Sure 47
Muḥammad
Muḥammad
Worum geht's?
Die einzige Sure, die Mohammeds Namen direkt im Titel trägt – nach Vers 2. Auch genannt Sūrat al-Qitāl („die Sure des Kampfes"). Eine der schwierigsten Suren, denn sie behandelt unmittelbar die Frage des bewaffneten Konflikts in der frühen medinensischen Phase. Mit der historisch und ethisch hochsensiblen Stelle über das Verhalten gegenüber Kriegsgefangenen.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Die ungläubig sind und vom Weg Gottes abhalten, deren Werke lässt er in die Irre gehen.
- 2Die geglaubt und gute Werke getan haben und an das geglaubt haben, was auf Mohammed herabgesandt wurde – und es ist die Wahrheit von ihrem Herrn –, denen vergibt er ihre Übel und richtet ihren Zustand ein.
- 3Das ist, weil die Ungläubigen dem Falschen folgen und die Gläubigen der Wahrheit von ihrem Herrn folgen. So führt Gott den Menschen ihre Gleichnisse an.
- 4Wenn ihr also die Ungläubigen trefft, dann Schläge auf die Hälse, bis ihr sie überwältigt habt. Dann legt die Fesseln fest. Dann gebt sie als Gnade frei oder gegen Lösegeld, bis der Krieg seine Lasten ablegt. So. Wenn Gott wollte, hätte er an ihnen selbst Vergeltung genommen. Aber er prüft euch durch einander. Die, die auf Gottes Weg getötet werden – ihre Werke lässt er nicht verloren gehen.
- 5Er wird sie rechtleiten und ihren Zustand einrichten.
- 6Er wird sie in das Paradies eintreten lassen, das er ihnen kenntlich gemacht hat.
- 7O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr Gott helft, wird er euch helfen und eure Füße festigen.
- 8Den Ungläubigen aber – Stürze über sie! Und er lässt ihre Werke in die Irre gehen.
- 9Das ist, weil sie das hassten, was Gott herabgesandt hat. So lässt er ihre Werke nichtig werden.
- 10Sind sie nicht auf der Erde gewandert und haben gesehen, wie die Folge derer war, die vor ihnen waren? Gott zerstörte sie über sie. Für die Ungläubigen wird Ähnliches sein.
- 11Das ist, weil Gott der Schutzherr der Gläubigen ist, und weil die Ungläubigen keinen Schutzherrn haben.
- 12Wahrlich, Gott lässt die, die geglaubt haben und gute Werke getan haben, in Gärten eintreten, durch die Bäche fließen. Die ungläubig sind, genießen und essen, wie das Vieh isst. Das Feuer ist ihre Wohnstätte.
- 13Wie viele Städte – stärker an Kraft als deine Stadt, die dich vertrieben hat – haben wir vernichtet, ohne dass sie einen Beistand fanden!
- 14Ist der, der auf einem klaren Hinweis von seinem Herrn ist, wie der, dem sein übles Tun schön gemacht wurde und der seinen Lüsten folgt?
- 15Das Gleichnis des Paradieses, das den Gottesfürchtigen versprochen wurde: Darin sind Flüsse aus Wasser, das nicht trüb wird, und Flüsse aus Milch, deren Geschmack sich nicht ändert, und Flüsse aus Wein, eine Wonne für die Trinkenden, und Flüsse aus reinem Honig. Sie haben darin von allen Früchten und Vergebung von ihrem Herrn. – Wie der, der ewig im Feuer ist und mit kochendem Wasser getränkt wird, das ihre Eingeweide zerschneidet?
- 16Unter ihnen sind welche, die dir zuhören. Wenn sie aber von dir hinausgehen, sagen sie zu denen, die das Wissen empfangen haben: Was hat er eben gesagt? Diese sind die, deren Herzen Gott versiegelt hat und die ihren Lüsten folgen.
- 17Die sich leiten lassen – ihnen mehrt er die Rechtleitung und gibt ihnen ihre Gottesfurcht.
