Sure 83
Die das Maß Kürzenden
Al-Muṭaffifīn
Worum geht's?
Eine ungewöhnlich konkrete Sure: Sie beginnt nicht mit Schwur, nicht mit Schöpfung, sondern mit einer scharfen Anklage gegen Händler, die im Markt das Maß betrügen. Eine handfeste Wirtschaftsethik. Dann weitet sich der Blick zum Jüngsten Tag und zu zwei „Büchern" – dem der Frevler und dem der Frommen.
Der Text – Vers für Vers
In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).
- 1Wehe den das Maß Kürzenden,
- 2die, wenn sie sich von den Leuten zumessen lassen, sich voll zumessen lassen,
- 3die ihnen aber, wenn sie ihnen zumessen oder zuwiegen, abgehen lassen.
- 4Meinen die nicht, sie würden auferweckt werden
- 5an einem gewaltigen Tag,
- 6an dem die Menschen vor dem Herrn der Welten stehen werden?
- 7Nein! Wahrlich, das Buch der Frevler ist in Sidschdschīn.
- 8Was lässt dich erkennen, was Sidschdschīn ist?
- 9Eine fest beschriebene Schrift.
- 10Wehe an jenem Tag denen, die leugnen,
- 11die den Tag des Gerichts für eine Lüge erklären.
- 12Es erklärt ihn aber nur jeder maßlose Frevler für eine Lüge.
- 13Wenn ihm unsere Zeichen vorgetragen werden, sagt er: Märchen der Früheren!
- 14Nein! Vielmehr hat sich auf ihre Herzen abgesetzt, was sie zu erwerben pflegten.
- 15Nein! An jenem Tag werden sie von ihrem Herrn abgehalten.
- 16Dann werden sie ins Feuer eintreten.
- 17Dann wird gesagt werden: Das ist es, was ihr für eine Lüge erklärt habt.
- 18Aber nein! Das Buch der Frommen ist in ʿIllijjūn.
- 19Was lässt dich erkennen, was ʿIllijjūn ist?
- 20Eine fest beschriebene Schrift,
- 21die nahe Gestellte bezeugen.
- 22Wahrlich, die Frommen werden in Wonne sein,
- 23auf Liegen werden sie schauen.
- 24Du erkennst auf ihren Gesichtern das Strahlen der Wonne.
- 25Sie bekommen einen versiegelten, reinen Trank zu trinken,
- 26dessen Versiegelung Moschus ist – darauf sollten die Wettkämpfer wetteifern.
- 27Sein Beimisch ist von Tasnīm,
- 28einer Quelle, aus der die nahe Gestellten trinken.
- 29Wahrlich, die Frevler lachten über die, die glaubten.
- 30Wenn sie an ihnen vorbeigingen, zwinkerten sie einander zu.
- 31Wenn sie zu den Ihren zurückkehrten, kehrten sie spöttisch zurück.
- 32Wenn sie sie sahen, sagten sie: Wahrlich, das sind Irrende.
- 33Doch wurden sie nicht als Wächter über sie geschickt.
- 34An jenem Tag werden die, die glauben, über die Ungläubigen lachen,
- 35auf Liegen werden sie schauen.
- 36Wurden die Ungläubigen nicht belohnt für das, was sie getan haben?
Einordnung & Bedeutung
Eine ungewöhnliche Eröffnung
Sure 83 beginnt anders als die meisten frühmekkanischen Suren. Kein Schwur, kein Naturphänomen, kein abstraktes Bild – stattdessen sofort eine konkrete soziale Anklage: „Wehe den das Maß Kürzenden!"
Der arabische Begriff al-muṭaffifīn ist hochspezifisch. Er bezeichnet Händler, die beim Messen oder Wiegen betrügen – das eigene Maß randvoll machen lassen, das eigene Maß für andere unauffällig kürzer machen. Im 7. Jahrhundert war das ein verbreitetes Problem in den arabischen Handelsstädten; Mekka und Medina lebten von Karawanenhandel.
Das soziale Argument
Die Anklage ist erstaunlich präzise. Die Sure beschreibt nicht nur das Vergehen, sondern die psychologische Asymmetrie dahinter:
- Wenn der Händler empfängt, will er volles Maß.
- Wenn er gibt, lässt er etwas abgehen.
Diese Doppelmoral ist die eigentliche Sünde. Es ist nicht primär der wirtschaftliche Schaden, der angeklagt wird – der Betrag ist meist klein. Es ist die innere Inkonsequenz: Andere Maßstäbe für sich selbst als für andere.
Diese Diagnose ist universal anwendbar. Sie funktioniert für Händler im 7. Jahrhundert ebenso wie für moderne Steuermoral, Geschäftsethik oder zwischenmenschliche Erwartungen.
Die Verbindung zur Endzeit
Vers 4 stellt die rhetorische Brücke: „Meinen die nicht, sie würden auferweckt werden?" Das Maß-Kürzen wird hier als Ausdruck einer tieferen Haltung verstanden: Wer nicht damit rechnet, dass es eine Abrechnung gibt, kann sich solche kleinen Betrügereien leisten. Wer mit Gericht rechnet, kann es sich nicht leisten.
