Alle 114 Suren des Korans

Sure 76: Der Mensch (Al-Insan)

Sure 76 von 114, 31 Verse

Sure 76 heißt Der Mensch, arabisch Al-Insan, und hat in der Kairoer Zählung 31 Verse. Die Überlieferung, wie Tanzil sie wiedergibt, führt sie als medinisch, das Corpus Coranicum datiert sie in die mittlere mekkanische Zeit. Sie stellt den Menschen vor die Wahl zwischen Dank und Undank und beschreibt ausführlich das Paradies.

1 Kommt nicht über den Menschen ein Zeitraum, da er nichts Erwähnenswertes ist?

2 Siehe wir erschufen den Menschen aus einer Samenmischung, ihn zu prüfen, und wir gaben ihm Gehör und Gesicht.

3 Siehe wir leiteten ihn des Weges, sei er dankbar oder undankbar.

4 Siehe wir bereiteten für die Ungläubigen Ketten und Joche und eine Flamme.

5 Siehe, die Gerechten werden trinken aus einem Becher, gemischt mit (Wasser aus der Quelle) Kafur,

6 Eine Quelle, aus der Allahs Diener trinken sollen, sie leitend in Leitungen:

7 Sie, die das Gelübde erfüllen und einen Tag fürchten, dessen Übel sich weit ausbreitet,

8 Und die mit Speise, aus Liebe zu ihm, den Armen und die Waise und den Gefangenen speisen:

9 "Siehe wir speisen euch nur um Allahs willen; wir begehren keinen Lohn von euch noch Dank.

10 Siehe wir fürchten von unserem Herrn einen finsterblickenden, unheilvollen Tag."

11 Darum schützt sie Allah vor dem Übel jenes Tages und wirft auf sie Glanz und Freude;

12 Und er belohnt sie für ihre Standhaftigkeit mit einem Garten und Seide.

13 Gelehnt in ihm auf Hochzeitsthronen, sehen sie in ihm weder Sonne noch schneidende Kälte,

14 Und nahe über ihnen sind seine Schatten, und nieder hängen über sie ihre Trauben,

15 Und es kreisen unter ihnen Gefäße von Silber und Becher wie Flaschen,

16 Flaschen aus Silber, deren Maß sie bemessen.

17 Und sie sollen darin getränkt werden mit einem Becher, gemischt mit Ingwer;

18 Eine Quelle ist darin, geheißen Salsabil,

19 Und die Runde machen bei ihnen unsterbliche Knaben; sähst du sie, du hieltest sie für zerstreute Perlen.

20 Und wenn du hinsiehst, dann siehst du Wonne und ein großes Reich.

21 Angetan sind sie mit Kleidern von grüner Seide und Brokat und geschmückt sind sie mit silbernen Spangen, und es tränkt sie ihr Herr mit reinem Trank:

22 "Siehe das ist euer Lohn und euer Eifer ist bedankt."

23 Siehe wir haben auf dich den Koran hinabgesandt,

24 Darum warte auf den Spruch deines Herrn und gehorche keinem Sünder oder Ungläubigen unter ihnen.

25 Und gedenke des Namens deines Herrn des Morgens und des Abends,

26 Und zur Nacht. Und wirf dich vor ihm nieder, und preise ihn die lange Nacht.

27 Siehe diese lieben das Vergängliche und lassen hinter sich einen schweren Tag.

28 Wir erschufen sie und stärkten ihre Sehnen; und wenn wir wollen, vertauschen wir sie mit anderen, die ihnen gleich sind.

29 Siehe dies ist eine Ermahnung, und, wer will, der nimmt zu seinem Herrn einen Weg.

30 Doch könnt ihr nicht wollen, es sei denn dass Allah will. Siehe Allah ist wissend und weise.

31 Er führt, wen er will, in seine Barmherzigkeit, und für die Ungerechten hat er schmerzliche Strafe bereitet.

Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.

Sure 76 heißt Der Mensch, arabisch Al-Insan, nach dem ersten Vers. Sie ist die 76. Sure des Korans und hat nach der Kairoer Zählung 31 Verse [2]. Die Überlieferung, wie Tanzil sie wiedergibt, führt sie als medinisch und setzt sie an die 98. Stelle der Offenbarung [3]. Dirk Hartwig und Angelika Neuwirth ordnen sie im Kommentar des Corpus Coranicum dagegen der mittleren mekkanischen Zeit zu, vor allem wegen ihrer meist zweigliedrigen Verse und wegen Vorstellungen, die erst in mittelmekkanischer Zeit entwickelt wurden [4]. Als Koran gilt nach islamischem Verständnis nur der arabische Wortlaut. Die deutsche Fassung auf dieser Seite ist eine Lesefassung nach Max Henning (1901).

