Alle 114 Suren des Korans
Sure 89: Die Morgenröte (Al-Fadschr)
Sure 89 von 114, 30 Verse
Sure 89 heißt in der Fassung nach Henning "Die Morgenröte", arabisch Al-Fadschr, und hat nach der Kairoer Zählung 30 Verse. Sie gilt als mekkanisch, erinnert an untergegangene Völker und sagt, dass Reichtum und Not beide Prüfungen sind. Sie endet mit dem Ruf an die beruhigte Seele, ins Paradies einzutreten.
1 Bei der Morgenröte
2 Und den zehn Nächten, (Flügel 1)
3 Und dem Doppelten und Einfachen, (Flügel 2)
4 Und der Nacht, wenn sie anbricht, (Flügel 3)
5 Ist hierin ein Schwur für den Einsichtsvollen? (Flügel 4)
6 Sahst du nicht wie dein Herr mit Ad verfuhr? (Flügel 5)
7 Mit Iram der Säulenreichen, (Flügel 6)
8 Der nichts gleich erschaffen wurde im Land? (Flügel 7)
9 Und Thamud, da sie sich Felsen ausgehauen im Wadi? (Flügel 8)
10 Und Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke, (Flügel 9)
11 Die im Land frevelten (Flügel 10)
12 Und des Verderbens viel auf ihm anrichteten? (Flügel 11)
13 Und es schüttete dein Herr über sie aus die Geißel der Strafe. (Flügel 12)
14 Siehe dein Herr ist wahrlich auf der Wacht. (Flügel 13)
15 Und was den Menschen anlangt, wenn ihn sein Herr prüft und ihn ehrt und begnadet, dann spricht er: "Mein Herr hat mich geehrt." (Flügel 14 bis 15)
16 Wenn er ihn aber prüft und ihm seine Versorgung bemisst, dann spricht er: "Mein Herr verachtet mich." (Flügel 16 bis 17)
17 Keineswegs; doch ihr ehrt nicht die Waise (Flügel 18)
18 Und eifert einander nicht an zur Speisung des Armen (Flügel 19)
19 Und fresst das Erbe (des Unmündigen) insgesamt (Flügel 20)
20 Und liebt das Gut in übermäßiger Liebe. (Flügel 21)
21 Nicht so. Doch wenn die Erde kurz und klein zermalmt wird, (Flügel 22)
22 Und dein Herr und die Engel in Reihen auf Reihen kommen, (Flügel 23)
23 Und Dschehannam an jenem Tag gebracht wird, an jenem Tag möchte der Mensch Ermahnung annehmen; woher aber wäre ihm die Ermahnung? (Flügel 24)
24 Sprechen wird er dann: "O dass ich doch für mein Leben etwas vorausgeschickt hätte!" (Flügel 25)
25 Und an jenem Tag wird keiner strafen wie er,
26 Und keiner wird binden wie er.
27 O du beruhigte Seele,
28 Kehre zurück zu deinem Herrn zufrieden, befriedigt,
29 Und tritt ein unter meine Diener,
30 Und tritt ein in mein Paradies!
Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.
Sure 89 heißt in der Fassung nach Henning "Die Morgenröte", arabisch Al-Fadschr. Nach der Kairoer Zählung hat sie 30 Verse; Ibn Aschur nennt nach der Zusammenfassung bei Quran.com abweichende Zählungen, 32 Verse nach der Zählung von Medina und Mekka und 30 oder 29 nach der von Kufa und Basra [1]. Nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [1, 7]. Ibn Aschur zählt sie in der überlieferten Reihenfolge der Offenbarung als zehnte Sure, nach Sure 92 und vor Sure 93 [1]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4], Angelika Neuwirth stellt sie mit den Suren 91, 92 und 90 in eine Gruppe [3]. Als Vorlage für den deutschen Text dient Max Hennings Übersetzung, 1901 bei Reclam in Leipzig erschienen [6].
Inhalt im Überblick
Auf vier Schwüre folgen Beispiele aus der Vergangenheit, eine Kritik am Umgang mit Besitz und ein Blick auf das Gericht.
