Sure 90

Die Stadt

Al-Balad

Verse: 20 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine kurze, scharfe Sozialpredigt. Die Sure beginnt mit einem Schwur bei „dieser Stadt" – Mekka –, fragt dann, was eigentlich der „schwere Aufstieg" ist, und gibt eine erstaunlich konkrete Antwort: einen Sklaven befreien, einen Hungrigen speisen, das Waisenkind oder den Bedürftigen versorgen. Frömmigkeit wird hier nicht im Gebet definiert, sondern in der sozialen Tat.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ich schwöre bei dieser Stadt –
  2. 2und du bewohnst diese Stadt –
  3. 3und bei einem Zeuger und dem, was er zeugte –
  4. 4wahrlich, wir haben den Menschen in Mühsal erschaffen.
  5. 5Meint er, niemand habe Macht über ihn?
  6. 6Er sagt: Ich habe gewaltiges Vermögen verzehrt.
  7. 7Meint er, niemand sehe ihn?
  8. 8Haben wir ihm nicht zwei Augen gemacht,
  9. 9und eine Zunge und zwei Lippen,
  10. 10und ihm die beiden Wege gewiesen?
  11. 11Doch er stürmt nicht den schwierigen Aufstieg.
  12. 12Was lässt dich erkennen, was der schwierige Aufstieg ist?
  13. 13Das Befreien eines Sklaven,
  14. 14oder Speisen an einem Tag der Hungersnot,
  15. 15an eine verwandte Waise,
  16. 16oder einen Bedürftigen in tiefer Not.
  17. 17Dann gehört er zu denen, die glauben und einander zur Geduld anhalten und zur Barmherzigkeit anhalten.
  18. 18Das sind die Leute der rechten Seite.
  19. 19Aber die, die unsere Zeichen leugnen – das sind die Leute der linken Seite.
  20. 20Über ihnen wird ein Feuer geschlossenen Gewölbes sein.

Einordnung & Bedeutung

„Diese Stadt"

Die Sure beginnt mit einem Schwur bei „dieser Stadt" – gemeint ist Mekka, das religiöse und wirtschaftliche Zentrum Arabiens. Vers 2 ist persönlich an Mohammed gerichtet: „und du bewohnst diese Stadt." Mekka war Mohammeds Heimat, gleichzeitig der Ort seiner schwersten Konflikte.

Vers 3 ist rätselhaft: „bei einem Zeuger und dem, was er zeugte." Klassisch verstanden als Abraham und Ismael (Stammvater und Sohn, der nach koranischer Auffassung die Kaaba mit erbaute). Andere Lesarten: Adam und seine Kinder, oder allgemein „die Generationen". Die offene Formulierung verweist auf die Kontinuität menschlicher Geschichte.

„Erschaffen in Mühsal"

Vers 4 ist eine der präzisesten anthropologischen Aussagen des Korans: „Wir haben den Menschen in Mühsal erschaffen." Das arabische Wort kabad heißt „Anstrengung, Härte, Mühsal" – kein Spaziergang, sondern harter Marsch.

Diese Sicht steht in interessantem Kontrast zur scheinbaren paradiesischen Anthropologie der Bibel (Genesis 1–2). Der Koran ist hier nüchtern: Das Leben ist kein Geschenk-Garten, sondern eine Mühsal-Veranstaltung. Wer das versteht, kann sich nicht beklagen – Mühsal ist nicht Ausnahme, sondern Bedingung.

Die Selbsttäuschung des Reichen

Verse 5–7 zeichnen eine treffende Karikatur. Der wohlhabende Mekkaner sagt: „Ich habe gewaltiges Vermögen verzehrt." Die Formulierung ist subtil: Er verzehrt sein Vermögen – Bild für Konsum statt Schaffung. Er prahlt mit dem, was er ausgegeben hat, nicht mit dem, was er aufgebaut hat.

Die Sure fragt rhetorisch: Meint er, niemand habe Macht über ihn? Meint er, niemand sehe ihn? Die Antwort ist klar – beides ist Selbsttäuschung. Wer das verkennt, lebt in einer Illusion.

Die zwei Wege

Vers 10 ist programmatisch: Gott hat dem Menschen „die beiden Wege gewiesen" – den geraden und den abwegigen, den guten und den schlechten. Das ist eine Grundüberzeugung des Korans: Niemand hat eine Entschuldigung der Unwissenheit. Was richtig und falsch ist, ist im Grundsatz klar.

