Sure 77

Die Gesandten

Al-Mursalāt

Verse: 50 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine apokalyptische Sure mit einer der eindringlichsten Refrain-Strukturen des Korans. Zehnmal wiederholt sich der Satz „Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!" – wie ein Hammerschlag durch die Sure. Was zwischen den Refrains steht, ist das Bild der Endzeit und der zwei Schicksale.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Bei den nacheinander Gesandten,
  2. 2und denen, die stürmen,
  3. 3und denen, die ausbreiten,
  4. 4und denen, die scharf trennen,
  5. 5und denen, die eine Ermahnung überbringen,
  6. 6als Entschuldigung oder Warnung –
  7. 7wahrlich, was euch angekündigt ist, wird eintreten.
  8. 8Wenn die Sterne ausgelöscht werden,
  9. 9und der Himmel aufgespalten wird,
  10. 10und die Berge zerstoben werden,
  11. 11und der Termin der Gesandten festgesetzt wird –
  12. 12auf welchen Tag wird sie aufgeschoben?
  13. 13Auf den Tag der Entscheidung!
  14. 14Was lässt dich erkennen, was der Tag der Entscheidung ist?
  15. 15Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  16. 16Haben wir nicht die früheren vernichtet?
  17. 17Dann werden wir die späteren ihnen folgen lassen.
  18. 18So verfahren wir mit den Sündern.
  19. 19Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  20. 20Haben wir euch nicht aus einer verachteten Flüssigkeit erschaffen,
  21. 21die wir in einen festen Aufenthaltsort gelegt haben,
  22. 22bis zu einer bekannten Frist?
  23. 23So haben wir bemessen, und wie schön bemessen wir!
  24. 24Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  25. 25Haben wir die Erde nicht zu einer Stätte gemacht,
  26. 26für die Lebenden und die Toten,
  27. 27und auf ihr feste hohe Berge gesetzt und euch Süßwasser zu trinken gegeben?
  28. 28Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  29. 29Geht hin zu dem, was ihr für eine Lüge erklärt habt!
  30. 30Geht hin zu einem Schatten aus drei Säulen,
  31. 31der keinen Schatten gibt und nicht vor der Flamme nützt.
  32. 32Wahrlich, er wirft Funken so groß wie Burgen,
  33. 33als wären sie gelbe Kamele.
  34. 34Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  35. 35Dies ist der Tag, an dem sie nicht sprechen werden,
  36. 36und ihnen wird nicht erlaubt, sich zu entschuldigen.
  37. 37Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  38. 38Das ist der Tag der Entscheidung. Wir haben euch und die Früheren versammelt.
  39. 39Wenn ihr eine List habt, dann setzt sie gegen mich ein.
  40. 40Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  41. 41Wahrlich, die Gottesfürchtigen werden in Schatten und Quellen sein,
  42. 42und in Früchten, die sie begehren.
  43. 43Esst und trinkt zur Gesundheit, für das, was ihr getan habt.
  44. 44So belohnen wir wahrlich die, die Gutes tun.
  45. 45Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  46. 46Esst und genießt eine kleine Weile, wahrlich, ihr seid Frevler.
  47. 47Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  48. 48Wenn ihnen gesagt wird: Werft euch nieder! werfen sie sich nicht nieder.
  49. 49Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!
  50. 50An welche Mitteilung nach ihm sollten sie noch glauben?

Einordnung & Bedeutung

Die rätselhaften Eröffnungs-Schwüre

Die ersten fünf Verse sind eine der dunkelsten Schwur-Sequenzen des Korans. Fünf weibliche Plural-Partizipien, deren genauer Bezug umstritten ist:

  • „die nacheinander Gesandten" (al-mursalāt ʿurfan)
  • „die stürmen" (al-ʿāṣifāt ʿaṣfan)
  • „die ausbreiten" (an-nāschirāt naschran)
  • „die scharf trennen" (al-fāriqāt farqan)
  • „die eine Ermahnung überbringen" (al-mulqiyāt dhikran)

Klassische Tafsīr-Werke kennen zwei Hauptlesarten:

  1. Winde: Die fünf Bilder beziehen sich auf verschiedene Winde – Botenwinde, stürmende Winde, ausbreitende Winde usw. Das passt zur Naturmetaphorik vieler frühmekkanischer Suren.
  2. Engel: Die fünf Bilder beziehen sich auf verschiedene Engelsfunktionen – sendende, stürmende, ausbreitende, trennende, ermahnende Engel.

Wahrscheinlich sind beide Lesarten beabsichtigt – die koranische Bildlichkeit ist oft mehrschichtig. Die rhetorische Wirkung ist klar: Eine Reihe rätselhafter, kraftvoller Akteure wird beschworen, bevor die eigentliche Aussage kommt.

Der Refrain

Was die Sure einzigartig macht, ist ihr Refrain: Zehnmal wiederholt sich der Satz „Wehe an jenem Tag denen, die für eine Lüge erklären!" – arabisch wail-un yaumaʾidhin lil-mukadhdhibīn.

Dieser Refrain ist im arabischen Klangbild extrem eindringlich. Er funktioniert wie ein Hammerschlag, der die einzelnen Argumentationsschritte trennt. Die Sure ist gegliedert in zehn Sektionen, jede schließt mit demselben Refrain.

