Sure 75

Die Auferstehung

Al-Qiyāma

Verse: 40 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine Sure, die das Thema ihrer Eröffnung im Titel trägt: die Auferstehung. Die zentrale Frage: Kann Gott die zerstreuten Knochen wieder zusammenfügen? Die Antwort: Doch, sogar bis in die Fingerspitzen. Mitten in der Sure ein kurzer Einschub über die rechte Art, den Koran zu empfangen – und am Ende der Sterbevorgang in seinem letzten Augenblick.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Nein, ich schwöre beim Tag der Auferstehung!
  2. 2Und nein, ich schwöre bei der sich selbst tadelnden Seele!
  3. 3Meint der Mensch, dass wir seine Knochen nicht zusammenfügen können?
  4. 4Doch! Wir vermögen, seine Fingerkuppen wieder gleich zu formen.
  5. 5Aber der Mensch will sogar das, was vor ihm ist, mutwillig leugnen.
  6. 6Er fragt: Wann ist der Tag der Auferstehung?
  7. 7Wenn die Sicht geblendet ist,
  8. 8und der Mond sich verfinstert,
  9. 9und Sonne und Mond zusammengeführt werden,
  10. 10an jenem Tag wird der Mensch sagen: Wohin entfliehen?
  11. 11Nein! Es gibt keine Zuflucht!
  12. 12Zu deinem Herrn ist an jenem Tag der einzige Halt.
  13. 13An jenem Tag wird dem Menschen kundgetan, was er vorausgeschickt und was er zurückgelassen hat.
  14. 14Vielmehr ist der Mensch selbst Zeuge gegen sich,
  15. 15auch wenn er Entschuldigungen vorbringt.
  16. 16Bewege deine Zunge nicht, um damit zu eilen.
  17. 17Es ist unsere Sache, ihn zu sammeln und vorzutragen.
  18. 18Wenn wir ihn vortragen, dann folge seinem Vortrag.
  19. 19Dann ist seine Erklärung unsere Sache.
  20. 20Aber nein! Vielmehr liebt ihr das Schnelle
  21. 21und vernachlässigt das Jenseits.
  22. 22Gesichter an jenem Tag werden strahlen,
  23. 23auf ihren Herrn schauen.
  24. 24Und Gesichter an jenem Tag werden finster sein,
  25. 25im Wissen, dass über sie eine die Knochen brechende Strafe gebracht wird.
  26. 26Aber nein! Wenn sie das Schlüsselbein erreicht hat,
  27. 27und gesagt wird: Wer ist ein Heiler?
  28. 28und er weiß, dass es der Abschied ist,
  29. 29und ein Bein sich mit dem anderen verschränkt –
  30. 30zu deinem Herrn ist an jenem Tag der Weg.
  31. 31Doch hat er weder bestätigt noch gebetet,
  32. 32sondern für eine Lüge erklärt und sich abgewandt,
  33. 33dann ist er zu seinen Angehörigen mit Hochmut gegangen.
  34. 34Wehe dir und nochmals wehe!
  35. 35Und wieder: Wehe dir und nochmals wehe!
  36. 36Meint der Mensch, dass er ungebunden gelassen wird?
  37. 37War er nicht ein Tropfen ausgegossenen Spermas?
  38. 38Dann war er ein Blutklumpen, und er hat erschaffen und ihn geformt,
  39. 39und daraus die zwei Geschlechter gemacht, das Männliche und das Weibliche.
  40. 40Hat er denn nicht die Macht, die Toten lebendig zu machen?

Einordnung & Bedeutung

Die zwei Schwüre

Die Sure beginnt mit zwei Schwüren – mit dem ungewöhnlichen „Nein, ich schwöre" (lā uqsimu). Klassische Tafsīr-Werke deuten das nicht als Verneinung, sondern als rhetorische Verstärkung: „Wahrlich, ich schwöre".

