Sure 53
Der Stern
An-Nadschm
Worum geht's?
Eine der bemerkenswertesten Suren – sie beschreibt eine Gottesschau Mohammeds, die in der späteren Tradition oft mit der Himmelsreise (miʿrādsch) verbunden wurde. Mitten in der Sure: der berühmte „Satanische Verse"-Vorfall, bei dem Mohammed angeblich kurz drei mekkanische Göttinnen anerkannt hätte – ein religionshistorisch viel diskutiertes Detail.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Beim Stern, wenn er sinkt!
- 2Euer Gefährte irrt nicht, und er ist nicht im Wahn.
- 3Er spricht nicht aus eigener Lust.
- 4Es ist nur eine Offenbarung, die offenbart wird.
- 5Es hat ihn der mit gewaltiger Kraft Versehene gelehrt,
- 6der über Macht verfügt. Er erhob sich,
- 7als er am höchsten Horizont war,
- 8dann näherte er sich und kam näher,
- 9und war zwei Bogenlängen oder näher.
- 10Da offenbarte er seinem Diener, was er offenbarte.
- 11Das Herz hat nicht gelogen, was es sah.
- 12Wollt ihr mit ihm streiten über das, was er sieht?
- 13Wahrlich, er hat ihn ein zweites Mal gesehen,
- 14beim Lotusbaum der äußersten Grenze.
- 15Dort beim Garten der Zuflucht.
- 16Als den Lotusbaum bedeckte, was ihn bedeckte.
- 17Sein Blick zuckte nicht ab und ging nicht weiter.
- 18Wahrlich, er hat die größten Zeichen seines Herrn gesehen.
- 19Habt ihr al-Lāt und al-ʿUzzā gesehen,
- 20und Manāt, die dritte, eine andere?
- 21Habt ihr die männlichen und für ihn die weiblichen?
- 22Das wäre dann eine ungerechte Teilung!
- 23Es sind nur Namen, die ihr und eure Väter benannt habt, ohne dass Gott eine Vollmacht dazu herabgesandt hätte. Sie folgen nur der Vermutung und dem, was die Seelen begehren. Doch ist zu ihnen von ihrem Herrn die Rechtleitung gekommen.
- 24Oder soll der Mensch haben, was er sich wünscht?
- 25Doch Gottes gehört das Jenseits und das Diesseits.
- 26Wie viele Engel sind im Himmel, deren Fürsprache nichts nützt, außer dem, für den Gott es erlaubt, wem er will und woran er Wohlgefallen hat.
- 27Wahrlich, die, die nicht an das Jenseits glauben, geben den Engeln die Namen von Frauen.
- 28Doch sie haben kein Wissen darüber, sie folgen nur der Vermutung. Aber die Vermutung nützt gegen die Wahrheit nichts.
- 29Wende dich also ab von dem, der unserer Ermahnung den Rücken kehrt und nichts will als das diesseitige Leben.
- 30Das ist ihre Reichweite des Wissens. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von seinem Weg abirrt, und er weiß am besten, wer rechtgeleitet ist.
- 31Gott gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist, damit er die Übeltäter belohnt für das, was sie getan haben, und die belohnt, die Gutes tun, mit dem Besten –
- 32die, die große Sünden und Schändliches meiden, abgesehen von kleinen Vergehen. Wahrlich, dein Herr ist weit in der Vergebung.
- 33Er kennt euch am besten, als er euch aus der Erde hervorgebracht hat und als ihr Embryonen im Bauch eurer Mütter wart. So nehmt euch nicht für rein. Er weiß am besten, wer gottesfürchtig ist.
- 34Hast du den gesehen, der sich abwandte,
- 35ein wenig gab und dann blockierte?
- 36Hat er denn Wissen vom Verborgenen, dass er sieht?
- 37Oder wurde ihm nicht bekanntgegeben, was in den Blättern Moses ist
- 38und Abrahams, der erfüllt hat?
