Sure 66
Das Verbieten
At-Taḥrīm
Worum geht's?
Eine ungewöhnliche Sure mit einem sehr persönlichen Anlass: ein Familienkonflikt im Haus Mohammeds. Sie wird zur Anweisung an alle Gläubigen, gegen den eigenen inneren Hochmut anzukämpfen. Mit zwei berühmten Frauen-Gegenüberstellungen: Pharaos Frau Asiyah als Vorbild – Lots und Noahs Frauen als Warnung. Die Sure endet mit Maria als Modell der Reinheit.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1O Prophet! Warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, im Trachten nach dem Wohlgefallen deiner Frauen? Gott ist allverzeihend, barmherzig.
- 2Gott hat euch die Auflösung eurer Eide angeordnet. Gott ist euer Schutzherr. Er ist der Allwissende, der Weise.
- 3Als der Prophet einer seiner Frauen heimlich eine Mitteilung anvertraute, erzählte sie es weiter. Gott zeigte ihm das. Er teilte einen Teil davon mit und einen anderen Teil ließ er beiseite. Als er sie davon in Kenntnis setzte, sagte sie: Wer hat dir das mitgeteilt? Er sagte: Mir hat es der Allwissende, der Wohlkundige mitgeteilt.
- 4Wenn ihr beide zu Gott umkehrt – eure Herzen haben sich abgeneigt. Wenn ihr beide ihm aber gegenseitig beisteht, so ist Gott sein Schutzherr, und Gabriel und die rechtschaffenen Gläubigen. Die Engel danach sind Beistand.
- 5Vielleicht gibt euer Herr ihm, wenn er sich von euch scheidet, bessere Frauen als euch – sich Unterwerfende, Gläubige, Anbetende, Umkehrende, Dienende, Fastende, vorher Verheiratete und Jungfrauen.
- 6O ihr, die ihr glaubt! Bewahrt euch selbst und eure Angehörigen vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind. Über ihm sind grobe, strenge Engel, die Gott nicht ungehorsam sind in dem, was er ihnen befiehlt, und die tun, was ihnen befohlen wird.
- 7O ihr, die ihr ungläubig wart! Entschuldigt euch heute nicht. Ihr werdet nur für das vergolten, was ihr getan habt.
- 8O ihr, die ihr glaubt! Kehrt zu Gott in aufrichtiger Umkehr um. Vielleicht tilgt euer Herr euch eure Sünden und lässt euch in Gärten eintreten, durch die Bäche fließen, an einem Tag, an dem Gott den Propheten und die mit ihm geglaubt haben nicht entehrt. Ihr Licht eilt vor ihnen her und zu ihrer Rechten. Sie sagen: Unser Herr! Mache uns unser Licht vollkommen und vergib uns. Wahrlich, du hast über alles Macht.
- 9O Prophet! Kämpfe gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart zu ihnen. Ihre Wohnstätte ist die Hölle. Schlimme Heimkehr!
- 10Gott hat als Gleichnis für die, die ungläubig sind, die Frau Noahs und die Frau Lots angeführt. Sie standen unter zwei rechtschaffenen Dienern von uns, doch sie waren ihnen treulos. Sie nützten ihnen vor Gott nichts. Es wurde gesagt: Tretet in das Feuer mit denen ein, die hineintreten!
- 11Gott hat als Gleichnis für die, die glauben, die Frau Pharaos angeführt, als sie sagte: Mein Herr! Baue mir bei dir ein Haus im Paradies, und rette mich vor Pharao und seinem Tun, und rette mich vor dem frevelhaften Volk.
- 12Und Maria, die Tochter ʿImrāns, die ihre Scham bewahrte. Wir hauchten in sie von unserem Geist ein. Sie hielt die Worte ihres Herrn und seine Bücher für wahr und gehörte zu den Andächtigen.
Einordnung & Bedeutung
Der ungewöhnliche Anlass
Sure 66 hat einen sehr persönlichen Hintergrund. Mohammed lebte in Medina mit mehreren Frauen. Aus der Beziehung zu seinen Frauen kam es zu einem konkreten Konflikt, der zum Anlass der Sure wurde.
Klassische Überlieferungen geben verschiedene Versionen des Anlasses. Die häufigste: Mohammed hatte sich vorgenommen, etwas zu unterlassen, was ihm eigentlich erlaubt war – um seinen Frauen einen Gefallen zu tun. Welches genau – Honig, eine bestimmte Speise, oder sein Besuch bei der Sklavin Maria der Koptin – ist umstritten.
