Sure 71

Noah

Nūḥ

Verse: 28 Offenbart in: Mekka Zeit: spätmekkanisch

Worum geht's?

Die ganze Sure ist Noah gewidmet – seine 950 Jahre lange Mission, das Scheitern, sein Klagegebet, die Sintflut als Antwort. Sie ist eine Spiegelgeschichte: Mohammed sollte aus Noah lernen, dass auch lange Verkündigung nicht garantiert, gehört zu werden. Aber: Es bleibt eine Aufgabe.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Wir sandten Noah zu seinem Volk: Warne dein Volk, ehe eine schmerzhafte Strafe über sie kommt!
  2. 2Er sagte: Mein Volk, ich bin euch ein deutlicher Warner.
  3. 3Dient Gott und fürchtet ihn und gehorcht mir.
  4. 4Er wird euch eure Sünden vergeben und euch bis zu einer festgesetzten Frist zurückstellen. Wahrlich, Gottes Frist – wenn sie kommt, wird sie nicht aufgeschoben. Wenn ihr es nur wüsstet!
  5. 5Er sagte: Mein Herr, ich habe mein Volk Tag und Nacht gerufen,
  6. 6doch mein Rufen hat sie nur in der Flucht vermehrt.
  7. 7Und immer wenn ich sie rief, damit du ihnen vergibst, steckten sie ihre Finger in die Ohren und hüllten sich in ihre Gewänder und beharrten und zeigten überhebliche Hochmut.
  8. 8Dann rief ich sie laut,
  9. 9dann sprach ich öffentlich zu ihnen und sprach insgeheim zu ihnen.
  10. 10Ich sagte: Bittet euren Herrn um Vergebung, er ist ja allverzeihend.
  11. 11Er wird über euch Regen in Strömen senden,
  12. 12und er wird euch mit Vermögen und Söhnen unterstützen und euch Gärten geben und euch Bäche geben.
  13. 13Was habt ihr, dass ihr Gottes Hoheit nicht in Rechnung stellt?
  14. 14Er hat euch doch in Stufen erschaffen.
  15. 15Habt ihr nicht gesehen, wie Gott sieben Himmel in Schichten erschaffen hat,
  16. 16und in ihnen den Mond zum Licht und die Sonne zur Leuchte gemacht hat?
  17. 17Und Gott hat euch aus der Erde wachsen lassen.
  18. 18Dann wird er euch in sie zurückbringen und wieder hervorbringen.
  19. 19Und Gott hat euch die Erde zu einem ausgebreiteten Teppich gemacht,
  20. 20damit ihr darauf weite Wege gehen könnt.
  21. 21Noah sagte: Mein Herr, sie haben mir nicht gehorcht, sondern sind dem gefolgt, dessen Vermögen und Kinder ihm nur den Verlust mehren.
  22. 22Und sie haben eine gewaltige Intrige geschmiedet.
  23. 23Sie sagten: Verlasst niemals eure Götter! Verlasst weder Wadd noch Suwāʿ, noch Yaghūth, Yaʿūq und Nasr!
  24. 24Sie haben viele in die Irre geführt. Lass die Frevler nur tiefer in den Irrtum geraten!
  25. 25Wegen ihrer Sünden wurden sie ertränkt und in ein Feuer geführt. Sie fanden für sich außer Gott keinen Helfer.
  26. 26Noah sagte: Mein Herr, lasse von den Ungläubigen niemanden auf der Erde wohnen.
  27. 27Wenn du sie lässt, führen sie deine Diener in die Irre und zeugen nur Frevler, Ungläubige.
  28. 28Mein Herr, vergib mir und meinen Eltern, dem, der gläubig in mein Haus eintritt, und den Gläubigen und gläubigen Frauen. Und mehre den Frevlern nur das Verderben!

Einordnung & Bedeutung

Eine Sure ganz über Noah

Sure 71 ist eine der wenigen Suren, die einer einzelnen biblischen Figur ganz gewidmet sind. Noah – arabisch Nūḥ – ist im Koran der zweite große Prophet (nach Adam) und der erste, der eine Gemeinschaft an Ungläubige verkündigte. Die Genesis-Erzählung kommt im Koran in verschiedenen Suren immer wieder vor; Sure 71 fokussiert ganz auf Noahs Predigt und sein Scheitern.

Die Botschaft Noahs

Verse 2–4 zeichnen das Programm: Warnung, Gottesdienst, Gehorsam. Was Noah verkündet, ist vollkommen monotheistisch. Es ist exakt dieselbe Botschaft, die Mohammed später bringen wird. Das ist eine zentrale koranische Aussage: Alle Propheten verkünden dasselbe. Es ist nicht eine neue Religion, sondern die ständige Erneuerung der einen.

Wie lange predigte Noah? Sure 29,14 nennt eine Zahl: 950 Jahre. Das ist im Koran nicht symbolisch zu lesen, sondern als Aussage über die enorme Dauer seiner Geduld. Wer sich beklagt, dass die eigene Mission keine Erfolge zeigt, hat im Vergleich zu Noah noch keine Zeit gehabt.

