Sure 81
Das Einrollen
At-Takwīr
Worum geht's?
Eine der berühmtesten apokalyptischen Suren des Korans. Die ersten zwölf Verse zeichnen ein Bild kosmischer Auflösung – Sonne wird eingerollt, Sterne fallen, Berge versetzen sich, Meere kochen. Mitten in dieser Endzeit-Szene steht ein erstaunlich konkreter sozialer Vers: „und wenn das lebendig begrabene Mädchen gefragt wird, wegen welcher Schuld es getötet wurde."
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Wenn die Sonne eingerollt wird,
- 2und wenn die Sterne sich verstreuen,
- 3und wenn die Berge in Bewegung gesetzt werden,
- 4und wenn die trächtigen Kamelinnen vernachlässigt werden,
- 5und wenn die wilden Tiere zusammengetrieben werden,
- 6und wenn die Meere zum Überfließen gebracht werden,
- 7und wenn die Seelen in Paare gebracht werden,
- 8und wenn das lebendig begrabene Mädchen gefragt wird,
- 9wegen welcher Schuld es getötet wurde,
- 10und wenn die Blätter aufgeschlagen werden,
- 11und wenn der Himmel abgezogen wird,
- 12und wenn die Hölle entfacht wird,
- 13und wenn das Paradies nahe gebracht wird –
- 14dann wird jede Seele erfahren, was sie vorbereitet hat.
- 15Ich schwöre bei den Planeten, die kreisen,
- 16die laufen und sich verbergen,
- 17und bei der Nacht, wenn sie hereinbricht,
- 18und beim Morgen, wenn er atmet –
- 19wahrlich, dies ist das Wort eines edlen Gesandten,
- 20der Macht hat beim Herrn des Thrones, eine sichere Stellung,
- 21dem dort gehorcht wird und der vertrauenswürdig ist.
- 22Und euer Gefährte ist kein Verrückter.
- 23Wahrlich, er hat ihn am hellen Horizont gesehen,
- 24und er hält das Verborgene nicht zurück.
- 25Und dies ist nicht das Wort eines verstoßenen Satans.
- 26Wohin geht ihr denn?
- 27Es ist nur eine Ermahnung für die Welten,
- 28für den unter euch, der den rechten Weg gehen will.
- 29Aber ihr werdet nicht wollen, es sei denn, Gott, der Herr der Welten, will es.
Einordnung & Bedeutung
Die kosmische Auflösung
Die ersten zwölf Verse sind ein Meisterwerk apokalyptischer Bildsprache. Jeder Vers ein Bild, alle nach dem gleichen Muster gebaut: „wenn die ... wird". Diese Wiederholung erzeugt einen unerbittlichen Sog. Was zuvor verlässlich war, löst sich auf:
- Sonne eingerollt – das arabische Wort kuwwirat meint das Zusammenrollen eines Turbans; die Sonne, die feste Lichtspenderin, wird wie ein Stück Stoff zusammengewickelt.
- Sterne verstreut – die feste Himmelsordnung löst sich.
- Berge in Bewegung – das Inbegriff des Festen wird beweglich.
- Trächtige Kamelinnen vernachlässigt – Vers 4 ist sozialgeschichtlich faszinierend. Für altarabische Hörer war eine trächtige Kamelin der höchste materielle Wert überhaupt – das Inbegriff des Pflegewerten. Wenn die ignoriert wird, ist die Welt am Ende. Heutige Übertragung wäre etwa: „und wenn alle Aktiendepots stehen gelassen werden".
- Wilde Tiere zusammengetrieben – die Trennung zwischen Wild und Zahm löst sich.
- Meere kochen – das Wort sudschdschirat kann „zum Überfließen bringen" heißen, aber auch „in Flammen setzen".
- Seelen gepaart – verschieden interpretiert: gleichgesinnte Seelen werden zusammengeführt, oder Seelen werden mit ihren Körpern wiedervereinigt.
Das lebendig begrabene Mädchen
Verse 8–9 sind eine der bemerkenswertesten Stellen des Korans. Mitten in der kosmischen Auflösung wird eine konkrete soziale Frage aufgeworfen: „und wenn das lebendig begrabene Mädchen gefragt wird, wegen welcher Schuld es getötet wurde."