Außerdem hatte er einer seiner Frauen ein Geheimnis anvertraut. Sie gab es einer anderen weiter. Es kam zu Spannungen im Haus.
Die Sure wird zur Reaktion. Aber sie bleibt nicht bei dem Familienkonflikt – sie verallgemeinert ihn zu einer Lehre für alle Gläubigen.
Mohammed wird korrigiert (Verse 1–2)
Vers 1 ist bemerkenswert: „O Prophet! Warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat?"
Das ist eine direkte Korrektur Mohammeds durch Gott. Sie zeigt etwas Wichtiges: Mohammed ist nicht unfehlbar. Er kann Fehler machen, und Gott korrigiert ihn. Diese Stellen im Koran (siehe auch Sure 80) widerlegen die manchmal überzogene Mohammed-Verehrung, die ihn quasi gottähnlich macht. Er bleibt Mensch.
Die Korrektur ist sanft. Mohammed hatte aus Liebe zu seinen Frauen etwas „verboten" – wahrscheinlich einen Eid geleistet, etwas zu unterlassen. Gott sagt: Wenn ein Eid Härte schafft (für dich selbst), darfst du ihn auflösen. Auch hier wieder das Prinzip: Religion soll nicht überfordern.
Die Drohung an die zwei Frauen (Vers 3–5)
Verse 3–5 sind eine direkte Anrede an zwei von Mohammeds Frauen. Sie werden namentlich nicht genannt – klassische Überlieferungen identifizieren sie als Ḥafṣa und ʿĀʾischa. Sie werden ermahnt: Wenn ihr nicht umkehrt, kann Mohammed sich von euch scheiden. Gott würde ihm dann „bessere Frauen" geben.
Diese Stelle ist heute heikel. Sie scheint Mohammeds Frauen unter Druck zu setzen. Wichtig zur Einordnung:
- Es geht um ein konkretes Fehlverhalten – Vertrauensbruch und Verschwörung.
- Die Sure verlangt Umkehr – nicht Unterwerfung. Die Frauen werden zur Selbstreflexion aufgerufen.
- Mohammed scheidet sich nicht. Die Drohung war Mahnung, nicht Vollzug.
Trotzdem: Die Stelle zeigt das Patriarchat der Zeit. Sie verallgemeinert sich aber zu einer Lehre, die nicht geschlechtsspezifisch ist: Wer in einer engen Beziehung das Vertrauen bricht, muss umkehren.
„Bewahrt euch selbst und eure Angehörigen" (Vers 6)
Vers 6 ist eine der wichtigsten Stellen der Sure: „Bewahrt euch selbst und eure Angehörigen vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind."
Diese Stelle gibt der Familienverantwortung eine ungewöhnliche Wendung. Der Familienvater (und in muslimischer Auslegung auch die Mutter) ist nicht nur für das physische Wohl seiner Angehörigen verantwortlich, sondern auch für ihre spirituelle Bewahrung.
Was bedeutet das praktisch? Klassische Auslegungen erklären: Die Eltern müssen ihren Kindern den Glauben weitergeben, sie ethisch erziehen, sie vor falschen Wegen warnen. Sie sind verantwortlich dafür, dass die Familie nicht „ins Feuer" gerät.
Wichtig: Diese Verantwortung wird nicht als Zwang verstanden. Erwachsene Kinder treffen ihre eigenen Entscheidungen. Aber Eltern haben die Pflicht, ihren Teil zu tun.
Aufrichtige Umkehr (Vers 8)
Vers 8 ist ein berühmter Vers: „O ihr, die ihr glaubt! Kehrt zu Gott in aufrichtiger Umkehr um."
Das arabische tauba naṣūḥ – „aufrichtige Umkehr" – ist ein islamisches Schlüsselkonzept. Klassisch hat sie drei Bedingungen:
- Erkenntnis der Sünde.
- Aufgabe der Sünde.
- Festen Vorsatz, nicht wiederzukehren.
- (Bei Sünden gegen Menschen: Wiedergutmachung.)
Vers 8 schließt mit einer ehrfürchtigen Bitte der Gerechten am Jüngsten Tag: „Unser Herr! Mache uns unser Licht vollkommen und vergib uns." Sogar im Paradies bitten die Gerechten noch um Vervollkommnung. Das ist eine erstaunliche Demut.