Inhaltlich gehen die Sektionen einen wachsenden Argumentationsweg:

  1. Vernichtung der Früheren als Maßstab (Verse 16–19)
  2. Schöpfung des Menschen aus „verachteter Flüssigkeit" (Verse 20–24)
  3. Die Erde als Stätte für Lebende und Tote (Verse 25–28)
  4. Aufforderung an die Verleugner: „Geht hin zu dem, was ihr für eine Lüge erklärt habt!" (Verse 29–34)
  5. Sprachlosigkeit am Tag des Gerichts (Verse 35–37)
  6. Versammlung aller Generationen (Verse 38–40)
  7. Belohnung der Gerechten (Verse 41–45)
  8. Bittere Aufforderung an die Frevler: „Esst und genießt eine kleine Weile" (Verse 46–47)
  9. Anklage gegen die Verweigerer der Niederwerfung (Verse 48–49)
  10. Schlussfrage: „An welche Mitteilung sollten sie noch glauben?" (Vers 50)

Die „verachtete Flüssigkeit"

Vers 20 wird in der modernen Wissenschaftsapologetik oft zitiert. „Aus einer verachteten Flüssigkeit" – gemeint ist das Sperma. Das arabische Wort mahīn bedeutet „verachtet, gering geachtet, schwach". Die Pointe: Aus etwas, das wir nicht achten, wird ein vollständiger Mensch. Wer das verstanden hat, kann die Auferstehung nicht mehr für unmöglich halten.

Dieses Argument funktioniert ohne moderne Embryologie. Es appelliert an die schlichte Beobachtung: Aus einem Tropfen wird ein Mensch. Wer das schaffen kann, kann auch einen Toten wieder lebendig machen.

Der „Schatten aus drei Säulen"

Vers 30 ist eines der drastischsten Höllenbilder: „Geht hin zu einem Schatten aus drei Säulen, der keinen Schatten gibt und nicht vor der Flamme nützt."

Was sind die „drei Säulen"? Klassische Auslegungen sind uneinig:

  • Der Rauch des Höllenfeuers, der in drei Strängen aufsteigt.
  • Die drei Wege zur Hölle – Worte, Taten, Gedanken.
  • Drei verschiedene Bereiche der Hölle.

Die Bildlichkeit ist klar: Was Schatten zu geben verspricht, gibt keinen. Das Versprechen falscher Götter bringt am Ende nichts. Wer sich darauf verlassen hat, steht in der Sonne, weil der Schatten Illusion war.

Funken wie gelbe Kamele

Vers 33 ist eines der visuell stärksten Bilder: Die Höllenfunken sind so groß wie Burgen, gelb wie Kamele. Im 7. Jahrhundert war das ein erschreckend konkretes Bild. Gelbe Kamele waren wertvoll und gut sichtbar; Burgen waren der Maßstab des Großen. Funken in dieser Größe, in dieser Farbe – ein eindrucksvolles, fast filmisches Bild.

„Wenn ihr eine List habt"

Vers 39 ist eine seltene Stelle: Gott fordert die Frevler heraus: „Wenn ihr eine List habt, dann setzt sie gegen mich ein." Das ist Ironie. Gegen Gott haben Menschen keine Liste – das wussten alle. Die Aufforderung ist also keine echte Einladung, sondern eine rhetorische Demütigung: Versucht es ruhig, wenn ihr meint, ihr könntet.

Die Niederwerfungs-Verweigerung

Vers 48 ist subtil scharf: „Wenn ihnen gesagt wird: Werft euch nieder! werfen sie sich nicht nieder." Niederwerfung (sudschūd) ist im Islam die zentrale Demuts-Geste. Wer sie verweigert, weigert sich nicht nur formal, sondern grundsätzlich. Es ist das körperliche Symbol für die innere Haltung der Verleugnung.

Die Schlussfrage

Vers 50 ist ein bitterer Schluss: „An welche Mitteilung nach ihm sollten sie noch glauben?" Wer den Koran nicht akzeptiert, akzeptiert nichts mehr. Wer die größte Botschaft ablehnt, hat keine andere mehr, an die er glauben könnte. Es ist die rhetorische Form der totalen Frage – und der totalen Resignation.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 77 ist eine der formgewaltigsten Suren des Korans. Ihre Wirkung beruht auf der wiederholten Refrain-Struktur, die im rezitierten Vortrag enorme Sogkraft entfaltet. Sie wird oft als Buß-Sure empfohlen – wer sie hört, wird durch die zehnfache Wiederholung des „Wehe" zur Selbstprüfung aufgefordert.

Theologisch macht die Sure eine zentrale Aussage: Die Leugnung der Wahrheit – das „für eine Lüge Erklären" – ist die fundamentale Verfehlung. Es geht nicht um konkrete Sünden, sondern um eine Grundhaltung: das Nicht-anerkennen-Wollen dessen, was offensichtlich ist.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Die Gesandten (al-mursalāt) – aktives Partizip Plural feminin – meist auf die sendenden Winde oder Engel bezogen
  • Für eine Lüge erklären (kadhdhaba) – zentrales koranisches Schlüsselwort – die aktive Verweigerung der Wahrheit; Gegenbegriff zu „glauben"
  • Tag der Entscheidung (yaum al-faṣl) – einer der koranischen Begriffe für den Jüngsten Tag – „Entscheidung" im Sinne von „Trennung der Geschicke"
  • Verachtete Flüssigkeit (māʾ mahīn) – koranischer Ausdruck für Sperma – Bild für den unscheinbaren Anfang menschlichen Lebens
  • Drei Säulen (thalāth schuʿab) – mehrdeutiges Höllen-Bild – verschiedene Auslegungen zwischen Rauch, Wegen und Bereichen