Sure 65

Die Scheidung

Aṭ-Ṭalāq

Verse: 12 Offenbart in: Medina Zeit: medinensisch

Worum geht's?

Eine kurze, sehr praktische Sure, die das islamische Scheidungsrecht in seinen Grundzügen festlegt. Sie ergänzt und konkretisiert die Bestimmungen aus Sure 2. Auffällig: Sie ist erstaunlich frauenrechtlich orientiert – mit konkreten Schutzbestimmungen für Geschiedene. Mit dem berühmten Vers: „Wer Gott fürchtet, dem wird er einen Ausweg machen."

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1O Prophet! Wenn ihr euch von den Frauen scheidet, so scheidet euch von ihnen zu ihrer Wartezeit. Berechnet die Wartezeit und fürchtet Gott, euren Herrn. Lasst sie nicht aus ihren Häusern hinausgehen, und sie sollen auch nicht hinausgehen, außer wenn sie eine offene Schändlichkeit begehen. Das sind die Grenzen Gottes. Wer die Grenzen Gottes übertritt, hat sich selbst Unrecht getan. Du weißt nicht, vielleicht lässt Gott danach eine neue Sache entstehen.
  2. 2Wenn sie ihre Frist erreicht haben, so behaltet sie auf rechte Weise oder trennt euch von ihnen auf rechte Weise. Nehmt zwei Gerechte unter euch zu Zeugen und richtet das Zeugnis für Gott auf. Damit wird der ermahnt, der an Gott und den Letzten Tag glaubt. Und wer Gott fürchtet, dem macht er einen Ausweg.
  3. 3Und er versorgt ihn von dort, von wo er es nicht erwartet. Wer auf Gott vertraut, dem genügt er. Wahrlich, Gott erreicht seine Sache. Gott hat für jede Sache ein Maß gesetzt.
  4. 4Die, die unter euren Frauen die Wechseljahre erreicht haben, falls ihr Zweifel habt – ihre Wartezeit ist drei Monate, und auch die, die noch nicht ihre Periode hatten. Die schwangeren Frauen – ihre Frist ist, dass sie niederkommen. Wer Gott fürchtet, dem macht er seine Sache leicht.
  5. 5Das ist Gottes Befehl, den er zu euch herabgesandt hat. Wer Gott fürchtet, dem tilgt er seine Sünden und vergrößert ihm seinen Lohn.
  6. 6Wohnt sie aus eurer Wohnstätte, wo ihr wohnt, nach eurem Vermögen, und drängt sie nicht, um ihnen Enge zu machen. Wenn sie schwanger sind, so gebt für sie aus, bis sie niederkommen. Wenn sie für euch stillen, gebt ihnen ihren Lohn. Und beratet euch untereinander auf rechte Weise. Wenn ihr aber Schwierigkeiten miteinander habt, so soll für ihn eine andere stillen.
  7. 7Wer Mittel hat, soll nach seinen Mitteln ausgeben. Wem die Versorgung knapp ist, soll von dem ausgeben, was Gott ihm gegeben hat. Gott belastet keine Seele über das hinaus, was er ihr gegeben hat. Gott wird nach der Enge Erleichterung machen.
  8. 8Wie viele Städte haben sich übermütig vom Befehl ihres Herrn und seiner Gesandten abgewandt! Da rechneten wir mit ihnen eine schwere Abrechnung ab und straften sie mit einer entsetzlichen Strafe.
  9. 9Sie kosteten die Folge ihrer Sache, und die Folge ihrer Sache war Verlust.
  10. 10Gott hat ihnen schwere Strafe bereitet. So fürchtet Gott, ihr Verständigen, die ihr geglaubt habt! Gott hat zu euch eine Ermahnung herabgesandt,
  11. 11einen Gesandten, der euch die deutlichen Zeichen Gottes verliest, um die, die geglaubt und gute Werke getan haben, aus den Finsternissen ins Licht zu führen. Wer an Gott glaubt und Gutes tut, den lässt er in Gärten eintreten, durch die Bäche fließen, darin ewig. Gott hat ihm seine Versorgung schön gemacht.
  12. 12Gott ist es, der sieben Himmel und ebenso viele von der Erde erschaffen hat. Sein Befehl steigt zwischen ihnen herab, damit ihr wisst, dass Gott über alles Macht hat und dass Gott alles mit Wissen umfasst.