Noahs Klagegebet

Ab Vers 5 spricht Noah in der ersten Person zu Gott. Das ist erstaunlich. Selten kommt im Koran das innere Erleben eines Propheten so direkt zu Wort. Noah beschreibt, was er getan hat:

  • „Tag und Nacht" hat er sie gerufen.
  • „Laut" und „insgeheim" hat er gepredigt.
  • „Öffentlich" und versteckt hat er versucht.

Das ist methodisch beeindruckend. Noah hat alles versucht. Trotzdem: Die Hörer haben sich „die Finger in die Ohren gesteckt" – Bild für aktive Verweigerung der Wahrnehmung. Sie wollten nicht hören. Es war keine Frage des Nicht-Verstehens, sondern des Nicht-Hören-Wollens.

Diese Beobachtung ist universal anwendbar. Wer in jeder Lebenslage versucht hat, jemanden für etwas Richtiges zu gewinnen, kennt die Erfahrung. Es gibt eine Verweigerung, die nichts mit Argumenten zu tun hat.

Die fünf alten Götter

Vers 23 ist historisch besonders interessant: Er nennt fünf konkrete Götternamen – Wadd, Suwāʿ, Yaghūth, Yaʿūq, Nasr. Klassische Auslegung verbindet sie mit altarabischen Götzen, die schon vor Noah verehrt wurden und – nach koranischer Auslegung – als Stammvater-Gestalten begonnen, später aber göttlich verehrt wurden (Euhemerismus-These).

Was die Sure damit macht: Sie spannt einen Bogen über die ganze Religionsgeschichte. Die Götzen, die in Mohammeds Mekka noch standen, waren dieselben, die schon zu Noahs Zeit problematisch waren. Der Polytheismus ist nicht originell – er ist eine wiederholte Verirrung.

Archäologische und epigraphische Funde bestätigen tatsächlich, dass mehrere dieser Namen in vorislamischen arabischen Inschriften belegt sind. Wadd wurde in Maʿrib (Jemen) verehrt, Nasr in der Region der Banū Kalb. Der Koran arbeitet hier mit historischen Realien.

Die Sintflut – ohne Sintflut-Detail

Bemerkenswert: Sure 71 erzählt fast nichts von der Arche, von der Flut selbst, von den Tieren paarweise. Vers 25 fasst das ganze Ereignis in einen einzigen Halbsatz: „Wegen ihrer Sünden wurden sie ertränkt."

Das hat Methode. Sure 71 ist keine Erzählsure, sondern eine Predigtsure. Die Erzähldetails der Arche-Geschichte finden sich in Sure 11, Sure 26 und anderswo. Hier geht es nur um das Spiegelhafte: Noahs Situation als Vorbild für Mohammeds Situation.

Noahs problematisches Schlussgebet

Die letzten drei Verse (26–28) sind theologisch schwierig. Noah bittet Gott:

  • „Lasse von den Ungläubigen niemanden auf der Erde wohnen."
  • „Mehre den Frevlern nur das Verderben!"

Das ist hart. Klassische Auslegungen sehen darin keine Rachsucht, sondern ein letztes prophetisches Urteil nach 950 Jahren ergebnisloser Predigt. Noah hat geduldig versucht. Erst nach der absoluten Verweigerung kommt dieses Gebet.

Reformorientierte Lesarten betonen den Kontext: Es ist nicht ein Gebet aus Hass, sondern eine Verzweiflungsbitte. Noah hat 950 Jahre Geduld gebraucht, bis er soweit war. Wer sich auf das Modell beruft, ohne diese Geduld investiert zu haben, missbraucht es.

Mehrheits-Lesarten verstehen das Gebet zudem als partikulär – auf Noahs konkrete Lage bezogen, nicht als allgemeines Modell.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 71 ist eine der theologisch dichtesten Suren über das Scheitern der Verkündigung. Mohammed konnte sie als persönlichen Trost lesen: Auch Noah ist nicht erfolgreich gewesen. Aber sein Scheitern war keine Schande, sondern ein Modell.

Was die Sure lehrt:

  • Verkündigung kann ergebnislos bleiben – das ist keine Schande.
  • Geduld muss extrem lang sein, bevor man aufgeben darf.
  • Der Polytheismus ist ein wiederkehrendes Muster, nicht eine lokale Verirrung.
  • Die Schöpfungszeichen (Verse 13–20) sind das stärkste Argument für Gott.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Noah (Nūḥ) – der zweite große Prophet im koranischen Verständnis – nach Adam und vor Abraham; biblisch der Sintflut-Held
  • Schmerzhafte Strafe (ʿadhāb alīm) – koranisches Standardbild für die göttliche Strafe – wörtlich „schmerzhafte Pein"
  • Wadd, Suwāʿ, Yaghūth, Yaʿūq, Nasr – fünf altarabische Götzennamen, deren Verehrung archäologisch belegt ist
  • Intrige (kaid / makr) – wörtlich „Plan, Listigkeit" – im Koran sowohl für menschliche Verschwörungen als auch für Gottes strategische Antwort verwendet
  • Vergebung erbitten (istighfār) – zentraler koranischer Akt der religiösen Reue – nicht nur Bitte, sondern Hinwendung