Sure 45

Die Knieende

Al-Dschāthiya

Verse: 37 Offenbart in: Mekka Zeit: mittelmekkanisch

Worum geht's?

Eine Sure mit eindringlichem Schlussbild: Alle Völker werden am Jüngsten Tag „kniend" – al-dschāthiya – vor ihrem Schicksal sitzen. Inhaltlich verbindet sie Naturtheologie, Argumente gegen die Materialisten und die Bestätigung, dass jede Tat ihre Spur hinterlässt.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ḥā-Mīm.
  2. 2Eine Herabsendung des Buches von Gott, dem Mächtigen, dem Weisen.
  3. 3Wahrlich, in den Himmeln und auf der Erde sind Zeichen für die Gläubigen.
  4. 4In eurer Schöpfung und in dem, was er an Lebewesen verbreitet hat, sind Zeichen für ein Volk, das sich vergewissert.
  5. 5Im Wechsel von Nacht und Tag, in dem, was Gott vom Himmel an Versorgung herabsendet und mit dem er die Erde nach ihrem Tod belebt, und im Wenden der Winde sind Zeichen für ein Volk, das verständig ist.
  6. 6Das sind Gottes Zeichen, die wir dir mit Wahrheit verlesen. An welche Rede nach Gott und seinen Zeichen wollen sie noch glauben?
  7. 7Wehe jedem lügenden Sündigen!
  8. 8Er hört die Zeichen Gottes, die ihm verlesen werden, dann beharrt er hochmütig, als hätte er sie nicht gehört. Verkünde ihm eine schmerzhafte Strafe!
  9. 9Wenn er etwas von unseren Zeichen erfährt, nimmt er es zum Spott. Für diese ist eine entehrende Strafe.
  10. 10Hinter ihnen ist die Hölle. Was sie erworben haben, wird ihnen nichts nützen, auch nicht die, die sie sich neben Gott zu Schutzherren genommen haben. Für sie ist eine gewaltige Strafe.
  11. 11Dies ist Rechtleitung. Die, die an die Zeichen ihres Herrn ungläubig sind – für sie ist die Strafe schmerzhafter Plage.
  12. 12Gott ist es, der euch das Meer dienstbar gemacht hat, damit die Schiffe darin auf seinen Befehl laufen, damit ihr nach seiner Gunst sucht und damit ihr dankbar seid.
  13. 13Er hat euch dienstbar gemacht, was in den Himmeln und auf der Erde ist – alles ist von ihm. Wahrlich, darin sind Zeichen für ein Volk, das nachdenkt.
  14. 14Sag denen, die geglaubt haben, sie sollen denen vergeben, die die Tage Gottes nicht erwarten – damit er ein Volk für das vergilt, was sie erworben haben.
  15. 15Wer Gutes tut, der tut es für sich selbst. Wer Übles tut, der tut es gegen sich selbst. Dann werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht.
  16. 16Wahrlich, wir gaben den Kindern Israels das Buch, das Urteil und die Prophetie. Wir versorgten sie mit den guten Dingen und bevorzugten sie unter den Welten.
  17. 17Wir gaben ihnen deutliche Hinweise in der Sache. Sie wurden uneins erst, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war – aus Neid untereinander. Wahrlich, dein Herr wird zwischen ihnen am Tag der Auferstehung entscheiden, worüber sie uneins waren.
  18. 18Dann haben wir dich auf einen Weg in der Sache gesetzt. So folge ihm. Folge nicht den Lüsten derer, die nicht wissen.