Die vier exemplarischen Frauen (Verse 10–12)
Die Sure endet mit einem unvergesslichen Schlussakkord. Vier Frauen werden als Gleichnis präsentiert – zwei als Warnung, zwei als Vorbild:
Die zwei Warnungen
Vers 10: „Die Frau Noahs und die Frau Lots." Beide standen unter „rechtschaffenen Dienern" Gottes – ihre Männer waren Propheten. Aber sie selbst waren ungläubig. Ihre Ehe mit einem Propheten rettete sie nicht.
Was waren ihre konkreten Vergehen? Klassische Auslegungen: Noahs Frau spottete über die Arche. Lots Frau verriet ihre Gäste an die Sodomiter. Beide hatten Möglichkeit zu glauben – beide haben sie verspielt.
Die theologische Pointe: Niemand wird durch Verwandtschaft gerettet. Auch nicht die Frau eines Propheten. Jeder steht für sich. Das ist die individuelle Verantwortung, die der Koran immer wieder betont.
Die zwei Vorbilder
Vers 11: „Die Frau Pharaos." Klassisch heißt sie Asiyah. Sie lebte in der ungerechtesten denkbaren Umgebung – am Hof des Tyrannen, der Moses bekämpfte. Aber sie blieb gläubig.
Ihre Bitte (Vers 11) ist eines der bewegendsten Gebete des Korans: „Mein Herr! Baue mir bei dir ein Haus im Paradies, und rette mich vor Pharao und seinem Tun, und rette mich vor dem frevelhaften Volk."
Diese Stelle ist ein Modell für Glauben unter Druck. Wer in einer ungerechten Familie, einer ungerechten Gesellschaft, einem ungerechten System lebt, kann trotzdem gläubig sein. Asiyah blieb es. Die islamische Tradition gibt ihr einen besonderen Ehrenplatz unter den vier vorbildlichen Frauen der Religionsgeschichte.
Vers 12: „Und Maria, die Tochter ʿImrāns." Maria – die Mutter Jesu – wird hier ein letztes Mal genannt. Ihre Tugend: Sie „bewahrte ihre Scham", glaubte den Offenbarungen Gottes, gehörte zu den Andächtigen.
Bemerkenswert: Maria wird hier als letzte und höchste der vier Frauen genannt. Sie steht am Schluss der Sure – an der Position, die in arabischer Rhetorik die Pointe markiert. Sie ist das Vorbild der höchsten Reinheit.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 66 ist eine bemerkenswerte Sure. Sie verbindet:
- Eine persönliche Familiengeschichte Mohammeds (Verse 1–5)
- Eine universale Aufforderung zur Familien-Bewahrung (Verse 6–8)
- Eine Galerie exemplarischer Frauen (Verse 10–12)
Was die Sure besonders macht: Sie ist eine der weiblichsten Suren des Korans. Das einzige Mal, dass eine Sure mit der Erwähnung von vier Frauen endet – zwei als Warnung, zwei als Vorbild. Pharaos Frau Asiyah und Maria stehen am Ende als die zwei höchsten Frauen-Vorbilder.
Im zeitgenössischen muslimischen Diskurs über Frauen-Rollen ist Sure 66 wichtig: Sie zeigt, dass Frauen im Koran selbständige spirituelle Subjekte sind. Sie sind nicht Anhängsel ihrer Männer. Asiyah trotz Pharao, Marias ohne einen Mann – das sind die positiven Modelle.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Verbieten (taḥrīm) – gibt der Sure ihren Namen – Mohammeds Eid, sich etwas Erlaubtes zu untersagen
- Bewahrt euch und eure Angehörigen – Vers 6 – die religiös-ethische Familienverantwortung
- Aufrichtige Umkehr (tauba naṣūḥ) – Vers 8 – das islamische Konzept der echten Reue
- Asiyah – die Frau Pharaos – Vorbild für Glauben unter ungerechter Herrschaft; eine der vier exemplarischen Frauen des Islam
- Maria, Tochter ʿImrāns – die letzte und höchste der genannten Frauen – Vorbild der Reinheit
- Die vier Frauen-Vorbilder – in islamischer Tradition oft genannt: Asiyah, Maria, Khadidscha (Mohammeds erste Frau), Fāṭima (Mohammeds Tochter)