Sure 70
Die Aufstiegswege
Al-Maʿāridsch
Worum geht's?
Eine Sure über die menschliche Wankelmütigkeit und ihre Korrektur durch das Gebet. Ihr berühmtester Vers: „Wahrlich, der Mensch ist von Natur aus ungehalten – wenn ihn Übles trifft, wird er kleinlaut, wenn ihn Gutes trifft, wird er knausrig." Die Therapie dagegen: Gebet, Almosen, Wahrheit, Anstand.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Ein Fragender hat nach der eintretenden Strafe gefragt
- 2für die Ungläubigen – niemand kann sie abwehren –
- 3die von Gott kommt, dem Herrn der Aufstiegswege.
- 4Die Engel und der Geist steigen zu ihm empor an einem Tag, dessen Maß fünfzigtausend Jahre beträgt.
- 5So habe schöne Geduld!
- 6Wahrlich, sie sehen ihn fern,
- 7wir aber sehen ihn nah.
- 8An dem Tag wird der Himmel wie geschmolzenes Metall sein,
- 9und die Berge wie Wollflocken.
- 10Kein vertrauter Freund wird nach einem vertrauten Freund fragen.
- 11Sie werden einander sehen. Der Frevler wird sich loskaufen wollen mit seinen Söhnen,
- 12seiner Frau und seinem Bruder,
- 13seinen Verwandten, die ihn behüteten,
- 14und allen auf der Erde – wenn ihn das nur retten würde.
- 15Aber nein! Es ist ein loderndes Feuer,
- 16das die Kopfhaut abreißt,
- 17das den herbeiruft, der den Rücken kehrte und sich abwandte,
- 18und sammelte und aufbewahrte.
- 19Wahrlich, der Mensch ist von Natur aus ungehalten.
- 20Wenn ihn Übles trifft, wird er kleinlaut.
- 21Wenn ihn Gutes trifft, wird er knausrig.
- 22Außer denen, die beten,
- 23die ihr Gebet beständig verrichten,
- 24und in deren Vermögen ein bestimmter Anteil bekannt ist
- 25für den Bittenden und den Entrechteten,
- 26und die den Tag des Gerichts für wahr halten,
- 27und die sich vor der Strafe ihres Herrn fürchten –
- 28wahrlich, vor der Strafe ihres Herrn ist man nicht sicher –
- 29und die ihre Scham bewahren,
- 30außer vor ihren Ehefrauen oder ihren Sklavinnen, denn da werden sie nicht getadelt.
- 31Wer aber darüber hinaus etwas begehrt, das sind die Übertreter.
- 32Und die ihre Anvertrauten und ihre Verpflichtungen einhalten,
- 33und die in ihren Zeugnissen aufrichtig sind,
- 34und die ihr Gebet sorgfältig verrichten:
- 35Diese sind in Gärten geehrt.
- 36Was haben die Ungläubigen, dass sie zu dir laufen,
- 37rechts und links in Gruppen?
- 38Will denn jeder von ihnen in einen Garten der Wonne eingehen?
- 39Nein! Wir haben sie aus dem, was sie wissen, erschaffen.
- 40Aber ich schwöre beim Herrn der Aufgänge und Untergänge: Wir haben die Macht,
- 41sie durch Bessere als sie zu ersetzen. Wir werden nicht überholt.
- 42So lass sie tauchen und spielen, bis sie ihrem Tag begegnen, der ihnen versprochen ist –
- 43an dem Tag, an dem sie aus den Gräbern hastig hinauskommen, als rennten sie zu einem Wahrzeichen,
- 44ihre Blicke niedergeschlagen, von Demütigung bedeckt. Das ist der Tag, der ihnen versprochen wurde.
Einordnung & Bedeutung
Die Frage nach der Strafe
Die Sure beginnt mit einer ungewöhnlichen Szene: Ein „Fragender" hatte gefragt, wann die Strafe kommen soll, die Mohammed angedroht hatte. Klassische Überlieferungen identifizieren den Fragenden mit an-Naḍr ibn al-Ḥārith, einem mekkanischen Gegner, der spöttisch verlangt hatte, die Strafe sofort zu sehen.
Die Sure antwortet nicht direkt, sondern zeichnet das Bild eines kosmischen Zeitmaßes: „ein Tag, dessen Maß fünfzigtausend Jahre beträgt." Das ist nicht primär chronologisch zu lesen – es geht um die Erfahrung der Endzeit. Was Menschen als ein Tag erleben, ist im Maß der höheren Wirklichkeit gewaltig lang.
Die Aufstiegswege
Vers 3 nennt einen Gottesnamen, der nur hier vorkommt: „Herr der Aufstiegswege" – arabisch dhū l-maʿāridsch. Was sind diese Aufstiegswege? Klassische Auslegungen sehen darin:
- Die himmlischen Sphären, durch die die Engel zu Gott aufsteigen.
- Die spirituellen Stufen, durch die der Mensch zu Gott gelangen kann.
- Die kosmische Ordnung, in der alles seinen Weg „nach oben" hat.
Vers 4 entwickelt das Bild: „Die Engel und der Geist steigen zu ihm empor." – auch hier wieder das Bild von Bewegung in Richtung des Höheren.
Die Vereinzelung am Jüngsten Tag
Verse 10–14 sind eine eindringliche Beschreibung der sozialen Auflösung am Endtag: „Kein vertrauter Freund wird nach einem vertrauten Freund fragen." Was im Diesseits das Band der Menschheit ausmacht – Verwandtschaft, Freundschaft, Familie – zerreißt am Jüngsten Tag.