- 18Erwarten sie etwas anderes als die Stunde, dass sie plötzlich über sie kommt? Ihre Anzeichen sind ja schon gekommen. Was nützt es ihnen, sich erinnern zu lassen, wenn sie kommt?
- 19Wisse, dass es keinen Gott außer Gott gibt. Bitte um Vergebung für deine Sünde und für die gläubigen Männer und gläubigen Frauen. Gott kennt euer Bewegen und eure Ruhestätte.
- 20Die, die geglaubt haben, sagen: Wäre nur eine Sure herabgesandt! Wenn aber eine klare Sure herabgesandt und der Kampf in ihr erwähnt wird, siehst du die, in deren Herzen Krankheit ist, dich anstarren wie der vom Tod Befallene. Wehe ihnen!
- 21Gehorsam und passendes Wort wären besser für sie. Wenn die Sache fest steht, wäre es besser für sie, wenn sie Gott aufrichtig wären.
- 22Werdet ihr, wenn ihr abgekehrt seid, vielleicht auf der Erde Verderben anrichten und eure Blutsverwandtschaften zerschneiden?
- 23Diese sind die, die Gott verflucht hat. Er hat sie taub gemacht und ihre Augen geblendet.
- 24Denken sie nicht über den Koran nach, oder sind auf den Herzen Schlösser?
- 25Wahrlich, die zurückgekehrt sind hinter ihrem Rücken, nachdem ihnen die Rechtleitung klargemacht worden ist – der Satan hat sie verlockt und ihre Hoffnungen verlängert.
- 26Das ist, weil sie zu denen, die hassen, was Gott herabgesandt hat, sagten: Wir werden euch in einigem gehorchen. Gott weiß um ihre Geheimnisse.
- 27Wie wird es sein, wenn die Engel sie unter dem Schlag auf ihr Gesicht und auf ihren Rücken abrufen?
- 28Das ist, weil sie dem folgten, was Gott missfiel, und sein Wohlgefallen hassten. So hat er ihre Werke nichtig gemacht.
- 29Oder meinen die, in deren Herzen Krankheit ist, dass Gott ihren Hass nicht offenbart?
- 30Wenn wir wollten, würden wir sie dir zeigen, sodass du sie an ihren Zeichen erkenntest. Aber du wirst sie sicher an der Art der Rede erkennen. Gott kennt eure Werke.
- 31Wir werden euch prüfen, bis wir die unter euch erkennen, die kämpfen, und die, die geduldig sind. Wir werden eure Berichte prüfen.
- 32Wahrlich, die ungläubig sind, vom Weg Gottes abhalten und dem Gesandten zuwider sind, nachdem ihnen die Rechtleitung klargemacht wurde – sie schaden Gott in nichts. Er wird ihre Werke nichtig machen.
- 33O ihr, die ihr glaubt! Gehorcht Gott und gehorcht dem Gesandten! Macht eure Werke nicht nichtig!
- 34Die ungläubig sind, vom Weg Gottes abhalten, dann als Ungläubige sterben – Gott wird ihnen nicht vergeben.
- 35So werdet nicht schwach und ruft nicht zum Frieden, da ihr Oberhand habt! Gott ist mit euch, und er lässt eure Werke nicht verloren gehen.
- 36Wahrlich, das diesseitige Leben ist nur Spiel und Zerstreuung. Wenn ihr glaubt und gottesfürchtig seid, gibt er euch eure Belohnung und verlangt nicht euer Vermögen.
- 37Wenn er es von euch verlangte und es euch nähme, würdet ihr geizen, und er würde euren Hass offenbar machen.
- 38Da, ihr seid die, die gerufen werden, auf Gottes Weg auszugeben. Aber unter euch sind welche, die geizig sind. Wer geizig ist, ist nur zu seinem eigenen Schaden geizig. Gott ist der Unbedürftige, und ihr seid die Bedürftigen. Wenn ihr euch abkehrt, wird er ein anderes Volk an eure Stelle setzen, dann werden sie nicht wie ihr sein.
