Sure 57

Das Eisen

Al-Ḥadīd

Verse: 29 Offenbart in: Medina Zeit: frühmedinensisch

Worum geht's?

Die erste medinensische Sure in unserer Auswahl – mit einem ganz anderen Klang als die mekkanischen. Sie beginnt mit einer großen Gotteserkenntnis und kreist um die Frage des Gebens: Wer in der schweren Zeit gibt, wenn andere zögern, der hat einen höheren Stand. Mit einem bemerkenswerten Vers über das Eisen, das „herabgesandt" wurde.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Was in den Himmeln und auf der Erde ist, preist Gott. Und er ist der Mächtige, der Weise.
  2. 2Ihm gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde. Er lässt leben und lässt sterben. Und er hat über alles Macht.
  3. 3Er ist der Erste und der Letzte, der Offenkundige und der Verborgene. Und er weiß alles.
  4. 4Er ist es, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat und sich dann auf dem Thron erhob. Er weiß, was in die Erde eingeht und was aus ihr herauskommt, was vom Himmel herabkommt und was zu ihm hinaufsteigt. Und er ist bei euch, wo immer ihr seid. Und Gott sieht, was ihr tut.
  5. 5Ihm gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde. Und zu Gott werden alle Angelegenheiten zurückgebracht.
  6. 6Er lässt die Nacht in den Tag eingehen und den Tag in die Nacht eingehen. Und er weiß, was in den Brüsten ist.
  7. 7Glaubt an Gott und seinen Gesandten und gebt von dem aus, worin er euch zu Nachfolgern eingesetzt hat. Für die unter euch, die geglaubt und ausgegeben haben, gibt es einen großen Lohn.
  8. 8Was ist mit euch, dass ihr nicht an Gott glaubt, obwohl der Gesandte euch ruft, an euren Herrn zu glauben? Und er hat schon eure Verpflichtung genommen, wenn ihr Gläubige seid.
  9. 9Er ist es, der seinem Diener deutliche Zeichen herabsendet, um euch aus den Finsternissen ins Licht zu führen. Und wahrlich, Gott ist gegenüber euch gütig, barmherzig.
  10. 10Was ist mit euch, dass ihr nicht auf Gottes Weg ausgebt, wo doch das Erbe der Himmel und der Erde Gott gehört? Nicht gleich unter euch ist, wer vor der Eroberung ausgab und kämpfte. Diese sind im Rang höher als die, die danach ausgaben und kämpften. Aber beiden hat Gott das Beste versprochen. Und Gott ist über das, was ihr tut, vollkommen wissend.
  11. 11Wer ist es, der Gott ein gutes Darlehen leiht, sodass er es ihm vervielfacht und ihm einen edlen Lohn gibt?
  12. 12An dem Tag, an dem du die gläubigen Männer und gläubigen Frauen siehst, ihre Lichter laufen ihnen voraus und zu ihrer Rechten: Eine frohe Botschaft euch heute! Gärten, durch die Bäche fließen, darin sie ewig sind. Das ist der große Sieg.
  13. 13An dem Tag, an dem die Heuchler und die Heuchlerinnen zu denen, die geglaubt haben, sagen: Wartet auf uns, dass wir uns von eurem Licht etwas leihen! Es wird gesagt: Kehrt zurück, sucht Licht! Da wird zwischen ihnen eine Mauer mit einem Tor errichtet. Auf ihrer Innenseite ist Barmherzigkeit und auf ihrer Außenseite, ihr gegenüber, die Strafe.
  14. 14Sie rufen ihnen zu: Waren wir nicht mit euch? Sie sagen: Doch! Aber ihr habt euch selbst in Versuchung geführt, ihr habt abgewartet und gezweifelt, und die Wünsche haben euch täuschend gemacht, bis Gottes Befehl kam. Und der Verführer hat euch in Bezug auf Gott getäuscht.
  15. 15Heute wird kein Lösegeld von euch und von den Ungläubigen angenommen. Eure Stätte ist das Feuer. Es ist euer Schutzherr. Schlecht ist die Heimkehr!