- 39Dass keine tragende Seele die Last einer anderen trägt,
- 40und dass der Mensch nur das hat, wonach er strebt,
- 41und dass sein Streben gesehen wird,
- 42dann wird er dafür mit dem vollsten Lohn belohnt,
- 43und dass zu deinem Herrn das Ende ist,
- 44und dass er es ist, der lachen und weinen lässt,
- 45und dass er es ist, der sterben und leben lässt,
- 46und dass er die beiden Paare erschaffen hat, das Männliche und das Weibliche,
- 47aus einem Samentropfen, wenn er ausgegossen wird,
- 48und dass ihm das nächste Hervorkommen obliegt,
- 49und dass er reich macht und Vermögen verleiht,
- 50und dass er der Herr des Sirius ist,
- 51und dass er die früheren ʿĀd vernichtete,
- 52und Thamūd, sodass er nichts übrig ließ,
- 53und das Volk Noahs vorher – sie waren noch ungerechter und übermütiger –,
- 54und die Auf-den-Kopf-gestellten warf er hinab,
- 55und es bedeckte sie, was bedeckte.
- 56An welcher der Wohltaten deines Herrn willst du also zweifeln?
- 57Das ist ein Warner unter den früheren Warnern.
- 58Das Nahe ist nahe.
- 59Es gibt keinen vor Gott, der es enthüllt.
- 60Staunt ihr nun über diese Mitteilung
- 61und lacht und weint nicht,
- 62während ihr in Sorglosigkeit versunken seid?
- 63So werft euch vor Gott nieder und dient ihm!
Einordnung & Bedeutung
Die Gottesschau Mohammeds
Die ersten 18 Verse beschreiben eine Vision Mohammeds. Wer ist der „mit gewaltiger Kraft Versehene", der sich Mohammed näherte? Klassisch dominiert die Auslegung: der Engel Gabriel. Eine Minderheit (z.B. einige sufische und schiitische Strömungen) versteht die Stelle als Beschreibung einer direkten Gottesschau – Mohammed habe Gott selbst gesehen.
Vers 9 nennt das Maß der Nähe: „zwei Bogenlängen oder näher". Das ist im arabischen Idiom Bild für äußerste Vertrautheit – so nah, wie zwei Bogen sich berühren können.
Vers 13–14 erwähnen eine zweite Sichtung: „beim Lotusbaum der äußersten Grenze" (sidrat al-muntahā). Dieser Baum ist im islamischen Verständnis der Ort, wo der höchste Himmel endet – jenseits davon ist der unmittelbare Bereich Gottes. Niemand, auch kein Engel, geht weiter.
Die spätere islamische Tradition hat diese Szene mit der miʿrādsch-Erzählung verbunden: Mohammeds nächtliche Himmelsreise. Im Koran selbst ist das Bild aber knapp gehalten – die Vision steht, ohne dass eine ausgeführte Reise erzählt wird.
Die drei Göttinnen und die Frage der „Satanischen Verse"
Verse 19–23 nennen drei vorislamische mekkanische Göttinnen: al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt. Diese drei waren die wichtigsten weiblichen Gottheiten der vorislamischen Quraisch – al-Lāt in aṭ-Ṭāʾif, al-ʿUzzā in einem Hain bei Mekka, Manāt zwischen Mekka und Medina.
Hier kommt die berühmte Satanische-Verse-Episode ins Spiel. Frühe islamische Quellen (at-Tabari, Ibn Saʿd) berichten von einem Vorfall: Mohammed soll bei der Rezitation dieser Sure kurzzeitig zwei zusätzliche Verse eingefügt haben, die die drei Göttinnen als Fürsprecher bei Gott anerkannten. Diese Episode habe sich später als Einflüsterung des Satans herausgestellt; die Verse wurden gestrichen und durch die heute überlieferten ersetzt.
Die Episode ist historisch umstritten. Im heutigen sunnitischen Mehrheits-Islam wird sie meist als Erfindung oder Missverständnis zurückgewiesen. Westliche Islamwissenschaftler diskutieren sie offener – sie könnte ein authentisches Detail über Mohammeds frühe Strategieüberlegungen sein, das später unterdrückt wurde.
Salman Rushdie hat 1988 in seinem Roman „Die Satanischen Verse" auf dieses Detail Bezug genommen – mit den bekannten katastrophalen Folgen. Im Buch ist es eine literarische Bearbeitung einer historischen Frage; das politische Echo war disproportional.
Im heutigen Koran-Text steht in den Versen 19–23 eindeutig die ablehnende Haltung: Die drei Göttinnen sind „nur Namen, die ihr und eure Väter benannt habt". Sie haben keine Realität.
