Sure 58
Die Streitende
Al-Mudschādala
Worum geht's?
Eine ungewöhnliche Sure: Sie ist nach einer einzelnen Frau benannt, die mit Mohammed gestritten hat – und gewonnen hat. Khaula bint Thaʿlaba kam zum Propheten, weil ihr Mann sie auf altarabische Weise „verstoßen" hatte. Mohammed hatte zunächst keine Lösung. Die Sure ist die Antwort Gottes – ein bemerkenswertes Beispiel für Recht-Setzung durch eine Frauenklage.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Gott hat das Wort derjenigen gehört, die mit dir über ihren Mann stritt und sich Gott beklagte. Und Gott hört euer Wechselgespräch. Wahrlich, Gott ist allhörend, allsehend.
- 2Die unter euch, die ihre Frauen für sich zu Müttern erklären – sie sind nicht ihre Mütter. Ihre Mütter sind nur die, die sie geboren haben. Wahrlich, sie sagen eine missbilligenswerte Rede und eine Lüge. Und wahrlich, Gott ist nachsichtig, verzeihend.
- 3Die ihre Frauen für sich zu Müttern erklären und dann zurücknehmen, was sie gesagt haben: dann sollen sie einen Sklaven befreien, ehe sie einander berühren. Damit werdet ihr ermahnt. Und Gott ist über das, was ihr tut, vollkommen wissend.
- 4Wer das nicht findet, soll zwei aufeinanderfolgende Monate fasten, bevor sie einander berühren. Wer dazu nicht in der Lage ist, soll sechzig Bedürftige speisen. Das ist, damit ihr an Gott und seinen Gesandten glaubt. Das sind die Grenzen Gottes. Aber für die Ungläubigen gibt es schmerzhafte Strafe.
- 5Wahrlich, die, die Gott und seinem Gesandten widerstehen, werden unterworfen, wie die vor ihnen unterworfen wurden. Wir haben deutliche Zeichen herabgesandt. Und für die Ungläubigen gibt es eine demütigende Strafe.
- 6An dem Tag, an dem Gott sie alle auferwecken wird, wird er ihnen mitteilen, was sie getan haben. Gott hat es berechnet, sie aber haben es vergessen. Und Gott ist über alles Zeuge.
- 7Hast du nicht gesehen, dass Gott weiß, was in den Himmeln und auf der Erde ist? Es gibt kein geheimes Gespräch unter dreien, ohne dass er der Vierte wäre, und nicht unter fünfen, ohne dass er der Sechste wäre, weder weniger noch mehr, ohne dass er bei ihnen wäre, wo immer sie sind. Dann wird er ihnen am Tag der Auferstehung mitteilen, was sie getan haben. Wahrlich, Gott weiß über alles Bescheid.
- 8Hast du nicht die gesehen, denen das geheime Gespräch verboten wurde und die doch zurückkehren zu dem, was ihnen verboten wurde? Sie tuscheln über Sünde, Übertretung und Ungehorsam gegen den Gesandten. Wenn sie zu dir kommen, grüßen sie dich mit einem Gruß, mit dem Gott dich nicht grüßt. Sie sagen sich selbst: Sollte Gott uns nicht für das strafen, was wir sagen? Hinreichend für sie ist die Hölle. Sie werden in ihr brennen. Schlimm ist diese Heimkehr!
- 9O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr geheime Gespräche führt, tuschelt nicht über Sünde, Übertretung und Ungehorsam gegen den Gesandten, sondern flüstert über Frömmigkeit und Gottesfurcht. Und fürchtet Gott, vor dem ihr versammelt werdet.
- 10Wahrlich, das geheime Gespräch ist vom Satan, um die zu betrüben, die geglaubt haben. Aber er kann ihnen nichts schaden, außer mit Gottes Erlaubnis. Auf Gott sollen sich die Gläubigen verlassen.
- 11O ihr, die ihr glaubt! Wenn euch gesagt wird: Macht in den Versammlungen Platz! – dann macht Platz. Gott wird euch Platz machen. Und wenn gesagt wird: Steht auf! – dann steht auf. Gott wird die, die unter euch glauben, und denen Wissen gegeben wurde, in Rangstufen erhöhen. Und Gott ist über das, was ihr tut, vollkommen wissend.
- 12O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr den Gesandten heimlich um eine Unterredung bittet, dann gebt vor eurer Unterredung eine Spende. Das ist besser und reiner für euch. Aber wenn ihr nichts findet – Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 13Habt ihr Bedenken, vor eurer Unterredung Spenden zu geben? Wenn ihr es nicht tut und Gott euch reuevoll annimmt, dann verrichtet das Gebet und gebt die Almosen und gehorcht Gott und seinem Gesandten. Gott ist über das, was ihr tut, vollkommen wissend.
