Sure 76

Der Mensch

Al-Insān

Verse: 31 Offenbart in: Medina Zeit: früh-medinensisch

Worum geht's?

Auch bekannt als „Sure der Vergeber" oder „Sure ad-Dahr" (Die Zeit). Sie zeichnet die Großzügigen, die freiwillig auf ihr Essen verzichten und es Bedürftigen, Waisen und Gefangenen geben – aus reinem Streben nach Gottes Wohlgefallen. Eine der schönsten Beschreibungen freiwilligen Verzichts im Koran.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Ist nicht eine Zeit über den Menschen gekommen, in der er etwas Erwähnenswertes war?
  2. 2Wir haben den Menschen aus einem gemischten Samentropfen erschaffen, um ihn zu prüfen, und ihn hörend und sehend gemacht.
  3. 3Wir haben ihn rechtgeleitet zum Weg, ob er dankbar oder undankbar sei.
  4. 4Für die Ungläubigen haben wir Ketten, Fesseln und ein loderndes Feuer bereitet.
  5. 5Wahrlich, die Frommen werden aus einem Becher trinken, dessen Beimischung Kampfer ist,
  6. 6aus einer Quelle, aus der die Diener Gottes trinken, und die sie selbst hervorströmen lassen.
  7. 7Sie erfüllen das Gelübde und fürchten einen Tag, dessen Übel sich weit verbreitet.
  8. 8Und sie speisen aus Liebe zu Gott den Bedürftigen, die Waise und den Gefangenen.
  9. 9Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir wollen von euch weder Lohn noch Dank.
  10. 10Wir fürchten von unserem Herrn einen finsteren, harten Tag.
  11. 11Gott bewahrte sie vor dem Übel jenes Tages und gab ihnen Glanz und Freude entgegen.
  12. 12Er belohnte sie dafür, dass sie geduldig waren, mit einem Garten und mit Seide.
  13. 13Darin sind sie auf Liegen zurückgelehnt. Sie sehen darin weder Sonne noch eisige Kälte.
  14. 14Ihre Schatten sind ihnen nahe, und ihre Früchte gefügig herabhängend gemacht.
  15. 15Es werden silberne Gefäße und Becher von Kristall umhergereicht,
  16. 16Kristalle aus Silber, deren Maß sie genau festgesetzt haben.
  17. 17Darin werden sie aus einem Becher zu trinken bekommen, dessen Beimischung Ingwer ist –
  18. 18eine Quelle darin, genannt Salsabīl.
  19. 19Sie umkreisen ewig junge Knaben – wenn du sie siehst, hältst du sie für verstreute Perlen.
  20. 20Wo du auch hinblickst, siehst du Wonne und ein großes Reich.
  21. 21Sie tragen grüne Kleider aus feiner Seide und Brokat, und sind mit Armreifen aus Silber geschmückt, und ihr Herr gibt ihnen einen reinen Trank.
  22. 22Wahrlich, dies ist eine Belohnung für euch, und euer Bemühen findet Dank.
  23. 23Wahrlich, wir haben den Koran auf dich herabgesandt in Abschnitten.
  24. 24Erdulde geduldig die Bestimmung deines Herrn und gehorche keinem unter ihnen, der ein Frevler oder Ungläubiger ist.
  25. 25Und gedenke des Namens deines Herrn am Morgen und am Abend.
  26. 26Und in der Nacht wirf dich vor ihm nieder und preise ihn lang in der Nacht.
  27. 27Wahrlich, diese hier lieben das Schnelle und lassen einen schweren Tag hinter sich.
  28. 28Wir sind es, die sie erschaffen und ihren Bau gefestigt haben. Und wenn wir wollen, ersetzen wir ihresgleichen durch andere.
  29. 29Wahrlich, dies ist eine Ermahnung. Wer also will, der nehme zu seinem Herrn einen Weg.
  30. 30Doch ihr wollt nur, wenn Gott will. Wahrlich, Gott ist allwissend, weise.
  31. 31Er lässt eintreten in seine Barmherzigkeit, wen er will. Aber für die Frevler hat er eine schmerzhafte Strafe bereitet.

