Sure 91

Die Sonne

Asch-Schams

Verse: 15 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine der klanglich schönsten Suren – fast nur aus Schwüren bestehend. Sie kreist um eine zentrale anthropologische Setzung: Gott hat der Seele „die Frevelei und die Gottesfurcht" eingegeben. Beides ist im Menschen angelegt; jeder muss wählen. Den Abschluss bildet ein knappes Beispiel: das Volk Thamūd und seine Kamelin.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Bei der Sonne und ihrem Morgenglanz,
  2. 2und beim Mond, wenn er ihr folgt,
  3. 3und beim Tag, wenn er sie zeigt,
  4. 4und bei der Nacht, wenn sie sie verhüllt,
  5. 5und beim Himmel und dem, der ihn aufgebaut hat,
  6. 6und bei der Erde und dem, der sie ausgebreitet hat,
  7. 7und bei einer Seele und dem, der sie geformt hat,
  8. 8und ihr ihre Frevelei und Gottesfurcht eingegeben hat –
  9. 9erfolgreich ist, wer sie läutert,
  10. 10und gescheitert, wer sie verkommen lässt.
  11. 11Die Thamūd erklärten in ihrer Maßlosigkeit für eine Lüge,
  12. 12als der Übelste unter ihnen aufstand.
  13. 13Da sprach zu ihnen der Gesandte Gottes: Die Kamelin Gottes! Und ihr Tränken!
  14. 14Doch sie nannten ihn einen Lügner und schnitten ihr die Sehnen durch. Da brachte ihr Herr Verderben über sie wegen ihrer Sünde und machte sie alle gleich.
  15. 15Und er fürchtet ihre Folgen nicht.

Einordnung & Bedeutung

Die Eröffnung: sieben Schwüre

Sure 91 ist eines der formvollendetsten Stücke des Korans. Die ersten acht Verse sind eine einzige große Schwur-Kaskade: bei der Sonne, dem Mond, dem Tag, der Nacht, dem Himmel, der Erde, der Seele, der Eingebung der Seele.

Diese Schwüre bauen einen kosmischen Bogen: vom Größten (Sonne und Mond) übers Mittlere (Tag, Nacht) zum Allgemeinen (Himmel, Erde) – und enden beim Kleinsten und Wichtigsten: der einzelnen menschlichen Seele. Die Pointe: Das Wichtigste der Schöpfung ist nicht das, was am größten ist, sondern die menschliche Seele in ihrer Spannung zwischen Gut und Böse.

Die zentrale anthropologische Aussage

Verse 7–8 sind der Kern: Gott hat die Seele „geformt" und ihr „ihre Frevelei und ihre Gottesfurcht eingegeben". Das ist eine bemerkenswerte Setzung. Drei Auslegungen sind innerislamisch verbreitet:

  1. Beide Tendenzen sind angelegt. Der Mensch ist von Natur aus zur Frevelei und zur Gottesfurcht fähig. Beide sind in ihm vorhanden, er muss entscheiden, welche er entwickelt.
  2. Beide Wege sind ihm bewusst gemacht. Der Vers meint nicht zwei Triebe, sondern zwei Erkenntnisse: Der Mensch weiß, was Frevelei und was Gottesfurcht ist. Er hat keine Entschuldigung der Unwissenheit.
  3. Gott bestimmt die Tendenz. Diese Lesart – stark vertreten in der aschʿaritischen Theologie – versteht „hat eingegeben" als göttliche Vorherbestimmung: Welche Seele zum Bösen, welche zum Guten neigt, hat Gott schon gesetzt.

Die Mehrheitsmeinung folgt der ersten Lesart: Beide Tendenzen sind angelegt, die Wahl bleibt frei.

Erfolg und Scheitern

Verse 9–10 sind die ethische Konsequenz: „Erfolgreich ist, wer sie läutert. Und gescheitert, wer sie verkommen lässt."

