Sure 79
Die Entreißenden
An-Nāziʿāt
Worum geht's?
Eine wuchtige Sure über den Tod, den Jüngsten Tag und die Geschichte Moses gegen den Pharao. Die Eröffnung mit fünf rätselhaften Schwüren – „bei denen, die entreißen, bei denen, die herausziehen, bei denen, die schweben" – gilt als eine der dunkelsten Stellen des Korans. Trotzdem ist die ethische Pointe klar: Es kommt eine Stunde, da macht ein ganzes Leben den Eindruck eines „Nachmittags oder eines Vormittags".
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Bei denen, die heftig entreißen,
- 2und denen, die behutsam herausziehen,
- 3und denen, die schwebend dahinziehen,
- 4und denen, die voraneilen,
- 5und denen, die eine Sache lenken –
- 6an dem Tag, da das erste Beben schüttert
- 7und ihm das zweite folgt,
- 8werden Herzen an jenem Tag pochen.
- 9Ihre Augen werden niedergeschlagen sein.
- 10Sie sagen: Werden wir wirklich in den früheren Zustand zurückgebracht?
- 11Auch wenn wir morsche Knochen geworden sind?
- 12Sie sagen: Das wäre eine verlorene Rückkehr.
- 13Es wird nur ein einziger Schrei sein –
- 14und siehe, sie sind wach auf der Erdoberfläche.
- 15Ist die Geschichte von Moses zu dir gekommen?
- 16Als sein Herr ihn rief im heiligen Tal Ṭuwā:
- 17Geh zu Pharao – er hat sich überhoben.
- 18Und sage: Hast du nicht Lust, dich zu läutern,
- 19und ich leite dich zu deinem Herrn, so dass du Gottesfurcht hast?
- 20Er zeigte ihm das größte Zeichen.
- 21Doch er erklärte es für eine Lüge und widersetzte sich.
- 22Dann wandte er sich ab und mühte sich,
- 23versammelte sein Volk und rief aus:
- 24Ich bin euer höchster Herr!
- 25Da packte ihn Gott mit der Strafe des Jenseits und des Diesseits.
- 26Darin liegt eine Lehre für den, der Gottesfurcht hat.
- 27Seid ihr schwerer zu erschaffen als der Himmel? Er hat ihn aufgebaut.
- 28Er hat seine Höhe emporgehoben und ihn vollendet,
- 29und seine Nacht verfinstert und seinen Morgen hell hervorgebracht.
- 30Und die Erde danach ausgebreitet.
- 31Er hat aus ihr ihr Wasser und ihre Weide hervorgebracht,
- 32und die Berge fest verankert –
- 33als Nutzung für euch und euer Vieh.
- 34Wenn die größte Katastrophe kommt,
- 35an dem Tag, da der Mensch sich erinnert, was er sich gemüht hat,
- 36und die Hölle für jeden, der sehen kann, sichtbar gemacht wird:
- 37Wer aber maßlos war
- 38und das diesseitige Leben vorzog,
- 39wahrlich, dessen Heimat ist die Hölle.
- 40Wer aber seinen Herrn fürchtete
- 41und die Seele vor dem Verlangen zurückhielt,
- 42wahrlich, dessen Heimat ist der Garten.
- 43Sie fragen dich nach der Stunde, wann sie eintreten wird.
- 44Was hast du damit zu tun, sie zu erwähnen?
- 45Bei deinem Herrn ist ihr Ende.
- 46Du bist nur der, der die warnt, die sie fürchten.
- 47An dem Tag, an dem sie sie sehen, wird es ihnen sein, als hätten sie nur einen Nachmittag oder Vormittag verweilt.
Einordnung & Bedeutung
Die rätselhaften Eröffnungs-Schwüre
Die ersten fünf Verse sind eine der dunkelsten Stellen des Korans. Fünf rätselhafte aktive Partizipien Plural Feminin:
- „heftig Entreißende" (an-nāziʿāti gharqā)
- „behutsam Herausziehende" (an-nāschiṭāti naschṭā)
- „schwebend Dahinziehende" (as-sābiḥāti sabḥā)
- „Voraneilende" (as-sābiqāti sabqā)
- „eine Sache Lenkende" (al-mudabbirāti amrā)
Wer oder was sind diese? Die Tafsīr-Werke kennen mindestens vier Lesarten:
- Engel in ihren verschiedenen Funktionen: Todes-Engel (entreißen die Seele aus dem Körper), Engel, die sanft die Seelen der Gläubigen herausziehen, Engel, die durch den Himmel reisen, Voraneilende beim Verkünden der Botschaft, Engel, die die Schöpfung verwalten.
- Pferde im Schlachtfeld (parallel zu Sure 100): Kriegspferde in verschiedenen Phasen des Kampfes.
- Naturphänomene: Sterne in ihren Bewegungen.
- Die Seelen der Verstorbenen selbst in ihren verschiedenen Zuständen.
