Sure 51

Die zerstreuenden Winde

Adh-Dhāriyāt

Verse: 60 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine Sure, die mit vier rätselhaften Schwüren beginnt – bei Winden, Wolken, Schiffen und „den Verteilenden". Das Hauptthema: die Belege für die Auferstehung in der Natur und in der Geschichte. Mit einer interessanten Aussage über Abrahams Begegnung mit den Engeln, die ihm einen Sohn ankündigen – eine der wenigen koranischen Erzählungen mit komödiantischen Zügen.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Bei den heftig zerstreuenden Winden,
  2. 2und denen, die Lasten tragen,
  3. 3und denen, die mit Leichtigkeit fließen,
  4. 4und denen, die eine Sache verteilen –
  5. 5wahrlich, was euch versprochen ist, ist wahr.
  6. 6Und das Gericht wird stattfinden.
  7. 7Beim Himmel mit seinen Bahnen,
  8. 8wahrlich, ihr seid in verschiedenartiger Rede.
  9. 9Davon wird abgehalten, wer abgehalten ist.
  10. 10Verflucht seien die Vermutenden,
  11. 11die in einer Flut der Achtlosigkeit sind!
  12. 12Sie fragen: Wann ist der Tag des Gerichts?
  13. 13An dem Tag, an dem sie über dem Feuer gequält werden:
  14. 14Kostet eure Versuchung! Das ist es, was ihr beschleunigen wolltet.
  15. 15Wahrlich, die Gottesfürchtigen werden in Gärten und an Quellen sein,
  16. 16annehmend, was ihr Herr ihnen gegeben hat. Sie waren vorher Gute.
  17. 17Sie schliefen wenig in der Nacht
  18. 18und baten am Ende der Nacht um Vergebung.
  19. 19In ihrem Vermögen hatten der Bittende und der Entrechtete ein Recht.
  20. 20Auf der Erde gibt es Zeichen für die Sicheren,
  21. 21und in euch selbst. Seht ihr es denn nicht?
  22. 22Im Himmel ist euer Unterhalt und was euch versprochen ist.
  23. 23Beim Herrn des Himmels und der Erde, wahrlich, es ist Wahrheit, ebenso wahr wie das, was ihr sprecht.
  24. 24Ist die Geschichte von Abrahams geehrten Gästen zu dir gekommen?
  25. 25Als sie zu ihm eintraten und sagten: Friede! Sagte er: Friede – fremde Leute.
  26. 26Er ging unbemerkt zu seinen Angehörigen und brachte ein gemästetes Kalb.
  27. 27Er stellte es ihnen vor und sagte: Wollt ihr nicht essen?
  28. 28Da bekam er Furcht vor ihnen. Sie sagten: Fürchte dich nicht. Sie verkündeten ihm einen verständigen Knaben.
  29. 29Da kam seine Frau in Geschrei, schlug sich auf die Wange und sagte: Eine alte unfruchtbare Frau!
  30. 30Sie sagten: So spricht dein Herr. Er ist der Weise, der Allwissende.
  31. 31Er sagte: Was ist also eure Aufgabe, ihr Gesandten?
  32. 32Sie sagten: Wir wurden zu einem sündigen Volk geschickt,
  33. 33um Steine aus Ton auf sie zu schicken,
  34. 34die bei deinem Herrn für die Maßlosen gekennzeichnet sind.
  35. 35Wir holten die, die in ihr gläubig waren, heraus.
  36. 36Aber wir fanden in ihr nur ein einziges Haus der sich Unterwerfenden.
  37. 37Und wir hinterließen darin ein Zeichen für die, die die schmerzhafte Strafe fürchten.
  38. 38Auch in Moses – als wir ihn zu Pharao mit deutlicher Vollmacht schickten,
  39. 39doch er wandte sich mit seiner Stütze ab und sagte: Ein Zauberer oder Wahnsinniger!
  40. 40Da packten wir ihn und seine Heerscharen und warfen sie ins Meer, während er getadelt war.
  41. 41Und in den ʿĀd, als wir gegen sie den unfruchtbaren Wind schickten,
  42. 42der nichts übrig ließ, an was er kam, ohne es wie ein verfaulter Stamm zu machen.
  43. 43Und in den Thamūd, als ihnen gesagt wurde: Genießt eine Weile!
  44. 44Aber sie überhoben sich gegen den Befehl ihres Herrn, da packte sie der Donnerschlag, während sie zuschauten.
  45. 45Sie konnten sich nicht erheben und keinen Beistand finden.
  46. 46Und das Volk Noahs vorher – sie waren ein frevelhaftes Volk.
  47. 47Und den Himmel haben wir mit Kraft gebaut. Wahrlich, wir sind in der Lage, ihn weit zu spannen.
  48. 48Und die Erde haben wir ausgebreitet. Wie schön haben wir ausgebreitet!
  49. 49Und von allem haben wir Paare erschaffen. Vielleicht bedenkt ihr es.
  50. 50So flieht zu Gott! Ich bin euch von ihm ein deutlicher Warner.
  51. 51Macht neben Gott keinen anderen Gott. Ich bin euch von ihm ein deutlicher Warner.
  52. 52So ist es: Zu denen, die vor ihnen kamen, kam kein Gesandter, ohne dass sie sagten: Ein Zauberer oder Wahnsinniger!
  53. 53Haben sie es einander empfohlen? Nein! Sie sind ein übermütiges Volk.
  54. 54So wende dich von ihnen ab. Du wirst nicht getadelt.
  55. 55Und ermahne. Wahrlich, die Ermahnung nützt den Gläubigen.
  56. 56Ich habe Dschinn und Menschen nur erschaffen, damit sie mir dienen.
  57. 57Ich will von ihnen keinen Unterhalt, und ich will nicht, dass sie mich speisen.
  58. 58Wahrlich, Gott ist der Versorger, der Inhaber der Kraft, der Feste.
  59. 59Wahrlich, für die, die freveln, ist eine Portion Strafe wie die Portion ihrer Gefährten. So sollen sie es nicht eilig haben.
  60. 60Wehe denen, die ungläubig sind, an ihrem Tag, der ihnen versprochen wurde!

