Alle 114 Suren des Korans

Sure 88: Die Bedeckende (Al-Ghāschiya)

Sure 88 von 114, 26 Verse

Sure 88 heißt in der Fassung nach Henning "Die Bedeckende", arabisch Al-Ghaschiya, und hat 26 Verse. Sie gilt als mekkanisch und stellt die niedergeschlagenen und die fröhlichen Gesichter am Gerichtstag gegenüber. Am Ende sagt sie dem Propheten, er sei nur ein Ermahner.

1 Kam die Geschichte der Bedeckenden ("Stunde") zu dir?

2 Die einen Gesichter werden an jenem Tag niedergeschlagen sein,

3 Sich abarbeitend und plagend,

4 Brennend an glühendem Feuer,

5 Getränkt aus einer siedenden Quelle.

6 Keine Speise sollen sie erhalten außer vom Dariastrauch,

7 Der nicht fett macht und den Hunger nicht stillt.

8 Die anderen Gesichter werden an jenem Tag fröhlich sein,

9 Zufrieden mit ihrer Mühe (auf Erden),

10 In hohem Garten,

11 In dem sie kein Geschwätz hören.

12 In ihm ist eine strömende Quelle,

13 In ihm sind erhöhte Polster

14 Und hingestellte Becher

15 Und aufgereihte Kissen

16 Und ausgebreitete Teppiche.

17 Schauen sie denn nicht zu den Wolken, wie sie erschaffen sind,

18 Und zum Himmel, wie er erhöht wurde,

19 Und zu den Bergen, wie sie aufgestellt wurden,

20 Und zur Erde, wie sie ausgebreitet wurde?

21 So ermahne; du bist nur ein Ermahner,

22 Du hast keine Macht über sie,

23 Außer über den, der sich abkehrt und ungläubig ist;

24 Denn ihn wird Allah mit der größten Strafe strafen.

25 Siehe, zu uns ist ihre Heimkehr,

26 Dann liegt uns ihre Rechenschaft ob.

Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.

Sure 88 heißt in der Fassung nach Henning "Die Bedeckende", arabisch Al-Ghaschiya; Henning ergänzt in Vers 1 in Klammern, dass damit die "Stunde" gemeint ist. Nach ihren Anfangsworten heißt sie auch "Hal ataka" [1]. Nach der Kairoer Zählung hat sie 26 Verse, und nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [1, 7]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4]. Angelika Neuwirth bespricht sie erst in der dritten Gruppe der frühmekkanischen Suren, zusammen mit den Suren 75, 70 und 78 [3]. Die deutschen Verse stammen aus Max Hennings Übersetzung von 1901 (Reclam, Leipzig) [6].

Inhalt im Überblick

Die Sure stellt zwei Gruppen von Menschen nebeneinander und lenkt den Blick dann auf die Natur.

  • Vers 1: Die Frage, ob die Geschichte der Bedeckenden zum Hörer gekommen ist.
  • Verse 2 bis 7: Die einen Gesichter sind niedergeschlagen, sie brennen am Feuer, trinken aus einer siedenden Quelle und essen nur vom Dariastrauch, der den Hunger nicht stillt.
  • Verse 8 bis 16: Die anderen Gesichter sind fröhlich; sie sind in einem hohen Garten mit Quelle, Polstern, Bechern, Kissen und Teppichen.
  • Verse 17 bis 20: Die Frage, ob die Menschen nicht auf die Schöpfung schauen: in Hennings Übersetzung auf die Wolken, dann auf Himmel, Berge und Erde.
  • Verse 21 bis 26: Der Prophet soll ermahnen und hat keine Macht über sie; wer sich abkehrt und ungläubig ist, den straft Allah, und bei ihm liegen Heimkehr und Rechenschaft.

Der Auftrag an den Propheten lautet: "So ermahne; du bist nur ein Ermahner, / Du hast keine Macht über sie," (Sure 88,21 bis 22). Mehr zu Paradies und Feuer steht unter Tod, Gericht und Jenseits im Koran.

Wie die Sure verstanden wird

Die Auslegung fragt vor allem, was die "Bedeckende" ist, wer mit den Mühseligen in Vers 3 gemeint ist und was Vers 17 nennt.

Klassische Auslegung

Ibn Kathir erklärt nach Ibn Abbas, Qatada und Ibn Zaid, die Sure heiße so, weil das Ereignis die Menschen überwältigt [2]. Er überliefert von an-Nu'man ibn Baschir, dass der Prophet sie im Freitagsgebet vortrug; Muslim enthält den Bericht [2]. Zu Vers 3, den Mühseligen und Erschöpften, nennt er mehrere Ansichten: Al-Buchari überliefert von Ibn Abbas, gemeint seien die Christen; nach Ikrima und as-Suddi mühen sich diese Menschen im Diesseits im Ungehorsam ab und sind im Feuer erschöpft [2]. Den Dariastrauch beschreiben die frühen Ausleger bei Ibn Kathir als dornige, im trockenen Zustand giftige Pflanze; Qatada zählt ihn zur schlechtesten Speise [2].

Neuere muslimische Auslegung

Der tunesische Gelehrte Ibn Aschur (1879 bis 1973) wird zur islamischen Moderne gezählt; sein Kommentar heißt at-Tahrir wa-t-Tanwir [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com liest er die Verse 17 bis 20 als Zeichen der Schöpfung, die Allahs Macht zu erschaffen und neu zu erschaffen zeigen; in Vers 17 nennt diese Zusammenfassung Kamele [1]. Henning übersetzt das Wort dort mit "Wolken". Die Verse 21 und 22 versteht Ibn Aschur als Trost für den Propheten, dessen Pflicht nur das Warnen ist [1]. Er nennt außerdem die Gewohnheit des Propheten, die Sure zusammen mit Sure 87 im Freitags- und Festgebet vorzutragen [1].

Islamwissenschaft

Nöldeke führte Sure 88 1860 in der ersten Periode auf, ohne sie näher zu besprechen [4]. Unter den Gerichtssuren dieser Periode unterschied er solche, die den Aufruhr der Natur beim Anbruch des Gerichts zeigen, von solchen mit ruhigerer Ausmalung von Zuständen, die er im Ganzen für etwas später hielt; Sure 88 ordnet er keiner der beiden Arten ausdrücklich zu [4]. Neuwirth ordnet die Suren in ihrem Kommentar nach einer erschlossenen zeitlichen Folge, die sie aus Form und Inhalt gewinnt, und bespricht Sure 88 in der dritten ihrer vier Gruppen der frühmekkanischen Suren [3]. Sie gehört zum letzten Dreißigstel des Korans (Suren 78 bis 114), dessen Suren im Gebet bis heute oft zu hören sind [3]. Die vorige Sure ist Sure 87, die nächste Sure 89.

  1. Organisation Surah Info: Al-Ghashiyah. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Ghashiyah Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis und S. 78 bis 82. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
  5. Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.