Die beiden Gegenstände der Schwüre sind bemerkenswert:

  • Der Tag der Auferstehung: Etwas Zukünftiges, was die Mekkaner gerade leugnen. Die Sure schwört bei dem, was angezweifelt wird.
  • Die sich selbst tadelnde Seele: Im sufischen Verständnis die zweite Stufe der menschlichen Seele (nach der „zum Bösen treibenden" und vor der „zur Ruhe gekommenen"). Die Seele, die sich ihrer Verfehlungen bewusst wird und sich selbst kritisiert. Auf Arabisch an-nafs al-lawwāma.

Die Pointe: Beides – die Zukunftsvision und die Selbstprüfung – sind Zeichen der Wahrheit. Wer beides hat, weiß bereits.

Die Fingerkuppen

Vers 4 ist eine der bemerkenswertesten Stellen des Korans: „Doch! Wir vermögen, seine Fingerkuppen wieder gleich zu formen."

Die Frage der Gegner war: Wie soll Gott die zerstreuten Knochen eines schon lange Verstorbenen wieder zusammenfügen können? Die Antwort der Sure ist nicht: Ja, er kann das mit Mühe und Not. Sondern: Er kann sogar das Detaillierteste – die Fingerkuppen.

Moderne Lesarten haben hier oft auf den Fingerabdruck verwiesen. Wir wissen heute, dass jeder Fingerabdruck einzigartig ist – das war im 7. Jahrhundert nicht bekannt. Apologetische Interpreten sehen darin einen koranischen Vorgriff. Konservative Religionswissenschaftler verstehen den Vers zurückhaltender: Die Fingerkuppen sind das Filigranste an einem menschlichen Körper – wer das wiederherstellen kann, kann auch das Gröbere.

Die Auferstehungs-Szene

Verse 7–15 zeichnen den Jüngsten Tag in dichter Bildlichkeit. Bemerkenswert:

  • Sonne und Mond zusammengeführt (Vers 9): Die kosmische Ordnung löst sich auf.
  • Wohin entfliehen? (Vers 10): Die letzte verzweifelte Frage. Die Antwort: Nirgendwo.
  • Der Mensch ist selbst Zeuge gegen sich (Vers 14): Niemand muss die Tatsachen vorbringen – der Mensch weiß selbst, was er getan hat. Diese Selbsterkenntnis ist die Strafe.

Der ungewöhnliche Einschub

Verse 16–19 sind ein erstaunlicher Einschub. Mitten in der Endzeit-Schilderung spricht der Koran plötzlich Mohammed direkt an: „Bewege deine Zunge nicht, um damit zu eilen."

Die Szene dahinter: Mohammed war ängstlich, eine Offenbarung vergessen zu können. Er versuchte, sie sofort beim Empfangen mitzusprechen, um sie sich einzuprägen. Diese vier Verse sagen ihm: Lass das. Wir kümmern uns darum, dass die Botschaft korrekt bewahrt wird. Du musst sie nicht festhalten, du musst sie empfangen.

Diese Stelle ist ein interessanter Einblick in den psychologischen Zustand des frühen Mohammed. Er war nicht souverän, sondern unsicher. Diese Unsicherheit – das ständige Bemühen, die Offenbarung nicht zu verlieren – wird hier sanft korrigiert.

Die Sterbeszene

Verse 26–30 sind eine der bewegendsten Stellen des Korans – eine knappe, aber präzise Beschreibung des Sterbevorgangs:

„Wenn sie das Schlüsselbein erreicht hat,
und gesagt wird: Wer ist ein Heiler?
und er weiß, dass es der Abschied ist,
und ein Bein sich mit dem anderen verschränkt –
zu deinem Herrn ist an jenem Tag der Weg."