Die zentrale Aussage: jeder steht für sich
Vers 38 ist eines der wichtigsten ethischen Prinzipien des Korans: „Keine tragende Seele trägt die Last einer anderen."
Dieses Prinzip wird im Koran fünfmal wiederholt (Sure 6,164; 17,15; 35,18; 39,7; 53,38). Es ist die fundamentale Aussage über individuelle Verantwortung. Niemand kann für einen anderen büßen, niemand erbt die Schuld der Väter, niemand muss für Gruppen mithaften.
Dieser Vers steht in interessantem Gegensatz zur christlichen Vorstellung der stellvertretenden Sühne durch Jesus. Im Koran gibt es das nicht. Jeder steht für sich allein.
Der erstaunliche Vers 39
Vers 39 ist eine bemerkenswerte ethische Aussage: „Der Mensch hat nur das, wonach er strebt."
Was bedeutet das? Klassisch wird der Vers so verstanden: Im Jenseits zählt nur, was du selbst getan hast. Die Mühe anderer für dich ist wertlos. Reiches Erbe, gute Familie, hohe Stellung – nichts davon zählt im Jenseits.
Sufisch wird der Vers metaphysisch tiefer gelesen: Was du wirklich willst, bekommst du. Wer Gott sucht, findet Gott. Wer Vermögen sucht, findet Vermögen. Das eigene Streben formt das eigene Schicksal.
Der Sirius
Vers 49 enthält eine astronomische Besonderheit: „Er ist der Herr des Sirius." Der Sirius (arabisch asch-Schiʿrā) ist der hellste Fixstern am Nachthimmel. Manche vorislamische arabische Stämme verehrten ihn göttlich. Die Sure macht klar: Der Sirius ist Geschöpf, nicht Gottheit. Wer ihn verehrt, verehrt etwas, das nur sein Herr ist.
Die Schluss-Niederwerfung
Vers 62 ist der letzte Vers: „So werft euch vor Gott nieder und dient ihm!"
Dieser Vers ist eine sogenannte Sadschda-Stelle: Wer den Koran rezitiert und an diesem Vers ankommt, soll selbst eine Niederwerfung vollziehen. Sure 53 ist eine der 14 solcher Stellen im Koran. Historisch besonders interessant: Diese Sure soll die erste gewesen sein, die Mohammed öffentlich in Mekka rezitiert hat – und am Schluss warfen sich auch viele Ungläubige reflexartig nieder, weil die Sure so kraftvoll war.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 53 ist eine der theologisch reichsten Suren. Sie verbindet:
- Eine seltene Gottesschau-Erzählung (Verse 1–18)
- Polemik gegen weibliche Gottheiten (Verse 19–30)
- Ethische Grundsätze, besonders der individuellen Verantwortung (Verse 38–42)
- Historische Beispiele untergegangener Völker (Verse 50–55)
- Die abschließende Aufforderung zur Niederwerfung (Vers 62)
Die berühmten Verse 38–39 („Keine Seele trägt die Last einer anderen" und „Der Mensch hat nur das, wonach er strebt") gehören zu den meistzitierten Stellen des Korans überhaupt. Sie definieren ein anthropologisch und ethisch sehr klares Programm: radikale individuelle Verantwortung.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Der Stern (an-nadschm) – gibt der Sure ihren Namen – möglicherweise Sirius oder allgemein „der Stern, der sinkt"
- Zwei Bogenlängen (qāba qausain) – arabisches Bild für äußerste Nähe – so nah wie zwei Bögen einander kommen können
- Lotusbaum der äußersten Grenze (sidrat al-muntahā) – mystischer Ort am Ende des höchsten Himmels – Grenze der geschaffenen Welt
- Al-Lāt, al-ʿUzzā, Manāt – die drei wichtigsten weiblichen Gottheiten der vorislamischen mekkanischen Religion
- Satanische Verse (gharānīq) – in einer umstrittenen Frühüberlieferung angeblich kurzzeitig in die Sure eingedrungene Verse, die die drei Göttinnen anerkannten
- Keine Seele trägt die Last einer anderen – fundamentales ethisches Prinzip der individuellen Verantwortung – im Koran fünfmal wiederholt
- Sirius (asch-Schiʿrā) – hellster Fixstern – im vorislamischen Arabien als Gottheit verehrt; im Koran als Geschöpf eingeordnet