Sure 59
Die Versammlung
Al-Ḥaschr
Worum geht's?
Eine Sure mit konkretem historischem Anlass: der Vertreibung des jüdischen Stammes Banū Naḍīr aus Medina. Eine der heikelsten Suren – aber auch eine der theologisch reichsten. Sie endet mit einer der berühmtesten Gottesbeschreibungen des Korans, in der eine ganze Reihe „schönster Namen" Gottes aufgezählt wird.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Was in den Himmeln und auf der Erde ist, preist Gott. Er ist der Mächtige, der Weise.
- 2Er ist es, der die Ungläubigen unter den Leuten der Schrift bei der ersten Versammlung aus ihren Wohnstätten herausgetrieben hat. Ihr habt nicht gedacht, dass sie hinausgehen würden. Und sie meinten, ihre Festungen würden sie vor Gott schützen. Aber Gott kam zu ihnen, von wo sie es nicht erwartet hatten, und warf Furcht in ihre Herzen. So zerstörten sie ihre Häuser mit eigenen Händen und den Händen der Gläubigen. So zieht Lehren daraus, ihr Verständigen!
- 3Hätte Gott nicht die Vertreibung über sie verfügt, hätte er sie im diesseitigen Leben gestraft. Und im Jenseits ist für sie die Strafe des Feuers.
- 4Das ist, weil sie sich Gott und seinem Gesandten widersetzten. Wer sich Gott widersetzt – Gott ist hart in der Strafe.
- 5Was ihr an einer Dattelpalme abgehackt habt oder auf ihren Wurzeln stehen ließt, war mit Gottes Erlaubnis – damit er die Frevler entehre.
- 6Was Gott seinem Gesandten von ihnen als Beute gegeben hat – ihr habt dafür weder mit Pferden noch mit Reittieren geritten. Aber Gott setzt seinen Gesandten in Macht über, wen er will. Gott hat über alles Macht.
- 7Was Gott seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als Beute gegeben hat, gehört Gott und dem Gesandten, den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen und dem reisenden Sohn der Wege – damit es nicht ein Umlauf zwischen den Reichen unter euch werde. Was der Gesandte euch gibt, das nehmt. Was er euch verbietet, davon haltet euch fern. Fürchtet Gott. Wahrlich, Gott ist hart in der Strafe.
- 8Den Bedürftigen unter den Ausgewanderten, die aus ihren Wohnstätten und ihrem Vermögen vertrieben wurden, die nach Gunst und Wohlgefallen von Gott streben und Gott und seinem Gesandten beistehen. Diese sind die Wahrhaftigen.
- 9Und denen, die vor ihnen in der Wohnstätte und im Glauben Wohnung genommen haben, lieben die, die zu ihnen ausgewandert sind, und in ihren Brüsten finden sie keine Bedürftigkeit nach dem, was diese erhalten haben, und sie ziehen sie sich selbst vor, auch wenn sie selbst Bedürftigkeit haben. Wer vor dem Geiz seiner eigenen Seele geschützt wird, das sind die Erfolgreichen.
- 10Die nach ihnen gekommen sind, sagen: Unser Herr! Vergib uns und unseren Brüdern, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Mache in unseren Herzen keinen Groll gegen die, die geglaubt haben. Unser Herr! Wahrlich, du bist gütig, barmherzig.
- 11Hast du die nicht gesehen, die heucheln? Sie sagen zu ihren Brüdern unter den Leuten der Schrift, die ungläubig waren: Wenn ihr vertrieben werdet, gehen wir mit euch hinaus. Wir gehorchen niemandem in dem, was euch betrifft, niemals. Wenn ihr bekämpft werdet, helfen wir euch. Aber Gott bezeugt, dass sie Lügner sind.
- 12Wenn sie vertrieben werden, gehen jene nicht mit ihnen hinaus. Wenn sie bekämpft werden, helfen jene ihnen nicht. Wenn sie ihnen helfen, kehren jene den Rücken. Dann werden sie nicht beigestanden.
- 13Wahrlich, ihr seid in ihren Brüsten eine größere Furcht als Gott. Das ist, weil sie ein Volk sind, das nicht versteht.