  19. 19Wahrlich, sie können dir vor Gott nichts nützen. Wahrlich, die Frevler sind einer dem anderen Schutzherrn. Aber Gott ist der Schutzherr der Gottesfürchtigen.
  20. 20Dies sind Einsichten für die Menschen, eine Rechtleitung und eine Barmherzigkeit für ein Volk, das sich vergewissert.
  21. 21Oder meinen die, die Übles erworben haben, dass wir sie wie die behandeln, die geglaubt haben und gute Werke getan haben – ihr Leben und ihr Sterben gleich? Schlimm ist, was sie entscheiden.
  22. 22Gott hat die Himmel und die Erde mit Wahrheit erschaffen, damit jede Seele für das vergolten wird, was sie erworben hat, und damit ihnen nicht Unrecht getan wird.
  23. 23Hast du den gesehen, der sich seine Lust zum Gott genommen hat? Gott hat ihn nach Wissen in die Irre gehen lassen, ein Siegel auf sein Ohr und sein Herz gelegt und über sein Auge einen Schleier gemacht. Wer wird ihn dann nach Gott rechtleiten? Wollt ihr euch nicht ermahnen lassen?
  24. 24Sie sagen: Es gibt nur dieses unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben. Nichts vernichtet uns als die Zeit. Sie haben darüber kein Wissen. Sie raten nur.
  25. 25Wenn ihnen unsere Zeichen klar verlesen werden, ist ihr Argument nichts als zu sagen: Bringt unsere Väter zurück, wenn ihr wahrhaftig seid!
  26. 26Sprich: Gott lässt euch leben, dann lässt er euch sterben, dann versammelt er euch am Tag der Auferstehung, an dem es keinen Zweifel gibt. Aber die meisten Menschen wissen es nicht.
  27. 27Gott gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde. An dem Tag, an dem die Stunde eintritt, an jenem Tag verlieren die Verleugner.
  28. 28Du wirst jede Gemeinschaft kniend sehen. Jede Gemeinschaft wird zu ihrem Buch gerufen. Heute werdet ihr für das vergolten, was ihr getan habt.
  29. 29Dieses unser Buch spricht über euch mit Wahrheit. Wir ließen abschreiben, was ihr getan habt.
  30. 30Die, die geglaubt und gute Werke getan haben, lässt ihr Herr in seine Barmherzigkeit eintreten. Das ist der deutliche Erfolg.
  31. 31Aber die, die ungläubig waren – wurden euch nicht meine Zeichen verlesen? Doch ihr wart hochmütig und ein verbrecherisches Volk.
  32. 32Wenn gesagt wurde: Wahrlich, das Versprechen Gottes ist wahr, und an der Stunde ist kein Zweifel – sagtet ihr: Wir wissen nicht, was die Stunde ist. Wir meinten nur eine Vermutung, und wir waren nicht sicher.
  33. 33Die Übel ihrer Taten werden ihnen offenbar, und sie umschließt, worüber sie spotteten.
  34. 34Es wird gesagt: Heute vergessen wir euch, wie ihr die Begegnung mit diesem eurem Tag vergaßt. Eure Wohnstätte ist das Feuer. Ihr habt keinen Beistand.
  35. 35Das ist, weil ihr die Zeichen Gottes zum Spott genommen habt und das diesseitige Leben euch getäuscht hat. Heute werden sie nicht aus ihm gebracht, und sie werden nicht zu Befriedigern.
  36. 36Lob sei Gott, dem Herrn der Himmel, dem Herrn der Erde, dem Herrn der Welten!
  37. 37Ihm gehört die Größe in den Himmeln und auf der Erde. Er ist der Mächtige, der Weise.

