Sure 97

Die Bestimmung

Al-Qadr

Verse: 5 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Fünf Verse, die die Geschichte der Welt für einen einzigen Moment anhalten: die Nacht der ersten Offenbarung. Diese Nacht – „die Nacht der Bestimmung" – ist nach koranischer Aussage besser als tausend Monate. Eine der mystisch dichtesten Suren des Korans.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Wahrlich, wir haben ihn herabgesandt in der Nacht der Bestimmung.
  2. 2Und was lässt dich erkennen, was die Nacht der Bestimmung ist?
  3. 3Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.
  4. 4In ihr steigen die Engel und der Geist mit der Erlaubnis ihres Herrn herab, mit jedem Befehl.
  5. 5Friede sie – bis zum Anbruch der Morgendämmerung.

Einordnung & Bedeutung

Worauf bezieht sich „ihn"?

Vers 1 hat ein verborgenes Subjekt: „Wir haben ihn herabgesandt" – wer oder was ist „er"? Der Koran nennt es nicht direkt, aber die klassische Auslegung ist einhellig: gemeint ist der Koran selbst.

Diese Sure markiert damit den Beginn der Offenbarung. In einer einzigen Nacht – nach traditioneller Datierung die 27. Nacht des Ramadan im Jahr 610 – wurde Mohammed der Koran in einer Form übermittelt, die später Stück für Stück verbalisiert wurde. Manche Auslegungen sprechen von einer „Gesamtoffenbarung" in jener Nacht, die dann über 22 Jahre hinweg in einzelnen Versen aktualisiert wurde.

Was bedeutet „Bestimmung"?

Der arabische Begriff al-qadr ist mehrdeutig:

  • Bestimmung, Vorherbestimmung: In dieser Nacht werden – nach klassischer Auslegung – die Geschicke des kommenden Jahres festgelegt. Wer geboren wird, wer stirbt, was geschieht.
  • Wert, Würde: Eine Nacht von besonderem Wert. Diese Lesart passt zum nächsten Vers, der ihren Wert mit „besser als tausend Monate" beziffert.
  • Maß: Etwas, das gemessen wird – eine genau umrissene Größe.

Die meisten muslimischen Traditionen verbinden alle drei Bedeutungen: eine Nacht von besonderem Wert, in der die Geschicke bestimmt werden, und deren spirituelles Maß über alles Gewöhnliche hinausragt.

Besser als tausend Monate

Vers 3 macht eine bemerkenswerte Rechnung auf: Eine Nacht ist mehr wert als tausend Monate – das sind über 83 Jahre, also mehr als ein gewöhnliches Menschenleben. Die Botschaft: Wer diese eine Nacht intensiv begeht, bekommt im spirituellen Sinn mehr als jemand, der ein langes, durchschnittliches Leben hinter sich bringt.

In der gelebten Frömmigkeit hat das praktische Konsequenzen. Viele Muslime verbringen die letzten zehn Nächte des Ramadan im intensiven Gebet, weil die genaue Datierung der „Nacht der Bestimmung" umstritten ist – es ist eine der ungeraden Nächte (21., 23., 25., 27., 29.), meist aber wird die 27. Nacht angenommen. Wer alle ungeraden Nächte intensiv begeht, geht sicher, die richtige getroffen zu haben.

Der „Geist" – wer oder was?

Vers 4 ist mystisch dicht: „In ihr steigen die Engel und der Geist herab." Der „Geist" (ar-rūḥ) ist ein im Koran ungewöhnlich offener Begriff. Mehrere Lesarten:

  • Der Engel Gabriel, der traditionell als „heiliger Geist" (rūḥ al-qudus) bezeichnet wird – diese Lesart dominiert klassisch.
  • Eine eigene höhere Engelkategorie, von den gewöhnlichen Engeln unterschieden.
  • Der göttliche Geist in einer schwer zu fassenden Bedeutung – sufische und schiitische Auslegungen tendieren hierzu.

„Friede"

Das letzte Wort der Sure – salām, „Friede" – ist programmatisch. Die Nacht der Bestimmung ist nicht eine Nacht der Bedrohung, sondern des Friedens. Was an der Welt zu bestimmen ist, ist nicht primär Strafe, sondern Frieden. Dieser Ton steht in interessantem Kontrast zu den vielen Drohungsversen anderer kurzer Suren.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 97 ist in der gelebten muslimischen Frömmigkeit eine der zentralen Texte des Ramadan. Sie wird in den letzten Nächten des Fastenmonats oft hundertfach rezitiert. Die islamische Mystik (Sufismus) hat sie zur Grundlage einer ganzen Theologie der Zeit gemacht: Es gibt nicht nur gleichförmig fließende Zeit, sondern auch „dichte" Zeit – Momente, in denen die Verbindung zwischen Himmel und Erde besonders durchlässig ist.

Moderne, säkularer geprägte Lesarten finden hier ein interessantes Konzept: die Idee einer qualitativen Zeit, jenseits der bloßen Quantität. In einer Welt, die Zeit primär als Ressource zum Optimieren versteht, ist die Vorstellung einer Nacht, die mehr wert ist als 83 Jahre, eine philosophische Provokation.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) – die Nacht, in der nach traditioneller Auslegung der Koran erstmals herabgesandt wurde – meist auf die 27. Nacht des Ramadan datiert
  • Herabsendung (inzāl / tanzīl) – koranischer Schlüsselbegriff für die Vermittlung von Offenbarung – das „Herabkommen" von Gott zum Menschen
  • Geist (ar-rūḥ) – einer der mehrdeutigsten Begriffe des Koran – meist auf den Engel Gabriel bezogen, manchmal auch auf einen unbestimmten göttlichen Geist
  • Friede (salām) – Schlüsselwort des Korans – dieselbe Wurzel wie „Islam"; sowohl Begrüßungsformel als auch theologischer Zielzustand