Sure 60
Die Geprüfte
Al-Mumtaḥana
Worum geht's?
Eine Sure, die den Umgang mit Nicht-Muslimen regelt – und dabei eine erstaunlich differenzierte Haltung einnimmt. Wer Mohammeds Gemeinde nicht bekämpft, dem soll man Gutes tun. Wer sie bekämpft, dem nicht. Mit dem berühmten Vers über Abrahams Vorbild – einem der wichtigsten Texte für interreligiöse Beziehungen.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1O ihr, die ihr glaubt! Nehmt nicht meinen Feind und euren Feind zu Schutzherren, denen ihr Zuneigung entgegenbringt, während sie die Wahrheit für eine Lüge erklärt haben und den Gesandten und euch vertrieben haben, weil ihr an Gott, euren Herrn, glaubt. Wenn ihr hinausgezogen seid, um auf meinem Weg zu kämpfen und Wohlgefallen von mir zu suchen – werdet ihr ihnen heimlich Zuneigung zeigen, während ich weiß, was ihr verbergt und was ihr offen tut? Wer das von euch tut, ist vom geraden Weg abgeirrt.
- 2Wenn sie über euch siegen, sind sie eure Feinde. Sie strecken ihre Hände und ihre Zungen gegen euch zum Bösen aus. Sie möchten, dass ihr ungläubig werdet.
- 3Eure Verwandten und eure Kinder werden euch am Tag der Auferstehung nichts nützen. Er wird zwischen euch entscheiden. Und Gott sieht, was ihr tut.
- 4Ihr habt ein schönes Vorbild in Abraham und denen, die mit ihm waren, als sie zu ihrem Volk sagten: Wir haben mit euch und mit dem, was ihr neben Gott anbetet, nichts zu tun. Wir lehnen euch ab. Zwischen uns und euch ist Feindschaft und Hass auf ewig erschienen, bis ihr allein an Gott glaubt. Außer das Wort Abrahams an seinen Vater: Wahrlich, ich werde für dich um Vergebung bitten, aber ich vermag nichts für dich gegen Gott. Unser Herr, auf dich vertrauen wir, zu dir wenden wir uns reuig, zu dir ist die Heimkehr.
- 5Unser Herr, mache uns nicht zu einer Versuchung für die, die ungläubig sind. Vergib uns, unser Herr. Wahrlich, du bist der Mächtige, der Weise.
- 6Wahrlich, in ihnen habt ihr ein schönes Vorbild für den, der auf Gott und den Letzten Tag hofft. Wer sich aber abwendet – Gott ist der Unbedürftige, der Lobenswerte.
- 7Vielleicht setzt Gott zwischen euch und denen, die ihr für eure Feinde haltet, Zuneigung. Gott hat die Macht dazu. Und Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 8Gott verbietet euch nicht, denen, die euch nicht wegen des Glaubens bekämpft haben und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, Gutes zu tun und gerecht zu ihnen zu sein. Wahrlich, Gott liebt die Gerechten.
- 9Gott verbietet euch nur, die zu Schutzherren zu nehmen, die euch wegen des Glaubens bekämpft haben und euch aus euren Wohnstätten vertrieben haben und an eurer Vertreibung mitgewirkt haben. Wer sie zu Schutzherren nimmt – das sind die Frevler.
- 10O ihr, die ihr glaubt! Wenn die gläubigen Frauen ausgewandert zu euch kommen, prüft sie. Gott kennt ihren Glauben am besten. Wenn ihr sie als Gläubige erkennt, schickt sie nicht zu den Ungläubigen zurück. Sie sind ihnen nicht erlaubt, und jene sind ihnen nicht erlaubt. Aber gebt ihnen, was sie ausgegeben haben. Es ist nichts gegen euch, wenn ihr sie heiratet, wenn ihr ihnen ihre Brautgaben gebt. Haltet die Eheverträge der Ungläubigen nicht aufrecht. Aber bittet zurück, was ihr ausgegeben habt, und sie sollen zurückbitten, was sie ausgegeben haben. Das ist Gottes Urteil. Er entscheidet zwischen euch. Und Gott ist allwissend, weise.
- 11Wenn euch von euren Frauen jemand zu den Ungläubigen entgeht und ihr Beute macht, dann gebt denen, deren Frauen weggegangen sind, die Höhe ihrer Ausgaben. Und fürchtet Gott, an den ihr glaubt.