Inhalt im Überblick

Die Sure kommt ohne Erzählung aus und kreist um ein Thema: den Dank, den der Mensch Gott schuldet [4].

VerseInhalt
1 bis 3Der Mensch war einst nichts Erwähnenswertes, wurde erschaffen, um geprüft zu werden, und auf den Weg geleitet, "sei er dankbar oder undankbar"
4 bis 6Ketten und Flamme für die Ungläubigen, ein Trank aus der Quelle Kafur für die Gerechten
7 bis 10Die Gerechten erfüllen Gelübde und speisen Arme, Waisen und Gefangene um Allahs willen
11 bis 22Der Lohn im Garten: Schatten, silberne Gefäße, die Quelle Salsabil, unsterbliche Knaben, Kleider aus grüner Seide
23 bis 31Trost an den Propheten, Aufruf zum Gedenken am Morgen, Abend und in der Nacht; die Sure als Ermahnung

Die Gerechten sagen in Vers 9: "Siehe wir speisen euch nur um Allahs willen; wir begehren keinen Lohn von euch noch Dank." [1]

Wie die Sure verstanden wird

Umstritten sind der Ort der Offenbarung und die Frage, wer mit den Gefangenen in Vers 8 gemeint ist.

Klassische Auslegung

Ibn Kathir versteht "aus Liebe zu ihm" in Vers 8 so, dass die Gerechten Speise weggeben, die sie selbst begehren. Zu den Gefangenen gibt er mehrere Ansichten wieder: Sa'id ibn Dschubair, al-Hasan und ad-Dahhak denken an muslimische Gefangene. Ibn Abbas weist darauf hin, dass die Gefangenen der Muslime damals Götzendiener waren. Ibn Dscharir zog die Deutung vor, dass der Vers beide umfasst [5].

Heutige muslimische Theologie

Muhammad Shafi (1897 bis 1976) zählt in Ma'arif al-Qur'an alle Gefangenen dazu, auch Nichtmuslime. Sie zu speisen, sei Aufgabe der islamischen Regierung, und wer es tue, erhalte Lohn [6, 7]. Ebrahim Eghbal vertritt 2013 in einer Zeitschrift der Universität Teheran die Ansicht, die Sure sei in Medina zum Lob von Imam Ali und der Familie des Propheten offenbart worden. Er stützt sich dafür auf sunnitische Listen der mekkanischen und medinischen Suren und auf Berichte über den Anlass [8].

Islamwissenschaft

Für Hartwig und Neuwirth korrigiert die Sure das negative Menschenbild der frühen Suren. Der einsichtige Mensch kann sich durch Geduld und Bescheidenheit als dankbar erweisen [4]. Die Paradiesschilderung gehe über frühere Suren hinaus: Die Seligen tragen höfische Gewänder, es gehe weniger um Genuss als um Rangerhöhung [4]. Den Vers 30, der das Wollen des Menschen an Allahs Willen bindet, halten sie für einen späteren Einschub; die begrenzte Willensfreiheit sei in den frühen Suren noch kein Thema [4].

Zum Weiterlesen: Tod, Gericht und Jenseits im Koran und Mekkanische und medinensische Suren. Ihre Nachbarn sind Sure 75, Die Auferstehung und Sure 77, Die Entsandten.

  1. Der Koran. Max Henning (Übers.), Reclam jun., Leipzig. Stand ohne Datum (Ausgabe 1901). abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Revelation Order. Tanzil. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Sure 76, al-ʾinsān, Der Mensch (Chronologisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar zum Koran). Dirk Hartwig und Angelika Neuwirth, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Corpus Coranicum. Stand Betaversion, ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Insan Ayah 8. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Ma'arif al-Qur'an Tafsir: Al-Insan Ayah 8. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Muhammad Shafi Deobandi. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Sura al-Insan and Ahl al-Bayt. Ebrahim Eghbal, Quranic Sciences and Tradition 45 (2), S. 1 bis 18. Stand 2013. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.