- Verse 1 bis 5: Schwur bei der Morgenröte, den zehn Nächten, dem Doppelten und Einfachen und der Nacht.
- Verse 6 bis 14: Was der Herr mit Ad, mit Iram der Säulenreichen, mit Thamud und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke, tat, die im Land frevelten.
- Verse 15 und 16: Der Mensch hält Wohlstand für Ehre und knappe Versorgung für Verachtung durch seinen Herrn.
- Verse 17 bis 20: Vorwurf: Ihr ehrt die Waise nicht, sorgt nicht für die Speisung des Armen, verzehrt das Erbe und liebt das Gut übermäßig.
- Verse 21 bis 26: Am Tag, an dem die Erde zermalmt wird, wünscht der Mensch, er hätte für sein Leben etwas vorausgeschickt.
- Verse 27 bis 30: Die beruhigte Seele wird gerufen, zu ihrem Herrn zurückzukehren und ins Paradies einzutreten.
Der Schluss beginnt: "O du beruhigte Seele, / Kehre zurück zu deinem Herrn zufrieden, befriedigt," (Sure 89,27 bis 28). Wie der Koran sonst von Gericht und Paradies spricht, zeigt die Seite Tod, Gericht und Jenseits im Koran.
Wie die Sure verstanden wird
Die Auslegung beschäftigt sich vor allem mit den Schwüren am Anfang, mit den genannten Völkern und mit der Deutung von Reichtum und Armut.
Klassische Auslegung
Ibn Kathir versteht die Morgenröte nach Ali, Ibn Abbas und anderen als die Morgendämmerung; Masruq und Muhammad ibn Ka'b bezogen sie auf den Opfertag [2]. Die zehn Nächte sind nach Ibn Abbas, Ibn az-Zubair und Mudschahid die ersten zehn Tage des Pilgermonats Dhu l-Hiddscha [2]. Iram war nach Ibn Ishaq das erste Volk der Aditen, die den Propheten Hud ablehnten; die Zeltpflöcke Pharaos deutete Ibn Abbas auf sein Heer, Mudschahid und andere darauf, dass er Menschen an Pflöcke schlug [2]. Zu den Versen 15 bis 20 schreibt Ibn Kathir, Reichtum und Armut seien beide Prüfungen und keine Beweise für Allahs Liebe oder Missfallen [8]. Er führt ein Wort des Propheten bei Abu Dawud an, nach dem der Vormund einer Waise im Paradies so nah bei ihm sein werde wie zwei Finger beieinander [8].
Neuere muslimische Auslegung
Ibn Aschur (1879 bis 1973), Verfasser von at-Tahrir wa-t-Tanwir, lehrte an der Zaytuna in Tunis [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com liest er die Verse 6 bis 14 als Warnung an die Mekkaner und als Trost für den Propheten [1]. Die Verse 15 bis 20 weisen nach ihm die Annahme zurück, Reichtum oder Armut seien Zeichen göttlicher Ehre oder Erniedrigung, und tadeln, dass Waisen und Arme vernachlässigt werden [1].
Islamwissenschaft
Nöldeke berichtete 1860, einzelne Erklärer hielten die Sure für medinisch und datierten sie genauer in das Jahr der Eroberung Mekkas, das Jahr 8 nach der Auswanderung [4]. Er selbst rechnete sie zur ersten mekkanischen Periode [4]. Neuwirth sieht die frühen Suren von Texten, die sich an den Verkünder richten, zu Texten für die Gemeinschaft übergehen, die allmählich auch moralische Kritik üben [3]; Sure 89 verbindet die Kritik am Umgang mit Waisen und Armen mit dem Blick auf das Gericht. Ihr Platz ist im letzten Dreißigstel (Suren 78 bis 114), aus dem bis heute oft im Gebet rezitiert wird [3]. Sie folgt auf Sure 88 und steht vor Sure 90.
- Organisation Surah Info: Al-Fajr. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Fajr Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis und S. 82. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
- Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Fajr Ayah 15. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.