- 14Sie kämpfen nicht zusammen gegen euch, außer in befestigten Ortschaften oder hinter Mauern. Ihre Wucht zwischen ihnen ist heftig. Du meinst, sie wären zusammen. Aber ihre Herzen sind getrennt. Das ist, weil sie ein Volk sind, das nicht verständig ist.
- 15Wie das Beispiel derer, die nicht weit vor ihnen waren – sie kosteten die Folge ihrer Sache. Für sie ist eine schmerzhafte Strafe.
- 16Wie das Beispiel des Satans, der zum Menschen sagt: Sei ungläubig! Wenn er aber ungläubig wird, sagt er: Wahrlich, ich sage mich von dir los! Wahrlich, ich fürchte Gott, den Herrn der Welten.
- 17So ist ihrer beider Ende: Sie sind beide im Feuer, darin ewig. Das ist die Belohnung der Frevler.
- 18O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Gott. Eine Seele soll schauen, was sie für morgen vorausgeschickt hat. Fürchtet Gott. Wahrlich, Gott ist kundig dessen, was ihr tut.
- 19Seid nicht wie die, die Gott vergaßen, da er sie sich selbst vergessen ließ. Diese sind die Frevler.
- 20Nicht gleich sind die Gefährten des Feuers und die Gefährten des Paradieses. Die Gefährten des Paradieses sind die Erfolgreichen.
- 21Hätten wir diesen Koran auf einen Berg herabgesandt, du hättest ihn demütig sehen, gespalten aus Furcht vor Gott. Solche Gleichnisse führen wir den Menschen an, damit sie nachdenken.
- 22Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt – der Kenner des Verborgenen und des Sichtbaren. Er ist der Allerbarmer, der Barmherzige.
- 23Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt – der König, der Heilige, der Friede, der Vertrauen Schenkende, der Bewahrer, der Mächtige, der Bezwingende, der Hocherhabene. Preis sei Gott! Er steht hoch über dem, was sie beigesellen.
- 24Er ist Gott, der Schöpfer, der Erzeuger, der Gestalter. Ihm gehören die schönsten Namen. Es preist ihn, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Er ist der Mächtige, der Weise.
Einordnung & Bedeutung
Der historische Hintergrund: Die Banū Naḍīr
Sure 59 wurde nach klassischer Überlieferung nach der Vertreibung des jüdischen Stammes Banū Naḍīr aus Medina (im 4. Jahr nach der Hidschra, also 625/626 n. Chr.) offenbart. Die Banū Naḍīr waren einer der drei großen jüdischen Stämme Medinas. Sie hatten mit Mohammed einen Vertrag des gegenseitigen Beistands geschlossen.
Klassische Quellen berichten: Die Banū Naḍīr brachen den Vertrag, indem sie an einer Verschwörung gegen Mohammed beteiligt waren. Mohammed forderte sie zum Verlassen Medinas auf. Sie weigerten sich. Mohammed belagerte sie. Schließlich akzeptierten sie die Vertreibung, durften aber alles mitnehmen, was ihre Kamele tragen konnten.
Auf dem Weg in die Verbannung sollen sie ihre eigenen Häuser teilweise abgerissen haben, damit die Muslime sie nicht nutzen konnten – das ist die Erklärung für Vers 2: „So zerstörten sie ihre Häuser mit eigenen Händen."
Eine schwierige Sure
Sure 59 ist textuell und historisch heikel. Sie behandelt einen konkreten politisch-militärischen Vorgang. Sie kann nicht ohne Kontext gelesen werden:
- Der Konflikt war konkret und zeitlich begrenzt. Es ging um eine konkrete Vertragsbrüchigkeit, nicht um eine allgemeine Position gegen Juden.
- Die Banū Naḍīr wurden nicht getötet, sondern vertrieben. Sie durften ihr Vermögen mitnehmen. Sie wurden später in den Norden der arabischen Halbinsel (Chaybar) aufgenommen.
- Andere jüdische Stämme in Medina – etwa die Banū Qainuqāʿ und Banū Qurayẓa – hatten andere Schicksale, je nach ihrem konkreten Verhalten.