  16. 16Ist es nicht Zeit für die, die geglaubt haben, dass ihre Herzen demütig werden beim Gedenken Gottes und bei dem, was an Wahrheit herabgekommen ist? Sie sollen nicht sein wie die, denen vorher die Schrift gegeben wurde. Eine lange Zeit verging über ihnen, und ihre Herzen wurden hart. Viele von ihnen sind Frevler.
  17. 17Wisst, dass Gott die Erde nach ihrem Tod lebendig macht. Wir haben euch die Zeichen erklärt, damit ihr versteht.
  18. 18Wahrlich, den Männern, die Almosen geben, und den Frauen, die Almosen geben, und denen, die Gott ein gutes Darlehen leihen – ihnen wird es vervielfacht. Und sie haben einen edlen Lohn.
  19. 19Und die an Gott und seine Gesandten glauben – diese sind die Wahrhaftigen. Und die Zeugen bei ihrem Herrn. Sie haben ihren Lohn und ihr Licht. Aber die ungläubig sind und unsere Zeichen für eine Lüge erklären – das sind die Gefährten der Hölle.
  20. 20Wisst, dass das diesseitige Leben nur Spiel ist, Zerstreuung und Schmuck und Prahlen unter euch und das Streben nach mehr Vermögen und Kindern – wie der Regen, dessen Pflanzenwuchs den Ungläubigen gefällt, dann aber vertrocknet und du siehst ihn gelb werden, dann wird er zu Halmen. Und im Jenseits gibt es harte Strafe und Vergebung von Gott und Wohlgefallen. Das diesseitige Leben ist nur ein täuschender Genuss.
  21. 21Wettlauft zu Vergebung von eurem Herrn und einem Garten, der so weit ist wie der Himmel und die Erde, der vorbereitet ist für die, die an Gott und seine Gesandten glauben. Das ist die Gunst Gottes, die er gibt, wem er will. Und Gott besitzt die große Gunst.
  22. 22Kein Unheil trifft die Erde oder euch selbst, ohne dass es in einer Schrift wäre, ehe wir es entstehen ließen. Das ist Gott leicht.
  23. 23Damit ihr nicht trauert über das, was euch entgangen ist, und nicht jubelt über das, was er euch gegeben hat. Gott liebt keinen prahlenden Hochmütigen –
  24. 24die geizig sind und den Leuten den Geiz befehlen. Wer sich aber abwendet – Gott ist der Unbedürftige, der Lobenswerte.
  25. 25Wir haben unsere Gesandten mit den deutlichen Zeichen geschickt und mit ihnen das Buch und die Waage herabgesandt, damit die Menschen in Gerechtigkeit stehen. Und wir haben das Eisen herabgesandt – darin ist große Kraft und Nutzen für die Menschen. Und damit Gott erkennt, wer ihm und seinen Gesandten im Verborgenen beisteht. Wahrlich, Gott ist stark, mächtig.
  26. 26Wir haben Noah und Abraham geschickt und in ihre Nachkommenschaft die Prophetie und das Buch gelegt. Manche von ihnen sind rechtgeleitet, aber viele von ihnen sind Frevler.
  27. 27Dann ließen wir nach ihren Spuren unsere Gesandten folgen. Wir ließen Jesus, Marias Sohn, folgen und gaben ihm das Evangelium. Wir legten in die Herzen derer, die ihm folgten, Mitleid und Barmherzigkeit. Aber das Mönchstum, das sie erfanden – wir hatten es ihnen nicht vorgeschrieben, sondern nur das Streben nach Gottes Wohlgefallen. Doch sie hielten es nicht, wie es zu halten gewesen wäre. Den unter ihnen, die geglaubt haben, gaben wir ihren Lohn. Aber viele von ihnen sind Frevler.
  28. 28O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Gott und glaubt an seinen Gesandten. Er wird euch zwei Anteile von seiner Barmherzigkeit geben und euch ein Licht geben, in dem ihr wandeln werdet. Und er wird euch vergeben. Gott ist allverzeihend, barmherzig –
  29. 29damit die Leute der Schrift wissen, dass sie über nichts von der Gunst Gottes Macht haben, und dass die Gunst in Gottes Hand liegt, der sie gibt, wem er will. Und Gott besitzt die große Gunst.