Der Frevler will sich „loskaufen" – mit seinen Söhnen, seiner Frau, seinem Bruder, sogar mit „allen auf der Erde". Dieses Bild des verzweifelten Loskaufs ist erschütternd. Was bei einer normalen Geiselnahme funktioniert (Lösegeld), funktioniert am Jüngsten Tag nicht. Hier zählt nur, was du selbst getan hast.
Die zentrale Anthropologie: Die Wankelmütigkeit
Verse 19–21 sind eine der präzisesten anthropologischen Aussagen des Korans:
„Wahrlich, der Mensch ist von Natur aus ungehalten.
Wenn ihn Übles trifft, wird er kleinlaut.
Wenn ihn Gutes trifft, wird er knausrig."
Das arabische Wort halūʿ – „ungehalten, wankelmütig, ungeduldig" – beschreibt einen Menschen, der von seinen wechselnden Gefühlen getrieben wird. Bei Schmerz jammert er. Bei Glück wird er geizig.
Diese Diagnose ist erstaunlich modern. Sie passt auf den Großteil heutiger Selbsthilfe-Literatur: Der Mensch ist nicht stabil, sondern reaktiv. Er reagiert auf das, was ihm widerfährt, statt aus einer eigenen Mitte zu handeln.
Die Therapie: Sieben Eigenschaften
Verse 22–35 listen die Ausnahmen auf – die Menschen, bei denen die Wankelmütigkeit überwunden ist. Sieben Eigenschaften werden genannt:
- Beständiges Gebet – nicht gelegentlich, sondern regelmäßig.
- Ein bekannter Anteil des Vermögens für Bedürftige und Entrechtete. „Bekannt" ist hier wichtig: nicht spontan-launische Großzügigkeit, sondern fester Anteil.
- Wahrhalten des Gerichtstages – die kognitive Voraussetzung für alles andere.
- Furcht vor der Strafe Gottes – nicht primär Angst, sondern ernsthafte Aufmerksamkeit.
- Sexuelle Selbstbeherrschung: „die ihre Scham bewahren" – die Sure nimmt hier explizit Ehe und (im 7. Jahrhundert übliche) Konkubinatsverhältnisse aus. Ehebruch und Unzucht aber sind ausgeschlossen.
- Vertrauenswürdigkeit: Anvertraute Sachen und Verpflichtungen einhalten.
- Aufrichtigkeit als Zeuge: in Aussagen die Wahrheit sagen.
Die Sure wiederholt das Gebet am Anfang und Ende (Verse 22–23 und Vers 34) – die Klammer ist bewusst. Die spirituelle Praxis rahmt die ethische Praxis.
Bemerkung zur „Sklavinnen"-Stelle
Vers 30 erwähnt „ihre Ehefrauen oder ihre Sklavinnen" als legitime sexuelle Partner. Das ist eine der Stellen, die heute besonders kritisch gelesen werden – mit Recht.
Historisch eingeordnet: Im 7. Jahrhundert war Sklaverei eine universale Selbstverständlichkeit, vom Römischen Reich über Persien bis Arabien. Der Koran kennt Sklaverei als Realität und reguliert sie. Die hier genannten „Sklavinnen" sind im damaligen Verständnis legitime sexuelle Partnerinnen, deren Status durch die Sklaverei definiert war.
Moderne Auslegungen – fast einhellig in zeitgenössischen muslimischen Mehrheitsmeinungen – verstehen diese Erlaubnis als historisch kontextuell. Da Sklaverei heute weltweit geächtet ist, hat die Stelle keine praktische Relevanz mehr. Der Koran hat Sklaverei nicht abgeschafft, aber wiederholt die Freilassung als verdienstvolle Tat empfohlen (siehe Sure 90,13). Dieser Weg führte historisch zur weitgehenden Abschaffung im 19./20. Jahrhundert in den meisten islamischen Ländern.
Konservativ-fundamentalistische Strömungen lesen den Vers anders. Diese Lesart führt zu erheblichen ethischen Problemen und wird von der überwältigenden Mehrheit zeitgenössischer islamischer Gelehrter abgelehnt.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 70 ist eine der wichtigsten Suren zur islamischen Anthropologie und Ethik. Sie macht eine klare Aussage: Der Mensch ist von Natur aus unbeständig – aber das ist nicht das letzte Wort. Durch konsequente Praxis (Gebet, Almosen, Wahrhaftigkeit) kann diese Unbeständigkeit überwunden werden.
Die zentrale Diagnose ist universalistisch anwendbar. Wer kennt das nicht: Bei Problemen klagen, bei Glück knausern. Die Sure beschreibt eine alltägliche Erfahrung – und schlägt einen praktischen Weg daraus vor.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Aufstiegswege (al-maʿāridsch) – wörtlich „die Treppen, Wege nach oben" – himmlische Sphären oder spirituelle Stufen; gibt der Sure ihren Namen
- Wankelmütig / ungehalten (halūʿ) – koranisches Schlüsselwort für die menschliche Reaktivität – wechselt zwischen Klage und Geiz
- Bekannter Anteil (ḥaqq maʿlūm) – in Vers 24 – fester Vermögensanteil für Bedürftige; Grundlage für die spätere Theorie der Pflichtabgaben
- Beständiges Gebet (dāʾimūn) – wörtlich „dauerhaft, beständig" – nicht Quantität, sondern Regelmäßigkeit
- Den Tag des Gerichts für wahr halten (yuṣaddiqūna bi-yaum ad-dīn) – kognitive Grundvoraussetzung für die anderen Eigenschaften – wer das nicht annimmt, hat keinen Anlass für die Praxis