Die Mehrheit der klassischen Auslegungen folgt der ersten Lesart (Engel). Aber dass es überhaupt mehrere Lesarten gibt, zeigt: Der Koran lässt hier bewusst offen. Die Schwüre wirken klanglich – sie sind im arabischen Original eine Art tonale Eröffnungsfanfare, deren wörtliche Bedeutung sekundär ist.
Die Auferstehungs-Sequenz
Verse 6–14 zeichnen den Jüngsten Tag in dichter Bildlichkeit. Bemerkenswert ist Vers 10: „Sie sagen: Werden wir wirklich in den früheren Zustand zurückgebracht?" Die Skepsis der mekkanischen Hörer wird hier wörtlich zitiert. Auferstehung war für die altarabische Religiosität ein unbekanntes Konzept – sie glaubten an Stammesvergeltung im Diesseits, aber nicht an individuelle Auferstehung.
Die Antwort der Sure ist erstaunlich kurz: „Es wird nur ein einziger Schrei sein – und siehe, sie sind wach auf der Erdoberfläche." Das ist alles. Kein langes Argumentieren, keine philosophische Begründung. Nur die schlichte Feststellung: Es geht.
Die Moses-Erzählung
Verse 15–26 sind eine knappe Nacherzählung der Konfrontation Moses gegen Pharao. Das ist eine der häufigsten Erzählungen des Korans – wird in vielen Suren in unterschiedlicher Länge wiedergegeben.
Was hier auffällt: Moses bekommt eine bemerkenswert höfliche Aufforderung an Pharao mit. Vers 18: „Hast du nicht Lust, dich zu läutern?" Das ist nicht Drohung, nicht Befehl, sondern Einladung. Der Koran zeigt hier ein Modell der Prophetenmission: Selbst dem mächtigsten Tyrannen wird zunächst höflich angeboten.
Vers 24 ist berühmt: Pharao sagt „Ich bin euer höchster Herr!" – die ultimative Selbsterhöhung. Im Koran ist das die Grundsünde: Sich selbst über alle anderen zu erheben, einschließlich Gott.
Vers 26 fasst die Pointe zusammen: „Darin liegt eine Lehre für den, der Gottesfurcht hat." – Wer aufmerksam ist, erkennt das Muster und lernt daraus.
Schöpfungs-Argument
Verse 27–33 sind ein klassisches koranisches Argument: Wenn Gott das Schwere konnte (Himmel, Erde, Berge), kann er auch das Leichte (Auferstehung). „Seid ihr schwerer zu erschaffen als der Himmel?" – eine rhetorische Frage, deren Antwort offensichtlich ist.
Das letzte Bild: ein Nachmittag
Der Schlussvers ist der eindringlichste der Sure. Wenn der Jüngste Tag kommt, werden die Menschen ihr Leben rückblickend so wahrnehmen, als wäre es nur „ein Nachmittag oder ein Vormittag" gewesen.
Das ist eine erstaunlich präzise Beobachtung. Wer alt geworden ist, kennt das Gefühl: Wo ist die Zeit hin? Es war doch eben gestern, dass die Kinder klein waren. Die Sure macht aus dieser allgemein menschlichen Erfahrung eine theologische Aussage: Die Zeit täuscht. Wer im Diesseits lebt, als hätte er ewig Zeit, hat das Maßverhältnis nicht verstanden.
Der Vers wird in der gelebten Frömmigkeit oft als Mahnung gegen das Aufschieben verwendet: Wer denkt, „ich kümmere mich später um die wichtigen Dinge", wird feststellen, dass „später" plötzlich vorbei ist.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 79 wird klassisch als Sure über die Endzeit und Moses gesehen. Aber sie enthält auch eine ungewöhnlich präzise Psychologie des Aufschiebens. Der Mensch wartet, weil er meint, Zeit zu haben. Am Ende stellt sich heraus, dass die ganze Lebenszeit „ein Nachmittag" war.
Reformorientierte Lesarten lesen die Moses-Erzählung als Modell: Selbst gegen den größten Tyrannen geht man zunächst höflich vor. Wenn das nichts nützt, kommt das größte Zeichen. Wenn auch das nichts nützt, erst dann das Verderben. Diese Stufung ist Vorbild für einen islamisch verstandenen Konfliktumgang.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Entreißende (an-nāziʿāt) – aktives Partizip Plural feminin – meist auf die Todes-Engel bezogen, die die Seele heftig aus dem Körper holen
- Tal Ṭuwā – der heilige Ort, an dem Moses Gott begegnete – im biblischen Bericht das Tal beim brennenden Dornbusch
- Pharao (firʿaun) – wörtlich „großes Haus" – im Koran nicht ein Eigenname, sondern Titel des ägyptischen Herrschers; Inbegriff der maßlosen Selbsterhöhung
- Stunde (as-sāʿa) – koranischer Standardbegriff für den Jüngsten Tag – „die Stunde" als unausweichlicher Endpunkt der Geschichte
- Maßlos (ṭaghā) – Wortwurzel für „über das Maß hinausgehen, aufrührerisch werden" – Pharao als prototypischer Maßloser