Einordnung & Bedeutung

Eine sehr praktische Sure

Sure 65 ist im Charakter sehr anders als die mekkanischen Suren. Sie ist juristisch, nicht predigtmäßig. Sie regelt konkrete Lebenslagen – die Scheidung – mit klaren Bestimmungen. Solche praktischen Suren sind typisch für die medinensische Periode, in der Mohammed nicht nur Verkünder, sondern auch Gesetzgeber einer wachsenden Gemeinde war.

Trotzdem ist die Sure auch theologisch. Sie verbindet praktische Anweisungen mit Aussagen über Gottes Verlässlichkeit. Wer das Recht hält, bekommt Hilfe – das ist die Klammer.

Das Scheidungsrecht im Überblick

Die zentralen Bestimmungen der Sure:

  1. Wartezeit (Vers 1): Die Frau bleibt nach Ausspruch der Scheidung eine bestimmte Zeit im Haushalt – die ʿidda. In dieser Zeit ist klar, ob sie schwanger ist; in dieser Zeit kann auch eine Versöhnung stattfinden.
  2. Drei Monate bei Frauen ohne Menstruation oder vor der Pubertät (Vers 4).
  3. Bis zur Geburt bei Schwangeren (Vers 4).
  4. Im selben Haus während der Wartezeit (Vers 1): Die Frau darf nicht aus dem Haus geworfen werden – und soll selbst auch nicht ausziehen. Das ist eine wichtige Schutzbestimmung.
  5. Versorgung während der Wartezeit und der Stillzeit (Vers 6): Der Mann muss sie versorgen, ihr Wohnung geben, sie nicht „drängen".
  6. Stillgeld (Vers 6): Wenn sie nach der Scheidung das gemeinsame Kind stillt, bekommt sie dafür Bezahlung.
  7. Zeugen (Vers 2): Die Entscheidung – ob Rücknahme oder endgültige Trennung – muss vor zwei gerechten Zeugen erklärt werden.

Frauenrechtliche Aspekte

Sure 65 ist im historischen Kontext frauenrechtlich erstaunlich progressiv. In der vorislamischen arabischen Praxis konnte eine Frau spontan auf die Straße gesetzt werden, ohne Versorgung, ohne Recht auf das gemeinsame Kind, ohne Schutz. Die Sure schafft Schutzräume:

  • Die Frau bleibt während der Wartezeit im gemeinsamen Haus.
  • Sie hat Anspruch auf Versorgung.
  • Sie wird für das Stillen ihres Kindes bezahlt.
  • Sie ist nicht der Willkür des Mannes ausgeliefert – es gibt Zeugen und Fristen.

Vers 1 enthält eine bemerkenswerte Aussage: „Du weißt nicht, vielleicht lässt Gott danach eine neue Sache entstehen." Die Wartezeit ist nicht nur Schutzfrist, sondern auch Chance: Vielleicht versöhnen sich die Eheleute. Vielleicht ändert sich etwas. Die Sure ist gegen voreilige endgültige Trennung.

Heutige islamische Familienrechts-Reformer (in Marokko, Tunesien, Indonesien, Türkei) bauen oft auf Sure 65 auf, um traditionelle Praktiken der Frauen-Benachteiligung als nicht-koranisch auszuweisen.

„Wer Gott fürchtet, dem macht er einen Ausweg"

Verse 2–3 enthalten einen der berühmtesten Trostverse des Korans: „Wer Gott fürchtet, dem macht er einen Ausweg. Und er versorgt ihn von dort, von wo er es nicht erwartet. Wer auf Gott vertraut, dem genügt er."

Diese Stelle ist in der islamischen Frömmigkeit eine der wichtigsten überhaupt. Sie wird in Krisensituationen zitiert – wenn Geld fehlt, wenn ein Weg verstellt scheint, wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Verheißung: Gott macht einen Ausweg. Vielleicht nicht den erwarteten. Vielleicht „von dort, von wo er es nicht erwartet". Aber der Ausweg kommt.