Einordnung & Bedeutung

Erste medinensische Sure

Mit Sure 57 betreten wir die medinensische Phase – die zweite Hälfte von Mohammeds Wirken. Der Klang ist deutlich anders als in den frühmekkanischen Suren: weniger ekstatisch, mehr argumentativ. Längere Verse, ruhiger Rhythmus, mehr Anweisungen an eine konkret bestehende Gemeinde.

Inhaltlich verschiebt sich der Fokus. Während die mekkanischen Suren oft um das ob des Glaubens kreisten (gibt es Gott, gibt es Auferstehung), kreisen die medinensischen oft um das wie: Wie soll eine gläubige Gemeinde aussehen? Welche konkreten Aufgaben hat sie?

Die theologische Eröffnung

Verse 1–6 sind eine der dichtesten Gottesbeschreibungen des Korans. Berühmt ist Vers 3: „Er ist der Erste und der Letzte, der Offenkundige und der Verborgene."

Diese vierfache Charakterisierung ist sufisch zentral. Sie macht klar: Gott ist nicht eine Eigenschaft unter anderen. Er ist der Erste (vor allem) und der Letzte (nach allem) und gleichzeitig der Offenkundige (in allem sichtbar) und der Verborgene (nie ganz erfassbar). Diese Spannung – sichtbar und verborgen zugleich – wurde im Sufismus zu einem Grundpfeiler der Gottesvorstellung.

Vers 4 schließt einen wichtigen Zusatz an: „Und er ist bei euch, wo immer ihr seid." – arabisch wa-huwa maʿa-kum aina mā kuntum. Diese Allnähe-Aussage ist eine der zentralen koranischen Trost-Stellen. Wer sich gottverlassen fühlt, irrt: Gott ist immer da, an jedem Ort, in jeder Lage.

Der zentrale Themen-Komplex: Geben

Die Sure dreht sich auffällig um das Thema Geben. Es kommt vielfach vor:

  • Vers 7: „Glaubt an Gott und seinen Gesandten und gebt aus."
  • Vers 10: „Was ist mit euch, dass ihr nicht ausgebt?"
  • Vers 11: „Wer leiht Gott ein gutes Darlehen?"
  • Vers 18: „Die Almosen geben, und denen, die Gott ein gutes Darlehen leihen."

Vers 10 macht eine bemerkenswerte Unterscheidung: „Nicht gleich unter euch ist, wer vor der Eroberung ausgab und kämpfte. Diese sind im Rang höher als die, die danach ausgaben und kämpften."

Das ist ein erstaunlicher Vers. Er macht klar: Wer in der schwierigen Zeit gibt – als es Risiko bedeutete, als der Erfolg nicht sicher war –, hat einen höheren Stand als wer in der leichten Zeit gibt. Beide bekommen die Belohnung, aber nicht im gleichen Maß.

Übertragen auf alle Lebenslagen: Wer in der Krise hilft, ist nicht gleichzustellen mit dem, der erst hilft, wenn die Krise vorbei ist. Wer früh investiert, ist nicht gleichzustellen mit dem, der erst kommt, wenn der Gewinn sicher ist.

Die berühmte Mauer-Szene

Verse 12–15 zeichnen eine erschütternde Szene am Jüngsten Tag. Die Gläubigen haben ein Licht, das ihnen vorausläuft. Die Heuchler – arabisch al-munāfiqūn – die im Diesseits mitgegangen waren, ohne wirklich zu glauben, rufen den Gläubigen zu: „Wartet auf uns, dass wir uns von eurem Licht etwas leihen!"

Die Antwort: Kehrt zurück, sucht euer eigenes Licht. Eine Mauer wird errichtet. Auf der einen Seite Barmherzigkeit, auf der anderen Strafe. Die Heuchler rufen über die Mauer: „Waren wir nicht mit euch?" – Antwort: Doch, aber ihr habt nur abgewartet, gezweifelt, euch täuschen lassen.

Das ist eine sozialpsychologisch präzise Diagnose. Heuchelei ist nicht aktive Bosheit. Sie ist Aufschiebung, Zweifel, falsche Hoffnung. Das Licht der Gläubigen kann man nicht „leihen" – jeder muss sein eigenes haben.

Die Frage nach dem demütigen Herzen

Vers 16 ist eine erstaunliche Selbstkritik der Gemeinde: „Ist es nicht Zeit für die, die geglaubt haben, dass ihre Herzen demütig werden beim Gedenken Gottes?"

Klassische Auslegungen berichten, dieser Vers sei einer der schwersten gewesen, als er offenbart wurde – er rüttelte die Gemeinde wach. Selbst Gläubige können Herzhärte entwickeln. Glaube allein reicht nicht; das Herz muss weich bleiben.

Die Sure warnt vor dem Schicksal früherer Schriftbesitzer: „Eine lange Zeit verging über ihnen, und ihre Herzen wurden hart." Das ist eine zeitliche Diagnose. Religion altert. Was am Anfang lebendig war, kann nach Generationen zur Routine, dann zur Härte werden. Wer das vermeiden will, muss bewusst dagegenarbeiten.

Das diesseitige Leben als „Spiel"

Vers 20 ist eine der zentralen koranischen Aussagen über das Diesseits: „Wisst, dass das diesseitige Leben nur Spiel ist, Zerstreuung und Schmuck und Prahlen unter euch und das Streben nach mehr Vermögen und Kindern."

