Alle 114 Suren des Korans

Sure 93: Der lichte Tag (Aḍ-Ḍuḥā)

Sure 93 von 114, 11 Verse

Sure 93 heißt in der Fassung nach Henning "Der lichte Tag", arabisch Ad-Duha, und hat 11 Verse. Sie gilt als mekkanisch und versichert dem Propheten, dass sein Herr ihn nicht verlassen hat. Daraus folgt der Auftrag, die Waise nicht zu unterdrücken und den Bettler nicht zu verstoßen.

1 Beim lichten Tag,

2 Und der Nacht, wenn sie dunkelt,

3 Dein Herr hat dich nicht verlassen und nicht gehasst!

4 Und wahrlich das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits,

5 Und wahrlich, geben wird dir dein Herr, und du wirst zufrieden sein.

6 Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf?

7 Und fand dich irrend und leitete dich?

8 Und fand dich arm und machte dich reich?

9 Darum, was die Waise anlangt, unterdrücke sie nicht,

10 Und was den Bettler anlangt, verstoß ihn nicht,

11 Und was deines Herrn Gnade anlangt, verkünde sie.

Text: Der Koran in der Übersetzung von Max Henning (Reclam 1901), gemeinfrei. Als Koran gilt nur das arabische Original; jede Übersetzung ist eine Deutung.

Sure 93 heißt in der Fassung nach Henning "Der lichte Tag", arabisch Ad-Duha. Nach der Kairoer Zählung hat sie 11 Verse, und nach der heute üblichen Einteilung (nach Tanzil) ist sie mekkanisch [1, 7]. Ibn Aschur nennt sie nach der Zusammenfassung bei Quran.com einhellig mekkanisch und zählt sie in der überlieferten Reihenfolge der Offenbarung als elfte Sure, nach Sure 89 und vor Sure 94 [1]. Theodor Nöldeke rechnete sie 1860 zur ersten mekkanischen Periode [4]. Für Angelika Neuwirth gehört sie zu den allerersten Suren: Ihr Kommentar beginnt mit der Folge der Suren 93, 94, 97 und 108, mit der die Verkündigung nach ihrer Auffassung eingesetzt hat [3]. Der deutsche Text folgt der Übersetzung von Max Henning, die 1901 bei Reclam in Leipzig erschien [6].

Inhalt im Überblick

Die Sure ist ganz an den Propheten gerichtet und hat drei Teile.

  • Verse 1 bis 5: Schwur beim lichten Tag und bei der Nacht: Der Herr hat den Angesprochenen nicht verlassen und nicht gehasst, das Jenseits ist besser für ihn, und er wird zufrieden sein.
  • Verse 6 bis 8: Drei Fragen erinnern an früher: Er war Waise, irrend und arm, und sein Herr nahm ihn auf, leitete ihn und machte ihn reich.
  • Verse 9 bis 11: Daraus folgen drei Aufträge: die Waise nicht unterdrücken, den Bettler nicht verstoßen, die Gnade des Herrn verkünden.

Die Mitte der Sure lautet: "Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf? / Und fand dich irrend und leitete dich? / Und fand dich arm und machte dich reich?" (Sure 93,6 bis 8). Wer mit kurzen Suren wie dieser zu lesen beginnen möchte, findet Hinweise unter Den Koran lesen: womit Einsteiger anfangen.

Wie die Sure verstanden wird

Die Auslegung fragt vor allem nach dem Anlass der Sure und nach dem Wort "irrend" in Vers 7.

Klassische Auslegung

Ibn Kathir führt einen Bericht von Dschundub an, den Ahmad, al-Buchari, Muslim und andere überliefern: Der Prophet sei krank gewesen und habe ein oder zwei Nächte nicht zum Nachtgebet gestanden; eine Frau habe gesagt, sein Teufel habe ihn verlassen, und darauf seien die ersten Verse offenbart worden [2]. Nach einem zweiten Bericht kam Gabriel länger nicht, und die Götzendiener sagten, der Herr Muhammads habe ihn verlassen [2]. Das Wort, das Henning mit "irrend" übersetzt, gibt die englische Fassung des Kommentars bei Vers 7 mit "unwissend" und in der Auslegung zu Vers 10 mit "irregeleitet" wieder, und Ibn Kathir verweist auf Sure 42,52, nach der der Prophet vor der Rechtleitung nicht wusste, was das Buch und der Glaube sind [2]. Zu Vers 9 zitiert er Qatada: Man solle der Waise wie ein barmherziger Vater begegnen [2].

Neuere muslimische Auslegung

Muhammad at-Tahir Ibn Aschur (1879 bis 1973) lehrte an der Zaytuna in Tunis und schrieb den Kommentar at-Tahrir wa-t-Tanwir [5]. Nach der Zusammenfassung bei Quran.com nennt er als Anlass eine Pause der Offenbarung, in der der Prophet wegen eines verletzten Fingers das Nachtgebet ausließ; Umm Dschamil, die Frau Abu Lahabs, habe ihn verspottet [1]. Die Verse 9 bis 11 versteht er als Auftrag, die empfangene Fürsorge mit Dankbarkeit zu beantworten: indem er die Waise achtet, den Bettler nicht abweist und die Gnade seines Herrn verkündet [1].

Islamwissenschaft

Nöldeke schrieb 1860, Gott erinnere den Propheten hier daran, wie er ihn schon früher aus dem Elend befreit habe, um ihn in seiner damaligen Lage zu trösten; einen solchen Trost habe er gebraucht, als nur wenige an ihn glaubten, und die überlieferten Anlassgeschichten seien dafür nicht nötig [4]. Er berichtet auch von einer alten Liste, die offenlässt, ob Sure 93 mekkanisch oder medinisch ist [4]. Angelika Neuwirth stellt fest, dass die Überlieferung Sure 93 mit dem Ende einer zeitweiligen Pause der Offenbarungen verbindet [3]. Solche Zuordnungen entsprechen nach ihr keinen geschichtlichen Aussagen des Textes, zeigen aber eine enge Bindung der Gemeinde an ihren Propheten, ähnlich wie die jüdische Überlieferung einzelne Psalmen mit Lebenslagen Davids verbindet [3]. Auch Sure 93 steht im letzten Dreißigstel des Korans, also unter den Suren 78 bis 114, die bis heute oft im Gebet rezitiert werden [3]. Davor steht Sure 92; alle Suren stehen in der Übersicht.

  1. Organisation Surah Info: Ad-Duhaa. Quran.com (nach Tafsir Ibn Ashur). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Ibn Kathir (Abridged) Tafsir: Ad-Duhaa Ayah 1. Quran.com. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Der Koran. Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth. Bd. 1: Poetische Prophetie. Frühmekkanische Suren (Leseprobe). Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026
  4. Studie Geschichte des Qorâns, Inhaltsverzeichnis, S. 47 und 75. Theodor Nöldeke, Dieterich, Göttingen. Stand 1860. abgerufen am 29.10.2026
  5. Ibn Ashur. Wikipedia (englisch). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Qur'an translation of the week #36: The impact of standardization: Max Henning's 1901 Qur'an translation and its editors. GloQur (Johanna Pink). Stand 22.01.2021. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Quran Metadata (ver 1.0). Tanzil. Stand 2009. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 30.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.