Es ist sehr wichtig zu betonen: Sure 59 ist keine generelle Anti-Juden-Sure. Sie behandelt einen spezifischen Stamm in einem spezifischen Konflikt. Wer sie als überzeitliche Programmschrift gegen Juden liest, missversteht den Text und seine historische Situierung.
Die Beute-Regelung (Vers 7)
Vers 7 enthält eine wichtige sozialpolitische Setzung. Was bei der Banū-Naḍīr-Vertreibung an Land und Habe an die Muslime fiel, sollte nicht den kämpfenden Truppen zugesprochen werden – es war ja nicht durch Kampf erworben (die Banū Naḍīr hatten kapituliert). Es sollte an Gott und seinen Gesandten gehen, an Bedürftige, Waisen und Reisende.
Die zentrale Pointe: „Damit es nicht ein Umlauf zwischen den Reichen unter euch werde." Das ist eine erstaunlich moderne sozialpolitische Aussage. Wenn Reichtum nur zwischen Reichen zirkuliert, vergrößert sich die Ungleichheit. Die Beute soll dem Ausgleich dienen, nicht der Anhäufung.
Diese Stelle ist eine der wichtigsten Grundlagen islamischer Sozialethik. Sie wird in modernen Diskussionen über Reichtumsverteilung oft zitiert: Der Koran will keine reine Marktwirtschaft, in der Reichtum sich konzentriert, sondern aktiven Ausgleich.
Die Liebe der Anṣār (Vers 9)
Vers 9 ist eine der schönsten Stellen über die anṣār – die Helfer in Medina, die die ausgewanderten Mekkaner (muhādschirūn) aufgenommen hatten: „Sie ziehen sie sich selbst vor, auch wenn sie selbst Bedürftigkeit haben."
Klassische Überlieferungen erzählen rührende Geschichten dieser Gastfreundschaft. Ein Beispiel: Ein Helfer hatte nur Essen für seine Familie und einen Gast aus Mekka. Die Frau löschte die Lampe, damit der Gast nicht sah, dass sie selbst nichts aßen – er sollte glauben, sie würden mitessen. So konnte er ungestört essen.
Das Wort īthār – „Vorziehen des anderen vor sich selbst" – ist im Sufismus zu einem zentralen ethischen Begriff geworden. Es bezeichnet die höchste Stufe der Großzügigkeit: Wer in Bedürftigkeit ist und trotzdem dem anderen gibt, hat den eigenen Geiz besiegt.
Vers 9 schließt: „Wer vor dem Geiz seiner eigenen Seele geschützt wird, das sind die Erfolgreichen." Das ist eine Verheißung: Wer sich vor seinem inneren Geiz schützen kann, ist gerettet.
Die Heuchler und ihre falschen Versprechungen (Verse 11–17)
Verse 11–17 wenden sich gegen die munāfiqūn (Heuchler) in Medina, die den Banū Naḍīr Hilfe versprochen, dann aber nicht eingelöst hatten. Die Pointe in Vers 14: „Du meinst, sie wären zusammen. Aber ihre Herzen sind getrennt."
Eine erstaunliche soziologische Aussage. Allianzen aus Eigeninteresse sind nur scheinbar stark. Wenn es darauf ankommt, kollabieren sie. Echte Stärke kommt aus innerer Übereinstimmung – nicht aus äußeren Abmachungen.
Vers 16 ist eines der eindringlichsten Bilder des Korans: „Wie das Beispiel des Satans, der zum Menschen sagt: Sei ungläubig! Wenn er aber ungläubig wird, sagt er: Wahrlich, ich sage mich von dir los!"
Der Satan ist kein verlässlicher Partner. Er verführt – und lässt dann fallen. Das ist die Logik aller Verführung: Was angeboten wird, wird im Moment der Entscheidung zurückgezogen.
Der Berg, der zerbersten würde (Vers 21)
Vers 21 ist eines der eindrucksvollsten Bilder des Korans: „Hätten wir diesen Koran auf einen Berg herabgesandt, du hättest ihn demütig sehen, gespalten aus Furcht vor Gott."
Das Bild ist gewaltig. Ein Berg – das größte Stabile in unserer Erfahrung – würde unter dem Gewicht der koranischen Wahrheit zerbersten. Und der Mensch – mit seinem kleinen Herzen – hört diese Botschaft, ohne zu zittern?
