Alle 114 Suren des Korans
Sure 90: Das Land (Al-Balad)
Sure 90 von 114, 20 Verse
Sure 90 heißt in der Fassung nach Henning "Das Land", arabisch Al-Balad, und hat 20 Verse. Sie gilt als mekkanisch und nennt als steilen Weg, die "Klippe", das Lösen eines Nackens und das Speisen von Waisen und Armen. Mit dem Land ist nach den Auslegern Mekka gemeint.
1 Ich schwöre bei diesem Land,
2 Und du bist ein Bewohner dieses Landes,
3 Und beim Vater und was er erzeugt,
4 Wahrlich wir erschufen den Menschen zum Kummer.
5 Glaubt er etwa, dass niemand etwas gegen ihn vermag?
6 Er spricht: "Ich habe Gut in Menge vertan."
7 Glaubt er etwa, dass ihn niemand sieht?
8 Machten wir ihm nicht zwei Augen
9 Und eine Zunge und zwei Lippen,
10 Und leiteten ihn auf den beiden Heerstraßen?
11 Und doch unternimmt er nicht die Klippe.
12 Und was lehrt dich wissen was die Klippe ist?
13 Das Lösen eines Nackens,
14 Oder zu speisen am Tag der Hungersnot
15 Eine verwandte Waise
16 Oder einen Armen, der im Staub liegt!
17 Dann zu denen zu gehören, die glauben und zur Geduld und Barmherzigkeit mahnen:
18 Das sind die Gefährten der Rechten.
19 Diejenigen aber, die unsere Zeichen verleugnen, das sind die Gefährten der Linken;
20 Über ihnen ist ein überdachendes Feuer.
Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.
Sure 90 heißt in der Fassung nach Henning "Das Land", arabisch Al-Balad; nach ihren Anfangsworten heißt sie auch "La uqsimu" (Ich schwöre) [1]. Nach der Kairoer Zählung hat sie 20 Verse, und nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [1, 7]. Ibn Aschur zählt sie nach der Zusammenfassung bei Quran.com in der überlieferten Reihenfolge der Offenbarung als 35. Sure, nach Sure 50 und vor Sure 86 [1]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4], Angelika Neuwirth stellt sie mit den Suren 89, 91 und 92 in eine Gruppe [3]. Der deutsche Text beruht auf Max Henning, dessen Übersetzung 1901 bei Reclam in Leipzig erschien [6].
Inhalt im Überblick
Die Sure fragt, was der Mensch mit seinen Gaben anfängt, und beantwortet es mit konkreten Taten.
- Verse 1 bis 4: Schwur bei diesem Land, in dem der Angesprochene wohnt, und beim Vater und dem, was er zeugt: Der Mensch ist zum Kummer erschaffen.
- Verse 5 bis 7: Der Mensch meint, niemand vermöge etwas gegen ihn, und prahlt: "Ich habe Gut in Menge vertan."
- Verse 8 bis 10: Er hat zwei Augen, Zunge und Lippen bekommen und ist auf die beiden Heerstraßen geleitet worden.
- Verse 11 bis 17: Doch er nimmt die "Klippe" nicht. Sie besteht im Lösen eines Nackens, im Speisen einer verwandten Waise oder eines Armen in der Hungersnot und darin, zu glauben und zu Geduld und Barmherzigkeit zu mahnen.
- Verse 18 bis 20: Wer so handelt, gehört zu den Gefährten der Rechten; wer die Zeichen verleugnet, zu den Gefährten der Linken.
Die Erklärung der Klippe beginnt: "Das Lösen eines Nackens, / Oder zu speisen am Tag der Hungersnot" (Sure 90,13 bis 14). Was der Koran zu Recht und Gerechtigkeit sonst sagt, steht unter Recht und Gerechtigkeit im Koran.
Wie die Sure verstanden wird
Die Auslegung fragt vor allem, welches Land gemeint ist, was Vers 2 bedeutet und was die Klippe ist.
Klassische Auslegung
Ibn Kathir versteht das Land nach Ibn Abbas als Mekka [2]. Vers 2 bedeutet nach Ibn Abbas, dass es dem Propheten erlaubt war, dort zu kämpfen; al-Hasan al-Basri spricht von einer einzigen Stunde eines Tages, und Ibn Kathir fügt ein Prophetenwort an, nach dem die Unverletzlichkeit der Stadt danach wiederhergestellt war [2]. Den Vater und das, was er zeugt, deuten Mudschahid, Qatada, Sa'id ibn Dschubair und andere auf Adam und seine Kinder; at-Tabari (bei Ibn Kathir Ibn Dscharir genannt) zog eine allgemeine Bedeutung vor, jeden Vater und seine Nachkommen [2]. Den Kummer in Vers 4 erklärt Ibn Abbas als Mühsal, in der der Mensch erschaffen ist [2]. Die beiden Heerstraßen in Vers 10 sind nach Ibn Mas'ud, Ibn Abbas und Mudschahid das Gute und das Böse [2].
Neuere muslimische Auslegung
At-Tahrir wa-t-Tanwir heißt der Kommentar von Muhammad at-Tahir Ibn Aschur (1879 bis 1973), einem Gelehrten der Zaytuna in Tunis [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com eröffnet die Sure mit einem Schwur bei der Unverletzlichkeit Mekkas und beim Wohnen des Propheten dort [1]. Die Klippe versteht er als steilen Weg zur Rettung: aufrichtiger Glaube, das Freilassen von Sklaven und das Speisen Notleidender [1]. In den Versen 5 und 6 sieht er eine Verurteilung von Reichen, die mit ihren Ausgaben prahlen und das Gericht leugnen [1].
Islamwissenschaft
Nöldeke schrieb 1860, die Sure scheine schon etwas später zu sein als die vor ihr behandelten Suren der ersten Periode [4]. Die sehr wenig verbreitete Ansicht, sie sei medinisch, nannte er ganz falsch und verwies darauf, dass das schon im Itqan des as-Suyuti erkannt sei [4]. Die frühen Suren sprechen nach Angelika Neuwirth zunehmend die Gemeinschaft an und üben dabei allmählich auch moralische Kritik [3]; in Sure 90 trifft sie den Umgang mit Besitz. Sure 90 liegt im letzten Dreißigstel des Korans, das die Suren 78 bis 114 umfasst und aus dem bis heute oft im Gebet rezitiert wird [3]. Ihre Nachbarn sind Sure 89 und Sure 91.
- Organisation Surah Info: Al-Balad. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Balad Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis und S. 74. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.