Einordnung & Bedeutung

Die Eröffnungsfrage

Vers 1 ist eine der philosophisch dichtesten Eröffnungen des Korans: „Ist nicht eine Zeit über den Menschen gekommen, in der er etwas Erwähnenswertes war?"

Klassisch wird der Vers so verstanden: Es gab eine Zeit, da existierte der Mensch noch nicht einmal als nennenswerte Größe. Aus dem Nichts kommt der Mensch ins Sein. Diese Setzung relativiert sofort den menschlichen Selbstbezug – wir sind keine ewige Größe, sondern eine zeitlich begrenzte Erscheinung.

Der Vers gibt der Sure auch ihren zweiten Namen: Sūrat ad-Dahr – „Sure der Zeit".

Der Schlüsselvers: Speisung aus reiner Liebe

Verse 8–10 sind das Herz der Sure und einer der oft zitierten Stellen über islamische Sozialethik:

„Sie speisen aus Liebe zu Gott den Bedürftigen, die Waise und den Gefangenen.
Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir wollen von euch weder Lohn noch Dank."

Drei Empfängerkategorien werden genannt: Bedürftige (allgemein arme Menschen), Waisen (Kinder ohne Versorgung), Gefangene (eine ungewöhnliche dritte Kategorie – hier sind Kriegsgefangene gemeint, die im 7. Jahrhundert oft hungerten, wenn ihre Bewacher sie nicht versorgten).

Bemerkenswert: Auch der Gefangene wird zu denen gerechnet, die Hilfe verdienen. Das ist keine selbstverständliche Position. In der antiken Welt war der Gefangene oft ohne Rechte; ihn zu speisen, war keine Pflicht. Die Sure setzt eine Norm, die im 7. Jahrhundert progressiv war.

Die Pointe in Vers 9: „Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen." Das ist das reine Geben – ohne Erwartung von Dank, ohne soziale Berechnung, ohne Reputation. Wer so gibt, gibt eigentlich Gott; der Bedürftige ist nur der Kanal.

Die Anlassgeschichte – schiitisch und sunnitisch

Schiitische Überlieferungen verbinden die Verse 7–10 mit einer konkreten Begebenheit aus dem Leben ʿAlīs und Fāṭimas (Mohammeds Schwiegersohn und Tochter). An drei aufeinanderfolgenden Tagen sollen sie ihr eigenes Iftar-Mahl beim Fastenbrechen je einem Bedürftigen, einer Waise und einem Gefangenen gegeben haben – und selbst nur Wasser getrunken. Diese Überlieferung ist einer der wichtigsten Texte für die schiitische Verehrung der Familie des Propheten.

Sunnitische Auslegungen kennen diese Geschichte ebenfalls, lesen die Verse aber meist allgemeiner – als Beschreibung jedes wahrhaft Gerechten, nicht nur dieser spezifischen Personen.

Die Paradiesbilder

Verse 11–22 zeichnen eines der ausführlichsten Paradiesbilder des Korans. Was ihm zugrunde liegt, ist die kompensatorische Logik:

  • Wer im Diesseits fastete, bekommt im Jenseits köstliche Getränke.
  • Wer im Diesseits schwitzte, sitzt im Jenseits in angenehmem Schatten – „weder Sonne noch eisige Kälte".
  • Wer im Diesseits einfache Kleidung hatte, trägt Seide und Brokat.

Der Paradies-Trank wird durch eine spezielle Zutat charakterisiert: in Vers 5 ist es Kampfer, in Vers 17 Ingwer. Beides waren in der arabischen Welt teure, exotische Gewürze. Sie sollten den Hörern signalisieren: Was du dir hier nicht leisten kannst, gibt es dort.

Die Salsabīl-Quelle (Vers 18) ist ein Paradies-Ort, dessen Name nur hier vorkommt. Das Wort enthält die Wurzeln „leichten Trank" und „suchen" – „eine Quelle, nach der man verlangt".