Klassische Auslegungen verstehen den Vers als rhetorische Anklage. Die Sure macht klar: Die Reaktion auf Gottes Wort sollte angemessen sein. Wer den Koran nicht ernst nimmt, hat eine kleinere Aufnahmefähigkeit als die unbelebte Natur.
Sufische Auslegungen lesen die Stelle anders: Das Herz des Gläubigen wird durch den Koran „gespalten" – im Sinne von geöffnet, transformiert, neu gemacht. Wer den Koran wirklich aufnimmt, wird nicht derselbe Mensch bleiben.
Die berühmte Gottes-Beschreibung (Verse 22–24)
Die letzten drei Verse der Sure sind eine der dichtesten Gottesbeschreibungen des Korans. Sie zählen eine Reihe von „schönsten Namen Gottes" auf – jene 99 Namen, die in der islamischen Frömmigkeit zentral sind.
Vers 22: „Der Kenner des Verborgenen und des Sichtbaren. Er ist der Allerbarmer, der Barmherzige."
Vers 23 zählt acht Namen auf:
- Der König (al-malik)
- Der Heilige (al-quddūs)
- Der Friede (as-salām)
- Der Vertrauen Schenkende (al-muʾmin)
- Der Bewahrer (al-muhaimin)
- Der Mächtige (al-ʿazīz)
- Der Bezwingende (al-dschabbār)
- Der Hocherhabene (al-mutakabbir)
Vers 24 schließt mit drei weiteren:
- Der Schöpfer (al-chāliq)
- Der Erzeuger (al-bāriʾ)
- Der Gestalter (al-muṣawwir)
Die Aussage: „Ihm gehören die schönsten Namen." Diese Stelle ist die zweitwichtigste koranische Quelle für die islamische Gottesnamen-Tradition (nach Sure 7,180).
Die 99 Namen Gottes sind im islamischen Gebetsleben zentral. Sie werden auf Gebetsketten (misbaḥa) durchgezählt. Sie werden in Bittgebeten angerufen. Sie strukturieren die Gottes-Vorstellung in 99 Aspekten – jede Eigenschaft Gottes ein Fenster zur Begegnung mit ihm.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 59 ist eine historisch konkrete und theologisch reiche Sure. Sie verbindet:
- Eine konkrete politische Geschichte (Verse 2–5)
- Soziale Regelung der Vermögensverteilung (Vers 7)
- Lob der gastgebenden Anṣār (Verse 9–10)
- Kritik der Heuchler (Verse 11–17)
- Existenzielle Mahnung (Verse 18–21)
- Berühmte Gottesnamen-Aufzählung (Verse 22–24)
Die Verse 22–24 werden im täglichen Gebetsleben oft rezitiert – manche Muslime sagen sie nach dem Morgen- und Abendgebet auf. Sie sind eine kompakte Theologie der Gottesnamen.
Die historischen Stellen (Verse 2–17) müssen kontextuell gelesen werden. Sie sind kein Programm gegen Juden oder gegen Andersgläubige – sie reagieren auf einen konkreten Vertragsbruch in einer konkreten politischen Lage. Wer sie missbräuchlich verallgemeinert, geht gegen die innere Logik des Textes und gegen das, was Mohammed selbst in seiner Abschiedspredigt zur universellen Menschenwürde gesagt hat.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Banū Naḍīr – einer der drei großen jüdischen Stämme Medinas – Anlass der Sure
- Erste Versammlung (al-ḥaschr al-awwal) – Vers 2 – die Vertreibung der Banū Naḍīr; gibt der Sure ihren Namen
- Beute (faiʾ) – unblutig erworbene Beute – nicht für Soldaten, sondern für Bedürftige; soziale Umverteilung
- Anṣār – die „Helfer" in Medina, die die Ausgewanderten aufnahmen
- Īthār – das „Vorziehen des anderen vor sich selbst" – höchste Stufe der Großzügigkeit im Sufismus
- Schönste Namen (al-asmāʾ al-ḥusnā) – die 99 Namen Gottes – Sure 59,22–24 ist eine der wichtigsten koranischen Quellen dafür