Das gibt eine bemerkenswerte sozialpsychologische Pointe: Religion ist hier nicht primär Trost oder Sinnsuche, sondern ein Korrektiv für das Alltagsverhalten. Wer an einen Gott glaubt, der zuschaut, verhält sich anders im Markt.
Sidschdschīn und ʿIllijjūn
Die Verse 7–9 und 18–21 erwähnen zwei rätselhafte Begriffe:
- Sidschdschīn: das Buch der Frevler. Klassisch verstanden als ein bestimmter Ort in der Unterwelt – etwa „die unterste Stufe der Hölle" oder „ein Buch tief in der Erde verborgen". Das Wort hat eine Wurzel, die mit „Gefängnis" (sidschn) verwandt ist.
- ʿIllijjūn: das Buch der Frommen. Klassisch verstanden als „die hohen Stufen" des Paradieses oder als „ein Buch hoch im Himmel". Die Wurzel ʿ-l-w bedeutet „hoch sein".
Beide Begriffe kommen nur an dieser Stelle im Koran vor – sie sind hapax legomena. Ihre genaue Bedeutung ist exegetisch nicht abschließend geklärt. Die Pointe der Sure liegt aber nicht im Detail, sondern im Kontrast: Es gibt zwei getrennte Bücher, zwei getrennte Aufzeichnungen, zwei getrennte Schicksale.
Die Diagnose: das verkrustete Herz
Vers 14 ist eine der erschütterndsten Stellen der Sure: „Vielmehr hat sich auf ihre Herzen abgesetzt, was sie zu erwerben pflegten."
Das arabische Wort rāna meint „verkrusten, eine Schicht bilden, Rost ansetzen". Die Bildlichkeit ist präzise: Jede kleine unmoralische Handlung lässt eine dünne Schicht auf dem Herzen zurück. Mit der Zeit kann das Herz die Wahrheit nicht mehr klar sehen – nicht weil sie nicht da wäre, sondern weil die Sicht durch die Schichten getrübt ist.
Diese Stelle wurde später zentral für die islamische Mystik. Wer das eigene Herz reinhalten will, muss von Anfang an aufpassen, dass sich nichts verkrustet. Die tazkiya – die Reinigung der Seele – ist genau diese Arbeit, die Krusten Schicht für Schicht abzutragen.
Die Spötter und die Belohnung
Die letzten Verse (29–36) zeichnen eine bemerkenswerte Szene. Im Diesseits lachten die Frevler über die Gläubigen, machten sich über ihre Frömmigkeit lustig, nannten sie „Irrende". Am Jüngsten Tag dreht sich das Verhältnis um.
Diese Umkehr-Vorstellung ist nicht christlich-rachsüchtig zu lesen, sondern als Wiederherstellung der Maßstäbe. Im Diesseits sind die Maßstäbe oft verkehrt – wer fromm ist, wird belächelt; wer skrupellos ist, wird bewundert. Am Jüngsten Tag werden die wahren Verhältnisse sichtbar.
Bemerkenswert ist Vers 33: „Doch wurden sie nicht als Wächter über sie geschickt." Die Frevler maßen sich an, über das Glauben anderer zu urteilen. Das war nicht ihre Aufgabe. Sie sollten ihren eigenen Weg gehen, nicht andere bewerten. Diese Aussage ist auch heute aktuell – wer andere wegen ihres Glaubens (oder Nicht-Glaubens) verspottet, überschreitet eine koranisch markierte Grenze.
Wie wird die Sure verstanden?
Sure 83 ist ein Schlüsseltext für die islamische Geschäftsethik. Mohammed selbst war Kaufmann gewesen, bevor er Prophet wurde. Seine Botschaft kennt die Realität des Marktes von innen. Vom „Maß-Kürzen" leitet die islamische Rechtstradition eine ganze Theorie fairen Handels ab: Gewichte müssen geeicht sein, Maße müssen klar deklariert werden, versteckte Mängel müssen offengelegt werden.
Was Sure 83 darüber hinaus bemerkenswert macht, ist die Verbindung von kleiner Alltagsethik und großer Eschatologie. Wer am Marktstand betrügt, wird auf eine kosmische Bühne gestellt. Das gibt jeder banalen Handlung Gewicht.
Schlüsselbegriffe kurz erklärt
- Die das Maß Kürzenden (al-muṭaffifīn) – Händler, die beim Messen oder Wiegen betrügen – Wortwurzel von „nähern" im Sinne von „unauffällig kürzen"
- Sidschdschīn – rätselhafter Begriff – das Buch der Frevler; Wortwurzel verwandt mit „Gefängnis"
- ʿIllijjūn – rätselhafter Begriff – das Buch der Frommen; Wortwurzel „hoch sein"
- Verkrusten (rāna) – wörtlich „eine Schicht bilden, rostige Patina ansetzen" – Bild für die zunehmende Verstockung des Herzens durch wiederholte kleine Vergehen
- Tasnīm – eine paradiesische Quelle, aus der die „nahe Gestellten" (al-muqarrabūn) trinken – höchste Spezialgnade