- 75So sei geduldig! Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr. Ob wir dir einiges zeigen, was wir ihnen versprochen haben, oder dich abberufen – zu uns werden sie zurückgebracht.
- 76Wir haben schon vor dir Gesandte geschickt. Manche haben wir dir berichtet, manche nicht. Es gehört keinem Gesandten zu, ein Zeichen zu bringen außer mit Gottes Erlaubnis. Wenn Gottes Befehl kommt, wird mit Wahrheit entschieden. Dann verlieren die, die für eine Lüge erklärten.
- 77Gott ist es, der für euch das Vieh gemacht hat, damit ihr manche reitet und von manchen esst.
- 78Ihr habt darin Nutzen. Damit ihr darauf eine Sache erreicht, die euch im Brust ist. Auf ihnen und auf den Schiffen werdet ihr getragen.
- 79Er zeigt euch seine Zeichen. Welche der Zeichen Gottes wollt ihr leugnen?
- 80Sind sie nicht in der Erde gewandert und haben gesehen, wie die Folge derer war, die vor ihnen waren? Sie waren mehr als sie und stärker an Kraft und an Spuren in den Ländern. Aber was sie erwarben, nützte ihnen nichts.
- 81Als ihre Gesandten ihnen mit den deutlichen Zeichen kamen, freuten sie sich über das Wissen, das bei ihnen war. Aber sie wurden umschlossen von dem, worüber sie spotteten.
- 82Als sie unsere Wucht sahen, sagten sie: Wir glauben an Gott allein und sind ungläubig gegen das, womit wir ihm beigesellt haben.
- 83Aber ihr Glauben, als sie unsere Wucht sahen, nützte ihnen nicht. Das ist die Gewohnheit Gottes, die schon zuvor unter seinen Dienern bestand. Da verloren die Ungläubigen.
Einordnung & Bedeutung
Die Namen der Sure
Die Sure trägt zwei Namen. Der häufigere ist Ghāfir („Der Vergebende") – nach Vers 3, der Gott als „Sünden-Vergebenden" beschreibt. Der zweite Name ist al-Muʾmin („Der Gläubige") – nach dem gläubigen Mann am Hof Pharaos, der das Zentrum der Sure ist.
Beide Namen sind theologisch passend. Die Sure zeigt zwei Gesichter Gottes: Vergebung (für die, die umkehren) und Strenge (für die, die hochmütig bleiben). Und sie zeigt zwei Gesichter des Menschen: den Tyrannen (Pharao) und den Bekenner unter Druck (der gläubige Mann).
Die Gottesbeschreibung (Vers 3)
Vers 3 ist eine der dichtesten Gottesbeschreibungen des Korans: „Dem Sünden-Vergebenden, dem Umkehr-Annehmenden, dem strengen Strafer, dem Inhaber der Großmut."
Vier Eigenschaften nebeneinander – und sie spannen einen weiten Bogen. Gott vergibt. Gott nimmt Umkehr an. Gott straft streng. Gott ist großmütig. Diese Spannung ist in der islamischen Theologie zentral: Gott ist nicht nur barmherzig oder nur gerecht – er ist beides, ohne dass eines das andere aufhebt.
Der gläubige Mann am Hof Pharaos (Verse 28–45)
Das Herzstück der Sure ist eine ungewöhnliche Erzählung. Während Moses und Pharao streiten, tritt ein einzelner Mann hervor – „ein gläubiger Mann aus dem Volk Pharaos, der seinen Glauben verbarg" (Vers 28).
Diese Figur ist eine der bemerkenswertesten des Korans. Wer ist er? Klassische Auslegungen geben ihm verschiedene Namen, sicher ist nichts. Aber sein Verhalten ist klar:
- Er ist am Hof Pharaos – also in hoher politischer Stellung.
- Er ist heimlich gläubig – er hat Moses Botschaft erkannt.
- Er hat Mut zum Bekennen unter Druck – als Pharao Moses töten will, tritt er hervor.
Seine Argumentation ist meisterhaft. Er beginnt nicht mit einem Bekenntnis, sondern mit einer rhetorischen Frage (Vers 28): „Wollt ihr einen Mann töten, weil er sagt: Mein Herr ist Gott?" Er stellt das Vorgehen Pharaos in den Schatten.
Dann führt er ein bemerkenswert pragmatisches Argument an: „Wenn er ein Lügner ist, so trifft ihn seine Lüge. Wenn er die Wahrheit sagt, wird euch etwas von dem treffen, was er euch verspricht." – eine Art Pascalsche Wette avant la lettre. Was habt ihr zu verlieren? Wenn er lügt, sortiert sich das von selbst aus. Wenn er die Wahrheit sagt, habt ihr ein großes Problem.
In den folgenden Versen wird der gläubige Mann immer mutiger. Er erinnert an die untergegangenen Völker (Verse 30–31), erinnert an Joseph in Ägypten (Vers 34), warnt vor dem Tag des Gerichts (Vers 32–33), und schließt mit einer offenen Bekenntnis-Aufforderung: „Folgt mir, ich leite euch auf den Weg der rechten Führung." (Vers 38)
Vers 39 ist seine theologische Pointe: „Mein Volk! Dieses diesseitige Leben ist nur ein Genuss. Wahrlich, das Jenseits – das ist die Stätte des Bleibens."
Vers 44 ist das Ende seiner Rede: „Ihr werdet euch erinnern an das, was ich euch sage. Ich überlasse meine Sache Gott. Wahrlich, Gott sieht die Diener."