Hier wird der letzte Moment beschrieben. Die Seele („sie") steigt im Körper auf, bis sie das Schlüsselbein erreicht hat – nach altarabischer Vorstellung der letzte Punkt vor dem endgültigen Verlassen des Körpers. Die Anwesenden suchen einen Heiler – aber dem Sterbenden ist klar, dass es vorbei ist. Die Beine zucken und verschränken sich – ein letztes physisches Detail.

Das ist eine erstaunlich präzise Beschreibung. Wer schon einmal bei einem Sterbenden gewesen ist, kennt diese Momente. Der Koran spricht hier nicht abstrakt, sondern aus der Erfahrung der Anschauung.

Die Pointe in Vers 30: „Zu deinem Herrn ist an jenem Tag der Weg." Das ist der einzige Weg in diesem Moment. Egal, was vorher war, in diesem Augenblick geht alles nur in eine Richtung.

Die Bilanz

Verse 31–35 ziehen die kritische Bilanz: „Doch hat er weder bestätigt noch gebetet, sondern für eine Lüge erklärt und sich abgewandt, dann ist er zu seinen Angehörigen mit Hochmut gegangen."

Diese Beschreibung passt auf den Typus des selbstgefälligen Wohlhabenden. Im Diesseits hat er sich abgewandt, ist arrogant nach Hause gegangen, hat sich nicht weiter um die Botschaft gekümmert. Jetzt – in dem Moment, in dem alles vorbei ist – kommt die Konfrontation.

Der Schluss: Embryologie als Argument

Die letzten Verse (37–40) sind ein argumentum a fortiori: War er nicht ein Tropfen Sperma? Wurde er nicht zu einem Blutklumpen? Wurde er nicht geformt? Wurde aus ihm nicht Mann oder Frau?

Die Pointe: Wer das alles aus dem Nichts schaffen konnte, kann auch die Toten wieder erwecken. Diese embryologische Argumentation kommt im Koran mehrfach vor – im Wissen seiner Zeit, das im Detail von modernem Wissen abweicht, aber im Grundprinzip korrekt ist: Aus einem winzigen Anfang entsteht ein vollständiger Mensch.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 75 ist eine der wichtigsten Suren zur islamischen Eschatologie. Sie wird oft zitiert, wenn es um die Auferstehung geht – das zentrale Streitthema zwischen Mohammed und seinen Gegnern.

In der gelebten Frömmigkeit ist besonders die Sterbeszene wichtig. Sie wird traditionell bei Sterbenden rezitiert, um den Übergang zu begleiten. Viele Muslime hören diese Verse als letzte Worte vor dem Tod – nicht als Drohung, sondern als Begleitung. Es ist eine zugleich realistische und tröstliche Beschreibung dessen, was kommt.

Mystische Auslegungen heben Vers 2 hervor – die „sich selbst tadelnde Seele" als zweite Stufe des spirituellen Weges. Wer beginnt, sich selbst kritisch zu prüfen, ist nicht mehr auf der niedrigsten Stufe der Seele. Selbstkritik ist nicht Krankheit, sondern Anfang der Heilung.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Tag der Auferstehung (yaum al-qiyāma) – der Jüngste Tag – wörtlich „der Tag des Aufstehens"; gibt der Sure ihren Namen
  • Sich selbst tadelnde Seele (an-nafs al-lawwāma) – zweite Stufe der menschlichen Seele im sufischen Verständnis – zwischen der „zum Bösen treibenden" und der „zur Ruhe gekommenen"
  • Fingerkuppen (banān) – die feinsten Strukturen des Körpers – Gegenstand des Auferstehungs-Arguments
  • Schlüsselbein (tarāqī) – in der altarabischen Vorstellung der letzte Punkt, den die scheidende Seele erreicht
  • Abschied (firāq) – wörtlich „Trennung" – euphemistischer koranischer Begriff für den Sterbevorgang
  • Ungebunden gelassen (sudā) – wörtlich „ohne Aufgabe gelassen" – die Vorstellung, der Mensch könne tun, was er will, ohne Konsequenz; im Koran scharf zurückgewiesen