Alle 114 Suren des Korans

Sure 82: Das Zerspalten (Al-Infiṭār)

Sure 82 von 114, 19 Verse

Sure 82 heißt in der Fassung nach Henning "Das Zerspalten", arabisch Al-Infitar, und hat 19 Verse. Sie gilt als mekkanisch und beschreibt das Ende der Welt, die Rechenschaft des Menschen und die Hüter, die seine Taten aufschreiben.

1 Wenn der Himmel sich spaltet,

2 Und wenn sich die Sterne zerstreuen,

3 Und wenn sich die Wasser vermischen,

4 Und wenn die Gräber umgekehrt werden,

5 Dann weiß die Seele, was sie getan und unterlassen hat.

6 O Mensch, was hat dich von deinem hochsinnigen Herrn abgebracht,

7 Der dich erschaffen, gebildet und geformt hat,

8 In der Form, die ihm beliebte, dich gefügt hat?

9 Wahrlich, und doch leugnet ihr das Gericht.

10 Aber siehe über euch sind wahrlich Hüter,

11 Edle, schreibende,

12 Welche wissen, was ihr tut.

13 Siehe die Rechtschaffenen, wahrlich in Wonne (werden sie wohnen),

14 Und die Missetäter im Höllenpfuhl.

15 Sie werden darin brennen am Tag des Gerichts

16 Und sollen nie aus ihm heraus.

17 Und was lehrt dich wissen, was der Tag des Gerichts ist?

18 Wiederum, was lehrt dich wissen, was der Tag des Gerichts ist?

19 An jenem Tag wird eine Seele für die andere nichts vermögen, und der Befehl ist an jenem Tag Allahs.

Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.

Sure 82 heißt in der Fassung nach Henning "Das Zerspalten", arabisch Al-Infitar. Nach der Kairoer Zählung hat sie 19 Verse, und nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [1, 7]. Die Zusammenfassung von Ibn Aschurs Kommentar nennt sie in der überlieferten Reihenfolge der Offenbarung die 82. Sure, nach Sure 79 und vor Sure 84 [1]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4]. Angelika Neuwirth stellt sie in ihrem Kommentar zu den frühmekkanischen Suren mit den Suren 81, 84, 86 und 85 in eine Gruppe [3]. Die deutschen Zitate folgen Max Hennings Übersetzung, erschienen 1901 bei Reclam in Leipzig [6].

Inhalt im Überblick

Die Sure ist kurz und führt von den Zeichen des Weltendes zur Rechenschaft des Einzelnen.

  • Verse 1 bis 5: Der Himmel spaltet sich, die Sterne zerstreuen sich, die Wasser vermischen sich, die Gräber werden umgekehrt. Dann weiß jede Seele, was sie getan und unterlassen hat.
  • Verse 6 bis 8: Der Mensch wird gefragt, was ihn von seinem Herrn abgebracht hat, der ihn erschaffen und geformt hat.
  • Verse 9 bis 12: Die Angesprochenen leugnen das Gericht. Über ihnen stehen Hüter, "Edle, schreibende", die wissen, was sie tun.
  • Verse 13 bis 16: Die Rechtschaffenen kommen in Wonne, die Missetäter in den Höllenpfuhl.
  • Verse 17 bis 19: Zweimal fragt der Text, was der Tag des Gerichts ist, und gibt dann die Antwort.

Diese Antwort lautet: "An jenem Tag wird eine Seele für die andere nichts vermögen, und der Befehl ist an jenem Tag Allahs." (Sure 82,19). Mehr zu diesem Thema steht auf der Seite über Tod, Gericht und Jenseits im Koran.

Wie die Sure verstanden wird

Die Auslegung beschäftigt sich vor allem mit der Frage in Vers 6 und mit den Hütern in den Versen 10 bis 12.

Klassische Auslegung

Ibn Kathir liest Vers 6 als Drohung, auf die keine Antwort erwartet wird [2]. Er führt außerdem an, dass al-Baghawi nach al-Kalbi und Muqatil einen Anlass nennt: Der Vers sei wegen al-Aswad ibn Schariq offenbart worden, der den Propheten geschlagen habe und nicht bestraft worden sei [2]. Die Hüter der Verse 10 bis 12 deutet Ibn Kathir als die "Kiram Katibin", edle Engel, die über die Menschen wachen und ihre Taten aufschreiben [2]. Zu Vers 3 zitiert er Qatada, nach dem sich Süßwasser und Salzwasser vermischen [2]. Er nennt auch eine Überlieferung von Abdallah ibn Umar: Wer den Tag der Auferstehung sehen wolle, solle die Suren 81, 82 und 84 lesen [2].

Neuere muslimische Auslegung

Der tunesische Gelehrte Muhammad at-Tahir Ibn Aschur (1879 bis 1973) lehrte sein Leben lang an der Zaytuna in Tunis und wird zur islamischen Moderne gezählt; sein Korankommentar heißt at-Tahrir wa-t-Tanwir [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com sieht er die ganze Sure dem Nachweis gewidmet, dass Auferstehung und Gericht sicher kommen [1]. In Vers 19 liest er die Aussage, dass am Gerichtstag niemand für einen anderen eintreten kann, weil alle Macht Allah gehört [1].

Islamwissenschaft

Nöldeke schrieb, die Suren 82 und 81 glichen Sure 99, seien aber mit reicheren Bildern ausgeschmückt [4]. Die Suren seiner ersten Periode, die den Aufruhr der Natur beim Anbruch des Gerichts schildern, hielt er für die großartigsten des Korans [4]. Neuwirth beschreibt für die frühen Suren eine Entwicklung von Texten, die auf den Verkünder selbst gerichtet sind, hin zu Texten, die ein Interesse an den letzten Dingen zusammen mit der Schöpfung entfalten [3]. In Sure 82 stehen beide Themen nah beieinander: die Zeichen des Endes in den Versen 1 bis 5 und die Erschaffung des Menschen in den Versen 7 und 8. Die Sure gehört zum letzten Dreißigstel des Korans (Suren 78 bis 114), dessen kurze Suren bis heute besonders oft im Gebet rezitiert werden [3]. Weiter geht es mit Sure 83; alle Suren stehen in der Übersicht.

  1. Organisation Surah Info: Al-Infitar. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Infitar Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis und S. 78 bis 79. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
  5. Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.