- 14Hast du nicht die gesehen, die sich Leuten zu Schutzherren genommen haben, denen Gott zürnt? Sie sind weder von euch noch von ihnen. Sie schwören Lügenschwüre, während sie es wissen.
- 15Gott hat ihnen schwere Strafe bereitet. Schlimm ist das, was sie tun.
- 16Sie haben ihre Eide zu einem Schutzschild gemacht, dann haben sie vom Weg Gottes abgehalten. Für sie gibt es demütigende Strafe.
- 17Ihr Vermögen und ihre Kinder werden ihnen vor Gott nichts nützen. Diese sind die Gefährten des Feuers. Darin sind sie ewig.
- 18An dem Tag, an dem Gott sie alle auferweckt, werden sie ihm schwören, wie sie euch schwören. Sie meinen, sie hätten etwas. Wahrlich, sie sind die Lügner.
- 19Der Satan hat sie überwältigt und sie das Gedenken Gottes vergessen lassen. Diese sind die Schar des Satans. Wahrlich, die Schar des Satans ist die Verlierende.
- 20Wahrlich, die, die Gott und seinem Gesandten widerstehen, gehören zu den Niedrigsten.
- 21Gott hat geschrieben: Wahrlich, ich werde siegen, ich und meine Gesandten. Wahrlich, Gott ist stark, mächtig.
- 22Du wirst kein Volk finden, das an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und liebt, wer Gott und seinem Gesandten widersteht – auch nicht, wenn es ihre Väter, Söhne, Brüder oder Verwandten wären. Diese sind die, in deren Herzen er den Glauben geschrieben und sie mit einem Geist von ihm gestärkt hat. Er wird sie in Gärten eintreten lassen, durch die Bäche fließen, darin sie ewig sind. Gott ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit ihm zufrieden. Diese sind die Schar Gottes. Wahrlich, die Schar Gottes – das sind die Erfolgreichen.
Einordnung & Bedeutung
Die Geschichte hinter der Sure
Sure 58 trägt einen ungewöhnlichen Namen: al-mudschādala – „die Streitende". Sie ist nach einer einzelnen Frau benannt, deren Klage Anlass der Offenbarung wurde.
Khaula bint Thaʿlaba war mit Aus ibn aṣ-Ṣāmit verheiratet. Eines Tages, im Streit, sagte er zu ihr: „Du bist mir wie der Rücken meiner Mutter." Diese Formel – arabisch ẓihār – war in der vorislamischen arabischen Praxis eine Form der Verstoßung: Die Frau wurde der Ehefrau-Funktion enthoben und stand fortan in einem rechtlich ungeklärten Schwebezustand: Sie war weder geschieden noch verheiratet, weder frei noch versorgt. Ein Folter-Instrument.
Khaula ging zu Mohammed und klagte. Sie war alt, sie hatte Kinder, sie konnte nicht einfach gehen. Mohammed wusste keine Lösung – die Praxis war alt, er hatte keine Anweisung. Khaula bestand: Was soll ich tun? Sie diskutierte heftig mit ihm.
Daraufhin kam die Offenbarung von Sure 58. Sie ist die direkte göttliche Antwort auf Khaulas Klage. Mohammed soll später gesagt haben: „Eine Frau ist gekommen, die mir den Aiwan zu eng gemacht hat" – also: deren Kraft seinen Raum gefüllt hat. Khaula wurde im islamischen Gedächtnis verewigt.
Die Aufhebung des Ẓihār-Rechts
Verse 1–4 lösen das Problem. Die Sure erklärt klar:
- „Sie sind nicht ihre Mütter" – die Formel hat keine sakramentale Wirkung. Sie ist Unsinn, was inhaltlich gesagt wird.
- Trotzdem wird sie nicht völlig ignoriert. Wer sie ausgesprochen hat, muss eine Sühne leisten, bevor er die Ehe wieder aufnehmen darf.
- Die Sühne hat drei Stufen, je nach Fähigkeit: einen Sklaven freilassen / zwei Monate fasten / sechzig Bedürftige speisen.
Das ist sozialgeschichtlich bemerkenswert. Eine Form der Frauen-Diskriminierung wird durch ein göttliches Eingreifen abgeschafft – nicht durch Schweigen, sondern durch eine konkrete Klage einer einzelnen Frau. Die Sure dokumentiert, dass die islamische Recht-Setzung auf ein Frauen-Anliegen reagiert hat.
Für die feministische muslimische Theologie (Asma Lamrabet, Amina Wadud) ist Sure 58 ein Schlüsseltext. Sie zeigt: Frauen können im islamischen Recht aktiv intervenieren. Khaula ist nicht Empfängerin von Regeln, sondern Mitbegründerin.
Das Eingehen Gottes auf die Klage
Vers 1 ist theologisch außerordentlich: „Gott hat das Wort derjenigen gehört, die mit dir über ihren Mann stritt und sich Gott beklagte."