- 12O Prophet! Wenn die gläubigen Frauen zu dir kommen, um dir die Treue zu schwören, dass sie nichts Gott beigesellen, nicht stehlen, nicht Unzucht treiben, ihre Kinder nicht töten, kein Unrecht verleumden, das sie zwischen Händen und Füßen ersinnen, und dir nicht widersprechen in Rechtem – nimm ihre Treue an und bitte für sie Gott um Vergebung. Wahrlich, Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 13O ihr, die ihr glaubt! Nehmt nicht zu Schutzherren ein Volk, dem Gott zürnt. Sie verzweifeln am Jenseits, wie die Ungläubigen an den Bewohnern der Gräber verzweifeln.
Einordnung & Bedeutung
Der historische Hintergrund
Sure 60 wurde nach klassischer Überlieferung im Kontext eines konkreten Vorfalls offenbart. Ḥāṭib ibn Abī Baltaʿa, ein Begleiter Mohammeds, hatte heimlich einen Brief nach Mekka geschickt, in dem er die Quraisch vor einem geplanten Angriff der Muslime warnte. Sein Motiv: Er hatte Familie in Mekka, die er schützen wollte.
Der Brief wurde abgefangen. Ḥāṭib wurde befragt – er gab zu, dass er die Mekkaner gewarnt hatte, aber nicht aus religiöser Treulosigkeit, sondern aus Sorge um seine Verwandten. Mohammed verzieh ihm; die Sure aber wurde offenbart, um die Grundsatzfrage zu klären: Kann man Loyalität zu Verwandten und Loyalität zur Glaubensgemeinschaft trennen?
Eine schwierige Sure
Sure 60 ist eine der textuell schwierigsten Suren des Korans. Sie wird oft missbraucht – sowohl von extremistischen Strömungen, die sie als Beleg für eine harte Trennung zwischen Muslimen und „Anderen" lesen, als auch von islamfeindlichen Stimmen, die sie als Beweis für angebliche islamische Intoleranz zitieren.
Beide Lesarten sind falsch. Die Sure unterscheidet sorgfältig zwischen zwei Kategorien von Nicht-Muslimen.
Die zentrale Unterscheidung (Verse 8–9)
Verse 8 und 9 sind das ethische Herz der Sure. Sie sind oft zitiert, oft missverstanden:
Vers 8: „Gott verbietet euch nicht, denen, die euch nicht wegen des Glaubens bekämpft haben und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, Gutes zu tun und gerecht zu ihnen zu sein. Wahrlich, Gott liebt die Gerechten."
Vers 9: „Gott verbietet euch nur, die zu Schutzherren zu nehmen, die euch wegen des Glaubens bekämpft haben und euch aus euren Wohnstätten vertrieben haben."
Das ist eine klare Zwei-Kategorien-Ethik:
- Kategorie A: Nicht-Muslime, die mit den Muslimen friedlich leben. Mit ihnen Gutes tun und gerecht sein – Gott liebt die Gerechten.
- Kategorie B: Nicht-Muslime, die aktiv gegen die Muslime kämpfen und sie vertreiben. Mit ihnen keine „Schutzherren"-Beziehung.
Diese Stelle widerlegt vollständig die Behauptung, der Islam fordere prinzipielle Feindschaft zu allen Nicht-Muslimen. Im Gegenteil: Wer nicht aktiv gegen die Muslime steht, dem soll man Gutes tun. Wer sie aber bekämpft, dem soll man nicht vertrauen.
Diese Unterscheidung ist im 7. Jahrhundert eine bemerkenswerte ethische Differenzierung. Sie ist keineswegs selbstverständlich. Viele antike Rechtssysteme kennen entweder den Stammes-Feind oder den Stammes-Bruder – ohne Zwischenstufen. Sure 60 schafft eine Grauzone, die rechtlich relevant ist.
Das Abraham-Vorbild
Verse 4–6 sind eine bemerkenswerte Stelle: Abraham wird als Vorbild präsentiert. Er hat sich klar von seinem Volk distanziert, das Götzen anbetete. „Wir haben mit euch und mit dem, was ihr neben Gott anbetet, nichts zu tun."
Aber dann kommt eine erstaunliche Differenzierung in Vers 4 selbst: „Außer das Wort Abrahams an seinen Vater: Wahrlich, ich werde für dich um Vergebung bitten."
Diese Stelle ist subtil. Abraham distanziert sich vom Polytheismus, aber er bricht nicht mit seinem Vater. Er bittet für ihn um Vergebung. Das wird hier ausdrücklich als Nicht-Vorbild markiert – andere Stellen im Koran (Sure 9,114) kritisieren Abrahams Bittgebet als versuchsweise Geste, die später aufgegeben wurde. Aber die Geste selbst – das Hoffen auf Vergebung für die nichtgläubigen Eltern – wird im koranischen Verständnis nicht völlig verworfen.
