Sure 44

Der Rauch

Ad-Duchān

Verse: 59 Offenbart in: Mekka Zeit: mittelmekkanisch

Worum geht's?

Eine kurze, eindringliche Sure. Sie beginnt mit der berühmten Aussage: „Wir haben ihn in einer gesegneten Nacht herabgesandt" – eine der Bezugsstellen für die Nacht der Bestimmung (Laylat al-Qadr). Im Hauptteil: die Endzeit-Vision eines weltumfassenden Rauchs, eine Moses-Pharao-Erzählung, und das berühmte Zaqqūm-Bild der Hölle.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ḥā-Mīm.
  2. 2Beim deutlichen Buch!
  3. 3Wahrlich, wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt. Wahrlich, wir waren Warner.
  4. 4In ihr wird jede weise Sache entschieden,
  5. 5als ein Befehl von uns. Wir waren Sendende –
  6. 6als Barmherzigkeit von deinem Herrn. Wahrlich, er ist der Allhörende, der Allwissende,
  7. 7der Herr der Himmel und der Erde und was zwischen ihnen ist, wenn ihr nur sicher seid.
  8. 8Es gibt keinen Gott außer ihm. Er macht lebendig und lässt sterben. Euer Herr und der Herr eurer früheren Väter.
  9. 9Doch sie sind im Zweifel und spielen.
  10. 10So warte auf den Tag, an dem der Himmel einen deutlichen Rauch bringt,
  11. 11der die Menschen einhüllt. Das ist eine schmerzhafte Strafe.
  12. 12Unser Herr! Nimm die Strafe von uns! Wahrlich, wir glauben.
  13. 13Wie sollten sie sich ermahnen lassen, da doch ein deutlicher Gesandter zu ihnen kam,
  14. 14und sie sich von ihm abwandten und sagten: Ein Belehrter, ein Wahnsinniger!
  15. 15Wir nehmen die Strafe für eine kurze Zeit hinweg. Wahrlich, ihr werdet zurückkehren.
  16. 16An dem Tag, an dem wir den großen Griff packen – wahrlich, wir nehmen Rache!
  17. 17Wir haben vor ihnen das Volk Pharaos geprüft, und ein edler Gesandter kam zu ihnen:
  18. 18Übergebt mir die Diener Gottes! Wahrlich, ich bin für euch ein vertrauenswürdiger Gesandter.
  19. 19Erhebt euch nicht gegen Gott. Wahrlich, ich komme zu euch mit einer deutlichen Vollmacht.
  20. 20Wahrlich, ich nehme Zuflucht zu meinem Herrn und eurem Herrn, dass ihr mich nicht steinigt.
  21. 21Wenn ihr mir nicht glaubt, so haltet euch fern von mir.
  22. 22So rief er seinen Herrn an: Wahrlich, das sind ein verbrecherisches Volk!
  23. 23Ziehe in der Nacht mit meinen Dienern weg! Ihr werdet verfolgt werden.
  24. 24Lass das Meer in Ruhe geöffnet liegen. Wahrlich, sie sind ein Heer, das ertränkt werden soll.
  25. 25Wie viele Gärten und Quellen verließen sie,
  26. 26und Saatfelder und edle Stellen,
  27. 27und Annehmlichkeit, an der sie sich freuten!
  28. 28So war es. Wir haben das einem anderen Volk vererbt.
  29. 29Der Himmel und die Erde weinten nicht über sie, und ihnen wurde kein Aufschub gegeben.
  30. 30Wir retteten die Kinder Israels vor der entehrenden Strafe –
  31. 31vor Pharao. Wahrlich, er war hochmütig, einer der Maßlosen.
  32. 32Wir haben sie mit Wissen über die Welten ausgezeichnet.
  33. 33Wir gaben ihnen Zeichen, in denen eine deutliche Prüfung war.
  34. 34Wahrlich, diese sagen:
  35. 35Es gibt nur unseren ersten Tod, und wir werden nicht auferweckt.
  36. 36So bringt unsere Väter, wenn ihr wahrhaftig seid!
  37. 37Sind sie besser oder das Volk von Tubbaʿ und die vor ihnen? Wir vernichteten sie, denn sie waren Frevler.
  38. 38Wir haben die Himmel und die Erde und was zwischen beiden ist nicht zum Spiel erschaffen.
  39. 39Wir haben sie nur mit Wahrheit erschaffen. Aber die meisten von ihnen wissen es nicht.
  40. 40Wahrlich, der Tag der Entscheidung ist für sie alle ein versprochener Termin,
  41. 41der Tag, an dem ein Freund einem Freund nichts nützt und an dem ihnen nicht beigestanden wird,
  42. 42außer dem, dem Gott Barmherzigkeit erweist. Wahrlich, er ist der Mächtige, der Barmherzige.
  43. 43Wahrlich, der Zaqqūm-Baum
  44. 44ist die Speise des Sündigen.
  45. 45Wie geschmolzenes Erz – in den Bäuchen kocht es
  46. 46wie das Sieden des heißen Wassers.
  47. 47Packt ihn und schleppt ihn mitten in die Lohe!
  48. 48Dann gießt über sein Haupt die Strafe des kochenden Wassers!
  49. 49Koste! Wahrlich, du bist der Mächtige, der Edle.
  50. 50Wahrlich, das ist es, woran ihr zweifeltet.
  51. 51Wahrlich, die Gottesfürchtigen sind an einem sicheren Ort,
  52. 52in Gärten und an Quellen,
  53. 53tragen feine Seide und Brokat, einander gegenüber.
  54. 54So ist es. Wir vermählen sie mit großäugigen Gefährtinnen.
  55. 55Sie verlangen darin nach jeder Frucht, sicher.
  56. 56Sie kosten darin den Tod nicht, außer dem ersten Tod. Er bewahrt sie vor der Strafe der Hölle –
  57. 57als Gunst von deinem Herrn. Das ist der große Erfolg.
  58. 58Wahrlich, wir haben ihn auf deiner Zunge leicht gemacht – vielleicht lassen sie sich ermahnen.
  59. 59So warte! Wahrlich, sie warten auch.