Im vorislamischen Arabien war die Tötung neugeborener Mädchen weit verbreitet – sei es aus Armut, sei es aus Schande (Mädchen galten als wirtschaftliche Last und potenzielle Schande für die Familie). Die Methode war oft brutal: das Neugeborene wurde lebendig in der Wüste vergraben.
Der Koran nennt diese Praxis an mehreren Stellen explizit (Sure 6,151; 16,58-59; 17,31) und verbietet sie scharf. Sure 81 macht es besonders eindringlich: Am Jüngsten Tag wird das Opfer selbst gefragt, nicht die Täter. Das gibt den Stimmlosen eine Stimme. Es ist eines der frühen Beispiele dafür, dass der Koran die Perspektive der Schwachen einnimmt.
Historisch ist die Wirkung belegt: Spätestens mit der Festigung der muslimischen Gemeinde in Medina verschwand die Praxis der Kindstötung im arabischen Raum weitgehend. Sure 81 hat dazu beigetragen.
Die Wende ab Vers 15
Nach der apokalyptischen Eröffnung wechselt die Sure plötzlich den Modus. Eine Reihe von Schwüren beginnt: bei den Planeten, der Nacht, dem atmenden Morgen. Dann die Aussage: „dies ist das Wort eines edlen Gesandten".
Wer ist dieser „edle Gesandte"? Hier gibt es zwei Lesarten:
- Klassisch: Der Engel Gabriel, der die Offenbarung überbringt. Die folgenden Eigenschaften (Macht beim Herrn des Thrones, sichere Stellung, Gehorsam, Vertrauenswürdigkeit) passen zu einer Engelsfigur.
- Alternativ: Mohammed selbst als „edler Gesandter".
Vers 22 löst die Frage indirekt: „Und euer Gefährte ist kein Verrückter." Der „Gefährte" ist eindeutig Mohammed – und er wird vom „edlen Gesandten" unterschieden. Also: Der edle Gesandte ist Gabriel, der Gefährte ist Mohammed.
Die Verteidigung Mohammeds
Die Verse 22–25 verteidigen Mohammed gegen drei Anwürfe seiner mekkanischen Gegner:
- „Er ist verrückt" – Antwort: Nein, er ist nicht verrückt.
- „Er hat sich das ausgedacht" – Antwort: Nein, er hat den Engel am hellen Horizont gesehen.
- „Es ist Werk eines Dämons" – Antwort: Nein, es ist nicht das Wort eines verstoßenen Satans.
Das gibt einen seltenen Einblick in die mekkanische Religionspolemik. Mohammed wurde nicht primär als Lügner bezeichnet, sondern als verrückt oder besessen. Die altarabische Welt kannte Dichter (schuʿarāʾ) und Wahrsager (kuhhān) – beide angeblich von Geistern inspiriert. Mohammed musste sich von beiden Kategorien abgrenzen.
Der Schlussvers: Freiheit und Gott
Der letzte Vers ist theologisch dicht: „Aber ihr werdet nicht wollen, es sei denn, Gott, der Herr der Welten, will es."
Hier liegt eine der zentralen koranischen Spannungen: Einerseits wird der Mensch zum Entscheiden aufgerufen („für den, der den rechten Weg gehen will"), andererseits ist sein Wollen letztlich von Gottes Willen abhängig. Die innerislamische Theologie hat darüber jahrhundertelang gestritten. Muʿtaziliten betonten den freien Willen, Aschʿariten die göttliche Vorherbestimmung. Sure 81,29 ist eine der zentralen Stellen für beide Lesarten – sie hält die Spannung offen.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Einrollen (kuwwirat) – wörtlich „wie ein Turban zusammenrollen" – das Bild für die Verfinsterung der Sonne; gibt der Sure ihren Namen
- Trächtige Kamelinnen (ʿischār) – der höchste materielle Wert der altarabischen Wirtschaft – ein soziologisches Bild für „das Wertvollste"
- Lebendig begraben (mauʾūda) – spezifischer arabischer Begriff für ein lebendig in der Erde begrabenes Mädchen – Praxis des vorislamischen Arabien
- Edler Gesandter (rasūl karīm) – in Sure 81,19 auf den Engel Gabriel bezogen – nicht zu verwechseln mit dem „menschlichen Gesandten" (Mohammed)
- Gefährte (ṣāḥib) – Bezeichnung Mohammeds aus der Außensicht der Mekkaner – „euer Gefährte" ist eine fast distanzierte Anrede