Einordnung & Bedeutung

Naturtheologie als Eröffnung (Verse 3–5)

Sure 45 beginnt mit einer klassischen Sequenz koranischer Naturtheologie. In drei Versen werden vier Bereiche aufgezählt, in denen „Zeichen" Gottes liegen:

  • Himmel und Erde
  • Eigene Erschaffung und Lebewesen
  • Wechsel von Nacht und Tag
  • Regen und Wind

Bemerkenswert: Die Zielgruppen sind verschieden formuliert. Die Zeichen sind „für die Gläubigen", „für ein Volk, das sich vergewissert", „für ein Volk, das verständig ist". Das sind drei verschiedene Empfänger-Typen. Manche brauchen schon den Glauben, manche prüfen analytisch, manche denken intuitiv. Die Zeichen funktionieren für alle.

„Wer sich seine Lust zum Gott genommen hat" (Vers 23)

Vers 23 enthält eine der bemerkenswertesten anthropologischen Aussagen des Korans: „Hast du den gesehen, der sich seine Lust zum Gott genommen hat?"

Diese Stelle definiert Götzendienst neu. Götzen müssen nicht hölzerne Bilder sein. Der eigene Trieb – das eigene Wollen, die eigene Lust, das eigene Begehren – kann zum Gott werden. Wer sein Leben danach ausrichtet, was er will, ohne anderen Maßstab, hat einen Götzen aufgestellt – nur eben einen unsichtbaren.

Dieser Vers ist in der zeitgenössischen muslimischen Ethik-Diskussion sehr wichtig. Er erlaubt eine Anwendung der Götzendienst-Polemik auf den modernen Konsumismus, Individualismus, Hedonismus. Wer seine Wünsche zum letzten Maßstab macht, lebt in einer Form von Götzendienst – auch wenn er sich für aufgeklärt-säkular hält.

Der Rest des Verses ist erschütternd: Gott hat ihn „in die Irre gehen lassen" – nicht durch arbiträre Bestrafung, sondern weil er sich selbst dort hineingestellt hat. „Wer wird ihn dann nach Gott rechtleiten?" Wer den eigenen Trieb verabsolutiert, ist nicht mehr ansprechbar – weil jede äußere Stimme die eigene Stimme nicht relativieren kann.

Der Materialismus (Vers 24)

Vers 24 ist eine der bemerkenswertesten antiken Beschreibungen einer materialistischen Position: „Sie sagen: Es gibt nur dieses unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben. Nichts vernichtet uns als die Zeit."

Das ist im Grunde ein antiker Materialismus: Es gibt nur das Diesseits. Sterben und Leben sind natürliche Vorgänge. Die Zeit ist die Ursache der Vergänglichkeit – nicht ein Gott. Diese Position wird im Koran als dahriyya beschrieben (von dahr – „Zeit, Ewigkeit").

Bemerkenswert: Der Koran reagiert auf diese Position nicht mit theologischer Verurteilung, sondern mit erkenntnistheoretischer Kritik: „Sie haben darüber kein Wissen. Sie raten nur." Wer behauptet, es gebe nichts Anderes als das Diesseits, kann das nicht wissen. Es ist eine Behauptung, keine Erkenntnis.

Diese Stelle ist im Gespräch mit zeitgenössischen säkular-naturalistischen Weltbildern wichtig. Sie weist darauf hin: Auch der Materialismus hat seine eigene Glaubens-Voraussetzung – die Annahme, dass es nichts gibt, was wir nicht messen können.

Die knieende Gemeinschaft (Vers 28)

Vers 28 gibt der Sure ihren Namen: „Du wirst jede Gemeinschaft kniend sehen. Jede Gemeinschaft wird zu ihrem Buch gerufen."

Das arabische dschāthiya – „kniend, hingekauert" – ist ein körperliches Bild für die Haltung am Jüngsten Tag. Niemand steht aufrecht. Alle Völker sitzen niedergebeugt und warten auf das Urteil.

Bemerkenswert ist das Detail: „Jede Gemeinschaft" (kull umma). Nicht nur Individuen, sondern Gemeinschaften werden gerufen. Das ist eine seltene koranische Aussage über kollektive Verantwortung. Religionsgemeinschaften, Völker, vielleicht auch Generationen – sie alle haben ein „Buch", das ihre kollektive Geschichte enthält.

Die zwei Tode (Vers 26)

Vers 26 ist eine prägnante Aussage über den menschlichen Lebenslauf: „Gott lässt euch leben, dann lässt er euch sterben, dann versammelt er euch am Tag der Auferstehung."