Einordnung & Bedeutung

Die vier rätselhaften Schwüre

Die ersten vier Verse sind eine der dunkelsten Schwur-Sequenzen des Korans. Vier aktive Partizipien Plural Feminin, deren Bezug nicht klar ist:

  • „die heftig zerstreuen" (adh-dhāriyāt)
  • „die Lasten tragen" (al-ḥāmilāt)
  • „die mit Leichtigkeit fließen" (al-dschāriyāt)
  • „die eine Sache verteilen" (al-muqassimāt)

Die klassische Auslegung (zurückgehend auf ʿAlī ibn Abī Ṭālib) versteht alle vier als Winde in verschiedenen Funktionen: zerstreuende Winde, die die Wolken voller Wasser tragen, leicht segelnde Winde an der Wasseroberfläche, verteilende Winde, die den Regen über die Länder bringen.

Andere Auslegungen sehen darin Engelsfunktionen oder eine Kombination von Naturphänomenen und kosmischen Mächten. Die Vieldeutigkeit ist wahrscheinlich gewollt – die Schwüre wirken poetisch, bevor die eigentliche Aussage kommt.

Die Beschreibung der Gerechten

Verse 15–19 sind eine der präzisesten Beschreibungen der gerechten Lebensführung im Koran:

  • Sie schliefen wenig in der Nacht (Vers 17): Nicht Übermüdung als Selbstzweck, sondern die Nutzung der stillen Nachtstunden für Gebet und Reflexion.
  • Sie baten am Ende der Nacht um Vergebung (Vers 18): Die letzten Stunden vor der Morgendämmerung gelten in islamischer Frömmigkeit als besonders günstig für die Bitte um Vergebung.
  • In ihrem Vermögen hatten der Bittende und der Entrechtete ein Recht (Vers 19): Bemerkenswert die Formulierung. Es ist nicht eine Gunst der Wohlhabenden, sondern ein Recht der Bedürftigen.

Die letzte Aussage ist sozialethisch fundamental. Was im Vermögen der Reichen ist, gehört nicht ihnen allein – ein Teil davon gehört rechtlich denen, die nichts haben. Wer das nicht zugesteht, behält Eigentum, das ihm nicht zusteht.

„In euch selbst"

Vers 21 ist eines der bemerkenswertesten Sätze des Korans: „Auf der Erde gibt es Zeichen für die Sicheren – und in euch selbst. Seht ihr es denn nicht?"

Das ist eine seltene koranische Hinwendung zur Innenschau. Während die Sure sonst auf die äußere Schöpfung (Himmel, Erde, Naturphänomene) verweist, sagt Vers 21: Schaut auch in euch selbst. Im eigenen Körper, in der eigenen Psyche, im eigenen Bewusstsein gibt es Zeichen Gottes.

Diese Stelle wurde im Sufismus zu einem Eckstein für Selbsterkenntnis. Der berühmte Hadith „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn" (ein Hadith, der nicht im Koran steht, aber sehr bekannt ist) hat hier seinen koranischen Anker.