Das macht die individuelle Verantwortung absolut. Wer behauptet, „ich wusste das nicht", findet im Koran wenig Mitleid. Die Maßstäbe sind nicht versteckt, sondern offen.

Der schwierige Aufstieg

Die Verse 11–16 sind das Herz der Sure. „Doch er stürmt nicht den schwierigen Aufstieg." Was ist dieser ʿaqaba – „der steile Pass, die Höhe, der Aufstieg"?

Die Sure beantwortet die Frage selbst – und die Antwort ist erstaunlich konkret:

  • Einen Sklaven befreien. Im 7. Jahrhundert war Sklaverei eine Selbstverständlichkeit. Sklaven freizukaufen war praktische Sozialethik. Der Koran kennt Sklaverei als Realität, fordert aber wiederholt die Freilassung – als religiös verdienstvolle Handlung.
  • Speisen an einem Tag der Hungersnot. Konkret: dann, wenn es weh tut. Almosen ist leicht, wenn man im Überfluss lebt; in der Knappheit ist es schwer.
  • Eine verwandte Waise. Das doppelt: Verwandte zu unterstützen wäre Pflicht; eine Waise zu unterstützen wäre Wohltat. Beides zusammen ist Maßstab.
  • Einen Bedürftigen in tiefer Not. Nicht den Bedürftigen abstrakt, sondern den konkret „in tiefer Not" – wörtlich „mit Staub bedeckt" (matraba).

Bemerkenswert: Die Sure nennt keine rituellen Pflichten als „schwierigen Aufstieg". Nicht Beten, nicht Fasten, nicht Pilgern. Sondern: konkrete soziale Tat. Wer das ernst nimmt, hat eine bestimmte Definition von Frömmigkeit gewonnen.

Glauben + Anhalten

Vers 17 fügt zwei weitere Elemente hinzu, die in der späten ethischen Reflexion wichtig sind: „einander zur Geduld anhalten und zur Barmherzigkeit anhalten."

Das ist parallel zu Sure 103 formuliert. Die Pointe: Heil ist nicht individuell. Es entsteht in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt. Wer alleine fromm ist, kommt nicht weit; wer in einer Gemeinschaft lebt, die sich gegenseitig anhält, kommt durch.

Rechts und links

Die letzten Verse benutzen ein Bild, das mehrfach im Koran vorkommt: die „Leute der rechten Seite" und die „Leute der linken Seite". Es geht zurück auf das altarabische Bild der Glücks- und Unglücksrichtung. Wer am Jüngsten Tag sein Werk-Buch in die rechte Hand bekommt, ist gerettet; wer es in die linke bekommt, ist verloren.

Das Bild ist nicht moralisch zu lesen (im Sinne politischer Lager), sondern als koranische Symbolik für das Ergebnis des Lebens.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 90 ist einer der zentralen Texte für eine sozialethische Lesart des Islam. Sie wird in modernen muslimischen Reformbewegungen viel zitiert – von Sayyid Quṭb (mit konservativ-aktivistischer Note) über Fazlur Rahman bis Mouhanad Khorchide (mit reformorientierter Note). Beide Lager finden in der Sure Anker für ihre Argumente.

Gemeinsamer Nenner: Religiosität, die sich nur in Ritus erschöpft, fehlt der Sure nach das Wesentliche. Der „schwierige Aufstieg" ist nicht Gebet – sondern Sklavenbefreiung, Speisung, Waisenfürsorge. Wer Religion verteidigt, ohne das zu praktizieren, hat Sure 90 nicht gelesen.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Diese Stadt (al-balad) – Mekka, das religiöse und wirtschaftliche Zentrum Arabiens – auch in Sure 95 als „die sichere Stadt" bezeichnet
  • Mühsal (kabad) – wörtlich „Härte, Anstrengung" – koranische Anthropologie: der Mensch ist im Grundzustand seines Lebens nicht zur Ruhe, sondern zur Mühe bestimmt
  • Schwieriger Aufstieg (al-ʿaqaba) – wörtlich „der steile Pass" – Bild für die ethisch fordernden Akte, die wirklich religiösen Wert haben
  • Sklavenbefreiung (fakk raqaba) – wörtlich „das Lösen eines Nackens" – im Koran wiederholt als verdienstvolle religiöse Handlung empfohlen
  • Leute der rechten / linken Seite (aṣḥāb al-maimana / al-maschʾama) – koranisches Bild für die Geretteten und die Verlorenen am Jüngsten Tag