Diese Sicht ist nicht weltverneinend zu lesen. Das Diesseits wird nicht für schlecht erklärt – es wird in seine richtige Größenordnung gesetzt. Es ist Spiel, kein Ernst. Die fünf genannten Aspekte – Spiel, Zerstreuung, Schmuck, Prahlen, Streben nach Mehr – sind die fünf typischen Modi, in denen Menschen das Diesseits ernster nehmen, als es eigentlich verdient.

Das Bild des Regens, der Pflanzen wachsen lässt und sie dann vertrocknen sieht, ist eine Erinnerung: Was heute blüht, ist morgen vertrocknet. Das ist keine Drohung, sondern Beobachtung.

Das Eisen

Vers 25 ist der namengebende Vers der Sure: „Und wir haben das Eisen herabgesandt – darin ist große Kraft und Nutzen für die Menschen."

Eisen wird im Koran als herabgesandt (anzalnā) bezeichnet – dieselbe Vokabel, die für die Offenbarung verwendet wird. Manche moderne Lesarten weisen auf die astrophysikalische Tatsache hin, dass Eisen tatsächlich „herabgesandt" wurde – es bildet sich nicht in normalen Sternen, sondern in Supernovae und kommt aus dem interstellaren Raum auf die Erde. Apologetisch wird das gerne als „wissenschaftliches Wunder" gelesen.

Klassisch verstanden ist die Aussage allegorisch: Gott hat den Menschen das Eisen gegeben – als Geschenk, das er nicht selbst gemacht hat. Im 7. Jahrhundert war Eisen der Werkstoff für Werkzeug und Waffe. Die Sure thematisiert beides: „Kraft und Nutzen". Eisen kann gebraucht werden für Frieden und für Krieg. Es ist die menschliche Verantwortung, was daraus wird.

Das Mönchstum-Wort

Vers 27 ist eine bemerkenswerte Stelle über das Christentum: „Wir ließen Jesus, Marias Sohn, folgen und gaben ihm das Evangelium. Wir legten in die Herzen derer, die ihm folgten, Mitleid und Barmherzigkeit. Aber das Mönchstum, das sie erfanden – wir hatten es ihnen nicht vorgeschrieben."

Das ist eines der wenigen koranischen Urteile über christliche Praxis. Die Anerkennung ist groß: Mitleid und Barmherzigkeit als Frucht der Jesus-Nachfolge werden positiv hervorgehoben. Die Kritik aber: Das Mönchstum – das Zurückziehen aus der Welt, das Zölibat, die strenge Askese – ist eine spätere Erfindung, die so nicht vorgegeben war.

Diese Stelle ist in islamischer Sicht ein Beleg dafür, dass der Islam keinen institutionellen Klerus, kein Mönchstum, keine Trennung zwischen religiösem und weltlichem Stand kennt. Religiöses Leben findet im Alltag statt, nicht in der Abgeschiedenheit.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 57 ist eine theologisch und sozialethisch besonders reiche Sure. Sie verbindet:

  • Tiefe Gottesbeschreibung (Verse 1–6)
  • Aufforderung zum Geben (Verse 7–11, 18)
  • Endzeit-Szene mit der Mauer (Verse 12–15)
  • Selbstkritik der Gemeinde wegen Herzhärte (Vers 16)
  • Reflexion über das Diesseits (Vers 20)
  • Aussage über das Eisen (Vers 25)
  • Anerkennung Jesu und Kritik am Mönchstum (Vers 27)

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Der Erste und der Letzte – in Vers 3: Gott umfasst alle Zeit; eine der zentralen sufischen Gottesbeschreibungen
  • Der Offenkundige und der Verborgene – in Vers 3: Gott ist in allem sichtbar und dennoch nie ganz erfassbar
  • Gutes Darlehen leihen (qarḍ ḥasan) – koranisches Bild für freiwilliges Geben über die Pflicht hinaus – Gott „leiht" man etwas, das er reichlich zurückgibt
  • Heuchler (al-munāfiqūn) – medinensische Kategorie – die, die nach außen mitgehen, aber nicht wirklich glauben
  • Diesseits als Spiel – in Vers 20: das Diesseits in seiner richtigen Größenordnung – nicht schlecht, aber nicht so wichtig wie behauptet
  • Das Eisen (al-ḥadīd) – in Vers 25 „herabgesandt" – Symbol für menschliche Verantwortung zwischen Kraft und Nutzen, Frieden und Krieg
  • Mönchstum (rahbānīya) – in Vers 27 als christliche Erfindung kritisiert – nicht von Gott vorgeschrieben