Sure 92

Die Nacht

Al-Lail

Verse: 21 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Eine der schärfsten Suren über Geben und Geiz. Wer gibt und Gottesfurcht zeigt, wird auf den leichten Weg geführt; wer geizt und sich für unabhängig hält, auf den schwierigen. Eine bemerkenswert direkte wirtschaftsethische Predigt – mit einer Schlusszeile, die in der gelebten Frömmigkeit zu einem der wichtigsten Trostsätze geworden ist: „Wahrlich, der Gerechte wird zufrieden sein."

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Bei der Nacht, wenn sie verhüllt,
  2. 2und beim Tag, wenn er aufleuchtet,
  3. 3und bei dem, was das Männliche und das Weibliche erschuf –
  4. 4wahrlich, eure Bestrebungen gehen in verschiedene Richtungen.
  5. 5Was den angeht, der gibt und Gottesfurcht zeigt
  6. 6und das Beste für wahr hält,
  7. 7den werden wir den Weg zum Leichten leiten.
  8. 8Was aber den angeht, der geizt und sich für unabhängig hält
  9. 9und das Beste für eine Lüge erklärt,
  10. 10dem werden wir den Weg zum Schwierigen leiten.
  11. 11Und sein Vermögen nützt ihm nichts, wenn er ins Verderben stürzt.
  12. 12Es ist unsere Sache, rechtzuleiten,
  13. 13und uns gehört das Jenseits wie das Diesseits.
  14. 14Ich warne euch vor einem lodernden Feuer –
  15. 15darin wird nur der Elendste brennen,
  16. 16der für eine Lüge erklärt und sich abwendet.
  17. 17Von ihm wird der Gottesfürchtigste ferngehalten werden,
  18. 18der sein Vermögen gibt, um sich zu läutern,
  19. 19und keinem etwas zu vergelten hat,
  20. 20sondern allein das Angesicht seines erhabenen Herrn sucht.
  21. 21Wahrlich, er wird zufrieden sein.

Einordnung & Bedeutung

Die Anfangsbilder

Die ersten drei Verse stellen drei Schwüre nebeneinander – Nacht und Tag und „das, was das Männliche und das Weibliche erschuf". Die letzten Schwur ist ungewöhnlich abstrakt. Wer ist „das, was das Männliche und das Weibliche erschuf"? Mehrheitsmeinung: Gott selbst, mit einer ungewöhnlich indirekten Bezeichnung. Andere Lesarten: die Schöpfungskraft an sich.

Die Verbindung der drei Schwüre: Sie alle zeigen Polaritäten – Nacht/Tag, männlich/weiblich. Die Welt ist nicht eindimensional, sondern lebt aus Gegensätzen. Die Pointe folgt sofort: Auch eure Lebenswege sind verschieden.

Zwei Lebenswege

Die Verse 5–11 sind eine der prägnantesten ethischen Setzungen des Korans. Zwei Wege werden gegenübergestellt:

Der gibt und Gottesfurcht zeigt
  • Hält das Beste für wahr
  • Wird zum Leichten geführt
Der geizt und sich für unabhängig hält
  • Erklärt das Beste für eine Lüge
  • Wird zum Schwierigen geführt
  • Vermögen nützt ihm nichts

Die Symmetrie ist exakt, der Kontrast scharf. Drei innere Eigenschaften führen jeweils zu einem äußeren Schicksal.

Der Schlüsselbegriff: „sich für unabhängig halten"

Vers 8 nennt eine zentrale koranische Diagnose: istaghnā – „sich für reich, sich für selbstgenügsam halten". Es ist dieselbe Wurzel wie in Sure 96,7, wo Mohammed denselben Vorwurf an einen Gegner richtet.

Diese Selbsteinschätzung ist nach koranischem Verständnis die Grundwurzel jeder Frevelei. Wer denkt, er brauche niemanden – nicht Gott, nicht andere Menschen –, hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Aus diesem Irrtum folgt der Geiz: Wer niemanden braucht, gibt nicht. Aus dem Geiz folgt die Leugnung der höheren Werte: Wer nicht gibt, muss sich einreden, dass die hohen Werte falsch sind.

Das ist eine bemerkenswert präzise sozialpsychologische Analyse. Die Sure zerlegt das Verhalten in eine Kette: Selbstüberschätzung → Geiz → Werteverleugnung → Verderben.

„Wege zum Leichten – Wege zum Schwierigen"

Verse 7 und 10 bilden ein interessantes Paar. Beide enden mit dem gleichen Verb – „leiten" (yassara) – aber zum Gegenteil:

  • Der eine wird zum yusrā geleitet – „dem Leichten, Angenehmen".
  • Der andere zum ʿusrā – „dem Schwierigen, Beschwerlichen".

Die Pointe: Wer gibt, dem wird sein Weg leichter. Nicht weil er weniger Probleme hat, sondern weil er innerlich frei ist. Wer geizt, dem wird sein Weg schwerer. Nicht weil ihn jemand bestraft, sondern weil das Festhalten selbst die Last ist.

Diese Lehre ist erstaunlich modern. Sie deckt sich mit dem, was moderne Glücksforschung über prosoziales Verhalten herausgefunden hat: Menschen, die regelmäßig geben, sind nachhaltig zufriedener als solche, die nur empfangen.

„Sich läutern"

Vers 18 nennt das Ziel des Gebens: „um sich zu läutern." Dieselbe Wortwurzel wie in Sure 91 und in zakāt (Pflichtabgabe). Geben ist nicht primär eine Hilfe für andere – es ist eine Reinigung für den Geber selbst.

Vers 19 fügt eine wichtige Einschränkung hinzu: Das Geben sollte nicht zur Vergeltung erfolgen. Wer gibt, weil er etwas zurückerwartet, hat im koranischen Verständnis nicht wirklich gegeben. Vers 20 verschärft: Das wahre Geben sucht „das Angesicht Gottes" – also nichts als die Beziehung zu Gott selbst.

Der berühmte Schlussvers

Der letzte Vers ist einer der friedlichsten Sätze des Korans: walasaufa yarḍā„Wahrlich, er wird zufrieden sein."

Diese Formulierung ist im islamischen Trostvokabular sehr wichtig. Sie wird bei Beerdigungen gesprochen, bei Notlagen, bei tröstlichen Gesprächen. Die Botschaft: Wer aufrichtig gegeben hat, ohne auf Vergeltung zu rechnen, wird am Ende zufrieden sein – mit dem, was kommt, mit dem, was war, mit sich selbst.

Zufriedenheit (riḍā) ist im Koran und besonders im Sufismus eine der höchsten Stufen. Sie bedeutet nicht passive Resignation, sondern aktive Annahme dessen, was Gott zugeteilt hat. Wer in dieser Haltung lebt, ist im inneren Paradies – schon jetzt.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Geben (aʿṭā) – koranischer Schlüsselbegriff für die ethische Grundhaltung – nicht nur materielles Geben, sondern Großzügigkeit überhaupt
  • Geizen (bachila) – Gegenbegriff – auch nicht primär materiell, sondern als Haltung der Verschlossenheit gegenüber anderen
  • Das Beste (al-ḥusnā) – wörtlich „das schönste, beste"; oft als die paradiesische Belohnung verstanden, aber auch allgemeiner als „die hohen Werte"
  • Das Angesicht Gottes (wadschh Rabbihi) – koranischer Schlüsselbegriff – das Gesuchtsein Gottes selbst, jenseits aller diesseitigen Belohnung
  • Zufriedenheit (riḍā) – einer der höchsten ethischen Begriffe – innere Übereinstimmung mit dem, was Gott zugeteilt hat