Einordnung & Bedeutung
Die einzige Sure mit Mohammeds Namen
Sure 47 ist die einzige Sure, die Mohammeds Namen direkt im Titel trägt – nach Vers 2, wo sein Name zum ersten Mal in der Sure fällt: „die an das geglaubt haben, was auf Mohammed herabgesandt wurde."
Mohammeds Name kommt im Koran insgesamt nur viermal vor (Sure 3,144; 33,40; 47,2; 48,29). Das ist erstaunlich wenig für einen Text, der ihm offenbart wurde. Klassische Auslegungen sehen darin eine Demut: Der Koran handelt nicht von Mohammed, sondern von Gott. Mohammed ist der Bote, nicht die Botschaft.
Die Sure wird auch Sūrat al-Qitāl – „Sure des Kampfes" – genannt. Sie behandelt direkt die Frage des bewaffneten Konflikts, der in der frühen medinensischen Phase akut wurde.
Die schwierigste Stelle (Vers 4)
Vers 4 ist eine der textuell heikelsten Stellen des Korans: „Wenn ihr also die Ungläubigen trefft, dann Schläge auf die Hälse, bis ihr sie überwältigt habt. Dann legt die Fesseln fest. Dann gebt sie als Gnade frei oder gegen Lösegeld, bis der Krieg seine Lasten ablegt."
Wichtig zur Einordnung:
- Der Vers steht in einem konkreten Kriegskontext. Es geht nicht um beliebige „Ungläubige", sondern um Kämpfer im Schlachtfeld. Der arabische Text bedeutet wörtlich „Wenn ihr auf die zustoßt, die ungläubig waren" – in einer Kampfsituation.
- Es wird ein klares Prozedere vorgeschrieben: Erst die Schlacht. Dann Gefangennahme (nicht Tötung). Dann Freilassung oder Lösegeld. Das war im 7. Jahrhundert eine progressive Regelung – sie verlangt ausdrücklich, Kriegsgefangene zu schonen.
- „Bis der Krieg seine Lasten ablegt": Der Krieg hat ein Ende. Die Sure setzt nicht permanenten Kampf voraus, sondern einen begrenzten Konflikt.
- „Wenn Gott wollte, hätte er an ihnen selbst Vergeltung genommen": Gott braucht den Menschen nicht zur Vergeltung. Die Aufforderung zum Kampf hat einen anderen Zweck – die Prüfung der Gläubigen.
Diese Stelle wird heute oft missbraucht. Extremistische Strömungen lesen sie als universalen Tötungsauftrag. Das ist nicht haltbar. Der Vers setzt eine kampfähnliche Begegnung voraus; er verlangt Schonung der Gefangenen; er kennt das Kriegsende.
Klassische Auslegungen haben die Stelle immer im Kontext des konkreten Konflikts gelesen, in dem die frühe muslimische Gemeinde stand. Die meisten zeitgenössischen muslimischen Gelehrten – auch konservative – verstehen sie als historisch-situativ, nicht als überzeitliches Programm.
Die Paradiesflüsse (Vers 15)
Vers 15 enthält eine der ausführlichsten Paradies-Beschreibungen: Vier Flüsse fließen durch das Paradies:
- Wasser, das nicht trüb wird
- Milch, deren Geschmack sich nicht ändert
- Wein, eine Wonne für die Trinkenden
- Reiner Honig
Die vier Flüsse haben symbolische Bedeutung. Sie repräsentieren die vier Lebensgrundlagen, die im 7. Jahrhundert wertvoll waren. Wasser war in der Wüste lebenswichtig. Milch war Hauptnahrung der Beduinen. Wein war Genussmittel der Wohlhabenden (im Diesseits verboten, im Paradies erlaubt). Honig war kostbar, schwer zu bekommen.