Bemerkenswert ist der Kontext. Diese Trostverheißung steht mitten in einer Scheidungs-Sure. Die Sure thematisiert eine der schwierigsten Lebenslagen – das Ende einer Ehe. Auch hier gilt: Wer Gott fürchtet, hat einen Ausweg. Die Sure verspricht keinen Schmerz-freien Verlauf, aber sie verspricht, dass es weitergeht.

„Gott belastet keine Seele über das hinaus, was er ihr gegeben hat"

Vers 7 enthält eine wichtige Verallgemeinerung: „Wer Mittel hat, soll nach seinen Mitteln ausgeben. Wem die Versorgung knapp ist, soll von dem ausgeben, was Gott ihm gegeben hat. Gott belastet keine Seele über das hinaus, was er ihr gegeben hat."

Im konkreten Kontext: Was der Mann für die geschiedene Frau ausgibt, hängt von seinen Mitteln ab. Ein wohlhabender Mann muss mehr geben als ein armer. Aber selbst der Arme muss etwas geben.

Die Verallgemeinerung – „Gott belastet keine Seele über das hinaus, was er ihr gegeben hat" – ist eines der wichtigsten Sätze des Korans. Er kommt auch in Sure 2,286 vor. Im Islam gibt es keine Forderung, die jemanden überfordert. Was Gott will, ist Gott auch zu leisten möglich gemacht hat. Das ist eine erstaunlich realistische religiöse Ethik.

„Sieben Himmel und ebenso viele von der Erde" (Vers 12)

Der Schlussvers ist kosmologisch interessant: „Gott ist es, der sieben Himmel und ebenso viele von der Erde erschaffen hat."

„Sieben Himmel" ist eine standardisierte koranische Formel (vorkommen in Sure 2,29; 17,44; 23,17; 41,12; 65,12; 67,3; 71,15; 78,12). Sie geht auf antike kosmologische Vorstellungen zurück, die im Mittelmeerraum und Vorderen Orient verbreitet waren: Die Himmel sind in Schichten oder Sphären gedacht.

Bemerkenswert in Sure 65,12: „und ebenso viele von der Erde". Das ist ungewöhnlich – sieben Erden? Klassische Auslegungen waren ratlos. Manche dachten an sieben Erdteile, andere an sieben Schichten der Erde, andere an parallele Welten.

Moderne muslimische Wissenschafts-Apologetik liest die Stelle manchmal mit Bezug auf die geologischen Schichten der Erde (Kruste, oberer Mantel, unterer Mantel, äußerer Kern, innerer Kern usw.). Diese Interpretation ist möglich, aber nicht zwingend.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 65 ist eine der praktisch relevantesten Suren. In jeder islamischen Familienrechts-Diskussion wird sie zitiert. In jeder seelsorgerlichen Begleitung von Geschiedenen wird sie herangezogen. In der zeitgenössischen Reform-Debatte ist sie ein wichtiger Ankerpunkt: Wer das islamische Familienrecht modernisieren will, beruft sich auf die Schutzbestimmungen dieser Sure.

Die Verse 2–3 (über den Ausweg, den Gott schenkt) sind im allgemeinen Glaubensleben über die spezifische Scheidungs-Situation hinaus wirksam. Wer in irgendeiner Lebenskrise steckt – Beruf, Krankheit, Familie, Wirtschaft – findet hier eine Zusage, die ihm Hoffnung gibt.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Scheidung (ṭalāq) – gibt der Sure ihren Namen – das islamische Scheidungsrecht
  • Wartezeit (ʿidda) – die Pflicht-Frist nach Scheidung – Schutz für die Frau und Möglichkeit der Versöhnung
  • „Auswegs-Vers" (āyat al-machradsch) – Verse 2–3 – im islamischen Glaubensleben einer der wichtigsten Trostverse
  • Stillgeld – in Vers 6 – die geschiedene Frau wird für das Stillen des gemeinsamen Kindes bezahlt
  • „Gott belastet keine Seele über das hinaus..." – in Vers 7 (und Sure 2,286) – Grundprinzip der islamischen Ethik
  • Sieben Himmel und sieben Erden – in Vers 12 – antike kosmologische Formel mit modernen Auslegungs-Varianten