Drei Bewegungen: Leben → Tod → Auferstehung. Das ist die koranische Standard-Eschatologie. Anders als manche antike Vorstellungen (Reinkarnation, ewiger Schlaf, vollständiges Nichts) hat der Koran ein klares Modell: einmal Leben, einmal Sterben, dann eine neue Existenz.

Diese Stelle ist auch eine implizite Polemik gegen die Vorstellung, mit dem Tod sei alles aus. Wer das behauptet, vergisst, dass Leben selbst schon mal als Nichtsein begonnen hat. Wer aus dem Nichts gekommen ist, kann auch nach dem Tod wieder hervorgebracht werden.

„Wir vergessen euch" (Vers 34)

Vers 34 ist eine der härtesten Aussagen des Korans: „Heute vergessen wir euch, wie ihr die Begegnung mit diesem eurem Tag vergaßt."

Theologisch bedeutet das nicht, dass Gott wirklich vergisst – das wäre ein Widerspruch zu seiner Allwissenheit. Klassische Auslegung: Gott „vergisst" sie im Sinn von „behandelt sie wie Vergessene". Er lässt sie liegen, kümmert sich nicht mehr. Die Strafe ist die völlige Gleichgültigkeit Gottes.

Das ist eine erschütternde theologische Pointe. Was die Verlorenen erleben, ist nicht aktive Bestrafung, sondern Vergessen-Werden. Sie hatten Gott vergessen – jetzt werden sie ihrerseits vergessen. Der Begriff stammt aus dem zwischenmenschlichen Bereich: Wer einen anderen vergisst, signalisiert Gleichgültigkeit. Genau das tut Gott am Jüngsten Tag.

Die ungewöhnliche Vergebungs-Anweisung (Vers 14)

Vers 14 ist eine bemerkenswerte ethische Anweisung: „Sag denen, die geglaubt haben, sie sollen denen vergeben, die die Tage Gottes nicht erwarten."

„Die Tage Gottes nicht erwarten" meint klassisch: die Ungläubigen, die nicht an den Jüngsten Tag glauben. Die Gläubigen sollen ihnen vergeben. Warum?

Klassische Auslegungen: Weil Gott am Jüngsten Tag vergelten wird. Wer sich selbst rächt, nimmt Gott die Vergeltung weg. Wer vergibt, lässt sie bei Gott.

Diese Stelle steht in interessanter Spannung zu späteren medinensischen Versen, die das aktive Kämpfen gegen Ungläubige erlauben (z.B. Sure 9). Klassische Auslegungen verstehen Vers 45,14 als für die mekkanische Phase gültig, in der die Muslime in der Minderheit waren und sich nicht wehren konnten – aber sollten auch nicht in Hass verfallen.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 45 ist eine theologisch dichte Sure. Sie verbindet:

  • Naturtheologie (Verse 3–5, 12–13)
  • Kritik des Materialismus (Vers 24)
  • Der Trieb als Götze (Vers 23)
  • Die knieende Welt vor dem Gericht (Vers 28)
  • Die Vergebungs-Anweisung (Vers 14)

Die zentrale Aussage: Wer seinen eigenen Trieb absolut setzt, hat einen Götzen errichtet – und zwar einen, der ihn am Jüngsten Tag nicht retten wird. Diese Diagnose ist im modernen Kontext besonders relevant. Eine Religion, die nur den eigenen Wünschen folgt, ist im koranischen Verständnis keine Religion.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Die Knieende (al-dschāthiya) – die Haltung aller Völker am Jüngsten Tag – Vers 28; gibt der Sure ihren Namen
  • „Lust als Gott" – Vers 23 – koranische Definition eines unsichtbaren Götzendienstes
  • Dahriyya – antike materialistische Position – „Es gibt nur die Zeit"; in Vers 24 zurückgewiesen
  • Tage Gottes (ayyām Allāh) – in Vers 14 – die Tage des göttlichen Handelns in der Geschichte und am Jüngsten Tag
  • „Wir vergessen euch" – Vers 34 – das Bild der vollkommenen göttlichen Gleichgültigkeit als härteste Strafe