Bemerkenswert ist die Spannung: Wein ist im diesseitigen Islam verboten. Im Paradies wird er erlaubt – als Belohnung für die Enthaltung im Diesseits. Diese Spannung gehört zur koranischen Paradies-Logik: Was im Diesseits Maß braucht, wird im Jenseits geschenkt.
Die Krankheit in den Herzen (Verse 20, 29–30)
Mehrfach in der Sure wird von Menschen gesprochen, „in deren Herzen Krankheit ist". Was bedeutet das?
Klassisch verstanden: Heuchelei. Es sind Menschen, die sich äußerlich zur Gemeinde bekennen, aber innerlich zweifeln. Sie hören dem Propheten zu, gehen dann hinaus und fragen verwirrt: „Was hat er eben gesagt?" (Vers 16) – das Wesentliche dringt nicht ein.
Die Sure kritisiert besonders deren Verhalten in der Kriegsfrage. Wenn eine Sure über den Kampf herabgesandt wird, „starren sie dich an wie der vom Tod Befallene" (Vers 20). Sie wollen nicht kämpfen, aber zugeben können sie es nicht.
Diese psychologische Beschreibung ist erstaunlich präzise. Innerer Widerstand zeigt sich oft nicht in offener Ablehnung, sondern in Lähmung, Verwirrung, Vermeidung. Wer Gott nicht ganz hingegeben ist, wird unter Druck nicht handeln können.
„Schließen sind auf den Herzen?" (Vers 24)
Vers 24 ist eine eindrucksvolle Aufforderung: „Denken sie nicht über den Koran nach, oder sind auf den Herzen Schlösser?"
Diese Stelle ist eine Aufforderung zur Koran-Reflexion (tadabbur). Wer den Koran nur rezitiert, ohne nachzudenken, hat ihn nicht wirklich gelesen. Wer ihn nachdenkend liest, öffnet seine Schlösser.
Klassische Sufi-Auslegungen verstehen die „Schlösser" als die Filter und Vorurteile, mit denen wir uns selbst gegen Erkenntnis abschotten. Wer den Koran ehrlich liest, muss bereit sein, dass etwas an seinen Filtern bricht.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 47 ist eine schwierige Sure, weil sie unmittelbar die Kriegsthematik behandelt. Sie verbindet:
- Das Verhalten in der Kriegsbegegnung (Verse 4–11)
- Die Paradies-Hölle-Polarität (Verse 12–15)
- Die Diagnose der Heuchelei (Verse 16–30)
- Die Aufforderung zur Koran-Reflexion (Vers 24)
- Die Mahnung gegen Geiz und Aufkündigung (Verse 35–38)
Die ethische Pointe in Vers 35 ist bemerkenswert: „Werdet nicht schwach und ruft nicht zum Frieden, da ihr Oberhand habt!" Klassisch verstanden: Wenn ihr militärisch in der überlegenen Position seid, kapituliert nicht – das wäre Schwäche. Aber das ist kein generelles Verbot des Friedens. Andere Stellen (Sure 8,61: „Wenn sie zum Frieden neigen, neige auch du!") erlauben und fordern Frieden, wenn der Gegner ihn anbietet.
Die Sure spiegelt eine konkrete historische Lage. Sie war für die frühe Phase Medinas, wo die Muslime in existenzieller Gefahr lebten und zugleich Anfechtungen in der eigenen Gemeinde durchstanden. Sie ist nicht als universelles Programm zu lesen, sondern als situative Wegweisung.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Sūrat al-Qitāl – der zweite Name der Sure – „die Sure des Kampfes"; spiegelt das Hauptthema
- „Krieg legt seine Lasten ab" – Vers 4 – der Krieg hat ein Ende; nicht-permanenter Konflikt
- Vier Paradiesflüsse – Vers 15: Wasser, Milch, Wein, Honig – kompensatorische Symbolik der 4 Lebensgrundlagen
- „Krankheit in den Herzen" – koranische Diagnose der Heuchelei – innerer Zwiespalt unter Druck
- Tadabbur – koranische Reflexion – nachdenkendes Lesen, das die „Schlösser" der Herzen öffnet