Vers 45 zeigt das Ergebnis: „Gott bewahrte ihn vor den Übeln, die sie aushecken wollten." Der Mann überlebt. Er hat das Risiko genommen und ist gerettet.
Diese Erzählung ist ein Modell für Zivilcourage. Wer in einem ungerechten System eine Stelle hat, muss nicht schweigen. Wer den Mut findet, kann etwas sagen – auch wenn er nicht alles erreicht. Diese Stelle ist im modernen muslimischen Diskurs über Widerstand gegen Unrecht zentral.
Pharaos Turm (Vers 36–37)
Pharao reagiert auf Moses' Drohung mit einer bizarren Idee: Er befiehlt seinem Minister Hāmān, einen Turm zu bauen, um „die Zugänge des Himmels zu erreichen" und „zu dem Gott Moses' aufzusteigen".
Das ist eine erstaunliche Parodie auf den biblischen Turm zu Babel. Pharao denkt, Gott sei räumlich – an einem bestimmten Ort. Wer hoch genug baut, kann ihn finden. Diese naive Theologie wird im Koran als das eigentliche Problem entlarvt: Wer Gott physisch denkt, hat noch nicht verstanden, was Gott ist.
Vers 37 zieht die bittere Bilanz: „Die List Pharaos endete nur im Verlust."
„Ruft mich an, ich werde euch erhören" (Vers 60)
Vers 60 ist einer der bekanntesten Verse des Korans: „Euer Herr sagt: Ruft mich an, ich werde euch erhören. Wahrlich, die, die zu hochmütig sind, mir zu dienen, werden gedemütigt in die Hölle eintreten."
Diese Stelle ist die Grundlage der gesamten Bittgebets-Theologie im Islam. Das duʿāʾ – das persönliche Bittgebet – ist hier ausdrücklich autorisiert. Gott will angerufen werden. Wer ihn nicht anruft, ist nicht etwa höflich oder bescheiden – er ist hochmütig.
Bemerkenswert: Beten ist hier kein Privileg, sondern eine Pflicht. Vers 60 zweite Hälfte: Wer das nicht tut, „wird gedemütigt in die Hölle eintreten". Das ist eine erstaunlich harte Aussage. Wer Gott nichts zu sagen hat, hat ein theologisches Problem.
Mohammed soll laut Hadith gesagt haben: „Das Bittgebet ist die Anbetung." Diese Stelle ist sein koranischer Anker.
Das embryonale Bild (Vers 67)
Vers 67 ist eine der detailliertesten Beschreibungen der menschlichen Entwicklung im Koran: „Er ist es, der euch aus Erde erschaffen hat, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen. Dann lässt er euch als Säuglinge hervorkommen. Dann lässt er euch eure Reife erreichen, dann werdet ihr Greise."
Die Sequenz: Erde → Samentropfen → Blutklumpen → Säugling → Reifer → Greis. Sechs Stufen, jede mit eigenem Charakter. Das ist mehr als eine biologische Beschreibung; es ist eine Lebenslauf-Theologie. Jede Stufe ist Geschenk, jede Stufe ist vergänglich, jede Stufe ist Teil eines größeren Plans.
Die letzte Reue (Verse 84–85)
Die Sure endet mit einer erschütternden Schlussszene. Untergegangene Völker rufen, als sie Gottes Strafe sehen: „Wir glauben an Gott allein und sind ungläubig gegen das, womit wir ihm beigesellt haben."
Eine späte Reue. Aber Vers 85 macht klar: Es ist zu spät. „Ihr Glauben, als sie unsere Wucht sahen, nützte ihnen nicht. Das ist die Gewohnheit Gottes, die schon zuvor unter seinen Dienern bestand."
Das ist eine theologisch interessante Setzung. Reue im letzten Moment, wenn die Strafe schon offensichtlich ist, gilt nicht. Echte Umkehr muss aus der Möglichkeit zur Verleugnung heraus geschehen. Wer erst angesichts der Konsequenzen einlenkt, hat nicht wirklich geglaubt – er hat nur gerechnet.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 40 ist eine politisch und sozial-ethisch reiche Sure. Sie macht eine zentrale Aussage: Es gibt Situationen, in denen man unter Druck Stellung beziehen muss. Der gläubige Mann am Hof Pharaos ist das Modell. Er hat seine hohe Stellung nicht aufgegeben für sein Bekenntnis – aber er hat sein Bekenntnis nicht für die Stellung aufgegeben.
Vers 60 (über das Bittgebet) ist im praktischen Glaubensleben einer der wirkungsreichsten. Er ist die ständige Einladung an alle Gläubigen: Du darfst – ja, du musst – Gott alles sagen. Er hört zu.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Ghāfir – „Der Vergebende" – einer der schönsten Gottesnamen; gibt der Sure ihren häufigsten Namen
- Hāmān – Minister Pharaos – im Koran genannt; der Name kommt auch im biblischen Buch Esther vor (anderer Kontext)
- Qārūn – Korach – der reiche Gegenspieler Moses aus den Kindern Israels (Sure 28 ausführlich)
- Der gläubige Mann (al-muʾmin) – die anonyme Figur am Hof Pharaos – Modell für Zivilcourage unter ungerechter Herrschaft
- Pharaos Turm – die Anweisung an Hāmān, einen Turm zum Himmel zu bauen – koranische Parodie auf Babel
- „Ruft mich an, ich werde euch erhören" – Vers 60 – Grundlage der islamischen Bittgebets-Theologie
- Letzte Reue – Vers 85 – die Reue im Moment der sichtbaren Strafe gilt nicht