„Ewig junge Knaben"

Vers 19 erwähnt wildān muchalladūn – „ewig junge Knaben" – die in den Paradiesbildern als Diener funktionieren. Klassische Auslegungen sehen darin Dienerfiguren ohne erotische Konnotation. Konservative wie reformorientierte Theologen sind sich einig, dass die häufige islamfeindliche Lesart („pädophiles Paradies") den Text grundlegend missversteht.

Christoph Luxenberg hat 2000 eine umstrittene philologische These vorgeschlagen: Die Worte für „Knaben" und „Jungfrauen" in mehreren Paradiesversen seien missgedeutete syroaramäische Ausdrücke für „Trauben" und „Früchte". Diese These ist in der akademischen Koranforschung sehr umstritten; die Mehrheit lehnt sie als überzogen ab. Aber sie zeigt, wie problematisch wörtliche moderne Lesarten antiker Bilder werden können.

Die Anweisung an Mohammed

Verse 23–26 wenden sich direkt an Mohammed. Bemerkenswert ist Vers 23: „Wir haben den Koran auf dich herabgesandt in Abschnitten." Das ist eine wichtige Aussage über die Form der Offenbarung: Sie kam nicht auf einmal, sondern schrittweise über 22 Jahre. Innerislamisch wurde später diskutiert, warum: damit Mohammed sie verarbeiten konnte, damit sie auf konkrete Situationen antworten konnte, damit die Gemeinde mitwachsen konnte.

Vers 26: „Und in der Nacht wirf dich vor ihm nieder und preise ihn lang in der Nacht." – wieder eine Anweisung zum nächtlichen Gebet, wie in Sure 73.

Der Schlussvers: Determinismus oder Freiheit?

Die letzten Verse berühren wieder die schwierige Frage des freien Willens. Vers 29: „Wer also will, der nehme zu seinem Herrn einen Weg." Vers 30: „Doch ihr wollt nur, wenn Gott will."

Diese beiden Verse stehen in unauflösbarer Spannung. Klassische muslimische Theologie hat darüber jahrhundertelang debattiert. Die Muʿtaziliten betonten Vers 29 (Freiheit), die Aschʿariten Vers 30 (göttliche Vorherbestimmung). Beide Lesarten haben innerislamische Tradition.

Eine vermittelnde Position: Der Mensch hat Wahlfreiheit, aber diese Wahlfreiheit existiert nur, weil Gott sie eingerichtet hat. Wenn ich etwas wähle, wähle ich selbst – aber meine Wahl-Fähigkeit ist ihrerseits Gottes Geschenk. Ohne diese Geschenk-Voraussetzung könnte ich gar nichts wählen.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 76 ist eine der zentralen Texte für freiwilligen Verzicht und Sozialethik. Sie wird besonders im Ramadan oft rezitiert, weil sie das Iftar-Geschehen direkt anspricht: Wer fastet und dann anderen sein eigenes Essen gibt, lebt das, was die Sure beschreibt.

Theologisch macht die Sure eine zentrale Aussage: Wahre Frömmigkeit ist die, die nichts zurückerwartet. Wer gibt, weil er Dank oder Anerkennung will, hat im koranischen Verständnis noch nicht wirklich gegeben.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Gemischter Samentropfen (nuṭfa amschādsch) – koranisches Bild für die Embryologie – der Samentropfen als Mischung verschiedener Elemente
  • Gefangener (asīr) – in Vers 8 als Hilfsempfänger genannt – im 7. Jahrhundert progressive Einordnung
  • Salsabīl – eine Paradies-Quelle – Wortwurzel verbindet „leichter Trank" und „Suchen"; gibt es nur an dieser Stelle im Koran
  • Ewig junge Knaben (wildān muchalladūn) – paradiesische Dienerfiguren – in den Paradiesbildern ohne erotische Konnotation gemeint
  • Stückweise herabgesandt (tanzīl) – die schrittweise Form der Offenbarung über 22 Jahre – pädagogisches Grundprinzip der koranischen Verkündigung