Abrahams Gäste

Verse 24–37 erzählen eine der bemerkenswertesten Episoden des Korans: Abrahams Begegnung mit den drei Engeln. Die Stelle hat fast komödiantische Züge:

  1. Die Fremden kommen zu Abraham. Er grüßt sie höflich, aber denkt: „Fremde Leute."
  2. Er schlachtet schnell ein gemästetes Kalb – die höchste Gastfreundschaft im 7. Jahrhundert.
  3. Er stellt das Essen vor, aber die Gäste essen nicht. Daraufhin „bekam er Furcht vor ihnen" – im damaligen Verständnis ein Hinweis, dass sie keine normalen Menschen waren (Menschen aßen aus Gastfreundschaft, Geister oder Dschinn nicht).
  4. Die Gäste beruhigen ihn und kündigen einen Sohn an.
  5. Seine Frau Sara, die mitgehört hat, reagiert mit Geschrei und schlägt sich auf die Wange – eine Geste der völligen Überraschung im damaligen Idiom. „Eine alte unfruchtbare Frau!"
  6. Die Gäste antworten ruhig: „So spricht dein Herr."

Die Erzählung ist im Detail bemerkenswert lebensnah – fast biblisch erzählt. Sie entspricht weitgehend dem Bericht in Genesis 18, mit charakteristischen koranischen Akzenten.

Die Gäste sind dann auf dem Weg zur Vernichtung Sodoms (Vers 32–37). Abraham, der Glückliche, wird mit der frohen Botschaft gesegnet; die Sodomiter mit der Strafe konfrontiert.

Die untergegangenen Völker

Verse 38–46 sind eine Schnellrunde durch die Beispiele untergegangener Völker: Moses gegen Pharao, ʿĀd mit dem „unfruchtbaren Wind", Thamūd mit dem Donnerschlag, Noah mit der Sintflut. Diese Liste ist im Koran ein wiederkehrendes Muster.

Der Zweck der Schöpfung

Vers 56 ist eine der zentralen theologischen Setzungen des Korans: „Ich habe Dschinn und Menschen nur erschaffen, damit sie mir dienen."

Wozu hat Gott den Menschen erschaffen? Diese alte philosophische Frage beantwortet der Vers klar: zum Dienen. Das arabische Wort ʿibāda bedeutet aber mehr als „Anbetung im engen Sinn". Es umfasst alles Tun in Bezug auf Gott: Gebet, Arbeit, Beziehung, ethisches Verhalten. Das ganze Leben kann ʿibāda sein, wenn es bewusst auf Gott bezogen ist.

Vers 57 schließt eine Klarstellung an: „Ich will von ihnen keinen Unterhalt, und ich will nicht, dass sie mich speisen." Der Dienst, den Gott will, ist nicht für ihn nützlich. Gott braucht den Menschen nicht. Der Dienst ist für den Menschen nützlich – er führt ihn in seine eigentliche Bestimmung.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 51 ist eine theologisch und ethisch reiche Sure. Sie verbindet:

  • Apokalyptische Schwüre (Verse 1–14)
  • Beschreibung der Gerechten (Verse 15–19)
  • Hinwendung zur Innenschau (Vers 21)
  • Erzählung von Abrahams Gästen (Verse 24–37)
  • Beispiele untergegangener Völker (Verse 38–46)
  • Schöpfungs-Reflexion (Verse 47–51)
  • Zweck der Schöpfung: Dienst (Verse 56–58)

Der berühmte Vers 56 ist innerhalb islamischer Theologie ein Schlüsseltext. Er definiert die Anthropologie: Der Mensch ist nicht für sich selbst da, sondern für etwas anderes. Wer das verkennt, lebt sein Leben verfehlt.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Zerstreuende Winde (adh-dhāriyāt) – wörtlich „die heftig zerstreuenden" – Winde, die Wolken auflösen; gibt der Sure ihren Namen
  • Ein Recht der Bedürftigen – in Vers 19: kein Almosen aus Gunst, sondern ein Rechtsanspruch (ḥaqq) im Vermögen des Reichen
  • In euch selbst (fī anfusi-kum) – koranische Aufforderung zur Innenschau – Zeichen Gottes nicht nur in der äußeren Schöpfung
  • Abrahams Gäste – die drei Engel, die Abraham einen Sohn ankündigen und Sodom vernichten – fast komödiantische koranische Erzählung
  • Unfruchtbarer Wind (rīḥ ʿaqīm) – das Werkzeug des Untergangs der ʿĀd – wörtlich „der zeugungslose Wind"
  • Dienst (ʿibāda) – Zweck der Schöpfung nach Vers 56 – nicht nur Anbetung, sondern alles bewusst auf Gott bezogene Tun