Der Schlussakkord in Vers 7 ist hoffnungsvoll: „Vielleicht setzt Gott zwischen euch und denen, die ihr für eure Feinde haltet, Zuneigung. Gott hat die Macht dazu." Die heutige Feindschaft ist nicht der Endzustand. Sie kann sich ändern. Gott kann Liebe stiften, wo Hass war.
Die geflohenen Frauen
Verse 10–11 regeln einen sehr konkreten Fall. Nach dem Friedensvertrag von Ḥudaibiya (628) bestand zwischen Mekka und Medina die Vereinbarung, dass entlaufene Personen ausgeliefert werden müssten. Aber: Was, wenn Frauen nach Medina flohen, die in Mekka ihren mekkanischen Männern hatten entkommen wollen?
Vers 10 macht eine Ausnahme: Die Frauen sollen nicht zurückgeschickt werden. Wenn sie wirklich gläubig sind, sind sie ihren mekkanischen Männern nicht mehr „erlaubt". Stattdessen soll der mekkanische Mann seine Aufwendungen (die Brautgabe) zurückbekommen. Die Frau ist frei und kann einen muslimischen Mann heiraten.
Diese Regelung ist sozialethisch progressiv. Sie schützt geflohene Frauen vor Rückführung in problematische Verhältnisse. Sie macht aber auch klar: Es geht hier nicht um eine einseitige Geringschätzung der Männer. Wer materielle Ansprüche hat, bekommt sie ersetzt – aber nicht die Frau selbst.
Der Treueschwur der Frauen
Vers 12 nennt einen formalen Akt: Wenn gläubige Frauen zu Mohammed kommen, sollen sie sechs Verpflichtungen schwören:
- Gott nichts beigesellen
- Nicht stehlen
- Keine Unzucht treiben
- Die eigenen Kinder nicht töten
- Kein Unrecht verleumden
- Dem Propheten in Rechtem nicht widersprechen
Dieser Schwur ist als baiʿat an-nisāʾ – „der Treuschwur der Frauen" – bekannt. Er ist sozialgeschichtlich interessant: Frauen werden in der frühen muslimischen Gemeinde als eigenständige rechtliche Subjekte angesprochen. Sie schwören selbst, nicht durch Vermittlung der Männer.
Punkt 4 – „die eigenen Kinder nicht töten" – ist ein Bezug auf die altarabische Praxis der Kindstötung (siehe Sure 81,8-9). Frauen waren oft an diesen Entscheidungen beteiligt; die Sure verbietet das explizit.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 60 ist eine differenzierte Sure über Loyalität, Glaubensfreundschaft und Umgang mit Nicht-Muslimen. Sie macht klare Aussagen:
- Mit friedlichen Nicht-Muslimen: Gutes tun, gerecht sein.
- Mit aktiven Feinden: keine engen Bündnisse.
- Heutige Feindschaft kann sich ändern.
- Familienloyalität darf nicht über Glaubensloyalität gestellt werden, aber Familie aufgeben muss man nicht.
Die Schlüsselverse 8–9 werden in der zeitgenössischen muslimischen Auslegung – etwa bei Mouhanad Khorchide oder Mustafa Akyol – immer wieder zitiert, um die Verträglichkeit von Islam und Pluralismus zu belegen. Die Sure macht klar: Gott liebt die Gerechten – und Gerechtigkeit gilt gegenüber allen, die mit uns friedlich leben, ungeachtet ihres Glaubens.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Schutzherr (walī, Plural awliyāʾ) – enge politisch-rechtliche Bündnisbeziehung – nicht einfach „Freund", sondern strategischer Partner
- Wegen des Glaubens bekämpft – die entscheidende koranische Unterscheidung – Feindschaft, die aus Religionsgründen kommt, nicht aus anderen Konflikten
- Schönes Vorbild (uswa ḥasana) – koranischer Begriff für ethisches Modell – in Vers 4 Abraham, in Sure 33,21 Mohammed selbst
- Treueschwur der Frauen (baiʿat an-nisāʾ) – historischer Akt – Frauen als eigenständige rechtliche Subjekte in der frühen muslimischen Gemeinde
- Versuchung (fitna) – in Vers 5: das, was den Glauben anficht – die Gläubigen bitten, kein „Stolperstein" für Nichtgläubige zu werden