Einordnung & Bedeutung

Die gesegnete Nacht (Verse 3–6)

Die Sure beginnt mit der berühmten Aussage: „Wahrlich, wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt." Welche Nacht ist gemeint?

Klassisch wird dieser Vers mit der Nacht der Bestimmung (laylat al-qadr, siehe Sure 97) verbunden. In dieser Nacht – nach klassischer Lehre in den letzten zehn Tagen des Ramadan – sei der Koran von der „bewahrten Tafel" (al-lauḥ al-maḥfūẓ) in den irdischen Himmel herabgesandt worden, von wo aus er dann über 22 Jahre an Mohammed offenbart wurde.

Manche Auslegungen (vor allem schiitische) identifizieren die Nacht alternativ mit der 15. Schaʿbān-Nacht – einer Nacht im 8. Monat des islamischen Kalenders, in der nach Volkstradition die Bücher der Taten für das kommende Jahr aufgeschlagen werden.

Vers 4 ist bemerkenswert: „In ihr wird jede weise Sache entschieden." Das heißt: In dieser einen Nacht werden die Geschicke des kommenden Jahres festgesetzt. Die Vorstellung einer „kosmischen Buchhaltung" zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr ist eine Eigenheit islamischer Frömmigkeit. Viele Muslime versuchen daher in den letzten Ramadan-Nächten besonders intensiv zu beten – sie wollen mitwirken, wo etwas entschieden wird.

Der Rauch (Verse 10–16)

Vers 10 nennt das namensgebende Bild: „Warte auf den Tag, an dem der Himmel einen deutlichen Rauch bringt, der die Menschen einhüllt."

Was ist gemeint? Klassische Auslegungen kennen zwei Hauptlesarten:

  1. Historische Lesart: Während einer Hungersnot in Mekka, die Mohammed nach seiner Auswanderung von den Quraisch erbeten hatte (sie wollten gegen ihn gehetzt werden), sahen die hungernden Mekkaner alles wie durch einen Schleier – Schwäche und Hunger verzerrten ihre Wahrnehmung. Der „Rauch" war diese Wahrnehmungstrübung.
  2. Eschatologische Lesart: Der Rauch ist ein Endzeit-Zeichen, das vor dem Jüngsten Tag erscheinen wird. Mohammed soll nach einigen Hadithen die zehn großen Endzeit-Zeichen aufgezählt haben – darunter „den Rauch".

Beide Lesarten sind im Tafsīr verbreitet. Beide passen zum Text.

Bemerkenswert ist Vers 12: „Unser Herr! Nimm die Strafe von uns! Wahrlich, wir glauben." Das ist eine späte, aber zu späte Reue. Die Sure macht klar (Vers 14–15): Wenn Gott die Strafe wegnimmt, fallen die Menschen wieder zurück. Krisengläubigkeit ist nicht echter Glaube.

Die Moses-Pharao-Erzählung (Verse 17–33)

Eine kompakte Moses-Pharao-Erzählung. Moses kommt als „edler Gesandter" zum Volk Pharaos und sagt (Vers 18): „Übergebt mir die Diener Gottes!" Er fordert die Freilassung der Kinder Israels.

