Alle 114 Suren des Korans

Sure 92: Die Nacht (Al-Lail)

Sure 92 von 114, 21 Verse

Sure 92 heißt in der Fassung nach Henning "Die Nacht", arabisch Al-Lail, und hat 21 Verse. Sie gilt als mekkanisch und stellt den, der gibt und Allah fürchtet, dem gegenüber, der geizig ist und nach Reichtum trachtet. Am Ende beschreibt sie den Gottesfürchtigen, der sein Gut ohne Erwartung von Lohn hingibt.

1 Bei der Nacht, wenn sie bedeckt,

2 Und dem Tag, wenn er sich enthüllt,

3 Und bei dem, was Mann und Frau erschuf,

4 Siehe euer Streben ist wahrlich verschieden.

5 Und was den anlangt, der gibt und (Allah) fürchtet

6 Und das Schönste glaubt,

7 Dem machen wir es leicht zum Heil.

8 Was aber den anlangt, der geizig ist und nach Reichtum trachtet,

9 Und das Schönste für Lüge erklärt,

10 Dem machen wir es leicht zum Unheil;

11 Und nichts nützt ihm sein Reichtum, wenn er (ins Feuer) hinabgestürzt wird.

12 Siehe uns liegt die Rechtleitung ob,

13 Und siehe unser ist das Künftige und Gegenwärtige.

14 Und so warnte ich euch vor dem Feuer, das lodert.

15 Nur der elendeste Wicht brennt in ihm,

16 Der leugnet und sich abwendet,

17 Doch fern von ihm wird der Gottesfürchtige gehalten,

18 Der sein Gut hingibt als Almosen,

19 Und der keinem eine Gunst um des Lohnes willen erweist,

20 Allein im Trachten nach seines Herrn, des Höchsten, Angesicht;

21 Und wahrlich er soll zufrieden sein.

Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.

Sure 92 heißt in der Fassung nach Henning "Die Nacht", arabisch Al-Lail. Nach der Kairoer Zählung hat sie 21 Verse, und nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [7]. Ibn Aschur nennt sie nach der Zusammenfassung bei Quran.com einhellig mekkanisch und zählt sie in der überlieferten Reihenfolge der Offenbarung als neunte Sure, nach Sure 87 und vor Sure 89 [1]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4], Angelika Neuwirth stellt sie mit den Suren 89, 91 und 90 in eine Gruppe [3]. Deutsch zitiert wird Max Henning; seine Übersetzung erschien 1901 bei Reclam in Leipzig [6].

Inhalt im Überblick

Die Sure ist nach Gegensätzen gebaut: Nacht und Tag, Mann und Frau, Geben und Geiz.

  • Verse 1 bis 4: Schwur bei der Nacht, beim Tag und bei dem, was Mann und Frau erschuf: Das Streben der Menschen ist verschieden.
  • Verse 5 bis 7: Wer gibt, Allah fürchtet und an das Schönste glaubt, dem wird es leicht gemacht zum Heil.
  • Verse 8 bis 11: Wer geizig ist, nach Reichtum trachtet und das Schönste für Lüge erklärt, dem wird es leicht gemacht zum Unheil; sein Reichtum nützt ihm nichts.
  • Verse 12 bis 16: Allah obliegt die Rechtleitung; er warnt vor dem Feuer, in dem der Elendeste brennt.
  • Verse 17 bis 21: Der Gottesfürchtige gibt sein Gut als Almosen, erweist niemandem eine Gunst um des Lohnes willen und sucht allein das Angesicht seines Herrn.

Der Satz, um den die Schwüre kreisen, lautet: "Siehe euer Streben ist wahrlich verschieden." (Sure 92,4). Über Almosen und Gerechtigkeit im Koran informiert die Seite Recht und Gerechtigkeit im Koran.

Wie die Sure verstanden wird

Die Auslegung beschäftigt sich vor allem mit dem "Schönsten" in den Versen 6 und 9, mit dem Leichtmachen und mit der Frage, ob die Sure an eine bestimmte Person denkt.

Klassische Auslegung

Ibn Kathir deutet die Schwüre auf Gegensätze, denen das verschiedene Streben der Menschen entspricht: Die einen tun Gutes, die anderen Böses [2]. Das Schönste ist nach Qatada der Lohn für gute Taten, nach Chusaif die Belohnung [2]. Das Leichtmachen in den Versen 7 und 10 verbindet Ibn Kathir mit dem Prophetenwort, jedem werde das leicht, wofür er erschaffen wurde [2]. Er überliefert außerdem einen Bericht von Amir ibn Abdallah ibn az-Zubair: Abu Bakr habe schwache Menschen, die den Islam angenommen hatten, befreit, und Leute aus seiner Familie hätten gesagt, die Verse 5 bis 7 seien seinetwegen offenbart worden [2].

Neuere muslimische Auslegung

Von dem tunesischen Gelehrten Ibn Aschur (1879 bis 1973) stammt der Kommentar at-Tahrir wa-t-Tanwir [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com sieht er im Hintergrund der Sure den frühen Gegensatz zwischen freigebigen Gläubigen und geizigen Götzendienern [1]. Das menschliche Streben teilt sie nach ihm in zwei entgegengesetzte Arten mit entgegengesetztem Ausgang [1]. Die Verse 17 bis 21 liest er so, dass die Frommen das Angesicht ihres Herrn suchen und keine Gegenleistung für eine Wohltat [1].

Islamwissenschaft

Nöldeke schrieb 1860, die Sure gelte wie so viele andere nach Manchen ganz oder teilweise als erst nach der Auswanderung offenbart [4]. Er selbst behandelte sie in der ersten Periode in der Reihe der Suren, deren Hauptzweck die Bekämpfung eines Gegners ist; eine zeitliche Reihenfolge innerhalb der Periode wollte er dabei nicht angeben [4]. Für Angelika Neuwirth richten sich die frühen Suren erst an den Verkünder, dann zunehmend an die Gemeinschaft, und allmählich kommt moralische Kritik hinzu [3]; in Sure 92 gilt sie dem Geiz und dem Vertrauen auf Reichtum. Sie zählt zum letzten Dreißigstel (Suren 78 bis 114), dessen Suren bis heute häufig im Gebet rezitiert werden [3]. Davor steht Sure 91, danach Sure 93.

  1. Organisation Surah Info: Al-Layl. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Al-Layl Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis und S. 74. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
  5. Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.