Hier wird festgehalten: Gott hört. Konkret. Eine einzelne Frau klagt – Gott antwortet. Das ist nicht abstrakte Gerechtigkeit, sondern personale Zuwendung. Khaulas Schmerz war Gott nicht egal.
Diese Setzung hat in der islamischen Frömmigkeit eine eigene Tradition geschaffen: Das duʿāʾ – das persönliche Bittgebet – ist im Islam keine Formel, sondern eine ernsthafte Kommunikation. Gott hört auch das, was nicht in vorgefertigten Formeln gesprochen wird.
Über Tuscheleien und Versammlungen
Verse 7–13 wenden sich einem ganz anderen Thema zu: dem Umgang miteinander in der Gemeinde. Sie behandeln drei verwandte Probleme:
- Geheime Tuscheleien (Verse 8–10): Wer in einer Gruppe tuschelt, schließt andere aus und macht sie nervös. Das ist „vom Satan", weil es die Gemeinschaft zerstört. Wenn schon Privatgespräche, dann „über Frömmigkeit", nicht über Sünde.
- Platz machen in Versammlungen (Vers 11): Eine sehr konkrete Anweisung. Wenn jemand neu kommt, soll man Platz machen. Wer das tut, dem wird Gott „Platz machen" – im Sinne von Lebensraum schaffen. Wer sich aufdrängt, verliert.
- Spende vor Audienz (Verse 12–13): Eine bemerkenswerte Anweisung, die nur kurz galt. Wer eine Privatunterredung mit Mohammed wollte, sollte vorher eine Spende geben. Das war eine Filter-Maßnahme – wer wirklich ein wichtiges Anliegen hatte, gab gerne; wer nur seine Wichtigkeit demonstrieren wollte, ließ es. Vers 13 hebt die Pflicht aber wieder auf – sie hatte ihre Aufgabe erfüllt.
„Schar Gottes" gegen „Schar des Satans"
Die letzten Verse (14–22) zeichnen einen scharfen Gegensatz. Es gibt zwei Lager:
- Die Schar des Satans (ḥizb asch-schaiṭān): die, die schwören und lügen, die Schutzherren wählen, denen Gott zürnt.
- Die Schar Gottes (ḥizb Allāh): die, die nicht einmal die eigene Familie lieben können, wenn sie gegen Gott steht.
Vers 22 ist eine harte Aussage: „Du wirst kein Volk finden, das an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und liebt, wer Gott und seinem Gesandten widersteht – auch nicht, wenn es ihre Väter, Söhne, Brüder oder Verwandten wären."
Diese Stelle ist erklärungsbedürftig. Sie wird oft in Gewaltkontexten missbraucht – Familien gegeneinander aufgehetzt, mit Berufung auf den Vers. Klassische Auslegungen verstehen den Vers anders: Es geht nicht um Liebes-Verbot, sondern um Loyalitäts-Priorität. Wenn die Familie gegen Gott steht, kann man die Familie nicht im Sinne des Korans lieben. Das schließt aber Mitgefühl, Versorgung, Geduld nicht aus.
Vers 22 endet mit einer der schönsten paradiesischen Aussagen: „Gott ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit ihm zufrieden." Diese gegenseitige Zufriedenheit (riḍā) ist im sufischen Verständnis die höchste Stufe – nicht nur eines empfängt, beide sind im Einvernehmen.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 58 ist eine der praktisch wichtigsten medinensischen Suren. Sie regelt:
- Eine konkrete Diskriminierungsform (Ẓihār)
- Umgangsformen in der Gemeinde
- Loyalitätsfragen
Für moderne islamische Rechtsentwicklung ist die Sure ein Modell: Eine konkrete Klage aus der Praxis führt zur Aufhebung einer ungerechten Praxis. Wer das ernst nimmt, kann auch heute aus echten Klagen heraus an islamischen Reformen arbeiten.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Khaula bint Thaʿlaba – die einzelne Frau, deren Klage Anlass der Sure war – ihre Beharrlichkeit hat den Propheten zur Vermittlung der Offenbarung gebracht
- Ẓihār – vorislamische Form der Verstoßung – „du bist mir wie der Rücken meiner Mutter"; durch Sure 58 entschärft, mit Sühnepflicht ersetzt
- Geheimes Gespräch (nadschwā) – in Vers 7: Tuscheleien, die andere ausschließen – als „vom Satan" gekennzeichnet
- Schar Gottes (ḥizb Allāh) – positive Bezeichnung der Gläubigen – im Gegensatz zur „Schar des Satans"
- Zufriedenheit beidseitig (raḍiya Allāhu ʿan-hum wa-raḍū ʿan-hu) – die höchste sufische Stufe – Gott zufrieden mit dem Menschen, Mensch zufrieden mit Gott