Bemerkenswert ist die aktive Sprache. Die Seele wird nicht von außen geläutert; der Mensch läutert sie. Sie verkommt nicht von selbst; der Mensch lässt sie verkommen. Das ist keine passive Anthropologie, sondern eine, die Verantwortung in die Hand des Einzelnen legt.

Das arabische Wort für „läutern" – zakkā – ist dieselbe Wurzel wie zakāt (Pflichtabgabe). Die Verbindung ist sinnvoll: Wer gibt, läutert sich nicht nur metaphorisch, sondern konkret in der Praxis.

Die Geschichte der Thamūd

Die letzten fünf Verse erzählen knapp die Geschichte des Volks Thamūd – ausführlicher in Sure 7 und 26 behandelt. Kurzfassung: Gott schickte den Propheten Ṣāliḥ zu Thamūd. Als Zeichen seiner Sendung erschien aus einem Felsen eine außergewöhnliche Kamelin. Ṣāliḥ befahl, sie nicht zu verletzen und ihr Wassertag und Volkstag abwechselnd zu lassen. Die Thamūd hielten sich nicht daran – „der Übelste unter ihnen" (mutmaßlich ein Mann namens Qudār ibn Sālif) schlachtete die Kamelin. Daraufhin wurde das ganze Volk vernichtet.

Die Pointe ist erstaunlich präzise gefasst. Eine ganze Gesellschaft scheitert an einer einzelnen Tat eines Einzelnen – weil das Kollektiv ihn gewähren lässt. Das ist eine sozialpsychologisch interessante Aussage: Schuld ist nicht nur individuell. Wer Übles geschehen lässt, wenn er es verhindern könnte, hat Anteil daran.

„Er fürchtet ihre Folgen nicht"

Der letzte Vers ist rätselhaft. Wörtlich: „Und er fürchtet ihre Folgen nicht." Wer ist „er"? Mögliche Lesarten:

  • Gott: Er muss keine Folgen seiner Strafe fürchten – er ist nicht jemand, der bei einem Akt zögert, weil ihn die Konsequenzen treffen könnten. Das ist die klassische Mehrheitsauslegung.
  • Der Übelste: Er hatte die Folgen nicht gefürchtet – und genau deshalb traf ihn die Strafe.

Beide Lesarten ergeben Sinn; die meisten Tafsīr-Werke folgen der ersten.

Wie wird die Sure verstanden?

In der gelebten Frömmigkeit ist Sure 91 eine viel rezitierte Sure – besonders die zentralen Verse 7–10 über die Seele. Sie sind ein Lieblingstext der sufischen Tradition: Die Arbeit an der eigenen Seele wird als tazkiya (Reinigung, Läuterung) bezeichnet. Wer einen sufischen Weg geht, hat lebenslang an dieser Aufgabe zu arbeiten.

Sure 91 macht eine zentrale Aussage: Die Verantwortung liegt beim Menschen. Gott hat die Seele geformt und ihr beide Möglichkeiten gegeben. Was daraus wird, hängt vom Menschen ab.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Sonne (asch-schams) – eines der wichtigsten Naturphänomene der koranischen Bildwelt – Zeichen Gottes für die regelmäßige Ordnung
  • Frevelei (fudschūr) – wörtlich „das Übertreten, Spalten" – im Koran für das aktive Verlassen des rechten Wegs
  • Gottesfurcht (taqwā) – einer der wichtigsten ethischen Begriffe des Korans – nicht primär „Angst vor Gott", sondern Bewusstheit, Wachsamkeit, ethische Aufmerksamkeit
  • Läutern (zakkā) – Wortwurzel von zakāt (Pflichtabgabe) – die innere Reinigung durch praktisches Geben und Tun
  • Kamelin Gottes (nāqat Allāh) – das Wunderzeichen für das Volk Thamūd – ihre Schlachtung steht für die mutwillige Zerstörung göttlicher Zeichen