Pharao lehnt ab. Moses ruft Gott an. Es kommt zum Auszug. Verse 23–24 sind bemerkenswert: „Ziehe in der Nacht mit meinen Dienern weg! Ihr werdet verfolgt werden. Lass das Meer in Ruhe geöffnet liegen."

Die Anweisung „Lass das Meer in Ruhe geöffnet liegen" ist ein bekanntes Detail. Nach klassischer Auslegung: Moses war über das Meer gegangen (das sich teilte), und auf der anderen Seite wollte er es wieder schließen, damit Pharao nicht nachkommen könnte. Gott sagte: Lass es offen. Pharao soll hineingehen und ertrinken.

Verse 25–28 sind ein bewegendes Bild des Verlusts. Pharao und sein Volk verließen „wie viele Gärten und Quellen, Saatfelder und edle Stellen, und Annehmlichkeit, an der sie sich freuten!" Sie hatten alles. Sie verloren alles. Es kam an andere.

Vers 29 ist ein erstaunliches Bild: „Der Himmel und die Erde weinten nicht über sie." Klassische Auslegung: Wenn Gerechte sterben, weinen Himmel und Erde. Wenn Frevler untergehen, nicht. Sie hinterlassen keine Lücke.

Die Hölle und das Paradies (Verse 43–57)

Die Sure endet mit kontrastiven Bildern. Der Zaqqūm-Baum (Verse 43–46) ist das berüchtigte Höllen-Gewächs. Seine Frucht ist „Speise des Sündigen". Sie schmilzt im Bauch wie geschmolzenes Erz, wie kochendes Wasser.

Verse 47–50 schildern die direkte Bestrafung: „Packt ihn und schleppt ihn mitten in die Lohe! Dann gießt über sein Haupt die Strafe des kochenden Wassers! Koste! Wahrlich, du bist der Mächtige, der Edle."

Die letzte Anrede – „der Mächtige, der Edle" – ist Ironie. Klassische Überlieferungen verbinden sie mit Abū Dschahl, einem der wichtigsten mekkanischen Gegner Mohammeds, der sich selbst als al-ʿazīz al-karīm – „der Mächtige, der Edle" – bezeichnet hatte. Diese Selbstbenennung wird ihm am Jüngsten Tag spöttisch zurückgegeben.

Die Paradiesbilder (Verse 51–57) sind klassisch: sicherer Ort, Gärten, Quellen, Seide und Brokat, Gefährtinnen, Früchte. Bemerkenswert ist Vers 56: „Sie kosten darin den Tod nicht, außer dem ersten Tod." Der erste Tod ist das einmalige Sterben im Diesseits. Im Paradies stirbt niemand mehr. Das ist eine wichtige theologische Setzung: Das Paradies ist nicht ein verlängertes Leben, sondern eine neue Existenzform ohne Tod.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 44 ist eine kompakte, eindringliche Sure. Sie verbindet:

  • Die Aussage über die gesegnete Nacht der Offenbarung (Verse 3–6)
  • Die Rauch-Drohung (Verse 10–16)
  • Die Moses-Pharao-Erzählung (Verse 17–33)
  • Die Hölle und das Paradies (Verse 43–57)

Die Sure wird besonders in den letzten Ramadan-Nächten oft rezitiert, weil ihre ersten Verse die Nacht der Bestimmung thematisieren. Wer in diesen Nächten betet und liest, hofft auf besonders intensive Aufnahme seiner Bittgebete.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Gesegnete Nacht (laylatun mubāraka) – Verse 3–6 – klassisch mit der Nacht der Bestimmung identifiziert
  • Bewahrte Tafel (al-lauḥ al-maḥfūẓ) – die himmlische Urschrift des Koran – aus klassischer Auslegung zu Vers 3
  • Rauch (duchān) – Vers 10 – endzeitliches Zeichen, gibt der Sure ihren Namen
  • „Himmel und Erde weinten nicht" – Vers 29 – Bild für die Bedeutungslosigkeit untergegangener Frevler
  • Tubbaʿ – in Vers 37 – jemenitische Königsdynastie (Sabäer/Himjar); auch in Sure 50,14 erwähnt
  • Der Mächtige, der Edle (al-ʿazīz al-karīm) – Vers 49 – ironische Anrede an Abū Dschahl in der Hölle
  • „Erste Tod" – Vers 56 – das einmalige Sterben im Diesseits, kein weiterer Tod im Paradies