Sure 100

Die laufend Schnaubenden

Al-ʿĀdiyāt

Verse: 11 Offenbart in: Mekka Zeit: frühmekkanisch

Worum geht's?

Elf Verse mit einem der dichtesten, klangvollsten arabischen Texte des ganzen Korans. Die Sure beginnt mit einer kaskadenartigen Reihe von Schwüren, die ein Bild galoppierender Kriegspferde aufrufen – und mündet überraschend in eine Anklage des Menschen, der sich an seinen eigenen materiellen Erfolg klammert.

Der Text – Vers für Vers

In moderner Sprache paraphrasiert nach Max Henning (1901).

  1. 1Bei den laufend Schnaubenden,
  2. 2den Funken Schlagenden,
  3. 3den Sturmangriff am Morgen Reitenden,
  4. 4die dabei Staub aufwirbeln
  5. 5und damit in die Mitte der Feinde dringen –
  6. 6wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn,
  7. 7und er ist selbst Zeuge dafür.
  8. 8Und in seiner Liebe zum Vermögen ist er heftig.
  9. 9Weiß er denn nicht, dass an dem Tag, wenn das hervorgeholt wird, was in den Gräbern ist,
  10. 10und ans Licht gebracht wird, was in den Brüsten ist –
  11. 11ihr Herr an jenem Tag wird über sie genau Bescheid wissen?

Einordnung & Bedeutung

Die Pferde-Bilder

Die ersten fünf Verse sind ein berühmtes Stück arabischer Klangkunst. Im Original werden die Bilder durch lautmalerische Klangwiederholungen verstärkt – die Hufschläge der Pferde sind im Rhythmus selbst zu hören. Das ist Koran-Arabisch in höchster Verdichtung, fast nicht übersetzbar.

Inhaltlich: Es geht um Kriegspferde im Morgenangriff – schnaubend, mit Hufen Funken schlagend auf Steinen, in voller Wucht auf einen Feind preschend, Staub aufwirbelnd, durch die feindlichen Reihen brechend. Eine Szene aus dem altarabischen Stammeskrieg.

Warum diese Bilder?

Im 7. Jahrhundert war das Pferd das mächtigste Tier der arabischen Welt, der Kriegszug das prägende kollektive Erlebnis. Wer Pferde nennt, ruft sofort alle Assoziationen von Macht, Geschwindigkeit, Ehre, Ruhm ab. Sure 100 nutzt diese Bilder als rhetorische Aufladung – um dann den Schwenk umso dramatischer zu machen.

Klassische Auslegungen verbinden die Pferde mit konkreten Kriegszügen Mohammeds oder allgemein mit Tugend-Bildern (Heldentum, Mut). Andere Lesarten – etwa Muhammad ʿAbduh, der ägyptische Reformer – verstehen sie eher als Negativbild: das, was die altarabische Gesellschaft so faszinierte und so blind machte. Pferde, Krieg, Eroberung – und dabei verlor man das Wesentliche aus dem Blick.

Der Schwenk in Vers 6

Nach fünf Versen Schwüren kommt die eigentliche Aussage: „Wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn." Das Wort im Arabischen ist kanūd – wörtlich „undankbar bis zur Negation". Es bezeichnet jemanden, der nicht nur vergisst, was er bekommen hat, sondern es aktiv leugnet.

Vers 7 ist subtil: „Und er ist selbst Zeuge dafür." Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass er undankbar ist. Es geht nicht um eine fremde Anklage, sondern um die innere Stimme, die der Mensch oft genug ignoriert.

Die heftige Liebe zum Vermögen

Vers 8 nennt die Wurzel der Undankbarkeit: „In seiner Liebe zum Vermögen ist er heftig." Das arabische Wort schadīd bedeutet „heftig, intensiv, gewaltsam" – nicht harmlose Vorliebe, sondern leidenschaftliche Bindung.

Diese Diagnose ergänzt Sure 102 und Sure 104: Materielle Bindung ist im Koran kein Randthema, sondern eine der zentralen Diagnosen menschlicher Verfehlung. Wer am Vermögen klebt, klebt nicht primär an Geld – er klebt am Bild von sich selbst, das er sich durch das Vermögen aufbaut.

Was in den Gräbern und Brüsten ist

Die Verse 9–11 schlagen die eschatologische Brücke. Zwei parallele Bilder:

  • „Was in den Gräbern ist" – die Toten, die hervorgeholt werden, also die Auferstehung.
  • „Was in den Brüsten ist" – die Geheimnisse der Herzen, die ans Licht kommen.

Beide werden gleichzeitig sichtbar: Was im äußeren und was im inneren Verborgen war. Die Pointe: An jenem Tag wird Gott „genau Bescheid wissen" – nicht erfahren, sondern seinen Wissensstand explizit machen. Gott wusste es immer schon. Der Tag des Gerichts ist nicht für Gott da, sondern für den Menschen, der seine eigenen Geheimnisse offen vor sich sieht.

Wie wird die Sure verstanden?

Sure 100 ist literarisch eine der dichtesten kurzen Suren überhaupt. Klassische Rezitatoren bauen darauf ihre besten Vorträge – die ersten fünf Verse mit ihrem Hufschlag-Rhythmus gehören zu den meistgehörten Koran-Stellen weltweit.

Inhaltlich ist die Sure eine knappe Anthropologie: Der Mensch ist kanūd – fundamental undankbar, fundamental am Vermögen klebend, fundamental sich selbst nicht durchschauend. Was die Sure nicht sagt, aber implizit voraussetzt: Dass das nicht der einzige Zug des Menschen ist. Sure 95 hatte ja festgestellt, dass der Mensch „in schönster Gestalt" erschaffen ist. Sure 100 zeigt, wie schnell dieser ursprüngliche Zustand verloren geht – durch genau jene Bindungen, die täglich um uns herum gefeiert werden.

Schlüsselbegriffe kurz erklärt

  • Schnaubende (al-ʿādiyāt) – wörtlich „die laufend Atmenden, Schnaubenden" – Kriegspferde im Galopp; gibt der Sure ihren Namen
  • Funken schlagende (mūriyāt) – Pferde, deren Hufeisen auf den Steinen Funken schlagen – Bild für Tempo und Wucht
  • Undankbar (kanūd) – wörtlich „beharrlich undankbar" – aktive, nicht bloß vergessliche Undankbarkeit; einer der härtesten Begriffe des Korans für menschliche Verfehlung
  • In den Brüsten (fī ṣ-ṣudūr) – arabisches Bild für das innerste Empfinden – nicht „Herz" im Sinne von Liebe, sondern „Brust" als Sitz der Geheimnisse